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10.04.1992 - 

Prozessoraufrüstung wird abgerüstet

"Ohne Abwärtskompatibilität wird es für Anwender sehr kritisch"

MÜNCHEN (jm) - Mit dem Hinweis, die 3090-Großrechner hätten nun lange genug ihren Dienst getan, will die IBM nach Meinung von Branchenbeobachtern Mainframe-Anwender mit sanfter Gewalt auf die im September 1990 vorgestellten ES/9000-Rechner hieven. Hinter dem, was von manchem Beobachter bislang eher abwiegelnd als "Theaterdonner" bezeichnet wird, könnte sich jedoch eine verhängnisvolle Softwarefalle verbergen.

Der Countdown läuft: 3090-Kunden haben nur noch bis zum 11. Mai 1992 Zeit, auf das JH-Modell umzusteigen. Offiziell bis zum 31. September 1992 müssen Bestellungen für Prozessoraufrüstungen von Basis-, E-, S- und J-Modellen auf die 3090J-Maschine im deutschen IBM-Hauptquartier eingegangen sein, für die Aufrüstung der j- und T- (Transitions-) Modelle auf die neuen ES/9000-Rechner gilt eine Schonfrist bis zum 31. Dezember 1992 (sieche Tabelle).

Die Wartung der Produkte und andere entsprechende Dienstleistungen seien von der Einstellung des Vertriebs er Prozessormodell-Aufrüstungen nicht betroffen, teilt die IBM den 3090-Kunden in einem Brief mit, der Mitte Februar die ES-Enterprise-Abteilung in Stuttgart verließ (vgl. CW Nr. 14 vom 3. April 1992, Seite 2).

Schon in diesem Passus könnte für Benutzer der blauen Mainframe-Oldies allerdings ein Haken stecken. So erinnert Uwe Dickamp, Unternehmensberater für Informationstechnologie und für die Treuhand technischer Berater bei der Privatisierung der ehemaligen DDR-DV-Zentren, daran, daß die - IBM ihren Kunden den Wechsel auf neue Rechnerfamilien in der Regel durch günstige Wartungsverträge schmackhaft zu machen versucht: "Bei der IBM ist es ja Usus, die Wartungskosten von alten Maschinen auf einem bestimmten Stand einzufrieren. Dafür bietet man für die neuen Rechner einen kostengünstigeren Service." Für die Anwender käme es - zumindest was die laufenden Kosten betrifft - in der Regel erheblich teurer, der IBM-Empfehlung nicht zu folgen und mit den alten Rechnern weiterzuarbeiten. Ein Anwender aus der Versicherungsbrache findet denn auch dafür einen Vergleich: "Das ist wie mit einem alten Auto: Sie können einen 280 SE entweder so lange fahren, bis er auseinanderfällt, oder sie bekommen ihn nicht mehr gewartet beziehungsweise die Wartung wird sehr teuer."

Hier können sich Großrechner-Kunden nach Meinung des Ex-ECS-Geschäftsführers wohl nur durch die Inanspruchnahme von Drittwartungs-Unternehmen behelfen. Kostenoptimierung, die durch den Zwang zum Kauf neuer ES/9000-Systeme in Zukunft noch mehr gefragt sein wird, ließe sich möglicherweise durch Einschaltung von Third-Party-Maintenance-Firmen realisieren.

Knüppeldick, so fürchten IBM-Kenner, könnte es allerdings dann für Benutzer von 3090-Systemen kommen, wenn sich Big Blue einfallen lassen sollte, softwareseitig die neuen Systeme nach unten hin abzuschotten: "Es kann ja sein, daß sie Software wie etwa Scheduling-Systeme für die Arbeitsvorbereitung einsetzen wollen, die ein bestimmtes Betriebssystem-Umfeld verlangen', so ein Anwender aus der Chemiebranche. Er könne sich durchaus vorstellen, daß diese Anwendung nicht mehr in der Lage sei, mit einem "eingefrorenen" Betriebssystem zusammenzuarbeiten.

Dickamp teilt diese Befürchtung partiell: "Ganz so dramatisch sehe ich das nicht. Für mich ist das eine Marketingorientierte Maßnahme, um kundzutun, daß es von der IBM nicht nur neue Mainframe-Technologie gibt, sondern daß diese auch genutzt werden soll."

Seiner These, der 3090-Gebrauchtsmarkt werde sich zu einem selbständigen Gebilde entwickeln, fügt er indes die Einschränkung- hinzu, dies gelte nur so lange, wie die Software-Umgebungen kompatibel seien, IBM also mit der ES/9000 auch Abwärtskompatibilität gewährleiste. "Sonst wird die Sache wirklich kritisch, da scheiden sich dann die Geister", meint der Fachmann für die Privatisierung von DDR-RZs.

