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17.07.1998 - 

RWE Energie entwickelt neue operative Anwendungen

OO und Java - sicher wie die Pyramiden von Gizeh?

Der Markt für Energieversorgungsleistungen macht derzeit eine Phase grundlegender Veränderungen durch. Denn die am 29. April dieses Jahres verabschiedete Neuregelung des Energiewirtschaftsrechts schafft die Rahmenbedingungen dafür, daß die Gebietsmonopole der Versorger fallen und die Einheit von Lieferant, Verteiler sowie Händler aufgelöst wird. Man muß kein Experte sein, um daraus resultiernde Preiseinbrüche zu prognostizieren. Insofern erstaunt es wenig, daß die betroffenen Konzerne ihre Personaldecken ausdünnen und ihre Organisationen straffen.

Gleichzeitig investieren viele der betroffenen Unternehmen jedoch kräftig in IT-Systeme, die ihnen helfen sollen, die künftigen Anforderungen zu erfüllen. Denn die Deregulierung bedeutet nicht nur eine Gefahr, sondern auch eine Chance - zumindest für die Anbieter, die schnell und flexibel auf die Bedürfnisse der Verbraucher, insbesondere der lukrativen Unternehmenskunden, eingehen können. Gefordert sind individuelle Tarife für fest umrissene Abnehmergruppen, Rundum-Versorgung für geografisch verteilte Unternehmen sowie Zusatzdienste im Umfeld der Energieversorgung. Peter Miebach, Handlungsbevollmächtigter im Vertrieb der RWE Energie, hält es beispielsweise für denkbar, mit der Energielieferung auch die Wartung des technischen Equipments, zum Beispiel von Kühlanlagen, anzubieten - möglicherweise sogar deren Finanzierung.

Die Branche der Strom- und Wärmeversorger unterscheidet sich von anderen vor allem durch drei Merkmale: Ihr Produkt läßt wenig Raum für Alleinstellungsmerkmale; es wird in dem Augenblick verbraucht, in dem es entsteht; und die Kunden ordern keine bestimmten Mengen, sondern zapfen spontan ihren Verbrauch ab. Insofern ähnelt diese Industrie dem Telekommunikationsmarkt, der sich in einer ähnlichen Umbruchsituation befindet. Hier wie dort erfahren die etablierten Unternehmen erstmals, daß ihre Wettbewerbsfähigkeit von einem effektiven Marketing abhängt und eine leistungsfähige IT-Unterstützung ihnen den entscheidenden Vorsprung verschafft.

Die für Energieversorger entwickelten Kundeninformationssysteme haben sich jedoch in den vergangenen zwei Dekaden ausschließlich an den bescheidenen Ansprüchen von Monopolunternehmen orientiert. Das gilt auch für "EAV", die selbstgestrickte Software-Applikation der RWE. Wie Ulrich Scherotzki, Leiter des Informations-Managements, feststellt, handelt es sich dabei um ein reines Abrechnungssystem, das noch dazu auf einem hierarchischen Datenbank-Management-System aufbaut. Ebenfalls ohne Marketing-Funktionen kommt "EAS" aus, eine Entwicklung des Software-Unternehmens IFS GmbH, Eschborn. IFS gehört zum RWE-Konzern, seit vor acht Jahren zwei Drittel der Unternehmensanteile von RWE Energie und der Rest von der RWE-Beteiligungsgesellschaft Main-Kraftwerke AG übernommen wurden.

Mittlerweile erledigt IFS den größten Teil der Anwendungsentwicklung für den Energiever- sorger, gilt sozusagen als Softwarefabrik des Unternehmens, ohne sich deswegen aber dem Wettbewerbsdruck entziehen zu können.

Auf dem Standardsoftwaremarkt gab es damals kein Produkt zu kaufen, mit dem sich die Ansprüche der Energieversorgungsindustrie in einem deregulierten Markt abdecken ließen. Deshalb erteilte Scherotzki vor zwei Jahren der IFS GmbH den Auftrag, ein System zu entwickeln, das die Grundanwendungen Debitorenverwaltung, Zahlungsverkehr, Leistungserfassung, Fakturierung und Zähler-Management mit Funktionen für Kundenbeziehung, Marketing und Verkaufsunterstützung kombiniert.

