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06.10.2000 - 

Unklare Geschäfte mit freier Software

Open Source muss Fähigkeit zu Innovation erst beweisen

MÜNCHEN (ws) - Anhänger von Open Source sehen in freier Software die Zukunft der ganzen Branche. Unklar bleibt dabei allerdings, wie dieses Modell die Innovation vorantreiben kann. Darauf aufbauende Geschäfte bestehen nämlich in erster Linie in der Verwertung von bereits Vorhandenem.

Der Begriff Open Source bezeichnet im Allgemeinen zweierlei, ein Konzept zur Softwareentwicklung und neuerdings auch ein Geschäftsmodell. Die Kombination aus beiden werde in absehbarer Zeit das Business mit Computerprogrammen dominieren - so prognostizierten einige Vordenker freier Software. Im Wesentlichen stützt sich ihr Optimismus auf folgendes Kernargument: Die an kommerzieller Verwertung nicht interessierten Programmierer können sich unbehelligt vom Marketing auf die Entwicklung hochwertiger Software konzentrieren, wobei die frei zugänglichen Quellen der schnellen Fehlerbeseitigung besonders zuträglich sind ("peer review"). Umgekehrt verdienen Open-Source-Firmen nicht an Lizenzen und erheben zur Freude ihrer Kunden den Service zu ihrem Kerngeschäft.

Mit zunehmender Verbreitung freier Software zeigt sich indes, dass sich das Entwicklungs- und Geschäftsmodell von Open Source keineswegs so gut ergänzen. Vielmehr treten die Schattenseiten dieses Ansatzes immer klarer zu Tage: Mangel an Innovation, Business-Modelle mit unklarer Perspektive und stark schwankende Produktqualität.

Wer den Anspruch erhebt, ein neues Paradigma für das Software-Business etablieren zu wollen, muss Auskunft darüber geben, wie das neue Modell den Fortschritt dieser Industrie befördern kann. Kurzum, Open Source muss seine Innovationskraft unter Beweis stellen. Mit Innovation ist hier die Erfindung neuartiger Produkte oder die Erschließung bisher nicht gekannter Anwendungsgebiete gemeint, weniger geht es um originelle Ideen bei der Programmierung.

Eine Bestandsaufnahme der prominenten offenen Projekte zeigt indes, dass sie durchweg schon existierende kommerzielle Software reproduzieren. Das gilt für Linux, dessen Entstehung mit dem Ziel des GNU-Projekts verbunden ist, ein freies Unix zu entwickeln. Aber auch viele der an Linux angelehnten Projekte, die derzeit von sich reden machen, orientieren sich an vorhandener geschlossener Software. Dies gilt insbesondere für die Desktopoberflächen "KDE" und "Gnome", bei denen der Ehrgeiz der Programmierer offenbar darin besteht, die Oberfläche von Windows möglichst getreu nachzubilden. Auch das Grafikprogramm "Gimp" nimmt sich explizit "Adobe Photoshop" zum Vorbild. Weitere solcher Beispiele ließen sich leicht finden.

Nun kann man dagegen einwenden, dass das Open-Source-Modell noch sehr jung ist und man daher noch keine so strengen Maßstäbe anlegen dürfe. Bei den genannten Projekten gehe es darum, erst eine freie Infrastruktur aufzubauen, auf deren Basis dann Innovationen erfolgen könnten. Einiges spricht indes dafür, dass das Prinzip freier Software dem entgegensteht.

Ein bestimmender Faktor für die Eigentümlichkeit quelloffener Software ist die Arbeitsweise und Motivation von freien Teams. Diese wurden bereits von mehreren Autoren hinlänglich beschrieben. Demnach engagieren sich dort meist Leute mit starker technischer Ausrichtung, ihr wichtigster Antrieb ist die Suche nach Anerkennung für guten Code und der Spaß am Programmieren.

Die Entwicklung erfolgt durch einen losen Zusammenschluss der Beteiligten über das Internet, wobei durch frühes und häufiges Freigeben von Programmversionen Anwender als Mitentwickler eingebunden werden. Eric Raymond bezeichnet diese Arbeitsweise in seinem programmatischen Aufsatz als Basar-Stil (Plausible Einwände gegen diese Charakterisierung erhob zuletzt Charles Conell in seinem Artikel "Open Source Projects Manage Themselves? Dream On". http://www.lotus.com/developers/devbase.nsf/articles/doc2000091200).