Als ein Indiz dafür, daß der Mainframe-Marktführer Migrationsdruck ausüben will, kann auch gelten, was die VBs 3090-Benutzern offensichtlich als zusätzliche Überzeugungshilfe für den Systemwechsel anbieten: Was der blaue Brief nicht besagt, ist, daß laut Information der Big-Blue-Verkäufer auch nach dem 31. Dezember 1992 Prozessor-Umrüstungen für alte Systeme noch zu haben sind dann aber mit einem saftigen Preisaufschlag.

Wolfgang Heinrich, Geschäftsführer der B + S Visa Card Service GmbH in Frankfurt und dort für die gesamte Informatik zuständig, rechnet vor, welche Mehrkosten ihm durch eine Prozessoraufrüstung von seinem mittleren Transitionsmodell 18T auf die kleinstmögliche nächste Maschine, eine wassergekühlte ES/9000-5009 entstehen würden: "Ein Aufrüstsatz für diesen Rechner kostet mich etwa drei Millionen Mark. Damit erziele ich gegenüber meinem jetzigen Rechner ungefähr eine Verdoppelung der Rechenleistung".

Für eine Migration nach dem von der IBM vorgegebenen letztmöglichen Auftragseingangsdatum müßte der Frankfurter DV-Verantwortliche hingegen rund 450 000 Mark mehr auf den Tisch legen - dies käme einer 15prozentigen Steigerung gleich. Dabei würde sich Heinrich noch nicht einmal in die nächste Technologiegeneration der im September 1990 mit viel Rummel angekündigten System/390-Rechner einkaufen.

Die in Böblingen entwickelten neuen CPUs werden nämlich nur in den Summit-Maschinen, etwa den Modellen ES/ 9000-820 und -900, eingesetzt, die meisten Mainframes der IBM basieren jedoch noch auf herkömmlicher Prozessortechnik. Heinrich: "Bei dem Modell 18T gilt es zu bedenken, daß dieses nur dem Namen, nicht aber der Technologie nach ein neues ES/9000-System ist."

Die IBM zwingt zu regelrechten Klimmzügen

Bei solchen Preisvorstellungen glaubt der Visa-Mann, daß die IBM ungewollt einige DV-Verantwortliche zum Nachdenken bringen wird. So könne man sich statt einer Aufrüstaktion zu einem von der IBM eingeforderten verfrühten Zeitpunkt lieber auf dem Gebrauchtmarkt nach einer Zweitmaschine umsehen.

Als Alternative kommt nicht nur für Heinrich, sondern auch für den RZ-Leiter einer großen deutschen Versicherung ein PCMer in Betracht. Dieser fragt sich allerdings, warum IBM-Kunden erst jetzt auf diesen Dreh kommen: "Aus Trotz über IBMs jetzt offenbarte Migrationspolitik zu einem PCMer zu wechseln, macht für mich keinen Sinn. Das hätte man auch früher schon machen können."

Dem Frankfurter DV-Verantwortlichen Heinrich stößt übrigens auch sauer auf, daß ihm die von der IBM vorgeschriebenen Migrationsoptionen in Zukunft regelrechte Klimmzüge abverlangen. Der Aufstieg auf das nächstgrößere Mainframe-System - eine ES/9000-500 - entspräche einem Wachstum von fast 90 Prozent. Auch bei einem darauffolgenden Wechsel - auf ein Modell 620 oder 640 - müsse er ungewollt wieder um fast 100 Prozent Rechenleistung zulegen. "So sprunghaft steigt bei niemandem die Anforderung an Rechenleistung", moniert der Kreditkarten-Mann, "die IBM zwingt uns zu Aufrüstschritten, die nicht angemessen sind."

Für ihn stellt sich somit auch die Frage, Rechenleistung und Aufgaben vom Großrechner auf kleinere Abteilungssysteme zu verlagern. Stichwort sei hier Downsizing, wobei durchaus wiederum IBM-Systeme - nämlich AIX-basierte RS/6000-Workstations und -Server - interessant seien.

Schließlich sei in der momentanen Situation auch die Frage erlaubt, ob man sich nicht der Hilfe Dritter wie EDS oder Debis bedienen solle, um Rechenleistung im Outsourcing-Verfahren auszulagern. Heinrich fühlt sich durch IBMs momentane Politik jedenfalls angeregt, "ernsthaft zu überlegen, welche anderen Angebote und Optionen an zukunftsträchtigen, leistungsfähigen Lösungen für unser Rechenzentrum in Frage kommen könnten".

Damit liegt er im Trend eines selbstbewußteren Anwenderverhaltens, das auch Dickamp reklamiert: "Der verständliche Wunsch der IBM, ihre neuen Systeme zu verkaufen, läßt sich mit Zwang nicht mehr am Markt durchsetzen. Der Markt und die Anwender sind reifer geworden."