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30.10.2006

Oracle greift Red Hats Kerngeschäft an

Der Distributor warnt vor einer Zersplitterung von Linux.

Auf der "Oracleworld" hat Firmenchef Lawrence Ellison angekündigt, ein eigenes Linux auf der Basis von Red Hat Enterprise Linux herausgeben zu wollen und den Support für beide Varianten 50 Prozent billiger anzubieten als der Distributor. Demnach beginnen die Preise für Oracles Linux-Support bei 99 Dollar pro Jahr für die Basisvariante mit Zugang zu den Bugfixes auf der Oracle-Site. Enterprise-Support kostet jährlich für einen Zwei-Wege-Server 399 Dollar und 999 Dollar für größere Maschinen. Wer außerdem rückportierte Bugfixes will, der zahlt für die teuerste Option 1199 Dollar beim Zwei-Wege-Server oder 1999 für beliebig viele CPUs in einer Maschine.

Wer hat noch nicht?

Ellison zufolge können nicht nur Betreiber von Oracle-Anwendungen auf Red-Hat-Grundlage das Angebot nutzen, sondern im Prinzip jede Firma, die aktuelle oder frühere Versionen von Red Hat Linux einsetzt. Für Neuanwender halbieren sich (bis Januar 2007) die Preise als Einführungsangebot sogar nochmals.

Sollten viele Anwender das Oracle-Angebot annehmen, wäre Red Hats hochprofitables Supportgeschäft in Gefahr. Mit dem "Red Hat Network" macht der Distributor schätzungsweise zwei Drittel seines Umsatzes. Prompt reagierte die Börse: Goldman Sachs, die Deutsche Bank, Credit Suisse, JMP Securities und Sun Trust Robinson senkten die Kursziele für Red Hat. Der Kurs der Aktie fiel sofort um 16 Prozent, zeitweilig sogar um ein Viertel.

Ellison und sein Chief Corporate Architect, Edward Screven, begründeten die Erweiterung des Oracle-Angebots "Unbreakable Linux" damit, Linux-Distributoren lieferten Fehlerbehebungen "häufig" nicht schnell genug, sondern erst mit der nächsten Hauptversion. Oracle hingegen werde umgehend den Linux-Code verändern. Die Kritik ist angesichts des schnellen und ausgefeilten Patch-Managements großer Distributoren allerdings fragwürdig. Immerhin bot sie Red Hat Gelegenheit zu einer massiven Retourkutsche.

"Oracle hat erklärt, unabhängig von Red Hat den Code zu verändern", schreibt der Distributor auf seiner Website in einem Dokument unter dem bezeichnenden Titel "Unfakeable Linux". "Diese Modifikationen werden nicht durch Red Hats Hardware-Testing- und -Zertifizierungsprozess überprüft sein und können unerwartetes Systemverhalten zur Folge haben. Red Hats Hardwarezertifizierungen werden dafür nicht gelten." Die von Oracle angekündigten Codeveränderungen würden "auf eine andere Codebasis als Red Hat Enterprise Linux" hinauslaufen. "Dieses Derivat wird nicht Red Hat Enterprise Linux sein. Die Anwender werden keine Sicherheit haben, dass dieses Derivat mit dem Red Hat Enterprise Linux kompatibel ist." Damit spricht der Distributor die Gefahr eines Forking (Aufspaltung in verschiedene Entwicklungslinien) und weiterer Inkompatibilitäten zwischen Linux-Distributionen an.

Die Spaltung ist absehbar

Wenn Oracle, wie angekündigt, jeweils die Sicherheits-Updates von Red Hat nachvollziehen wolle, müsste der Herausforderer immer mit einem Zeitverzug gegenüber dem Original kämpfen. Oracle könne nicht für Kompatibilität diverser Anwendungsschnittstellen von Red Hat garantieren. Und schließlich erstrecke sich das Angebot des Datenbankspezialisten nicht auf die bei Red Hat gleich mit abgedeckten Produkte wie den Application Stack, die Cluster Suite, den Directory Server und die Middleware der zugekauften Jboss.

Unerwartete Unterstützung bekam Red Hat von Dave Dargo, Cheftechniker und Senior Vice President Strategy von Ingres, der in seinem Blog das Oracle-Angebot als "Bullshit" abkanzelte. Dargo machte die Rechnung auf, dass eine Oracle-Datenbank ohne besondere Optionen, aber einschließlich Support und Lizenz auf einer Vier-Wege-Maschine mit Red Hat Enterprise Linux samt Support vom Distributor im ersten Jahr 197 699 Dollar kostet. Komme der Linux-Support von Oracle, wären es 197199 Dollar. Dargo: "Eine überzeugende Einsparung von 0,25 Prozent."

Dargo erinnert daran, dass Red Hat bei Umfragen der Publikation "CIO Insight" unter CIOs in den Jahren 2004 und 2005 zum besten Anbieter gewählt wurde. "Wo steht Oracle? Gute Frage! Auf Platz 39 beziehungsweise 41." Er sei besonders neugierig, "warum Oracles erstes echtes Support-Netzwerk einem Fremdprodukt gilt", legt der Ingres-Manager den Finger in die Wunde. "Wo sind das Oracle-Datenbank- und das Applikations-Netzwerk sowie das Peoplesoft- und das Siebel-Netzwerk? Wo sind die Infrastruktur-Support-Netzwerke für Oracles eigene Produkte, um automatisch Fehlerkorrekturen, Patches und Alarme zu verteilen? Es ist erstaunlich, dass sie alles für nur 399 Dollar für ein Wettbewerbsprodukt leisten können, nicht aber für ihr eigenes 200 000-Dollar-Produkt."

Das Manöver von Oracle hält Dargo für "eine eher emotionale Reaktion auf die Marktkapitalisierung von Red Hat als eine profunde Geschäftsentscheidung". Viele Marktbeobachter sehen in dem Oracle-Angebot eine Vorbereitung zur Red-Hat-Übernahme. Im letzten Sommer war der Distributor mit einem Aktiengesamtwert von 5,7 Milliarden Dollar Oracle noch zu teuer. Vor der neuen Attacke war Red Hat noch 3,7 Milliarden Dollar wert. Ellisons Rede vernichtete mehr als eine Milliarde Dollar. Mit dem Kurssturz fiel der Red-Hat-Wert auf 2,6 Milliarden Dollar.

Inzwischen wird das Ellison-Manöver auf Seiten der IT-Anbieter heftig diskutiert. IBM hat die sonst übliche Zurückhaltung aufgegeben. Wenn Oracle eine Spaltung von Linux einleitet, entstehe eine gefährliche Entwicklung, erklärte Kristof Kloeckner, Entwicklungs- und Strategiechef der IBM-Softwareabteilung. "Dies müssen wir mit Sicherheit sehr aufmerksam verfolgen." (ls)