Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

12.01.1990 - 

Großer Bedarf an qualifizierten DV-Fachkräften, aber

Oft passen Angebot und Nachfrage schlecht zusammen

Der Trend zur postindustriellen Dienstleistungsgesellschaft in den hochentwickelten

Volkswirtschaften ist ungebrochen. Es wird bestimmt durch die Produktion hochwertiger Industriegüter und die breite Anwendung neuer Technologien insbesondere der Informationstechnik. Diese Entwicklung führt zu einem wachsenden Angebot immaterieller Dienstleistungen und zur nachhaltigen Umstrukturierung der Arbeitsplätze beziehungsweise der Qualifikationsanforderungen.

In der Bundesrepublik wie auch in vergleichbaren Industrieländern hat dieser Strukturwandel zur Herausbildung einer bedeutenden Berufsgruppe von rund 180 000 Datenverarbeitungsfachkräften** - so die Berufsbezeichnung nach der amtlichen Statistik - geführt, die in vielen Wirtschaftszweigen beschäftigt sind. Mit einem Anteil von rund 24 Prozent nimmt dabei der Wirtschaftszweig "Beratung und Dienstleistungsbüros" die Spitzenstellung ein.

Einer Sondererhebung der Bundesanstalt für Arbeit zufolge sehen manche nun das Ende des Booms für die DV-Fachkräfte erreicht. In der Beschäftigungsstatistik vom

30. Juni 1989, und das sind die aktuellen Zahlen, meldete die Arbeitsverwaltung einen Anstieg der Arbeitslosenzahlen für DV-Fachkräfte um 79 Prozent auf 9376 Personen gegenüber 1986 und einen Rückgang der offenen Stellen um 36 Prozent auf 1406. Es ist kaum verwunderlich, daß diese Zahlen einigen Staub aufgewirbelt haben. Einige Kommentatoren haben sich zu vorschnellen Urteilen hinreißen lassen, wo doch eine nüchterne Betrachtung schon mit Blick auf die Bedeutung des Themas angebracht ist. Die alltägliche Wirklichkeit des Arbeitsmarktes und das konkrete Bedarfsfeld in der Praxis sehen ganz anders aus als die von den Statistiken ausgeworfenen Zahlen.

"Hochschulbetreuer" betreiben "head hunting"

Ein Blick auf die Inserate in überregionalen Tageszeitungen, Fachzeitschriften oder auch die betrieblichen Stellenausschreibungen belegte daß nach wie vor ein großer Bedarf an qualifizierten Fachkräften besteht. Wachstumsfelder wie Software, Beratung oder Computer Integrated Manufacturing (CIM) induzieren einen erheblichen Personalbedarf, allerdings mit anderen höheren Qualifikationsanforderungen als noch zur Gründerzeit der Datenverarbeitung. Anwender wie Banken und Versicherungen suchen DV-Mitarbeiter für die Lösung kaufmännischer Problemstellungen. So manches Unternehmen spricht bereits vom wachstumsbegrenzenden Faktor "Personal". Software-Ingenieure, Anwendungsberater, DV-Trainer etc. werden gesucht und kaum gefunden. Hochschulabsolventen der Informatik und der technischen Studiengänge werden schon im Studium direkt an den Universitäten und Fachhochschulen angeworben und eingestellt. "Hochschulbetreuer" betreiben ein massives "head-hunting", um sich qualifiziertes Personal zu sichern. Hersteller- wie Anwenderfirmen rekrutieren auf Messen in sogenannten "Karrierezentren" Berufsein-, -auf- und -umsteiger. Absolventen betrieblicher Ausbildungsgänge und von Fachhochschulen finden überwiegend den nahtlosen Einstieg in das Beschäftigungssystem. Viele DV-Fachkräfte werden also dort gesucht und gefunden, wo sie ihre berufliche Qualifikation erwerben.

Ist nun der von der erwähnten Statistik ausgewiesene Bestand von 1400 offenen Stellen tatsächlich das quantitative Angebot für DV-Fachleute in unserem Beschäftigungssystem? Mitnichten.

Selbst die Bundesanstalt für Arbeit räumt ein, daß der Einschaltungsgrad für Arbeitsvermittlung bei dieser Berufsgruppe gering ist - Experten-Schätzungen gehen von ungefähr zehn Prozent aus.

Arbeitsverhältnisse werden in großer Zahl eingegangen, ohne daß eine Anfrage an die Arbeitsverwaltung gerichtet wird und deshalb auch keine offenen Stellen gemeldet werden. Das tatsächliche Stellenangebot auf dem Markt liegt also um ein Mehrfaches höher.

Die Dynamik am Arbeitsmarkt ist erheblich größer, als es die Bestandsveränderungen vermuten lassen. Die Wachstumsrate der DV-Fachkräfte liegt bei rund zehn Prozent pro Jahr und ist damit im Vergleich zu anderen Berufsgruppen beachtlich.

Für viele DV-Berufe ist der Arbeitsmarkt nach wie vor ein Bewerbermarkt.

Der von der Bundesanstalt für Arbeit ermittelte Anstieg der Arbeitslosigkeit in den DV-Berufen kann also nicht primär am mangelnden Bedarf gelegen haben. Vielmehr passen Angebot und Nachfrage nicht mehr so richtig zusammen. Defizite in der Qualifikation, der fachlichen wie der persönlichen, sind hier neben anderen Ursachen an erster Stelle zu nennen.

