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27.01.1984

Orwell '84: Technologie allein richtet keinen Schaden an

Seit Wochen wird das Thema "Orwell" in den Medien totgeredet. Dabei kommen in der Regel mehr inkompetente Bangemacher als qualifizierte Technologie-Kenner zu Wort. Aber auch bei den DV-Experten zeigt sich gegenüber den möglichen Auswirkungen des Computers auf Staat und Verwaltung eine ambivalente Haltung. Einigkeit besteht lediglich darüber, daß das Orwellsche Bild des total kontrollierten Bürgers bis jetzt noch eine Vision ist. Dafür stecke die Entwicklung der neuen Kontroll- und Überwachungsmöglichkeiten noch zu sehr in den Kinderschuhen. Beim Blick in die Zukunft gehen die Meinungen der Fachleute stark auseinander. Während Heinrich Stehmann, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Vertriebsunternehmen für Büroorganisation e.V., erwartet, daß im Jahr 1994 das "Pulver für Orwell" feucht werden könnte, befürchtet Ulrich Briefs vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut des Deutschen Gewerkschaftsbundes, weniger ein "Orwell '84" als vielmehr ein "Orwell 2000"

Dr. Werner Dostal

Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit, Nürnberg

Jetzt haben wir es endlich, das Jahr 1984. Auch die von Orwell angesprochenen Probleme? Ohne Zweifel gibt es sie. Eine hohe Arbeitslosigkeit, wenig Wachstumshoffnungen, leistungsfähige Rationalisierungsinstrumente auf elektronischer Basis, in ihrer Wirkung bedrohliche Informationssysteme, ein für Außenstehende undurchschaubarer Rechnerverbund. All dies kann Angst erzeugen, Lebens- und Zukunftsangst.

Eine bewährte Strategie, etwas dagegen zu tun ist die nüchterne Betrachtung. Angst ist oft Resultat mangelnder Übersicht und kritikloser Übernahme ungeprüfter Behauptungen.

Eigentlich sind die Technikkritiker die schlimmsten Technokraten: Sie unterstellen jede neuentwickelte Technik sei von leistungsfähig und werde so umfassend eingesetzt daß alle Potentiale genutzt würden. Nur so lassen sich die Essays verstehen, in denen der Überwachungsstaat und die totale Arbeitslosigkeit als zwangsläufiges Ergebnis des Computereinsatzes geschildert wird.

In der Realität werden kleine Brötchen gebacken: Auch moderne Technik, mit viel Aufwand vorbereitet und eingeführt, funktioniert entweder gar nicht oder mit Verspätung - wer kennt nicht die verspäteten oder gescheiterten Großprojekte: Gepäckfördersystem Flughafen Frankfurt, das Integrierte Transportsteuersystem der Bundesbahn oder jüngst die Premiere des Bildschirmtextes. Dies sind nur die Spitzen eines Eisberges, in dem die Projekte schlummern, die entweder nie realisiert werden konnten, die sich enorm verspäteten, wo die Entwürfe im Laufe der Realisierung extrem abgemagert wurden, oder wo alles schließlich den zehnfachen Preis betrug und die Arbeitsplatzeinsparungen weit geringer ausfielen als geplant.

Der revolutionäre technische Fortschritt ergibt sich also nur punktuell, höchstens bei einzelnen Produkten, nie in Gesamtsystemen. Neue Systeme lassen sich nur langsam und mit großen Schwierigkeiten einfuhren - man denke nur an Neubaustrecken der Bundesbahn oder eine volle Verkabelung der Bundesrepublik. Wir haben nachträglich Respekt vor unseren Vorfahren, die immerhin in einigen Jahrzehnten ein Eisenbahnnetz aufgebaut haben, das weit dichter war als das heutige.

Und weil das alles nicht so revolutionär beschleunigt und fiktionslos abläuft - die Hemmschuhe sind so vielgestaltig, daß sie nie alle untergebügelt werden können - haben wir heute noch immerhin 25,7 Millionen besetzte Arbeitsplätze und keine allumfassenden Informationssysteme. Und trotz des Eindringens geburtenstarker Jahrgänge sind seit September 1983 die saisonbereinigten Arbeitslosenzahlen leicht rückläufig, während die Zahl der offenen Stellen leicht zugenommen hat.

