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01.10.1993

"OO ist das Computing der kommenden 25 Jahre" Aufbruchstimmung bei der Object World Germany

Wenn das eintrifft, was die auf der diesjaehrigen "Object World Germany" versammelten Software-Experten prophezeihten, dann sind solche Exklusivveranstaltungen in Zukunft ueberfluessig. Robert Rockwell, Chief Technology Advisor der Softlab GmbH, Muenchen, formulierte es vollmundig, und niemand widersprach: "Objektorientierung ist das Computing der kommenden 25 Jahre; bei Client-Server und Objektorientierung handelt es sich um ein und dieselbe Technologie." Offenbar hat sich diese Ansicht aber noch nicht ueberall herumgesprochen, denn nach wie vor waechst die Zahl der OO-Messen und -Kongresse. Zur deutschen Objekt World versammelten sich soeben etwa 150 Mitglieder der deutschen OO- Gemeinde auf Einladung von Object Management Group (OMG) und IDG World Expo im Frankfurter Marriott-Hotel. Die Praesenz wichtiger Marktforschungs- unternehmen spricht allerdings sehr wohl dafuer, dass die Objekttechnik drauf und dran ist, sich aus ihrem Nischendasein zu befreien.

Wer sich wirklich umfassend ueber das Thema Objektorientierung informieren will, wird auch im kommenden Jahr zur "Objekt World" nach San Franzisko fliegen muessen. Die deutsche Ausgabe der Kongress- und Ausstellungsmesse kann allenfalls einen groben Ueberblick ueber Herstellerangebot und Anwendungsmoeglichkeiten der Objekttechnik vermitteln. Da sowohl auf der Aussteller- wie auf der Referentenliste einige Luecken blieben, duerfte dieser Ueberblick fuer weniger informierte Besucher nicht nur unvollstaendig, sondern teilweise auch irrefuehrend gewesen sein.

Auf der Methodenseite beispielsweise gab sich lediglich Stephen Mellor die Ehre. Mellor gilt unter Experten jedoch als Vertreter einer eher gemaessigten Objekt-orientierung, die de facto mit einer Trennung von Daten und Funktionen operiert. Um einen Gegenpol zu schaffen, waere es nach Ansicht von Messebeobachtern sinnvoll gewesen, zusaetzlich Peter Coad, Grady Booch oder James Rumbaugh zu Wort kommen zu lassen.

Bei den 26 Ausstellern dominierten kleinere Anbieter, die sich speziell der Objekttechnik verschrieben haben. Ueberraschenderweise fehlte dabei der frischgebackene IBM-Partner Object Design. Auf Anfrage teilte der deutsche Object-Design-Geschaeftsfuehrer Stefan Rasp mit, dass er die Object World nicht als "Pflichtveranstaltung" betrachte. Im vergangenen Jahr seien die Kundenkontakte hinter seinen Erwartungen zurueckgeblieben, so dass er es heuer bei der Teilnahme an der GUUG bewenden lassen wollte.

Big Blue glaenzte ebenso durch Abwesenheit wie Digital Equipment. Von den DV-Groessen, die neuerdings den OO-Schild so auffaellig vor sich her tragen, war lediglich Hewlett-Packard mit einem Stand vertreten.

Sunsoft schickte zumindest einen Referenten ins Feld - entgegen der Programmankuendigung allerdings nicht die Software-Legende Bud Tribble, sondern den Director of Object Technology, Jim Green. Auch OMG-Praesident Chris Stone liess sich von Marketing-Leiter John Slitz vertreten. Dass die deutsche Object World dennoch mit Prominenz aufwarten konnte, lag an der kuerzlich von Versant zu HP gewechsel- ten Datenbank-Visionaerin Mary Loomis sowie an Ivar Jacobson, dem schwedischen Protagonisten des objektorientierten Software-Engineering.

Die Vortraege wurden zum ueberwiegenden Teil von den Anbietern bestritten, weshalb die Sichtweise der Anwender leider zu kurz kam. Von praktischen Erfahrungen mit der Objekttechnik berichtete lediglich Maximilian Kittner, Vorstandsmitglied der Metallgesellschaft AG. Dort haben ein rundes Dutzend Entwickler mit Hilfe des Smalltalk-basierten Anwendungsentwick- lungs- Werkzeugs Enfin eine Applikation fuer den Methanolhandel erstellt. Kittner aeusserte sich positiv ueber die Anpassungsfaehigkeit des Systems an die Groesse der jeweiligen operativen Einheit sowie an Veraenderungen der Geschaeftsbedingungen. Die Entwicklungskosten seien anfangs zwar recht hoch gewesen, in der Folge jedoch erheblich gesunken. Als eine der kniffligsten Fragen bei objektorientierten Projekten bezeichnete Kittner uebrigens das Problem, die richtigen Objekte zu finden.

