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15.05.1987 - 

Offerten der SW-Anbieter erwecken oft unrealistische Erwartungen:

Organisatorisches Umfeld bestimmt PPS-Erfolg

Die Probleme der Fertigungsorganisation werden nicht allein durch den Einsatz moderner integrierter Produktionsplanungs- und -steuerungs-Software gelöst. Von den Software-Herstellern geweckte Erwartungen fahren häufig zu Enttäuschungen und Fehlinvestitionen beim Anwender. PPS-Systeme, so meint Harry Kindlinger*, ersetzen weder Führung noch Organisation.

Die Zeiten, in denen der Einsatz von DV-Instrumenten stets zu einem Entfall manueller Tätigkeiten führte oder ganz offensichtlichen Informationsgewinn hervorbrachte, sind heutzutage bei mittleren und großen Unternehmen vorbei. Im Bereich der Produktionsplanung und -steuerung ist DV-Einsatz zwischenzeitlich die Regel. Hier herrscht Batch-Betrieb auf Dateien-Basis vor, häufig als Mischung aus Standard-Programmen und eigenerstellten Anwendungen. Die typischen Probleme der Fertigungsorganisation, wie Lieferverzüge, Kostenüberschreitungen, Fehlteile bei Montage-Start, Termin-Rückstände in der mechanischen Fertigung oder überhöhte Bestände, die so mancher Produktionsleiter mit Hilfe der DV zu verringern versuchte, sind jedoch geblieben.

DV-Abteilung wachsen Probleme über den Kopf

Eine subjektiv spürbare Besserung ist durch den DV-Einsatz nicht eingetreten, eine weitere Verschärfung der Problematik jedoch oft absehbar. Parallel dazu wachsen in vielen Unternehmen die Schwierigkeiten in der Datenverarbeitungsabteilung selbst. Die oft aus mehreren tausend ,Einzelprogrammen historisch gewachsenem Anwendungs-Software ist häufig mangelhaft dokumentiert, unübersichtlich, erschwert Neuentwicklungen und bindet viel Arbeitskraft mit der Wartung dieser Programme. Zwar wird eine Unmenge an Listen erzeugt, gleichzeitig beklagen sich jedoch die DV-Anwender permanent über nicht vorhandene oder nicht aktuelle Informationen.

In einer solchen Situation befinden sich derzeit viele Industrieunternehmen. Insbesondere bei einem Generationswechsel fahrender Mitarbeiter wächst die Bereitschaft zu grundlegenden Änderungen. Aus unzähligen Diskussionen zwischen Fachabteilungen und Org/DV und aus Querelen zwischen den Fachbereichen Produktion/Entwicklung/Verkauf wird häufig ein Kausal-Zusammenhang hergestellt zwischen der unzeitgemäßen DV-Ausstattung und all den Problemen der Fachabteilungen. Vielfach findet sich dann auf dieser Basis ein Modus vivendi: Die DV-Abteilung verlangt neue Software mit Datenbank und erweiterter Hardware; die Fachabteilungen unterstützen diese Forderung unter Verweis auf ihre Probleme, und der Geschäftsführung bleibt nichts anderes übrig, als die nötigen - meist nicht unbeträchtlichen - Mittel bereit zu stellen. Ausgelöst oder verstärkt werden dieserlei Entscheidungen durch mehrere Faktoren:

Das Marketing der Anbieter von moderner dialog-orientierter Standard-Software zur Planung und Steuerung der Produktion beschränkt sich gezielt auf eine simplifizierende Darstellung komplexen Zusammenhänge und wirbt teils offen, teils indirekt damit, daß mit Hilfe ihrer Programme auch organisatorische Probleme spielend gelöst werden können.

Auf regelmäßig stattfindenden PPS-Kongressen und Anwenderforen, zu denen ein harter Kern eines Personenkreises nach Art eines Wanderzirkus von Veranstaltung zu Veranstaltung zieht, wird ein Meinungsbild projiziert, welches sich weit von den Realitäten entfernt:

- Software-Anbieter setzen hier ihre Akquisitionsbemühungen mit anderen Mitteln fort;

- Anwender präsentieren Spitzenleistungen auf dem Gebiet der Fertigungsorganisation - häufig in geschonter Form und ohne Nennung der Vorleistungen

- Teilweise dienen diese Foren lediglich zur Befriedigung - persönlicher Eitelkeiten von Führungskräften aus Unternehmen und es werden reine Wunschgebilde vorgetragen. Bei den Besuchen dieser Veranstaltungen und Lesen der einschlägigen Publikationen entsteht somit der Eindruck hoffnungsloser Rückständigkeit im eigenen Hause.

Lobreden gaukeln eine heile PPS-Welt vor

Übersehen werden dabei in aller Regel folgende Tatbestände:

Standard-PPS-Software orientiert sich zwangsläufig an Standard-Fertigungsprozessen. Anders als bei der Finanzbuchhaltung oder der Lohn- und Gehaltsabrechnung sind im Bereich der Fertigungs-Organisation gesetzlich vorgegebene Standards jedoch nicht vorhanden. Ein PPS-System ist entweder eng auf die Bedürfnisse einer bestimmten Fertigungsart, zum Beispiel Serienfertigung in Elektro- oder Metall-Industrie, ausgerichtet oder mehr oder weniger flächendeckend - angelegt. Dieser Ansatz birgt jedoch die Gefahr, daß der einzelne Anwender unnötig viel Ballast mit sich schleppt, was sich auf Anwendung und Betrieb sehr störend auswirkt. Individual-Probleme, meist aus dem Produkt-Spektrum resultierend, können bei Standard-Software-Paketen zwangsläufig keine Berücksichtigung finden. Beispiele hierfür sind im Maschinen- und Anlagenbau die Parallelität von Entwicklung und Produktion, in der Möbelindustrie die Variantenvielfalt, beim Motorenteile-Hersteller die Vielzahl der Arbeitsfolgen pro Teil oder beim Werkzeug- und Vorrichtungsbauer die Einzelerstellung.

Bei näherer Betrachtung erweist sich darüber hinaus eine ganze Reihe von vorliegenden Problemen als völlig DV-unabhängig. So ist beispielsweise dem kundenauftragsorientiert fertigenden Maschinen- und Anlagenbauer eine DV-Produktionsprogrammplanung nur unzureichend möglich. Auch kann hier vor der Lieferterminzusage mangels vorliegender Daten keine DV-Überprüfung von Kapazitäten und Materialverfügbarkeiten vorgenommen werden. Des weiteren gibt es keine Anhaltspunkte dafür, daß sich Führungs-Disziplin oder methodische Mängel durch Einsatz von DV-Hilfsmitteln verbessern lassen. Der Versuch, derartige Probleme quasi in "einem Aufwasch" durch den Einsatz integrierter Datenbank- und Dialog-orientierter Standardsoftware zu lösen, kann nicht gelingen. Beispiele aus der Praxis - über die jedoch nur selten geredet wird - zeigen, daß im günstigsten Fall derartige Projekte bereits im Frühstadium scheitern; und oft ist die Einführung der Standard-Software von mühseligen, teuren und zeitraubenden Anpassungen und Einführungsschwierigkeiten begleitet. Die Erkenntnis, daß die neuen DV-Programme die alten Probleme nicht zu lösen vermögen, erfolgt häufig erst, wenn viel Zeit vertan und beträchtliche Mittel vergeudet wurden.

*Dr. Harry Kindlinger ist Gesellschafter der intra-Unternehmensberatung GmbH, Düsseldorf.