Diese vergleichsweise positive Entwicklung kann die verschiedensten Gründe haben: sie deutet aber eher darauf hin, daß wir nicht in einem "technologischen Scherbenhaufen" leben, sondern daß, bei aller Berücksichtigung der aktuellen Arbeitsmarktprobleme, die Informationstechnik weder Privatsphäre noch Arbeitswelt zerstört hat, sondern daß sie sich bei entsprechendem Einsatz in die gesellschaftlichen Ziele integrieren läßt.

Dr. Ulrich Briefs

Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut des Deutschen Gewerkschaftsbundes GmbH, Düsseldorf

Orwells Alptraum - die totale Überwachung und Kontrolle des Menschen - scheint sich durch die Entwicklung der Computertechnik zu verwirklichen. Das Jahr 1984 ist für diese Befürchtungen, die inzwischen breit im Bewußtsein der Bevölkerung und gerade der arbeitenden Menschen sind, symbolisch. Es erscheint daher sehr sinnvoll, sich einmal Rechenschaft darüber abzugeben, wo wir in dieser Entwicklung stehen, was auf uns zukommen wird und wie wir uns dagegen zur Wehr setzen können.

Das Orwellsche Bild des total kontrollierten Bürgers ist bis jetzt noch Zukunftsmusik.

Es gibt zwar inzwischen bereits mächtige und umfassende Informationssysteme - im Geheim- und im Polizeibereich, insbesondere aber auch in vielen Unternehmen -, mit denen tausendfach und zum Teil zehntausendfach Daten über Bürger und insbesondere die arbeitenden Menschen erfaßt werden. Dennoch: Die Entwicklung der neuen Kontroll- und Überwachungsmöglichkeiten steht noch in ihren Anfängen. Wir sehen heute erst die Spitze der Spitze des Eisberges der neuen Kontroll- und Überwachungsmöglichkeiten. Das gilt trotz der Dateien, die beispielsweise sogenannte politische Störer - das sind Menschen die ihr verfassungsrechtlich garantiertes Demonstrationsrecht genutzt haben - erfaßten. Das gilt trotz der Dateien, in denen prophylaktisch Menschen erfaßt waren, die in Wohngemeinschaften lebten. Das gilt trotz der Jagd auf Kranke, wie sie in Betrieben mit Hilfe der Personal-Informations-Systeme inzwischen gemacht wird. Die die Kontroll- und Überwachungsmöglichkeiten vorantreibenden Kräfte beherrschen nämlich derzeit bei weitem noch nicht die Entwicklung so, wie es für die umfassende Kontrolle und Überwachung der Bevölkerung und der Beschäftigten notwendig ist.

Wenn die Entwicklung so weiter geht wie bisher, wird es statt Orwell '84 Orwell 2000 geben.

Die Gefahren der informationstechnologischen Entwicklung sind viel umfassender, als bisher gedacht. Informationstechnologien werden viel tiefer in das Gewebe der Gesellschaft eindringen und dort Veränderungen herbeiführen, als es bisher erfahrbar war. Mit ihrer Hilfe können Leistungen Verhalten und Persönlichkeitsmerkmale von Bürgern und - was in den Betrieben angesichts der besonderen arbeitsrechtlichen Gewaltverhältnisse von entscheidender Bedeutung ist, der Arbeitenden erfaßt und ausgewertet werden. Damit werden jenen die in der Gesellschaft und in den Betrieben das Sagen haben, neue wirksamere Möglichkeiten über die den Reichtum der Gesellschaft produzierenden Arbeitskräfte in die Hand gegeben.

Angesichts der für 1990 inzwischen sich möglicherweise abzeichnenden Massenarbeitslosigkeit, die weit höher sein wird als die heutige und zu der die neuen Technologien erheblich beitragen werden, besteht die Gefahr zu einer erneuten "Wende": nämlich hin zu anderen, autoritären politischen Verhältnissen - unterstützt von den durch neue Technologien vorangetriebenen Kontroll- und Überwachungsmöglichkeiten.

Der Blockwart und der bespitzelnde Parteigenosse der NS-Zeit werden überflüssig: Die Informationstechnologien geben ganz andere Möglichkeiten zur bis ins einzelne gehenden Überwachung und Kontrolle großer Zahlen von Menschen. Der maschinenlesbare Personalausweis, die bundesweite "Verkabelung", die Totalerfassung von Daten der Bevölkerung, die mit der "Volkszählung" beginnen sollte, sind Elemente einer allumfassenden totalen und auf lange Sicht möglicherweise totalitären Kontrolle und allgegenwärtigen Überwachung. Im Prinzip also genau das, was Orwell plastisch beschrieben hat.