Aufgrund ihrer Ausrichtung kommt bei freien Projekten dem Schreiben von Code die größte Aufmerksamkeit zu. Traditionelles Software-Engineering erfordert aber vorher die Analyse der Anforderungen - auch die des Marktes - und eine Designphase sowie im Anschluss an die Programmierung Tests und Support. Für die Entstehung von neuartigen Produkten spielt gerade ein aufwändiges Requirement Engineering eine wesentliche Rolle. Es definiert neue Märkte und erfordert häufig große Phantasie, Investitionen und Innovationsfähigkeit (siehe dazu von Niall Murphy "Are Open Source and Innovation Compatible?", http://www.embedded.com/internet/0009/0009ia1.htm). Diese Auseinandersetzung mit den Anforderungen möglicher Kunden ist für freie Projekte jedoch von untergeordneter Bedeutung, da sie kein Verwertungsinteresse verfolgen.

Mit Service und Support zum KommerzDie fehlende kommerzielle Orientierung nehmen die neu entstehenden Open-Source-Firmen zum Anlass, ergänzende Leistung zur Grundlage für ihr Geschäft zu machen. Dabei erfordert es einigen Einfallsreichtum, wenn man Geld mit etwas verdienen will, das nichts kosten darf. In puncto Innovationsfähigkeit von Open Source stellt sich aber hier primär die Frage, welches Geschäftsmodell den Anstoß zu neuartigen Anwendungen geben könnte.

Als Verdienstquelle rund um freie Software werden am häufigsten Service und Support genannt. Freilich handelt es sich dabei nicht um ein genuines Geschäftsmodell für Open Source. Firmen wie Linuxcare, Innominate oder Id-Pro könnten sich genauso als Business-Partner von Lotus oder Microsoft betätigen. In die Linux-Entwicklung sind sie im Vergleich zu proprietärer Software enger eingebunden, weil sie Patches und Erweiterungen, die im Rahmen von Kundenprojekten anfallen, an die Community zurückgeben können. Neuentwicklungen sind aber eher nicht ihre Domäne.

Eine Sonderrolle unter den Dienstleistern nehmen die so genannten Distributoren ein. Dazu zählen Vorzeigeunternehmen des Open-Source-Business wie Red Hat oder Suse. Sie sehen ihre Aufgabe einerseits darin, die rohe Technologie aus Open-Source-Projekten zu einem marktfähigen Produkt zu veredeln. Da sie für freie Software keine Lizenzgebühren einstreichen dürfen, bezahlt der Kunde offiziell für CDs und Handbücher. Faktisch gehorcht der Verkauf von Linux-Distributionen keinen spezifischen Open-Source-Regeln, sondern weitgehend jenen des Lizenzgeschäfts.

In ihrer Funktion, vorhandenen freien Code zu einem Produkt zu kombinieren, betätigen sich die Distributoren als nachträgliche Verwerter von bereits Vorhandenem - eine Rolle also, die nur wenig Spielraum für Innovationen lässt. Robert Young, Gründer und CEO von Red Hat, vergleicht in seinem Aufsatz "How Red Hat Software Stumbled Across a New Economic Model and Helped Improve an Industry" (http://www.oreilly.com/catalog/opensources/book/young.html) seine Company mit einem Autohersteller. Ihre Aufgabe bestehe darin, marktgängige Standardbauteile zu montieren und diese unter einem Markennamen zu vertreiben. Das Betätigungsfeld von Red Hat beschreibt Young als "Commodity Product Business".

Rückstand soll aufgeholt werden

Mittlerweile beschränken sich die großen Distributoren nicht mehr auf die bloße nachträgliche Verwertung bestehenden Codes, sondern schalten sich stärker in Open-Source-Projekte ein. Dabei steht aber nicht die Entwicklung bahnbrechender Konzepte im Vordergrund. Vielmehr geht es Red Hat, Suse & Co. darum, den technischen Rückstand von Linux gegenüber kommerziellen Systemen gezielt wettzumachen. Deshalb stehen die führenden Entwickler von KDE auf ihrer Gehaltsliste, außerdem greifen sie dem Kernel-Team unter die Arme, weil sie bessere Unterstützung für Symmetrisches Multiprocessing (SMP) und Hardware wie den Universal Serial Bus (USB) benötigen. Trotz der Mittel, die Linux-Firmen dafür aufwenden müssen, genießen sie im Vergleich zu Anbietern geschlossener Software den Vorteil, dass sie viel von der Entwicklungsarbeit auf die freien Teams auslagern können.

