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27.03.2007

Oracle nimmt SAP aufs Korn

Mit dem Vorwurf der Industriespionage hat Oracle-Boss Larry Ellison SAP erneut den Kampf angesagt. Die Walldorfer bleiben zumindest vordergründig gelassen.

SAP hat sich systematisch illegalen Zugang zum Kundenbetreuungssystem von Oracle verschafft", heißt es in der Klageschrift, die Oracle am 22. März vor einem Bezirksgericht in San Francisco eingereicht hat. Auf diese Weise seien tausende eigentums- und urheberrechtlich geschützte Softwareprodukte sowie anderes vertrauliches Material gestohlen worden.

Eine gepflegte Feindschaft

Oracle und SAP pflegen seit Jahren eine Rivalität, die weit über den üblichen Wettbewerb hinausgeht. Begonnen hatte alles 1996. Damals zeigte SAP-Gründer Hasso Plattner seinem Rivalen Ellison anlässlich einer Segelregatta auf hoher See den blanken Hintern. Ellisons Version zufolge habe Plattner ihn verhöhnen wollen. Der SAP-Gründer behauptet hingegen, Ellison sei seiner Yacht trotz eines Mastbruchs nicht zu Hilfe gekommen, sondern habe stattdessen das Boot mehrmals umrundet und hilflos im Wasser treibend gefilmt. Mit dem zunehmenden Engagement Oracles im Applikationsgeschäft wuchs auch die Rivalität beider Softwarefirmen:

• Dezember 2004: Oracle bricht nach eineinhalb Jahren den Widerstand der Peoplesoft-Verantwortlichen und übernimmt den Konkurrenten.

• Januar 2005: SAP kauft Tomorrow Now und will mit dem Safe-Passage-Programm Oracles Peoplesoft-Kunden zum Umstieg auf die eigenen Produkte bewegen.

• April 2005: Oracle schnappt SAP mit Retek einen Spezialisten für Handelsapplikationen vor der Nase weg. SAP lässt sich nicht auf eine Bieterschlacht ein.

• Mai 2005: SAP sucht mit IBM den Schulterschluss. IBM bringt eine für R/3 und Mysap optimierte DB2-Datenbank.

Oracle beginnt seine Initiative "Off SAP". Mit lukrativen Finanzierungsofferten sollen der SAP Kunden abspenstig gemacht werden.

• Juni 2005: SAP prahlt damit, zahlreiche Topmanager von Oracle abgeworben zu haben.

• Mai 2006: Oracle will gemeinsam mit seinem indischen Partner Systime Support für SAP-Lösungen anbieten.

• Oktober 2005: SAP weitet das Safe-Passage-Programm auf Siebel-Kunden aus.

• Oktober 2006: SAP verspäte sich mit neuen Produkten, höhnt Ellison. Oracles nächste Produktgeneration existiere bislang nur auf Folien, kontert SAP.

• März 2007: Oracle verklagt SAP wegen Industriespionage.

Ellison sucht Anschluss

"Wir haben eine gute Chance, SAP im Anwendungsgeschäft abzufangen und zu überholen", tönte Oracle-Boss Lawrence Ellison bei der Bekanntgabe der jüngsten Quartalszahlen und nahm damit auch diese Gelegenheit wahr, um gegen den Konkurrenten zu schießen. Angetrieben durch eine beispiellose Einkaufstour, für die Ellison bislang mehr als 23 Milliarden Dollar zum Kauf von rund 30 Firmen lockermachte, steigerte der Konzern im Ende Februar abgeschlossenen dritten Fiskalquartal seinen Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um 27 Prozent auf 4,4 Milliarden Dollar. Der Gewinn verbesserte sich um 35 Prozent auf rund eine Milliarde Dollar. Ellison hob vor allem das um 57 Prozent auf 423 Millionen Dollar gewachsene Lizenzgeschäft mit Business-Applikationen hervor. SAP habe zuletzt nur um sieben Prozent zulegen können.

Um zu SAP aufzuschließen, wird sich Ellison allerdings noch die eine oder andere Company zulegen müssen. SAP verbuchte im zugegebenermaßen traditionell starken vierten Quartal Lizenzeinnahmen in Höhe von 1,68 Milliarden Dollar - fast viermal so viel wie Oracle.

Mehr zum Thema

www.computerwoche.de/

590433: SAP verliert Heimspiel gegen Oracle;

590422: SAP will sich gegen Oracle zur Wehr setzen;

590381: Walldorfer Raubkopierer: SAP schweigt, Aktie fällt;

590367: Oracle klagt: SAP hat uns bestohlen.