Andererseits: Wegen der breiten Betroffenheit der Bevölkerung und besonders der arbeitenden Menschen in den Betrieben wird der weitere Ausbau der Kontroll- und Überwachungsmöglichkeiten auch neuen Widerstand hervorrufen. Davon zeugen heute bereits die vielen Bürgerinitiativen gegen informationstechnologische Projekte. Davon zeugen insbesondere die ständigen Konflikte in den Betrieben und gerade auch im Bereich des öffentlichen Dienstes um neue betriebliche Kontroll- und Überwachungsmöglichkeiten.

Dr. Georg Geiser

Fraunhofer-Institut für Informations- und Datenverarbeitung (IITB) Karlsruhe

Der Einsatz des Computers zur flexiblen Automatisierung in der Fertigung und auch zur Rationalisierung im Bürobereich hilft, Unternehmen wettbewerbsfähig zu erhalten und damit bestehende Arbeitsplätze zu sichern und durch innovative Produkte neue zu schaffen. Für den Menschen gefährliche, gesundheitsschädliche und monotone Arbeiten können zum Beispiel mit Hilfe computergesteuerter Roboter und Bildverarbeitungssysteme in zunehmendem Maße automatisiert werden. Es ist abzusehen, daß der Computer auch im privaten Bereich zu einem nützlichen Hilfsmittel wird, wenn nicht nur Spielprogramme, sondern Datenbank- und Expertensysteme als Ratgeber verfügbar sind. Dies gilt für finanzielle, juristische oder vielleicht auch für gesundheitliche Fragen. Im Bereich der medizinischen Diagnose und bei der Rehabilitation sensorisch oder motorisch Behinderter leistet die Computertechnik nicht mehr wegzudenkende Beiträge. Diesen Vorteilen des Computers stehen mögliche Nachteile gegenüber, die mit Schlagworten wie Arbeitsplatzvernichtung, Versklavung, totale Überwachung und soziale Isolation umschrieben werden. Das Mißtrauen als Grundeinstellung des Menschen zum Computer ist daher weitverbreitet.

Ein Teil des Mißtrauens vieler Menschen ist jedoch auf die vielfach vorhandene Unkenntnis der Arbeitsweise von Computern zurückzuführen, und insbesondere auf die durch eigene Erfahrung erlebte Unfähigkeit, mit einem Computer umzugehen Aus diesem Grund gewinnt die Benutzerfreundlichkeit des Computers zusätzliche Bedeutung.

Auch ohne Computer bestand bisher die Gefahr, daß totalitäre Systeme alle Möglichkeiten zu nutzen versuchen um eine möglichst vollständige Überwachung des Menschen zu erreichen. Gegenwärtig jedenfalls finden sich die Systeme größter Unfreiheit dort, wo die Entwicklung des Computers und seine Verbreitung einen relativ niedrigen Stand haben. Zweifellos bietet aber der Computer neue und teilweise noch nicht absehbare Möglichkeiten zur Überwachung und damit zur Beschränkung der Freiheit des Individuums. Hier steht der Mensch vor einer ähnlichen Situation wie bei anderen Grundfragen des modernen Lebens, nämlich der Energieversorgung, des Umweltschutzes oder der Telekommunikation: Ohne ein Mindestmaß an Sachkenntnissen ist er hilflos den Ängsten ausgeliefert, die durch Unwissen, aber auch durch einseitige Darstellung sowohl technikfeindlicher als auch technikbesessener Kreise erzeugt werden.

Da es für den einzelnen in der Regel unmöglich ist, in alle die verschiedensten technischen Gebiete so tief einzudringen, wie es für die Beurteilung ihrer gesellschaftlichen Auswirkungen erforderlich ist, kann auf die Aussagen von Fachleuten nicht verzichtet werden. Dies setzt voraus, daß den Fachleuten Vertrauen entgegengebracht werden kann. Leider ist ihr Verhalten jedoch häufig so, daß Grund für Mißtrauen gegeben ist, beispielsweise durch den Krieg von Gutachten und Gegengutachten. Wissenschaftler haben vielfach ihre Unabhängigkeit verloren, ergreifen Partei und reihen sich in die Lobby einer Interessengruppe ein, nicht zuletzt aus der Notwendigkeit Drittmittel für ihre Forschungsarbeiten einzuwerben.

Die Verantwortung der Naturwissenschaftler und Techniker sowie der Politiker erhält zusätzliches Gewicht. In dem Maße, wie Spezialkenntnisse und Fachwissen die Entscheidung von Grundfragen unserer Gesellschaft bestimmen wächst die Verpflichtung zur Gründlichkeit und Ehrlichkeit des einzelnen und zur gegenseitigen auf Sachwissen gegründeten Kritik.