Neben dem Verkauf von Medien und Dienstleistungen kamen Open-Source-Vordenker noch auf weitere Geschäftsideen. Beispielsweise erörtert der Apache-Mitbegründer Brian Behlendorf in "Open Source as a Business Strategy" (http://www.oreilly.com/catalog/opensources/book/brian.html), wie freie Software den Boden für Anschlussgeschäfte bereiten kann. Dabei empfiehlt er auch ergänzende, aber geschlossene Software, für die Lizenzgebühren erhoben wird. Tatsächlich agieren schon einige Firmen nach diesem Muster, beispielsweise Activestate. Die kanadische Company portiert die freie Scriptsprache Perl auf Windows und trägt so zu ihrer Verbreitung bei. Einnahmen erzielt sie mit kommerziellen Zusatz-Tools wie Debugger oder Programmierumgebungen.

Problematisch erscheint dieser Ansatz nicht nur wegen seiner Widersprüche. Wenn nach Überzeugung von Open-Source-Befürwortern offene Programme aufgrund des freien Entwicklungsmodells überlegen sind, dann sollte ein darauf aufbauendes Geschäft nicht davon abhängen, dass es als minder erachtete geschlossene Software unter die Leute bringt. Schwerer wiegt indes, dass dieses Modell dazu führt, Innovationen als proprietäre Zusatzprodukte zu verkaufen. Der Anreiz dafür geht allerdings vom Open-Source-Konzept selbst aus. Wer eine pfiffige Idee unter Einsatz von Geld und Arbeit verwirklicht und dabei den Quellcode für ein solches Produkt veröffentlicht, gibt seinen Entwicklungsvorsprung gegenüber der Konkurrenz aus der Hand. Diese Einschätzung spiegelt nicht das Unverständnis kommerzieller Anbieter für Open Source wider, sondern stimmt mit den Überlegungen von Eric Raymond überein. Dieser stellt in "The Magic Cauldron" (http://www.tuxedo.org/esr/writings/magic-cauldron/magic-cauldron.html) Kriterien zusammen, die bei der Entscheidung helfen sollen, ob ein Programm nur in binärer Form verkauft oder als Open Source freigegeben wird. Dabei vertritt er die Auffassung, ein neuartiges Produkt so lange geschlossen zu halten, bis die Konkurrenz den Vorsprung aufgeholt hat. Danach kann die Freigabe der Quellen zusätzliche Einnahmen erschließen. Für eine Fallstudie zieht er das erfolgreiche Computerspiel "Doom" heran. Es liegt auf der Hand, dass bei diesem Vorgehen wieder nur in den frei verfügbaren Softwarefundus eingeht, was ohnehin schon gängiges Wissen ist.

Solche großzügig aussehenden Freigaben von zuvor kommerziellen Programmen sind obendrein häufig von zweifelhaftem Charakter. Bei genauerem Hinsehen stellt sich heraus, dass ihnen kein Erfolg beschieden war, der Markt für sie verloren ging oder der Code von schlechter Qualität ist. Unter diese Kategorie fallen eine Reihe von Produkten, die in letzter Zeit unter eine Open-Source-Lizenz gestellt wurden. Als Beispiele seien "Star Office", der "Netscape Navigator", die Borland-Datenbank "Interbase" oder der "Watcom C Compiler" von Sybase genannt. Unklar ist in diesen Fällen oft, welche Geschäftsstrategie diese Firmen damit verfolgen.

Mit etwas Böswilligkeit könnte man unterstellen, dass auf diese Weise versucht wird, mit einem unverkäuflichen Produkt zumindest noch Serviceeinnahmen zu erzielen und den Wettbewerb zu ärgern. Im Fall von Star Office scheint es Sun darum zu gehen, durch Quersubventionierung aus dem Hardwaregeschäft Microsoft zu schaden - immerhin finanziert Scott McNealy auch weiterhin die 200 in Hamburg ansässigen Programmierer. Wesentlich transparenter sind die Geschäftsinteressen, die Hardwarehersteller mit Open Source verbinden. Umsätze und Gewinne sollen dort primär durch den Verkauf der Geräte erzielt werden. Aus Sicht dieser Anbieter ist Software, besonders natürlich das Betriebssystem, eine notwendige Zugabe. Besonders das OS schlägt für sie als unangenehmer Kostenfaktor zu Buche, weil dieser Markt weitgehend durch die Monopolstellung Microsofts bestimmt ist.