Statt über Statistiken zu klagen, sollte vor diesem Hintergrund nach den Ursachen und Lösungsmöglichkeiten der entstandenen Lücke zwischen Bedarf und Qualifikation gesucht werden. Der Übergang zu den neuen Techniken in der schnell-lebigen DV-Welt ist kein abrupter Umbruch, sondern ein gestaltbarer dynamischer Prozeß. Er fordert von allen Beteiligten erhebliche Anstrengungen.

Von den Unternehmen wird ein starkes Engagement in der beruflichen Aus- und Weiterbildung erwartet. Produktplanung, technische Planung, Personalentwicklung und Bildungsarbeit sind in einem integrativen Konzept zu vereinen - auch unter Einbeziehung der älteren Mitarbeiter. Als Grundlage dieser qualitativen Personalplanung könnten aussagefähige Bildungsdaten dienen, die in einer Bildungsdatei zusammengefaßt werden. Denn gerade in der DV-Welt zeigt sich mehr und mehr, daß der Bedarf an immer stärker auf einzelne Beschäftigte zugeschnittenen Qualifikationen gewachsen ist.

Die Hochschulen, die einen steigenden Anteil an DV-Fachleuten "produzieren", müssen personell und sachlich die Ausstattung erfahren die einer modernen Informationsgesellschaft entspricht. Der Kontakt zwischen Hochschule und Praxis läßt sich verbessern; ebenso die Flexibilität dieses Ausbildungssystems. Ziel der Hochschulausbildung ist nicht der "fertige" DV-Fachmann, der alles weiß, sondern der fähige Absolvent mit einer praxisrelevanten Einstiegsqualifikation.

Die Qualifikation der Hochschulabsolventen ist daher einem dynamischen Sinne zu definieren. Studieninhalte auf ihre Praxisrelevanz zu prüfen und gegebenenfalls zu kürzen beziehungsweise zu streichen. Dies legt auch schon die geringe "Halbwertzeit" der DV-Inhalte nahe.

Die tatsächliche Studiendauer steht nach wie vor im Mißverhältnis zur Regelstudienzeit, die ohnehin nur auf dem Papier steht, wodurch der Wissenstransfer von der Hochschule in das Beschäftigungssystem leidet. Nach einer gerade erst veröffentlichen Untersuchung über das Alter der deutschen Hochschulabsolventen liegt das Durchschnittsalter der Universitätsabgänger bei 28,1 Jahren. Daß die Informatiker mit 27,2 Jahren "eher fertig" sind, ist dabei nur ein schwacher Trost - zumal wenn man die

Studiendauer in anderen Ländern zum Vergleich heranzieht.

Weiterbildung ist Hol- und Bringschuld

Wenn Informatik an einer Hochschule in 9, an einer anderen aber erst in 14 Semestern abgeschlossen werden kann, dann ist eine neue Konzeption für die Studienorganisation einschließlich der Prüfungen überfällig.

Von den Beschäftigten erfordert der schnelle technolologische Wandel in der DV-Welt ein hohes Maß an Weiterbildungsbereitschaft beziehungsweise -aktivitäten, da der Wert des einmal Gelernten und der beruflichen Erfahrung hier schneller an Bedeutung verliert als auf vielen anderen Gebieten. Neue Technologien erfordern Mitarbeiter, die neben informationstechnischen Fachkenntnissen über Kooperations- und Kommunikationsfähigkeit verfügen und die wissen, warum sie etwas tun. Dies verlangt von den Arbeitnehmern in Wirtschaft und Verwaltung eigenständige Weiterqualifizierung, berufliche Flexibilität sowie Bereitschaft und Fähigkeit, in Zusammenhängen zu denken. Weiterbildung ist nicht nur Hol-, sondern vor allem Bringschuld. Berufsbegleitende Weiterbildung sollte daher sinnvoll in die durch Arbeitszeitverkürzung gewonnene Freizeit eingebaut werden. Qualifizierungshilfen sind erforderlich. Hier, aber nicht nur hier, eröffnet die moderne Informationstechnologie Chancen, notwendiges Lernen flexibel, unabhängig von Ort und Zeit, zu gestalten.

Für die arbeitslosen DV-Fachkräfte bietet die durch die Bundesanstalt für Arbeit geförderte Fortbildung beziehungsweise Umschulung die Chance eines beruflichen Wiedereinstiegs. Ganz entscheidend für den Erfolg solcher Maßnahmen ist aber die Güte der Bildungsangebote. Deshalb ist hierbei auf die Auswahl kompetenter Bildungsträger zu achten. Ein bloßes "unterbringen" in wohlklingenden Bildungsmaßnahmen bietet noch keine hinreichende Gewähr für einen sicheren und qualifizierten Arbeitsplatz, so sehr die aktive Arbeitsmarktpolitik auch zu begrüßen ist.

Arbeitskräftemangel u n d Arbeitslosigkeit

Vom Ende der goldenen Zeiten für DV-Fachkräfte zu sprechen ist müßig. Ohne Änderung der Einstellung aller wird sich weder am Arbeitskräftemangel noch an der Arbeitslosigkeit im DV-Bereich etwa ändern. Anstatt Produktivitätsgewinne in Freizeit, Urlaub oder gar Arbeitslosigkeit zu verteilen, sollten diese in Qualifizierung investiert werden, um einen Circulus vitiosus von Strukturwandel, Innovationsbarrieren und Arbeitslosigkeit erst gar nicht entstehen zu lassen. +