Das Anwenderreferat gehoerte zum "Management-Track" des Kongresses, einer Vortragsreihe, mit der die Veranstalter vor allem die Entscheider ansprechen wollten. Neben Marktbeobachtern von IDC, Diebold und Gartner Group beleuchteten in diesem Zusammenhang auch Software-Experten wie Reinhold Thurner und Michael Bauer die weniger technische Seite der Objekt-orientierung. Thurner wies darauf hin, dass die Einfuehrung der objektorien-tierten Entwicklung nicht nur ein Planungsproblem darstellt, sondern gravierende Auswirkungen auf den Arbeitsplatz der einzelnen Entwickler hat. Ablehnend steht der im schweizerischen Herrliberg beheimatete Berater jedoch dem Vorschlag gegenueber, alle Cobol-Programmierer radikal auf Smalltalk umzuschulen und auf diese Weise die weissen von den schwarzen Schafen zu trennen. Mit einiger Wahrscheinlichkeit sei es naemlich das vielgescholtene Cobol- Establishment, das die Probleme fuer die OO-Loesungen habe - "wenn auch nicht mundgerecht verpackt".

Zwar vertrat auch Thurner die Ansicht, dass die traditionelle Software-Entwicklung bereits in den letzten Zuegen liege: "Diese Jobs gibt es in ein paar Jahren nicht mehr." Doch sei der Versuch, die neue Technik "durch Gehirnwaesche" einzufuehren, nicht der optimale Ansatz. Akzeptanz lasse sich erheblich leichter durch Erfolgserlebnisse hervorrufen. Diesem Zweck dient am besten, so Thurner, ein "Bang- (sprich: Baeng-) Projekt": Vom klassischen Pilotprojekt unterscheide es sich dadurch, dass es sich nicht im Elfenbeinturm der Entwicklungsabteilung abspiele, sondern einen raschen und augenfaelligen Nutzen fuer viele Mitarbeiter - einschliesslich des Managements - einbringe. Als typisches Beispiel fuer derartige Projekte nannte der Schweizer ein GUI-Front-end fuer eine bestehende Anwendung.

Bauer erlaeuterte seine These, dass sich Objektorientierung nicht durch den Einsatz von Programmiersprachen, sondern vielmehr durch eine objekt-orientierte Analyse und ein entsprechendes Design erreichen laesst (vgl. auch in dieser Ausgabe Seite 39). Die mit OO- Analyse und OO-Design erzielten Ergebnisse lassen sich, so der Geschaeftsfuehrer des Schulungsunternehmens Informatik Training, auch konventionell realisieren, wobei der Entwickler allerdings "ein paar Bruecken bauen" muesse. Der umgekehrte Weg - strukturierte Analyse und strukturiertes Design, aber objekt-orientierte Implementierung - sei hingegen nicht gangbar.

Einen weiteren Fuersprecher fand Bauers Auffassung in der Podiumsdiskussion, die den ersten Kongresstag beendete. "Fangen Sie nicht mit objektorientierter Programmierung an, sondern mit objektorientierter Analyse", riet der in Kaarst bei Duesseldorf ansaessige Unternehmensberater Martin Roesch den Tagungsteilnehmern, "ansonsten verbessern Sie vielleicht ein oder zwei Anwendungen, aber sie behalten ihre Architektur, die nach wie vor aus einer Trennung von Daten und Funktionen besteht."

Wie der leitende Softlab-Mitarbeiter Rockwell ergaenzte, handelt es sich bei der Objektorientie- rung nicht um eine Technologie, sondern um eine Denkweise. Insofern sei die Objektorientierung lediglich Teil eines tiefgreifenden industriellen Umwandlungsprozesses - von der Produktion zur Entwicklung, von der Automation zur Koordination und von der Spezifikation zur Artikulation. Fuer den Software-Entwickler laute das Ziel kuenftig nicht mehr, korrekte Systeme zu entwerfen, sondern solche, die den Anwender zufriedenstellen.