Die Applikationen sollten dem Vertrieb ermöglichen, schnell und flexibel auf die Wünsche der Klientel zu reagieren beziehungsweise deren Bedürfnisse durch neue, attraktive Angebote zu wecken. Indem sie aktuelle Technolo- gie verwandten, wollten die Entwickler zudem sicherstellen, daß die Software nicht in wenigen Jahren schon wieder veraltet sein würde.

Wer zuerst die Vokabeln Objektorientierung und Internet ins Spiel brachte, läßt sich heute nicht mehr ermitteln. Aber ziemlich bald stand fest, daß das Projekt "Cheops" (ja, genau wie die größte der ägyptischen Pyramiden!) auf der Grundlage eines objektorientierten Designs und mit Hilfe der Programmiersprache Java verwirklicht werden sollte.

Wenn von Java-Programmierung die Rede ist, denken die meisten heute noch an kleine, überschaubare Projekte in mehr oder weniger exotischen Anwendungsnischen. "Nicht ausgereift", "keine Versionskontrolle", "schlechte Performance" lauten die Gründe, warum viele Experten davon abraten, die "Internet-Sprache" für unternehmenskritische Softwarevorhaben einzusetzen.

RWE Energie setzte sich über solche Bedenken hinweg, obwohl der Energieproduzent und -lieferant für die Cheops-Entwicklung mindestens 300 Mannjahre veranschlagt hat und das Ergebnis alle wettbewerbsrelevanten Unternehmensfunktionen unterstützen soll. "Wir haben keine Möglichkeit gesehen, die notwendigen Funktionen ohne Objektorientierung zu realisieren", erläutert Miebach. Was er nicht sagt, aber sicher nicht leugnen würde: Wer heute eine Entwicklungssprache sucht, die konsequent dem objektorientierten Paradigma folgt, ohne von einem finanzschwachen Anbieter abzuhängen, kommt an Java nicht vorbei.

So legten die Beteiligten ihre etwaigen Vorbehalte schnell ad acta - nicht nur bei der RWE Energie, sondern auch beim Mitbewerber Preussen Elektra AG, Hannover, der tatkräftig an der Entwicklung mitarbeitet. Möglicherweise spielte dabei eine Rolle, daß sich auch die IBM Deutschland GmbH mit einer Handvoll Berater an dem Vorhaben beteiligte. Sie bringt Know-how in Sachen Objektorientierung ein und will das fertige Produkt später in Lizenz vermarkten.

Derzeit arbeiten 140 Entwickler an dem Projekt. Scherotzki beziffert die Gesamtkosten auf mindestens 100 Millionen Mark. Da ist es kein Wunder, daß auch der Energiekonzern selbst - beziehungsweise sein Software-Unternehmen IFS - einen Teil der Kosten wieder hereinbringen will, indem er Cheops kommerziell anbietet.

Softwarebesitz allein ist noch kein Vorteil

Daß das Unternehmen dadurch einen Wettbewerbsvorteil verspiele, will Miebach nicht gelten lassen: "Der Besitz von Software an sich ist noch kein Vorteil." Entscheidend sei, was ein Unternehmen damit anfange.

Cheops soll in sieben Paketen ausgeliefert werden, die im großen und ganzen die Kernprozesse widerspiegeln. Unter dem Druck der Marktveränderungen haben die Entwickler zunächst die Komponenten Kundenbeziehungen sowie Marketing und Verkaufsunterstützung in Angriff genommen. Erstere wird derzeit in den Niederlassungen Essen und Osnabrück eingeführt.

Mit der Implementierung von Marketing und Verkaufsunterstützung will RWE Energie gegen Ende dieses Jahres beginnen. Diese Funktionen können dank integrierter Schnittstellen auch als Add-on auf den Altsystemen EAV und EAS gefahren werden.

