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11.06.2004 - 

Drei Jahre Arbeit für 17 Tage Spiel

Olympia 2004: Ein IT-Marathon

ATHEN (ajf) - Während Athen noch eine Baustelle ist, liegt die IT für die Olympischen Spiele 2004 gut im Rennen. Seit knapp einem Jahr testen die Verantwortlichen ihre Systeme und Anwendungen auf Herz und Nieren. In zwei Monaten wird sich zeigen, ob sich die Anstrengungen gelohnt haben.

Eine entscheidende Frage prägt das Vorfeld der Olympischen Spiele 2004: Gelingt es den Griechen, die Wettkampfstätten und die Athener Infrastruktur rechtzeitig bis zur Eröffnungsfeier fertig zu stellen? Diese findet ausgerechnet am Freitag, dem 13. August, statt. Internationales Symbol der Bauarbeiten ist ein 18 000 Tonnen schweres und rund 70 Millionen Euro teures Dach, das täglich Meter für Meter über das Olympische Stadion geschoben wurde. Seit auch die zweite Hälfte vergangene Woche in die richtige Position gerutscht ist, macht sich vor Ort tatsächlich verhaltener Optimismus breit - und sollte die neue U-Bahn nicht fertig werden, dann fahren eben mehr Busse und Taxis.

Auf solche Rechnungen kann sich der französische IT-Dienstleister Atos Origin nicht verlassen. Der Konzern schraubt seit September 2001 an der Infrastruktur und den Anwendungen für die Wettkämpfe. Anfang dieses Jahres übernahm er das IT-Servicegeschäft des Olympia-Sponsors Schlumberger Sema und dessen Vertrag mit dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC). Vor Ort hat sich durch die Transaktion nicht viel geändert - die meisten Mitarbeiter tragen noch immer ihre alten Visitenkarten und haben den Wechsel mehr oder weniger beiläufig zur Kenntnis genommen. Muße, sich an die veränderten Rahmenbedingungen zu gewöhnen, blieb ihnen nicht.

Der Zeitplan für das IT-Projekt ist unerbittlich, und Verzögerungen wie bei anderen Projekten sind ausgeschlossen: "Es gibt keine Flexibilität im Liefertermin", sagt Aris Seitanides, der in Athen für den operativen IT-Betrieb verantwortlich ist. Seit Beginn des Jahres herrscht Urlaubssperre für das Kernteam von rund 170 Mitarbeitern, die in 12-Stunden-Schichten beschäftigt sind. Sie arbeiten in einem modernen Zweckbau des griechischen Organisationskomitees, der in einem Athener Wohngebiet liegt. Drei Viertel der Mitarbeiter waren schon 2002 bei den Winterspielen in Salt Lake City dabei.

Mitte Juli in der heißen Phase wird die Zahl der Atos-Spezialisten auf zirka 320 steigen; hinzu kommen über 3000 ehrenamtliche Helfer, ohne die die Spiele nicht funktionieren würden. Die Freiwilligen verteilen beispielsweise Ausdrucke von Wettkampfresultaten an die Funktionäre, kümmern sich je nach Kompetenzgrad aber auch um den First-Level-Support der IT direkt an den Wettkampfstätten. Das nötige Training der "Volunteers" ist eine Herkules-Aufgabe für sich, die in den letzten Wochen vor der Eröffnungsfeier ebenfalls von Atos Origin übernommen wird.

Konkrete Zahlen zum Volumen des IT-Budgets werden nicht genannt. Angeblich sollen sich die Ausgaben für IT, Telekommunikation und Energie bei den Winterspielen von Salt Lake City auf rund 300 Millionen Dollar summiert haben, ohne dass die Anteile aufgeschlüsselt wurden. Ein ähnlicher Wert in Euro steht für Athen im Raum, obwohl die Wettkämpfe hier zwei- bis dreimal so groß sind. Derweil spricht die offizielle Website von 272 Millionen Euro, die von den elf internationalen Sponsoren aufgebracht werden. Darunter befinden sich neben Atos Origin traditionell beispielsweise ein Fastfood-, ein Getränke- sowie ein Kreditkartenkonzern.

Kopieren, migrieren, erweitern, testen

Athens IT-Budget wird deshalb nicht wesentlich größer als das von Salt Lake City, weil bis zu drei Viertel der Anwendungen und Prozeduren einfach übernommen wurden. Dennoch mussten auch diese Programme auf die aktuellen Plattformen migriert werden, etwa von NT 4 auf Windows 2000. Zudem integrierte Atos Origin neue Features in die Applikationen: Zwangsläufig wurden etwa die bereits vorhandenen englischen und französischen Sprachfelder um eine griechische Variante ergänzt. Auch lassen sich nun Wettkampfprotokolle automatisch an die Nachrichtenagenturen versenden.

Obwohl die Kosten im Unklaren bleiben, sind gerade die Olympischen Spiele auf genaue Zahlen angewiesen. Diese laufen in Athen im Technology Operations Center (TOC) zusammen und werden von dort nicht nur an die angeschlossenen Funkhäuser, sondern auch an die Wettkampfstätten und die über 2000 Drucker vor Ort zurückübertragen. Das TOC ist die Schaltzentrale, es fungiert als Repository und stellt die letzte Supportstufe dar. Eine Eskalation von hier aus sei nicht mehr möglich, berichtet Seitanides, der das IT-Hauptquartier während der Spiele leitet. Alle Server verfügen mindestens über ein Backup-Gerät, die Daten werden in ein externes Center gespiegelt. Wo genau das ist, wird nicht gesagt; immerhin: "Es liegt in einer anderen Erdbebenzone als Athen.".

