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29.10.1982 - 

Nach überzogener Technologie-Diskussion wollen Hersteller nun mehr auf den Anwender eingehen:

Orgatechnik: Beim LAN-Poker Augen aufhalten

KÖLN/MÜNCHEN- Mit neuem Equipment und geänderten Implementierungsstrategien für das "Büro 2000" zogen Hersteller und Propheten der Office-Automation-Zukunft betont zuversichtlich in die Kölner Messehallen zur mittlerweile vierten "Orgatechnik" ein. Doch Euphorie und Optimismus wirken angesichts unbefriedigender Auftragslage etwas aufgesetzt. Die anhaltende Technologiediskussion sowie eine vermeintliche Konzeptionslosigkeit der Hersteller haben nach Ansicht von Branchenaposteln zu Investitionsunlust bei den Unternehmen geführt. Ein Großteil der Benutzer warte jetzt vor allem darauf, daß IBM den Startschuß für den ersten Etappenlauf ins "Büro der Zukunft" gebe.

Der Bürokommunikationsmarkt sei heute mehr denn je durch totale Konfusion gekennzeichnet, sagen Beobachter der Office-Szene. Die Hersteller hätten bisher den Anwender nur mit großartigen Strategien über die Integration von Text, Daten, Bild und Sprache konfrontiert, aber hinter keines der Konzepte ein greifbares Equipment gestellt. Lediglich Teilaspekte des Büro 2000 seien bisher einigermaßen annehmbar gelöst.

Professor Dr. Joachim Niedereichholz, Leiter des Instituts für Wirtschaftsinformatik in Frankfurt, zeigt sich deshalb keineswegs verwundert über die Investitionszurückhaltung der Benutzer. Die Anbieter hätten bislang lediglich mit Schlagworten und weniger mit konkreten Lösungen zu überzeugen versucht. Der Frankfurter Wirtschaftswissenschaftler empfiehlt den Herstellern, sich von "agressiven amerikanischen Werbekonzepten" wegzubewegen und sich mehr auf den konservativen, bedächtiger reagierenden deutschen Markt einzustellen. Die bundesrepublikanischen Anwender hätten nicht die Versuchsmentalität ihrer US-Kollegen. Sie fühlten sich vielmehr von den derzeitigen Integrationsargumenten und der Vielzahl der angebotenen Konzepte erschlagen.

Daß der überwiegende Teil der Bürokommunikationsanbieter in der Vergangenheit stark auf den Busch gehauen und das "strategische Technologie-Hickhack" zur Verunsicherung des Anwenders geführt habe, meint auch Jochen Doering, Marketing-Boß beim Inhouse-Netzwerk-Vorreiter Xerox. Insbesondere die Kabel-Diskussionen im LAN-Bereich (Koaxial, Breitband oder Glasfaser) sei am Benutzer vorbeigelaufen. Verdeutlicht Doering: "Die zum Teil sehr guten Ansätze für das Büro 2000 sind vor allem deswegen in die falschen Bahnen geraten, weil man die effektiven Anwendungsbedürfnisse der Unternehmen meist unberücksichtigt gelassen hat."

Selbstkritisches kommt auch von "Office-Automation-Highflyer" Wang aus Frankfurt. "Wer heute davon spricht, Bürokommunikation in ihrer ganzen Spannweite erfassen zu können, hat ebenso unrecht, wie der, der behauptet, Bürokommunikationssysteme seien die Allheilmittel und müßten umgehend eingeführt werden", urteilt der neue Marketing- und Supportleiter Heiko Flaspöhler. Die Systeme müßten noch einen "weiten Weg" gehen, bis sie ihre Idealform erreicht hätten.

So gibt denn auch der Manager für Systemplanung im Bereich Bürokommunikation der Münchner Siemens AG, Friedrich Röscheisen zu Bedenken: "Der Anwender soll erst dann investieren, wenn er die Sicherheit hat, daß eine Technologie auf breiter Basis zu einem Standard werden kann." Auch Röscheisen übt Kritik an seiner Zunft. Es wurden von den Anbietern zum Teil aus rein geschäftspolitischen Erwägungen heraus einzelne Technologien forciert, in der Erwartung, daß der User die Gesamtlösung kaufe. Kommunikations-Entscheider erwarteten heute jedoch, daß man ihnen eine "offene Systemarchitektur" anbiete, die ihnen ermögliche, Produkte verschiedener Hersteller mit ihren Anwendungen zu kombinieren.