Verglichen mit der konventionellen Programmierung bietet die objektorientierte Systementwick- lung wesentlich mehr Moeglichkeiten fuer ein Feedback, das auch die Anwender einbezieht. Insofern ist diese Technik zumindest theoretisch besser geeignet, zufriedenstellende Ergebnisse zu liefern.

Allerdings liessen die Referenten keinen Zweifel daran, dass die OO- Spezialisten noch eine Reihe von Hindernissen aus dem Weg raeumen muessen, bevor die erhofften Vorteile zum Tragen kommen: Zum einen ist die von der OMG in Aussicht gestellte Interoperabilitaet zwischen Objekten in unterschiedlichen Betriebssystemumgebungen bislang noch Zukunftsmusik. Erst die fuer Anfang des kommenden Jahres erwartete Version 2 der "Corba"-Spezifikation wird die Voraussetzungen dafuer schaffen, dass dieses Versprechen eingeloest wird.

Die Wiederverwendung von Objekten wird ernsthaft durch ein weiteres - bislang ungeloestes - Problem beeintraechtigt, naemlich die Schwierigkeit, innerhalb eines akzeptablen Zeitrahmens unter Tausenden von Informa- tionsteilchen das jeweils passende herauszufiltern. Spottete Guenther Tolkmit, Marketing-Direktor der Software AG, Darmstadt: "Was nuetzt es uns, wenn es laenger dauert, ein Objekt wiederzufinden, als ein neues zu schreiben?"

Zwar ist der Stein der Weisen hier noch nicht gefunden. Doch zeigt Rockwell wenigstens die Richtung auf, in der er die Loesung vermutet: Fuer diese Aufgabe ist seiner Ansicht nach eine neue Art von Klassifizierung notwendig - naemlich eine, die die Objekte mit Hilfe semantischer Kategorien erfasst.

Erst wenn diese losen Enden verknuepft sind, rueckt ein Zukunftsszenario in den Bereich der Wahrscheinlichkeit, wie Roesch es beschwor: "Jeder kann dann Objekte entwickeln und den Anwendern anbieten. Die Folge davon sind mehr Produkte und damit niedrigere Preise - kurz: eine industrielle Software-Entwicklung."

Karin Quack

Weit verbreitet ist die Ansicht, dass objekt-orientierte Datenbanksysteme technisch noch nicht ausgereift sind. Aber bislang ist nur Michael Bauer, Geschaeftsfuehrer der Informatik Training GmbH, Radolfzell, in der Lage, die optimale Reifezeit fuer diese Art von Softwareprodukt zu beziffern: "Ein DBMS braucht zum Reifen genauso lange wie ein guter Burgunder - naemlich acht Jahre."

Wer immer noch der Ansicht ist, Objektorientierung sei eine Erfindung der 90er Jahre, den belehrte Ivar Jacobson jetzt eines Besseren. Konstatierte der schwedische Spezialist fuer objektorientiertes Software-Engineering: "Ich sehe nichts Wichtiges in C++, das es nicht auch schon bei Simula gegeben haette - also vor 20 Jahren." Ob das auch fuer Eiffel und Smalltalk gilt, fuehrte Jacobson allerdings nicht aus.

Ein kalte Dusche verpasste Robert Rockwell, leitender Technologieberater bei der Softlab GmbH, allen OO- Techies, die sich fuer den Nabel der Welt halten. Konstatierte der Software- Experte: "Kein Anwender interessiert sich fuer den Fortschritt der Objekttechnologie, sondern nur dafuer, wie er seine Arbeit getan kriegt."

Die Tatsache, dass sich die ehemaligen Gurus der strukturierten Entwicklung schon vor geraumer Zeit der Objektorien- tierung verschrieben haben, irritiert nur Uneingeweihte. Der Schweizer Software-Experte Reinhold Thurner hingegen hat eine simple Erklaerung parat: "Yourdon und DeMarco fuehlen sich einfach nicht wohl in einer Technik, die bereits von 80 Prozent der Entwickler benutzt wird."

C++ - die Zweite: Waehrend sich die Entwicklergemeinde zunehmend fuer die Hybridsprache erwaermt, hat Frank Sempert, Geschaeftsfuehrer der deutschen Gartner Group, fuer die objektorientierten Erweiterungen konventioneller Drittgenerationssprachen wie C und Pascal nur Spott uebrig. "Ein U-Boot mit Duesentriebwerk wird weder fahren noch fliegen", lautet das vernichtende Urteil des Frankfurter Analysten.

Hier spricht der Fachmann

Starke Sprueche von der Object World