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28.10.1988 - 

Vom Hersteller ausgebildete DV-Leiter haben keine Chance mehr:

Ohne High-Org ist der Einsatz von High-Tech nicht wirtschaftlich

In die Schußlinie von Wissenschaft und Industrie sind DV/Org.-Leiter alter Prägung geraten, die häufig ihre Ausbildung bei Herstellerfirmen gemacht haben. Fachliche Qualifikationen werden ebenso in Frage gestellt wie die bislang herausgehobene Stellung gegenüber Mitarbeitern im Unternehmen. Ein Denken im Sinne der Gesamtziele des Unternehmens ist für die DV-Verantwortlichen heute genauso gefragt wie für andere Bereichsleiter.

In den Chefetagen der Unternehmen setzt sich die Einsicht durch, daß Wettbewerbsvorteile nur noch über den wirkungsvollen Einsatz von Informationstechnik zu halten sind. Die Zeiten, in denen die DV sich nur darauf beschränkte, arbeitsintensive Abrechnungsvorgänge für Lohn und Gehalt sowie die Buchhaltung zu rationalisieren, sind vorbei. DV ist als strategisches Instrument anerkannt und hat sich den Unternehmenszielen unterzuordnen. Mit dieser Meinung steht Winfried Bersin, der bei der Karstadt AG in Essen für die Datenverarbeitung zuständig ist, nicht allein.

Es gibt keine unabhängige Strategie der Informationsverarbeitung, formuliert Rudolf Nechutniss von der J.M.Voith GmbH den Standpunkt seines Unternehmens. Strategie-Entwicklung insgesamt sieht er als Aufgabe der Unternehmensführung an. Das schließt jedoch nicht aus, daß Spezialisten aus den Fachabteilungen daran maßgeblich beteiligt werden können, meint Nechutniss. Aus der strategischen Unternehmensplanung ergeben sich dann die Aufgaben der Informationsverarbeitung. Die Größe eines Unternehmens spielt dabei nach Meinung des Prokuristen keine Rolle.

Die Integration seiner Abteilung in eine Gesamtkonzeption des Unternehmens hat so mancher DV-Spezialist jedoch wohl versäumt. Das Desinteresse hat Folgen, wie unter anderem der "Fall Löwenbräu" 1987 zeigt. Der damalige DV-Chef nahm seinen Hut, weil er mit der von der Unternehmensspitze verordneten, veränderten DV-Konzeption nicht zurechtkam.

"DV/Org.-Leiter sind häufig eben nicht in der Lage, ganzheitliche Konzepte für die Informationsverarbeitung eines Unternehmen zu entwickeln", urteilte Rainer Thome, Professor für Wirtschaftsinformatik an der Universität Würzburg, während einer Tagung mit Kollegen aus Wissenschaft und Industrie zum Thema "Wirtschaftliche Bedeutung der Informationsverarbeitung". Herstellerbindung vernebele außerdem oft den Blick für alternative Lösungen, die den Unternehmenszielen dienlicher wären, begründet er seine Meinung.

Das geben auch DV-Praktiker mit langjähriger Berufspraxis zu. Ihre Entschuldigung: Der Alltag im Rechenzentrum eines Unternehmens sei geprägt durch den Sachzwang, das System funktionsfähig zu halten. Viel Zeit zum Nachdenken bleibe da nicht. Bei Schwierigkeiten wenden sich Vertreter der alten DV-Garde in den Unternehmen vertrauensvoll an ihren VB, "der über unser System besser Bescheid weiß als wir selber", wie ein Anwender aus Stuttgart sagte.

Für die Hersteller hat es sich bezahlt gemacht, die Anwender auf ihr jeweiliges System einzuschwören. Schulungsveranstaltungen für DV-Spezialisten in angenehmer Umgebung mit attraktivem Rahmenprogramm ließen erst gar keine Zweifel aufkommen, daß es der Hersteller nicht gut mit seinen Kunden meinte. Die Gefahr, durch die Festlegung auf ein einziges System die eigene Disqualifikation zu betreiben, wurde dann von den DV-Leitern gerne verdrängt.