Akzeptanz-Barrieren abbauen

Derart kritische Ansätze mögen für die Benutzer ungewohnt klingen. Daß man sich aber inzwischen nicht nur in den Marketingabteilungen der Hersteller Gedanken darüber macht, wie nun endlich die Tür zum Büro der Zukunft aufgeschlossen werden soll, betont Rudi Häussler, Präsident des Bundesverbandes der Vertriebsunternehmen für Büroorganisation (BVB). Die Anbieter machten sich heute bereits gemeinsam darüber her, Marketingfehler der Vergangenheit auszumerzen. Nach der flauen Absatzentwicklung wolle man nun verstärkt die Akzeptanzbarrieren für neue Kommunikationsformen in den Unternehmen abbauen.

Ähnliche Töne hört man auch von der European Computer Manufacturers Association (ECMA). Losgelöst von den bisherigen Technologie-Diskussionen will man nach den Worten von Ingrid Fromm, ECMA-Vertreterin im Hause Siemens, jetzt mehr auf die Benutzerforderungen eingehen. Verstärkte Standardisierungsbestrebungen sollen einer Verunsicherung des Marktes entgegenwirken.

Daß derartige Aktivitäten "bitter not tun", um den Markt für Office Automation (OA) nicht bereits in seinen Anfängen kaputtzumachen, wird durch die Aussage von Dr. Heinz Göhre, Leiter der Büroorganisation bei der Messerschmitt-Bölkow-Blohm AG in München, deutlich: Interessiert an einer Kommunikationslösung seien die Anwender sicherlich alle. Aber außer "unausgegorenen Konzepten" könnten die Hersteller noch keine akzeptablen Gesamtlösungen anbieten. Die meisten AO-Anbieter befänden sich nach Ansicht des Org./DV-Profis noch in einer Entwicklungsphase, die erforderlichen Produkte könne man lediglich am Reißbrett besichtigen.

Als Schlüsseltechnologie für die Integration künftiger Kommunikationsformen wertet Göhre lokale Netze, die einmal sämtliche Informationssysteme im Unternehmen zusammenfassen sollen. Er bedauert jedoch, daß diese bislang nur auf die Produktpalette eines Herstellers ausgerichtet seien. Zudem liege noch völlig offen, wie Inhouse-Netze künftig im Zusammenwirken mit bereits bestehenden DFÜ-Netzen in die Politik der Deutschen Bundespost eingebettet würden. Göhre sieht für die Entscheider hierin einen Unsicherheitsfaktor, der insbesondere für Großunternehmen ein unkalkulierbares Risiko darstelle.

Diese Befürchtungen hegt auch der Informationsmanager der Hamburger Reemtsma GmbH, Jürgen Liebscher. Es sei unangebracht, vorrangig nur dort zu investieren, wo man sicher sein könne, daß sich die Investitionen in kurzer Zeit auszahle. Liebscher warnt davor, sich heute auf eine Lösung festzulegen, die sich á la long als Sackgasse erweisen kann. Niemand könne heute vorhersagen, in welche Richtung der Office-Automation-Trend gehen werde. Gleichwohl rät der Hamburger DV-Chef von totaler Abstinenz ab. Die Benutzer sollten auf der Basis der bereits heute verfügbaren und erprobten Techniken eine "Politik der kleinen Schritte" betreiben.

Ein "Step-by-Step-Vorgehen" hält auch der DV-Chef der Continental Gummi-Werke AG, Jörg Schuppan, für angebracht. Der Anwender solle nicht die Augen davor verschließen, was sich momentan im Bereich der Bürokommunikation tue, sondern intensiv den Markt beobachten und permanenten Kontakt halten mit allen Herstellern, die geschlossene Konzepte anzubieten hätten. Unter schrittweisem Vorgehen versteht der hannoversche DV-Manager die Realisierung kleinerer Projekte. Als "Trainigsfall" könne etwa die Einführung integrierter Textverarbeitung angesehen werden.

Planungshorizont: Sechs Jahre

Wie Schuppan rät auch Ford-DV-Manager Dr. Nikolaus Garbers zu einer "bedächtigen Investition". Der derzeitige Planungshorizont sollte nach Ansicht des Kölners fünf bis sechs Jahre nicht überschreiten. Eine generell abwartende Haltung zu den neuen Oficce-Kommunikationsformen ist aber auch in den Augen Garbers falsch.