Bemerkt haben die Oracle-Verantwortlichen den Diebstahl angeblich durch ungewöhnliche Download-Aktivitäten zwischen November 2006 und Januar 2007 auf der Passwort-geschützten Support-Website für die von Oracle zugekauften Produktlinien von Peoplesoft und J.D. Edwards. Unter Einsatz von Login-Daten von Oracle-Kunden, deren Supportrechte bereits abgelaufen waren beziehungsweise kurz davor standen, seien binnen kürzester Zeit riesige Software-Bibliotheken heruntergeladen worden. Über die IP-Adresse sei es gelungen, die Aktivitäten bis nach Bryan, Texas, zurückzuverfolgen, dem Hauptquartier von SAP America und der hundertprozentigen SAP-Tochter Tomorrow Now.

Lockrufe der SAP

SAP hatte den Dienstleister Tomorrow Now Anfang 2005 gekauft, nachdem es Oracle nach einer 18-monatigen Übernahmeschlacht gelungen war, Peoplesoft inklusive J.D. Edwards zu übernehmen. Tomorrow Now bot schon zum damaligen Zeitpunkt Support- und Wartungsservices rund um Software von Peoplesoft und J.D. Edwards an. Mit der Akquisition und deutlich geringeren Wartungsgebühren als bei Oracle sollte versucht werden, verunsicherte Peoplesoft-Anwender auf die SAP-Seite zu ziehen, so das Kalkül des badischen Softwarekonzerns.

Neben dem Service für die Konkurrenzprodukte riefen die Waldorfer mit "Safe Passage" ein Programm ins Leben, um umstiegswillige Oracle-Kunden ins SAP-Lager zu locken. Die Anrechnung von Investitionen in Oracle-Software sowie lukrative Finanzierungsangebote sollten den Anwendern die Migration auf SAP-Produkte schmackhaft machen.

Ellison klagt an

Im Zuge von Oracles Einkaufstour durch den Markt der globalen Softwareanbieter bauten auch die SAP-Verantwortlichen das Tomorrow-Now-Portfolio kontinuierlich aus. So bieten die Texaner heute auch Services für die von Oracle übernommenen Anwendungen von Retek und Siebel.

"Das gestohlene geistige Eigentum erlaubt es SAP, günstigere Supportdienste für Kunden anzubieten, die Oracle-Software nutzen, sowie zu versuchen, sie für die SAP-Anwendungsplattform zu gewinnen", klagen nun die Oracle-Verantwortlichen den Erzrivalen an. In der Vergangenheit hatte der US-Anbieter immer so getan, als prallten die Abwerbeversuche wirkungslos ab. Man kenne keine Kunden, die sich darauf einlassen würden, hieß es immer wieder. Außerdem erhielten die eigenen Kunden mit dem Wartungsvertrag wesentlich mehr als nur Support. Inbegriffen seien beispielsweise neue Softwareversionen. Firmen müssten sich daher überlegen, worauf sie sich mit SAP einließen.

Die SAP-Verantwortlichen verweisen dagegen auf den Erfolg ihres Safe-Passage-Programms. 485 Kunden habe man dem Konkurrenten bereits abspenstig machen können, betonte SAP-Vorstand Leo Apotheker. Tomorrow Now berichtete Anfang Februar, dass mittlerweile 280 Firmennamen auf der eigenen Kundenliste ständen.

Kunden bleiben treu

Angesichts dieser Zahlen bleibt der Erfolg der SAP-Initiative allerdings überschaubar. Die Walldorfer bedienen eigenen Angaben zufolge rund 38 000 Anwenderunternehmen mit Software; Oracles Kundenliste zählt inklusive Datenbank- und Middleware-Geschäft über 250000 Firmennamen. Die Oracle-Verantwortlichen, die den SAP-Vorstoß mit einem eigenen Programm "Off SAP" gekontert hatten, schweigen sich über die Nutzerzahlen der Initiative aus. Experten hatten in der Vergangenheit wiederholt Zweifel an den Erfolgsaussichten der Abwerbeaktionen angemeldet. Zwar seien die Supportangebote geeignet, um quasi stillgelegte Applikationen am Laufen zu halten. Wer jedoch auf Updates und neue Versionen angewiesen sei, komme nicht umhin, seine Wartung vom Softwarehersteller selbst zu beziehen.