Der fehlende Blick über das eigene System hinaus mache es jedoch unmöglich, wirtschaftlichere Konkurrenzprodukte in ein DV-Konzept einzubeziehen, begründet der Organisationsexperte Thome sein hartes Urteil über die Qualifikation von DV/Org.-Leitern. Konsequenz für das Unternehmen sei dann ein wenig wirkungsvoll organisierter DV-Einsatz, der zum Beispiel auch Just-in-time-Konzepte verhindere.

Konflikte zwischen den Universitätsabgängern und den DV/Org.-Leitern, die von den Herstellern ausgebildet wurden, sieht auch Udo Derlath, DV-Verantwortlicher bei der Zimmer AG in Frankfurt. "Die Zeiten der DV/Org.-Leiter, die nur in den Konzepten ihrer Hersteller denken können, sind vorbei", formuliert er den wichtigsten Aspekt der Auseinandersetzung zwischen den Alten und den Jungen.

Das jetzt auch bei vielen Managern immer noch oft vorherrschende Denken, das DV-Budget eines Unternehmens am Umsatz zu messen, sei, so Derlath, "einfach Schwachsinn, der letztlich nur den Herstellern nützt". Von Terminal- und MIPS-Potenz hält der DV-Experte gar nichts. Oft sei überflüssiges Equipment von den fachlich unsicheren, schlecht ausgebildeten DV-Leitern auf Anraten von Vertriebsbeauftragten angeschafft worden. Deren Interesse liege aber schließlich darin, ihre Verkaufsquoten zu erfüllen.

Vorteile für das Anwenderunternehmen kann es gar nicht geben, wenn der Hersteller den DV-Leiter fest in der Hand hat, übt Derlath Kollegenschelte.

Eine Steigerung der Effektivität des Arbeitsprozesses sei außerdem selten das Ergebnis einer solchen Zusammenarbeit gewesen, resümiert er.

Entscheidend für ihn ist der "Mehrwert einer Information nach der Verarbeitung". Beim Einsatz von DV am Arbeitsplatz müsse immer die Frage gestellt werden, ob dieses Ziel zu erreichen sei. "Das bedeutet", so erläutert der DV-Praktiker, "daß die Daten dazu beitragen müssen, einen Arbeitsvorgang voranzubringen."

Viele DV-Verantwortliche würden auf Anraten der VBs für ihr Unternehmen unverhältnismäßig große Summen für die DV in der Hoffnung ausgeben, die "richtigen Lösungen einzusetzen". DV-Leiter, die nicht willig sind und es wagen, sich dem Rat der VBs zu widersetzen, müssen dann auch mit Repressionen rechnen. Aus eigener Erfahrung berichtet Derlath von Herstellervertretern, die - wenn auch erfolglos - versucht haben, ihn bei dem Vorstandsvorsitzenden seines Unternehmens der Inkompetenz zu bezichtigen.

Das Beispiel für einen strategisch richtigen, funktionierenden DV-Einsatz liefert nach Meinung Thomes das Just-in-time-Konzept des Schallplattenherstellers Polygram. Bestellungen von Einzelhändlern, die bis 12 Uhr mittags eingehen, werden bis zum nächsten Tag erfüllt. Ein ausgeklügeltes Logistikkonzept, das vor drei Jahren in die Praxis umgesetzt wurde, macht es heute möglich, innerhalb von nur 24 Stunden auf die Nachfragesituation am Markt zu reagieren, erläuterte ein Mitarbeiter des Hamburger Medienbetriebes. Mit Hilfe täglicher Prognosen werden auf der Basis bereits erfolgter Lieferungen an den Einzelhandel Vorschläge für die nächste Produktionsphase gemacht. Nach einer Prüfung in der Dispositionsabteilung werden dann die endgültigen Stückzahlen bestimmt.