"Das größte Problem die heute in der Rechtfertigung der Kosten", will Michael Gora von der Arthur D. Little Inc. in Wiesbaden aus täglicher Beratungspraxis wissen. Bei der Textverarbeitung könne der User noch verhältnismäßig einfach kalkulieren, daß durch eine höhere Produktivität Kostenersparnisse erzielbar seien. Bei allen fortgeschrittenen Stufen der Büroautomatisierung gebe es jedoch keine einfache Betrachtungsweisen mehr.

Warten au Big Blue

Was sich jedoch unabhängig von Techno-Wirrwarr, Produktivitätsnachweis oder Konzeptionslosigkeit zunehmend als Grund für die Investitionszurückhaltung der Benutzer herauskristallisiere, ist nach Ansicht von Usern und Marktbeobachtern die Frage, was IBM in Sachen Bürokommunikation im Köcher habe. Zwar ließen die Stuttgarter bisher verlauten, daß in den Labors über einem "Token-Ring-Netz" gebrütet werde, Konkretes sei jedoch nicht auszumachen. Solange aber das Verhalten des Marktführers nicht eindeutig sei, meint Eric Hargesheimer von der Wiesbadener Marktforschungsgesellschaft IDC, würden sich vor allem IBM-Anwender - und dies sei hierzulande der überwiegende Teil der potentiellen Office-Kunden - weiterhin mit Investitionen zurückhalten. Die Benutzer befürchten, so der IDC-Chef, daß sich heute installiertes Equipment von Xerox & Co. zu den IBM-Systemen oder Netzen als inkompatibel erweisen könnte.

Diese Vermutungen werden auch von anderer Seite bestätigt. Nach Meinung von Ethernet-Pilot-Anwender Klaus Peter Fähnrich, AO-Projektleiter im Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation in Stuttgart, seien Anzeichen dafür vorhanden, daß die IBM ihre Protokolle für das unangekündigte Token-Netz "sehr stark inkompatibel" zu den Xerox-Protokollen auslegen werde. Die Ethernet-Lobby, der inzwischen Hersteller wie Siemens, Digital Equipment, Intel, Honeywell Bull, Hewlett-Packard und ICL angehören, stelle sich für Big Blue inzwischen als ernstzunehmender Gegner.

Zwangsläufig IBM-Reaktion

IBM-Insider wollen indes wissen, daß die IBM in ihren OA-Bestrebungen keinen Schritt weiter sei als andere Anbieter. Aus den Labors des Marktführers sei lediglich durchgesickert, daß man ein für Großanwender relevantes LAN-Problem in den Griff bekommen habe: Als Schnittstelle vom Token-Ring zu den bestehenden SNA-Netzen soll ein System 4300 herhalten.

Diebold-Berater Dr. Fritz Jagoda sieht in den Office-2000-Ambitionen der IBM einen eher zwangsläufigen Prozeß. Mother Blue habe auf die Xerox-Aktivitäten reagieren müssen, weil die Gefahr bestand, daß ihr die Kopierexperten im Büro den Rang ablaufen könnten. Der IBM sei indes die vorgegebene Office-Gangart nicht unbedingt angenehm.

Token-Ring nur Zwischenlösung

Daß die Verlautbarungen des Marktführers über das geplante Token-Netz zunächst einen Versuch darstellten, andere LAn-Anbieter daran zu hindern, Office Equipment an IBM-User zu verkaufen wird auch von anderen Marktbeobachtern vermutet. IBM trage, so heißt es, nach der "üblichen Marketingpolitik" nur weitere Unruhe in den bereits verunsicherten Büroautomationsmarkt.

Lediglich als eine "Zwischenlösung" wertet, deshalb Arthur-D.-Little-Berater Michael Gora das Token-Konzept. Gora, der nach eigenen Angaben über Kontakte zu den US-Entwicklungslabors von IBM verfügt, meint, daß hier zwar gute Konzepte vorlägen, aber offensichtlich noch keine Produkte zu den LAN-Lösungen verfügbar seien. Die angestrebten integrierten Office-Anwendungen machten intelligentere Terminals erforderlich, als die heute von IBM angebotenen.

Vertreter der Office-Industrie wollen ferner wissen, daß die bisherigen Geräte im Großrechnerbereich mit den neuen LAN-Produkten konkurrieren. Dieser Aspekt scheine keineswegs in das Marketing-Konzept der IBM zu passen.