Trotzdem arbeitet SAP offenbar daran, sein Safe-Passage-Programm auszubauen. Im Spätsommer vergangenen Jahres hatte SAPs US-Chef Bill McDermott eine nächste Ausbaustufe der Initiative angekündigt. "Es ist unser Job, an die Oracle-Kunden heranzutreten und sie wissen zu lassen, dass es eine Alternative gibt." Bislang schweigen sich die SAP-Verantwortlichen allerdings über die Details des Ausbauprogramms aus. 2006 hieß es lediglich, es werde neben finanziellen Vergünstigungen auch Werkzeuge geben, um die Migration von Oracle auf SAP zu vereinfachen. Darüber hinaus denke man ständig über Zusatzservices für weitere Softwareprodukte der Konkurrenz nach, verlautete aus Walldorf.

Doch um an diese Werkzeuge zu kommen, ist SAP aus Sicht der Oracle-Verantwortlichen einen Schritt zu weit gegangen. Vor dem kalifornischen Bezirksgericht klagt der US-Konzern nun auf Unterlassung, die Vernichtung des Diebesguts und Schadensersatz in bislang nicht genannter Höhe. Die SAP-Verantwortlichen wollen die Vorgänge bis dato nicht weiter kommentieren, kündigten aber an, sich aggressiv gegen die von Oracle aufgestellten Behauptungen zur Wehr zu setzen. "Wir versichern unseren Kunden, Investoren, Mitarbeitern und Partnern, dass sich SAP nachdrücklich gegen die Vorwürfe von Oracle wehren wird. Wir werden uns weiterhin darauf konzentrieren, Produkte und Dienstleistungen zu liefern, die zum Erfolg unserer Kunden beitragen. Das gilt ebenso für Tomorrow Now."

Oracle nimmt Ärger in Kauf

Wie der Streit ausgeht, ist derzeit nicht abzusehen. Aus Sicht der Analysten bedeutet die Klage jedoch einen weiteren Höhepunkt in der seit vielen Jahren von beiden Seiten gepflegten Feindschaft. Dass die Oracle-Verantwortlichen dabei auch Ärger in Kauf nehmen wollen, zeige die Tatsache, dass der Konzern die Namen der Firmen veröffentlicht, über die die angeblich illegalen Zugriffe erfolgt seien, kommentiert Bruce Richardson, Analyst von AMR Research. Diese Unternehmen dürften angesichts der unerwarteten Publicity und der Verstrickung in einen Betrugsprozess kaum erfreut sein.

Aus Sicht von David Mitchell, Softwareexperte des Marktforschungsunternehmens Ovum, zeigt die Klage, welcher Druck auf den beteiligten Unternehmen lastet. Supportleistungen brächten den Herstellern die höchsten Margen im Softwaregeschäft. "Die Anbieter werden alles tun, um dieses profitable Geschäft zu schützen." Darüber hinaus arbeiteten die Softwarehersteller daran, ihre Services weitgehend zu automatisieren und reproduzierbar zu machen.

Servicemargen unter Druck

Anwender forderten zunehmend höhere Qualität zu geringeren Preisen. Um ihre Margen zu halten, müssten die Anbieter ihre Services effizienter erbringen. "Die Grenze zwischen Know-how und geistigem Eigentum ist dabei jedoch kaum exakt zu ziehen", resümiert der Analyst.

Anwender müssten sich jedoch vorerst keine Sorgen machen, beruhigt Mitchell die Kunden. Oracle klage nicht darauf, dass der Einsatz von SAP-Produkten Intellectual-Property-Rechte (IP) verletze. Was die Services betrifft, sehe dies zwar anders aus. Die Oracle-Verantwortlichen täten jedoch gut daran, klarzustellen, dass die Kampfansage nur SAP gelte und nicht den Anwendern.

Oracle müsse aufpassen, dass sich die Klage nicht zum Bumerang entwickelt, warnt Andreas Chatziantoniou, Berater von Accenture. Mit dem Gerangel vor Gericht könnte der Eindruck entstehen, der Hersteller kümmere sich weniger um seine Kunden und deren Bedürfnisse. Sollte sich das Ganze zu einer regelrechten Schlammschlacht entwickeln, würden sich die Kunden noch Jahre danach an die schlechte Publicity erinnern.

Mervyn Adrian, Analyst von Forrester Research, glaubt jedoch nicht, dass es so weit kommt. Die ganze Geschichte könnte sich seiner Meinung nach zu einem Sturm im Wasserglas entwickeln. Es sei kaum vorstellbar, dass SAP sein Geschäft auf ergaunerten Informationen aufbaue. Man müsse genau unterscheiden, ob es sich um das Vorgehen einzelner Manager oder eine regelrechte Unternehmensstrategie handle. (ba/fn)