Unter diesen Voraussetzungen kommt für solche Firmen, allen voran die IBM, Linux wie gerufen: Es ist kostenlos, lässt sich wegen der frei zugänglichen Quellen uneingeschränkt auf andere Plattformen portieren und erfreut sich großer Popularität. Das spart Lizenzgebühren, Entwicklungs- sowie Marketing-Kosten und stellt für die unterschiedlichen Maschinen eine einheitliche Anwendungsplattform bereit. Diesem Modell können auch die Analysten etwas abgewinnen, was sich beispielsweise in der zuletzt positiven Kursentwicklung der Aktie von VA Linux, ebenfalls ein Hardwareanbieter, niederschlägt.

Als Taktgeber in Frage gestellt

Aufgrund ihrer Interessenlage werden sich derartige Firmen wohl kaum als die Speerspitze des Fortschritts bemerkbar machen. Sobald übrigens IBM die Perspektive des Softwareanbieters einnimmt, spielt Open Source eine untergeordnete Rolle: Sämtliche Linux-Portierungen der hauseigenen Middleware bleiben geschlossene Programme.

Zum Schluss kann man vielleicht die Prognose wagen, dass Open Source die Softwaretechnik für Commodity-Anwendungen, besonders im Bereich der Infrastruktur, zum Allgemeingut macht. Unklar indes bleibt, wie dieses Modell das Softwaregeschäft bestimmen und Taktgeber für Innovationen werden soll.

Das Geschäft mit den Schachteln

Trotz ihrer Ausrichtung auf Service und Support nehmen Linux-Distributoren das meiste Geld nicht damit ein, sondern über den Verkauf von CDs und Handbüchern. Bei Suse machte dieser Geschäftszweig 1999 noch rund 70 Prozent des Gesamtumsatzes aus, bei Red Hat entspringt daraus rund die Hälfte der Einnahmen. Dieses Business lehnt sich eng an das herkömmliche Lizenzgeschäft an. Rein formal erheben die Firmen mit dem Verkauf der Softwarepakete keine Lizenzgebühren, sondern verlangen einen Preis für die verkauften Medien. Deswegen darf der Käufer, anders als bei geschlossener Software, eine Linux-CD zur Installation auf beliebig vielen Rechnern einsetzen. In der Praxis sind Linux-Distributoren natürlich bestrebt, möglichst für jeden PC, auf dem Linux installiert wird, auch ein Paket zu verkaufen. Im wichtigen Markt für Privatanwender besteht ohnehin kaum das Risiko, dass für zahlreiche PCs bloß eine Linux-CD erworben wird. Verlorenen Einnahmen durch das legale Vervielfältigen und Weitergeben der Medien stehen bei Anbietern geschlossener Software die Raubkopien gegenüber. Unternehmen hingegen setzen Linux fast ausschließlich auf dem Server ein, so dass auch hier kein großes Missverhältnis zwischen der Anzahl verkaufter Pakete und den damit installierten Rechnern zu befürchten ist.

Am deutlichsten sichtbar wird die Annäherung an das herkömmliche Geschäft mit Softwarelizenzen bei den OEM-Verträgen. Suse und Red Hat rechnen mit den Hardwareherstellern pro PC ab. Da ja keine Lizenzgebühr erhoben wird, liegt jedem Computer mit vorinstalliertem Linux konsequenterweise ein Paket mit CD und Handbuch bei.

Unterschiede gibt es, abhängig vom Geschäftsmodell, wenn es um die vom Distributor selbst entwickelten Programme geht. Für Red Hat hat die große Verbreitung seiner Linux-Variante Vorrang, weil das Unternehmen auf vermehrte Folgegeschäfte hofft. Deshalb gibt die Firma alle ihre Tools frei und erlaubt damit zahlreiche Red-Hat-Abkömmlinge, die sich häufig nur durch die Verpackung vom Original unterscheiden. Suse hingegen liefert sein Installationsprogramm "Yast" nur in binärer Form aus und erlaubt ausschließlich seine kostenlose Weitergabe. Damit räumt das Nürnberger Unternehmen seinem Geschäft mit CDs und Handbüchern einen höheren Stellenwert ein.