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29.05.1981

Ohne Bildschirmtext-Erfahrung ins Hintertreffen geraten

Eine erkleckliche Anzahl von Berliner Teilnehmern am Bildschirmtextversuch hat einen Nutzerclub gegründet. Damit wird deutsch, daß die privaten Bildschirmtextnutzer bei weitem interessierter, aktiver und engagierter dem neuen Medium gegenüberstehen als so manche Herren in den Vorstandsetagen, die noch zögern, vorbehaltlos im eigenen Erkenntnisinteresse diese Feldversuchsphase auszunützen. Unternehmen, die nicht rechtzeitig Erfahrungen mit Bildschirmtext (BTX) sammeln, manövrieren sich selbst ins Hintertreffen gegenüber jenen Anbietern, die bereits jetzt den Ernstfall proben.

Bei der Anbieterumfrage der Forschungsgruppe Kammerer (Berlin), die sich auf alle, auch die Anbieter erstreckte, die nur in Düsseldorf ein Programm eingespeichert haben, stellte sich heraus, daß immerhin schon 112 Anbieter (Stand: Januar 1981) die Zusatzmöglichkeiten des Systems in Anspruch nehmen:

1. Die Möglichkeit gewerbliche Teilnehmer im Rahmen des zusätzlichen 1000er-Kontingents anzumelden.

2. Eine geschlossene Benutzergruppe einrichten.

3. Den Rechnerverbund planen oder bereits realisiert haben.

Transparenz des Nutzerverhaltens

Auch die Btx-Arbeitsgruppen der Post versuchen, das Nutzerverhalten transparent zu machen. So wurde Anfang November eine Woche lang die Anzahl der jeweils stündlich mit dem Berliner Rechner verbundenen Teilnehmer registriert. Das Ergebnis bestätigte die Erfahrungen von seiten der Anbieter. Die Nutzungskurve weist von 0 bis 24 Uhr zwei Gipfel auf: den ersten um zirka 11 Uhr vormittags, der offensichtlich hauptsächlich auf das Konto der Hausfrauen geht, und den zweiten Gipfel um zirka 17 Uhr, also vor Beginn des Fernsehvorabendprogramms und zu dem Zeitpunkt, da viele Berufstätige nach Hause kommen. Auffällig ist weiterhin, daß bis 23 Uhr die Anzahl der Btx-Leser nur langsam abnimmt und um 22 Uhr, nach Ende des Hauptabendprogramms sogar noch einmal hochschnellt. Und schließlich bleiben noch die Mitternachtsnutzer zu erwähnen, die sogar bis 3 und 4 Uhr früh unermüdlich im Angebot blättern und Bestellungen tätigen.

Auch die Anbieter selbst haben die Möglichkeit, mittels der abrufbaren Statistik zumindest das rein quantitative Interesse an den einzelnen Programmbereichen festzustellen. Von zusätzlich durchgeführten Aktzeptanzanalysen versprechen sich viele eine zuverlässigere Aussagekraft oder doch zumindest raschere Ergebnisse und Anhaltspunkte als von der laufenden Begleitforschung. Die skeptische Einstellung gegenüber den beiden Forschungsprojekten ist zwar verständlich, aber nicht immer berechtigt. Gerade die Anbieter, die am wenigsten bereit sind die notwendigen, denkbar geringen Investitionen für eine effektive Versuchsteilnahme zu tätigen erwarten möglichst umfangreiche und aussagekräftige Ergebnisse oder doch zumindest brauchbare Prognosen auch von seiten der Begleitforschung.

Prognosen zur Akzeptanz

Aber mit den Prognosen ist das so eine Sache. Zu viele unwägbare Variablen müßten einkalkuliert werden. So stehen längst überfällige medienpolitische Grundentscheidungen noch immer aus! Bis auf wenige Ausnahmen verhält sich die Industrie noch erstaunlich zurückhaltend aus welchen Gründen auch immer, denn daß hier ein zukunftsträchtiger Markt liegt, steht außer Frage. Umfang und Ausgestaltung des Angebots sind raschen Veränderungen unterworfen - die Möglichkeiten von Bildschirmtext sind noch lange nicht ausgeschöpft.

Prognosen auf der Basis von Analogieschlüssen, zum Beispiel auf den bisher in Großbritannien mit Viewdata gewonnenen Erfahrungen, werden zwar erstellt, sind aber unbrauchbar. Zu unterschiedlich ist die Sozialstruktur, die Kostenstruktur (die Gebühren liegen ungleich höher), aber auch die Möglichkeiten des Systems (durch den Rechnerverbund ist Bildschirmtext in der Bundesrepublik entschieden attraktiver).

An Prognosen läßt sich vorerst einigermaßen zuverlässig die KtK (Kommission für den technischen Ausbau des Kommunikationssystems) zitieren, die 1976 einen

- "Trend zur zeitlichen Selbstbestimmung der Individualkommunikation" feststellte, sowie den

- "Trend zur Intensivierung von Daten-, Festbild- und Textkommunikation bei Institutionen".

Daß sich Bildschirmtext im geschäftlichen und im semiprofessionellen Bereich durchsetzen wird, steht angesichts der einfachen Bedienbarkeit, der Aktualisierungsmöglichkeiten rund um die Uhr, der konkurrenzlos niedrigen Kosten etc. außer Frage. Aber auch was die privaten Haushalte anbelangt, sprechen alle Anzeichen dafür. Das Tempo der Verbreitung wird letztlich von den Inhalten und den Formen der Btx-Angebote maßgeblich beeinflußt werden. Die Umsetzung bereits gemachter Erfahrungen hat dazu geführt, daß innerhalb der letzten Monate sowohl Aktualität als auch Exklusivität der in Bildschirmtext angebotenen Inhalte bemerkenswert zugenommen haben. Auch versuchen immer mehr Anbieter ihre Suchstruktur zu verbessern und überflüssige grafische Spielereien, die dem System auf die Dauer nur hinderlich sind, zu entfernen.

Von Medien sozialisiert

Auch die gesellschaftliche Entwicklung spricht für eine beschleunigte Adoption der elektronischen Textkommunikation. Einige Indizien dafür sind:

1. daß innerhalb unserer an Komplexität zunehmenden postindustriellen Gesellschaft das Bedürfnis und der Bedarf nach schnell, bedienungseinfach und preisgünstig abrufbarer Information würdig zunehmen wird;

2. daß die junge Generation bereits mit elektronischen Medien sozialisiert wird

3. daß das allgemeine Bildungsniveau steigt

4. daß Bildschirmtext angesichts der momentanen Marktstruktur der Medien (öffentlich-rechtlicher Rundfunk/privatwirtschaftliche Presse) für zahlreiche gesellschaftliche Gruppen bisher fehlende oder aufwendigere Kommunikations- und Informationskanäle - sowohl nach innen als auch nach außen - ersetzen kann; und nicht zuletzt

5. daß unser unter ständigem innovativen Zugzwang stehendes soziales System sich die enormen Möglichkeiten von Bildschirmtext und anderen Technologien zunutze machen muß, will es seinen Bestand nicht gefährden.