Ein "Schaulaufen" moderner IT-Systeme wird es in Griechenland indes nicht geben, dafür ist die Verlässlichkeit zu wichtig. So arbeiten die über 10000 Workstations unter Windows 2000, weil dies bereits vor drei Jahren, als die Projektplanung aufgenommen wurde, als eingespielte Plattform galt. Rund 4000 Rechner davon stehen als Kiosk im Stadtgebiet verteilt, damit sich Einheimische und Gäste über das Wettkampfgeschehen informieren können. Hier läuft das Intranet für die olympische Familie, genannt "Info2004".

"Absolutes Kriterium ist, dass Software und Hardware stabil sind", sagt Seitanides. Daneben ist die Datenintegrität entscheidend für den Erfolg des Projekts - nicht nur bei den sportlichen Wettbewerben. Geschätzte 200000 Akkreditierungen für Athleten, Funktionäre, Begleiter, Sponsoren und Journalisten müssen bewältigt werden. Sie gelten gleichzeitig für alle Nicht-Europäer als Visum für die Dauer der Spiele. Der Koordinationsbedarf mit den griechischen Behörden war groß, aber die Plattform läuft bereits seit einem Jahr. Alle Teilnehmer erhalten laminierte Ausweise, die unter anderem ihre Zugangsberechtigungen zu den Veranstaltungsorten und Sicherheitszonen optisch und per Barcode darstellen. Auf den Einsatz von Chipkarten wurde laut Seitanides aus Kostengründen verzichtet.

Intern teilt sich die olympische IT-Landschaft in ein Windows- sowie ein Sun-Solaris-Lager, die Datenbanken stammen von Microsoft und Oracle. Speicher kommen von EMC und Sun, Netztechnik aus dem Hause Cisco. Pikanterie am Rande: Das griechische Organisationskommitee Athoc hat keinen Hardwaresponsor gefunden, weshalb alle Geräte von einem lokalen Lieferantenkonsortium gekauft werden mussten. Was mit den Computern nach den Spielen geschehen wird, steht noch nicht fest. In Salt Lake City stammten die PCs von Gateway und wurden nach den Wettkämpfen etwa an Schulen verschenkt.

Rigips statt Marmor

Selbstredend lief nicht alles fristgerecht, was auch der griechische IT-Manager einräumt. Einen Verzug von einigen Wochen habe es etwa beim Ausbau des TOC gegeben, das sich Mitte Mai noch im Rigips-Rohbau befand, während der IT-Betrieb um die Trennschleifer, Kabeltrommeln und Schweißbrenner herum weiterlief. Verspätungen im Bauwesen sind allerdings in Athen kein Anlass zur Sorge, sondern gehören zum Alltag. Routine für die Atos-Mitarbeiter sind derweil die permanenten Tests, die im August 2003 aufgenommen wurden. Über 200 000 Stunden waren 70 Spezialisten damit beschäftigt, ihre Systeme auf Schwachstellen zu untersuchen. "Am wichtigsten war es", so Seitanides, "die Anwendungen mit dem potenziellen Ausfallrisiko in Einklang zu bringen."

Atos Origin unterteilt die Schadensfälle in vier Stufen: Wenige Menschen sind betroffen, viele Menschen sind betroffen, die Spiele sind betroffen und schließlich der Extremfall: Die Spiele werden gestoppt. In Salt Lake City, erzählt Seitanides, hätten während der Wettkämpfe lediglich Probleme aus den beiden niedrigsten Kategorien gelöst werden müssen, etwa weil Drucker, Switches oder Rechner ausgefallen waren. Dass es nicht zu einer der beiden höchsten Eskalationsstufen kommt, kann nur gehofft werden.

Dennoch spielt der Systemintegrator kurz vor der Eröffnung mit einem "Schattenteam" Szenarien wie Fluten, Erdbeben oder die Auswirkungen eines Verkehrschaos auf die IT-Mannschaft durch. Darunter fallen die Folgen von Terroranschlägen, allerdings wird das Wort, wenn möglich, vermieden. Überhaupt ist die Sicherheit auch abseits der IT ein heißes Eisen in Athen: Summa summarum belaufen sich die Kosten des Organisationskomitees etwa für den Schutz vor Anschlägen während der Spiele auf mehr als eine Milliarde Euro - dreimal so viel wie ursprünglich geplant, viermal so viel wie anno 2000 in Sydney. Dafür kreisen auch Nato-Aufklärungsflugzeuge während der Spiele über der Region.

Steckbrief: Olympia 2004

- 37 Disziplinen, über 300 Wettbewerbe;

- 62 olympische Stätten, davon 36 für die Wettkämpfe;

- 10500 Athleten;

- 21500 Medienvertreter;

- 3500 IT-Mitarbeiter, davon über 3000 ehrenamtliche Helfer;

- 10500 Workstations, davon 4000 Info-Kioske im Stadtgebiet;

- 450 Intel-Server;

- 450 Unix-Server;

- 4000 Drucker, Fax- und Kopiergeräte;

- 14 Firewalls und 65 Intrusion-Detection-Systeme;

- 300 Router und 2000 Switches.

Offizielle Website:

www.athens2004.com