Mit dem Marketing-Modul bekommt die RWE die als wettbewerbsentscheidend erkannte Möglichkeit, flexibel auf Marktentwicklungen zu reagieren. Diese Komponente enthält einen regelbasierten "Produkt-Generator": Aus einem Data-Warehouse bezieht die Software Informationen über die Vorlieben und Verhaltensweisen einer bestimmten Abnehmergruppe. Auf dieser Grundlage baut sie aus den Angebotsobjekten - wie aus einer Stückliste - ein Produkt zusammen, das den Ansprüchen dieser Klientel entgegenkommt. Früher benötigte RWE Energie beispielsweise ein halbes Jahr, um einen neuen "Umwelttarif" zu entwickeln. Mit dem Produktgenerator soll es quasi unmittelbar möglich sein, neue Tarife auszutüfteln oder bestehende anzupassen, individuelle Wünsche von Großkunden abzubilden, Vergleichsrechnungen und Simulationen vorzunehmen oder komplexe Bedingungsgefüge aufzubauen.

Die Brot-und-Butter-Anwendungen Leistungserfassung, Fakturierung und Zähler-Management werden voraussichtlich erst im kommenden Jahr fertiggestellt und eingeführt. Mit der Implementierung von Debitorenverwaltung und Zahlungsverkehr soll das System schließlich komplett sein. Als Projektabschluß ist das erste Quartal des Jahres 2000 terminiert.

Etwa ein Fünftel des Gesamtaufwands hat RWE in die organisatorische Vorbereitung des Projekts investiert. Hinter Cheops verbirgt sich eine streng durchstrukturierte Software-Architektur, bei der die unterschiedlichen Schichten und Elemente jeweils durch Schnittstellen voneinander abgeschirmt sind. Auf diese Weise lassen sich die verwendeten Werkzeuge und Services austauschen, ohne den Rest des Gebildes zu beeinträchtigen. Wer mit neuer, teilweise noch im Entwicklungsstadium befindlicher Technologie arbeitet, wird einen solchen Sicherungsmechanismus schätzen.

Mit Hilfe von "Use Cases" und "Geschäftsobjekten" haben sich die Entwickler bemüht, die Kernprozesse des Unternehmens abzubilden und dabei die Sichtweise der Anwender nachzuahmen. Dazu nutzten sie das Modellierungs-Tool "Business Modeller" von Visio sowie das Analyse- und Designwerkzeug "Paradigm Plus" von Platinum. Ein selbstentwickelter Codegenerator wandelt die in Paradigm Plus entworfenen Objekte und Beziehungen teilweise automatisch in Java-Code um. Für die Implementierung der darüber hinausgehenden Funktionen kommt das Toolkit "Café" von Symantec zum Einsatz, das Java 1.1.5 einschließt. Nur in den systemnahen Softwarebereichen erhält C++ den Vorzug - aus Gründen der Laufzeitoptimierung.

Dank seiner modularen Struktur soll sich das Gesamtsystem für jeden der qua Gesetz separat zu betrachtenden Unternehmensteile - ohne die etwa bei SAP üblichen Parametereinstellungen - individuell konfigurieren lassen. Und die Plattformunabhängigkeit der Programmiersprache Java erlaubt es laut Scherotzki, die einzelnen Bestandteile je nach Bedarf auf dem Server, auf dem Client oder im Netz verteilt zu implementieren. Damit die einzelnen Softwareteile miteinander kommunizieren und gemeinsame Dienste nutzen können, basiert die ganze Struktur auf einem Object Request Broker nach Corba-Standard. Hier hat sich IFS schließlich für den "Visibroker" von Inprise, vormals Borland, entschieden

Für das Daten-Management setzt RWE Energie relationale Technik ein: "Oracle" vom gleichnamigen Anbieter und "DB2" von IBM. Ein selbstgeschriebener "Data Request Broker" sorgt dafür, daß die Objekte in die Tabellen übertragen und die Tabellen als Objekte interpretiert werden.

Über Schnittstellen läßt sich auch Fremdsoftware integrieren, beispielsweise ein Grafikprogramm oder ein Workflow-Management-System wie das in C++ geschriebene IFS-Produkt "Univoss", das bei RWE Energie zum Einsatz kommen soll. Da die Essener derzeit die R/3-Software von SAP einführen, gibt es selbstverständlich ein Interface zu den Finanzapplikationen des größten deutschen Software-Anbieters - ebenso wie zur Textverarbeitung "Word" von Microsoft.

Daß eine neue Technik Risiken birgt, war dem Informations-Management der RWE Energie bewußt. Scherotzki verweist hier beispielsweise auf den Aufwand, den die Verwaltung der Objekte erfordert, wenn das Unternehmen die Möglichkeiten zur Wiederverwendung nutzen will.

