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17.08.1990 - 

Antragswesen der Bundespost verzögert rasche Antennen-Installation

Orbitale Ersatzlösung hilft Reemtsma aus der TK-Not

HAMBURG - Kopfzerbrechen bereitet zur Zeit den IS-Managern hüben wie drüben die ostdeutsche Telekommunikations-Infrastruktur. Viele westdeutsche Unternehmen, die DDR-Betriebe gekauft haben oder mit ihnen kooperieren, können ihre Datenübertragung nur mit "steinzeitlichen" Methoden, sprich: dem Boten oder Telefon, abwickeln. Einen anderen Weg hat die Reemtsma GmbH eingeschlagen: Sie überbrückt die Hindernisse mit Hilfe des privaten Carriers Info AG via Satellit.

Eine hohe Auslastung ihrer Telefonzellen entlang der Grenze zur DDR erzielt derzeit die Deutsche Bundespost. DDR-Bürger frequentieren die Telefonhäuschen jenseits der früheren Demarkationslinie, weil sie in vielen Fällen die einzige Möglichkeit bieten, rasch mit der westlichen Welt Kontakt aufzunehmen.

Privatpersonen wie auch die Wirtschaft haben jetzt die Mißstände der TK-Infrastruktur im anderen Deutschland auszubaden, die durch die eigennützige Politik des ehemaligen SED-Regimes heraufbeschworen wurden. Honecker und Co. ließen nämlich die Gewinne der Deutschen Post per Zwangsdekret in ihr Stasi-Netz investieren und verhinderten so den Aufbau funktionierender TK-Systeme für die gesamte Industrie und Bevölkerung.

Kommunikation nur über Telefonzellen möglich

Bis vor wenigen Wochen fuhr täglich - auch mehrmals - ein Vertreter der Zigarettenfabrik Nortak an die nahe deutsch-deutsche Grenze, um Produktionsdaten und weitere Informationen telefonisch nach Hamburg durchzugeben. In der Hansestadt hat die Reemtsma GmbH Deutschland ihren Sitz, deren 100prozentige Tochter die Nortak GmbH seit Anfang August ist.

Selbst die Nortak, die schon vor der Wende in der DDR wegen ihrer Produktionszahlen zu den renommierteren Unternehmen zählte, besaß außer einer 200-Baud-DFÜ-Leitung zu den Kombinaten in Dresden und Berlin keine weiteren nennenswerten TK-Kapazitäten. In dem Nordhausener Werk, das dem Kombinat Tabak angehörte, wurden bis vor einem Jahr mit 1050 Beschäftigten rund 40 Prozent der gesamten in der DDR verkauften Zigarettenmenge sowie bis zu 23 Sorten für das westliche Ausland produziert. In Spitzenzeiten bedeutete das einen täglichen Ausstoß von 42 bis 44 Millionen Zigaretten.

"Natürlich können Unternehmen dieser Größe ihre Zusammenarbeit auf Dauer nicht über

eine Telefonzelle organisieren", erklärt Roland Salzer, Leiter Organisation und Rechenzentrum der Nortak, den Grund, warum sich die Reemtsma-Verantwortlichen rasch nach einer anderen Lösung umsahen. Da terrestrische Leitungen weder bei der Deutschen Bundespost Telekom noch bei der Deutschen Post zu bekommen waren, blieb Karl-Ernst Deusch, Leiter Informationssysteme, und seinem Kollegen Uwe Carstensen, Leiter Rechenzentrum der Reemtsma GmbH, nur die Möglichkeit der orbitalen Ausweichroute.

Aktuelle Daten liefert nur das Satellitensystem

Da die Zeit drängte, wurden sie rasch mit der Hamburger Info AG, handelseinig. Die Hanseaten offerierten zu diesem Zeitpunkt als erster Anbieter in der Bundesrepublik Datenübertragung via Satellit als Ersatz für fehlende terrestrische Leitungen. "Der Vorteil dieser Kommunikation ist", so wirbt Hans Joachim Schulthoff, Mitglied des Vorstands der Info AG, "daß durch die Installation von Antennen auch die entferntesten Plätze in der DDR erreicht werden können, wo es vermutlich auch in fünf Jahren noch keine terrestrische Infrastruktur geben wird."

Solch entlegene Punkte stellen im Falle Reetsma die Auslieferungsläger dar, die ebenso wie das Werk in Nordhausen mit Satellitenschüsseln ausgestattet werden. Besonders wegen ihrer Lage in der Provinz der DDR habe man sich, so Deusch, für die Weltraumlösung entschieden.

Für den Hamburger Zigarettenkonzern steht nämlich ein Aspekt absolut im Vordergrund: Reemtsma hat sein System auf Bestandsminimierung abgestellt und ist deshalb an tagesaktuellen Daten der Werke, Läger und Vertreter interessiert. Die Einbindung der DDR in dieses Konzept läßt sich nach Ansicht des IS-Managers derzeit nur über die orbitale Komponente realisieren.