Weniger eine Angelegenheit der Einsicht, daß logistische Veränderungen nötig sind, als vielmehr der Mangel an geeigneten Fachleuten, die Konzepte entwickeln können, bestimmt die Situation in vielen Unternehmen, beschreibt Thome seine Erfahrungen. Stagnation in der DV-Entwicklung der Unternehmen sei die Folge davon, daß geeignete Fachleute fehlten, die ganzheitliche Konzepte entwickeln könnten. Ohne "High-Org" könne jedoch High-tech nicht effektiv eingesetzt werden. Nur mit Fachleuten, die die Fähigkeit haben, komplexe Konzepte zu entwickeln und umzusetzen, könnten Unternehmen am Weltmarkt heute Wettbewerbsvorteile erreichen.

Der Mangel an komparativen Kostenvorteilen wie Bodenschätzen und anderen Rohstoffen müsse in der Bundesrepublik über die Förderung von Brainware ausgeglichen werden, betonen auch die Vertreter der Industrie. Hans-Jürgen Twiehaus, Leiter der Siemens-Schule in München, meinte, daß Schule und Universität für eine breite Allgemeinbildung sorgen sollten. Eine frühzeitige Spezialisierung im Studium führe lediglich zu einer begrenzten Einsatzfähigkeit am Arbeitsplatz. So haben Absolventen von Studiengängen, deren Ziel ein sogenannter Mischberuf ist, wie der des Wirtschaftsinformatikers, größere Chancen als zum Beispiel "Nur-Informatiker".

Die kurze Halbwertszeit von fünf Jahren führt Joachim C. Ohlig, Schulungsleiter Automatisierte Informationssysteme bei der Deutschen Lufthansa in Köln, als Argument ins Feld, den jungen Informationsverarbeitern verstärkt "Strukturdenken" zu vermitteln. Die Entwicklung in der Informationsverarbeitung zeige deutlich, daß der frühzeitig eingeengte Spezialist auf Dauer nicht so sehr gefragt sei, sondern vielmehr derjenige, der außer dem Fachwissen, das Denken in Zusammenhängen geübt und Interesse am berufsbegleitenden Prozeß hat.

Die Politiker in die Pflicht nehmen will der DV-Verantwortliche der Karstadt AG, Bersin. Aus Sicht der Unternehmen wird im universitären Bereich zu viel Geld in Studiengänge für Kerninformatiker investiert. Der Bedarf an Studienabgängern, die an Bit und Byte orientiert sind, mache in seinem Unternehmen nur etwa fünf Prozent aus. Kerninformatiker seien zwar wichtig für die Lösung interner instrumenteller Systemsituationen, der Führungsnachwuchs eines Unternehmens rekrutiere sich aber aus der Riege der Absolventen mit kaufmännischen Grundlagen.

Der Bedarf an Kaufleuten, die gelernt hätten, DV-Systeme strategisch einzusetzen, mache derzeit mehr als 90 Prozent des Bedarfs an Fachkräften aus, die in Unternehmen mit Informationsverarbeitung befaßt sind.

Im Gegensatz zu den Informatikern seien jedoch die Lehrstühle für Wirtschaftsinformatiker unterbesetzt und schlecht ausgestattet.

Bersins Meinung nach müßte mehr Geld in die sogenannten Bindestrich-Studiengänge, wie Wirtschafts-Informatik investiert werden, um der Nachfrage der Unternehmen gerecht zu werden. Um den eigenen Bedarf zu decken, sei die Industrie heute darauf angewiesen, eigene, manchmal mehrjährige Schulungen für die Berufsanfänger zu organisieren.

Die Zeit der Self-made-DV-Spezialisten, die sich Schritt für Schritt ein System angeeignet haben, ist vorbei, stellt Bersin fest. DV-Leiter, die sich bisher wenig kooperativ zeigten, und kein Interesse an unternehmerischen Zielen haben, sterben aus, prophezeit der Karstadt-Manager.

Große Hoffnung setzt auch Derlath in den DV-Nachwuchs von den Universitäten. Nach seinen Erfahrungen mit Absolventen der Universität Würzburg können die Jung-Akademiker ihre Forderungen an Systeme qualifiziert, das heißt unabhängig von Herstellerbindungen, formulieren. Langfristig müssen dann auch die Hersteller auf Forderungen dieser Generation reagieren, prognostiziert Derlath.