Auch das Laufzeitverhalten des Systems ist nicht unproblematisch. Als Interpreter-Sprache kann Java in puncto Performance nicht mit den Compiler-Sprachen mithalten. Nach Auskunft von Gerhard Dosedal, Abteilungsleiter IT-Grundsätze der IFS GmbH, sorgt bei Cheops jedoch ein "Just-in-time-Compiler" dafür, daß der Code nur einmal, beim Hochfahren des Systems, übersetzt werden muß. Dem fehlenden Versions-Management seien die Cheops-Entwickler dadurch begegnet, daß sie ein Zusatzprodukt - "PVCS" von Intersolv - verwendeten.

Inzwischen ist auch die SAP AG, Walldorf, auf den Bedarf der Versorgungsunternehmen aufmerksam geworden und bastelt an einer "IS-U" genannten Branchenversion ihrer R/3-Software. Ob die RWE Energie heute auf den SAP-Zug springen würde, ist eine müßige Frage. Inzwischen sind die Essener auf ihrem Alternativweg viel zu weit gegangen, als daß sie noch umkehren könnten. Außerdem verweisen sie stolz darauf, daß sie nicht nur neue Funktionen auf alte Technik gepfropft, sondern ein nach heutigem Ermessen sehr zukunftsorientiertes System in Angriff genommen haben.

DIE UMGEBUNG

Die Erbauer von "Cheops" nutzen im wesentlichen folgende Entwicklungswerkzeuge, die sie eigenen Angaben zufolge aber relativ problemlos durch andere ersetzen könnten:

für die Analyse und das Design "Paradigm Plus" von Platinum,

für die Modellierung von Geschäftsobjekten den "Business Modeller" von Visio,

für die Generierung von Java-Klassen einen selbstentwickelten Generator,

für die Implementierung das Java-Toolkit "Café" von Symantec,

für das Versions-Management "PVCS" von Intersolv,

für die Objekt-zu-Objekt-Kommunikation und die damit verbundenen Services den "Visibroker" von Inprise,

für die Datenspeicherung die relationalen Datenbank-Management-Systeme von Oracle und IBM ("DB2"),

für die Übersetzung von Objekten in Tabellen und zurück einen selbstentwickelten Data Request Broker,

für die Workflow-Funktionen das IFS-Produkt "Univoss",

als Entwicklungsplattform Windows NT,

als Zielplattform auch AIX.

Der Entwicklungsprozeß wurde nach DIN EN ISO 9001 zertifiziert.

DAS UNTERNEHMEN

Das ehemalige "Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk" feierte im März dieses Jahres seinen hundertsten Geburtstag. Als Steinkohlekraftwerk auf dem Gelände der Essener Zeche Victoria Mathias gegründet, hat sich das Unternehmen inzwischen zu einem weitverzweigten Konzern mit einem Gesamtumsatz von mehr als 70 Milliarden Mark entwickelt. Die RWE Energie AG ist - neben Mineralöl und Chemie - einer der beiden größten Unternehmensbereiche. Sie trug im vergangenen Jahr über 20 Milliarden Mark zum Gesamtumsatz bei und beschäft derzeit etwa 20000 Mitarbeiter. Ihre Informationstechnik hat sie in zwei eigenverantwortliche, jeweils 500 Mitarbeiter zählende Organisationen ausgegliedert: die RZ-Leistungen einschließlich des Betriebs von Standardsoftware an das Informations-Service-Center (ISC), die Entwicklung der wettbewerbskritischen Anwendungen an die IFS GmbH, Eschborn, ein seit 15 Jahren bestehendes Softwarehaus, das seit acht Jahren zum RWE-Konzen gehört. Sowohl die GmbH als auch das Profit-Center beziehen einen großen Teil ihrer Einnahmen vom Markt. Koordiniert werden die beiden IT-Dienstleister vom 14köpfigen Bereich Informations-Management unter der Leitung von Ulrich Scherotzki. Dessen Wahlspruch: "Wir zahlen maximal den Marktpreis." Den zu ermitteln gehört genauso zu seinen Aufgaben wie die Interessen der Fachbereiche gegenüber der IT zu vertreten. Foto: RWE Energie