Antennen dienen nur als Übergangslösung

Deusch rechtfertigt die im Vergleich zur Bodenübertragung teurere in der DDR kurzfristig disponieren müsse, weil weder die Entwicklung des Geschäfts voraussehbar sei noch Erfahrungswerte - im Gegensatz zur Bundesrepublik - vorlägen. Der Leiter Informationssysteme: "Es stellt sich die Frage, was teurer ist: ein paar Millionen veraltete Zigaretten aus einem in der DDR angelegten Sicherheitsbestand zu vernichten oder Antennen zu installieren."

Ob die Satellitenverbindung eine Notlösung bleibt oder zur festen Institution wird, hängt für den TK-Experten von der Kostenentwicklung ab. Er rechnet jedoch damit, daß Reemtsma, sobald es die terrestrische Infrastruktur in der DDR zuläßt, auf Standleitungen umsteigt.

Diese Lösung dürfte dann vermutlich immer noch preisgünstiger sein, obwohl bei der Info AG schon ab 1. Januar 1991 deutlich günstigere Tarifbedingungen in Kraft treten.

Der private Anbieter in Hamburg wird seinen Kunden jedenfalls keine Steine in den Weg legen, sollte vor Ablauf des Drei-Jahres-Vertrags eine Bodenanbindung möglich sein. Schulthoff: "Es ist nicht unser Stil, den Kunden drei Jahre lang für etwas Gebühren zahlen zu lassen das er nicht nutzen kann." Das Vorstandsmitglied deutete an, daß die Verträge umgelegt werden könnten, da die Info AG in der DDR mindestens 14 X.25 -Netzknoten installieren wolle. In Ostberlin sei der Knoten schon vorhanden, in Dresden werde in Kürze ein weiterer folgen.

Kritik übte der Info-Manager an der Deutschen Bundespost. Die Installation der Antennen könnte wesentlich schneller erfolgen, gäbe es nicht den Engpaß im Antragswesen des gelben Riesen. "Es dauert mindestens vier bis sechs Wochen", bemängelt Schulthoff, "bis die Genehmigung vorliegt." Außerdem sei es ein Problem, daß die Post nur Anträge mit genauer postalischer Anschrift bearbeite, viele Kunden zum Zeitpunkt der Antragstellung in der DDR aber noch auf der Suche nach Gebäuden seien.

Die Wartezeit zwischen Vertragsabschluß Anfang Juni und der Installation der Antenne Ende Juli nutzten die Verantwortlichen zur Schulung der Nortak-Crew in Sachen Auftragsbearbeitung. Zu diesem Zweck wurden im nahen Bad Sachsa auf bundesdeutschem Gebiet kurzfristig Räume angemietet und das Equipment an eine Telefon-Wählleitung angeschlossen.

Unterdessen ist die Antenne auf dem Dach des Werks in Nordhausen angebracht und der angeschlossene Rechner in Betrieb gegangen. In der "Rechenstation", so die frühere Kombinatsbezeichnung für das Rechenzentrum, nimmt sich die neue Technik in Gesellschaft der wenigen DDR-Rechner noch wie ein Produkt von einem fremden Stern aus. Roland Salzer, bisher als RZ-Leiter für fünf PCs und das Prunkstück der Nortak, die zentrale Rechenanlage Robotron 4201 mit 32 000 Speicherplätzen, Lochbandtechnik und Magnetbandeinheiten, verantwortlich, weiß zwar, daß diese Geräte unter heutigen technischen Maßstäben nur historischen Stellen wert besitzen, für die Verhältnisse in der DDR vor der Wende aber einen hohen Standard bedeuteten.

Zentralrechner übernimmt die Planungssteuerung

"Natürlich wären wir in der Lage gewesen, mehr Rechner zum Einsatz zu bringen", erklärt Salzer, "aber sie waren nur schwer zu beschaffen. Manchmal gab es nicht einmal das Kabel, um einen Drucker an den Rechner anzuschließen." Mit Problemen dieser Art wird der RZ-Leiter in Zukunft weniger zu kämpfen haben. Er steht jetzt vor der Aufgabe, das gesamte Informations- und Verwaltungssystem auf Vordermann zu bringen, will die Nortak im Wettbewerb bestehen.

Angst vor der Zukunft hat Salzer nicht. Durch den Anschluß des Werks an das zentrale SAP-System in Hamburg habe die Nortak gegenüber anderen Betrieben in der DDR den Vorteil einer festen Grundlage. "Durch diese Voraussetzung sparen wir bei der Rationalisierung unserer Verwaltungsarbeit und der Umstellung unseres Informationssystems bis zu 70 Prozent des eigentlich erforderlichen Aufwands ein." Anwendungen wie Finanzbuchhaltung, Materialwirtschaft sowie Produktions- und Planungssteuerung werden also künftig vom Hamburger Zentralrechner aus gesteuert.

Wie schnell der Organisator den Prinzipien der sozialistischen Planwirtschaft ade gesagt hat, beweist sein Ehrgeiz: "Wir wollen möglichst kurz Hemmschuh im Hause Reemtsma sein und schnell das Niveau der Werke in Berlin und Langenhagen erreichen ."

Die tägliche Produktion von 44 Millionen Zigaretten wie in alten Zeiten ist vorerst jedoch in weite Ferne gerückt, denn derzeit wird der Maschinenpark auf modernste Technik umgerüstet.