Heinrich Stehmann,

Geschäftsführer Bundesverband der Vertriebsunternehmen für Büroorganisation e. V. (BVB), Bad Homburg

Man trägt heute "Angst". Das ist nicht nur "en vogue" und "fashionable" sondern gleichsam der Nachweis, differenziert Denken zu können. Wer den häßlichen Computer apostrophiert, ist auf dem besten Wege, zum Retter der Menschheit zu avancieren. Kaum auszudenken, wenn George Orwell nicht 1948, sondern ein Jahr später seinen Roman "1984", der seinen Namen einem gewollten Zahlendreher verdankt, veröffentlicht hätte. Wir müßten halt noch zehn Jahre auf die Sturzflut von Interpretationen seines Werkes die sich seit einigen Wochen über uns zu ergießen beginnt, warten.

1994 könnte das Klima dann wesentlich ungünstiger für die Negativ- oder Falschauslegung von "1984" sein. Das Pulver könnte feucht werden. Wie man weiß, wird uns das letzte Jahrzehnt dieses Jahrhunderts recht geburtenschwache Jahrgänge bescheren. Es könnte sich also leicht die Situation der Jahre von 1950 bis 1970 wiederholen, in denen die Arbeitnehmerorganisationen sehr davon angetan waren, daß die Büromaschinen- und Computerindustrie Geräte entwickelte, die geeignet waren stupide Wiederholungs- und Routinearbeiten dem Menschen abzunehmen. Entscheidender Unterschied von damals zu heute: Damals Unterbeschäftigung, heute Überbeschäftigung. Unterbeschäftigung beseitigt man aber nicht, indem man bestehende Arbeitsplätze noch teurer macht. Die rentablen Arbeitsplätze sind es, die die Wettbewerbsfähigkeit erhöhen und damit neue Arbeitsplätze schaffen.

Der Sturmlauf gegen den technischen Fortschritt nimmt auch in unserem Land oft groteske Formen an. Vordergründige Argumente müssen herhalten, um alte Industrien, deren Produkte weniger oder kaum noch gefragt sind, auf Kosten der Förderung zukunftsträchtiger Industrien künstlich am Leben zu erhalten. Wenn die Bundesrepublik die sich noch in der Spitzengruppe der leistungsfähigsten Industrienationen der Welt befindet, nicht in die Mittelmäßigkeit zurückfallen will, so gilt es, daß Wirtschaft, Staat und Gesellschaft einen Konsens erzielen, schon in allernächster Zeit eine eindrucksvolle "Wende" im Hinblick auf Akzeptanz und Förderung zukunftsträchtiger Wirtschaftszweige zu vollziehen.

Es stellt sich weniger die Frage, ob ein Computer hier oder dort eine bessere Überwachung ermöglicht oder auch punktuell den einen oder anderen Arbeitsplatz gefährdet. Die Frage, die sich tatsächlich stellt, lautet: Was geschieht wenn wir den Computer überall dort, wo er sinnvolle Arbeit leisten kann, nicht einsetzen und wieviel Arbeitsplätze werden uns verlorengehen, weit der Weltmarkt uns als Industrienation und "Know-how " - Lieferant weitgehend abgeschrieben hat. Die Wirtschaftsgeschichte der vergangenen zwei Jahrhunderte beweist eindeutig, daß Invasionsschübe etwa alle 50 Jahre kommen und diese in ihrer Anfangsphase ein bestimmtes Maß an Freisetzung von Arbeitskräften mit sich bringen. Diese werden jedoch in der darauffolgenden Zeit weitaus überkompensiert. Herr Orwell war keineswegs ein Gegner moderner Technologien, im Gegenteil, er sah sie als Grundlage für vermehrten Wohlstand und förderlich für die Demokratisierung der Gesellschaft. Die Geschichte beweist, daß ein Überwachungsstaat. nicht der technischen Hilfsmittel bedarf. Die Herren Stalin und Hitler haben es uns vorexerziert. Ein hoher technischer Stand kann allein nicht schädlich sein. Es gehört jedoch zu den Voraussetzungen, daß eine sinnvolle Gesetzgebung Mißbrauch.

Dr. Klaus Lange

Institut für angewandte Informationstechnik, GMD St. Augustin

In der Bundesrepublik - wie auch in anderen Industrienationen - werden von der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung im wesentlichen drei Befürchtungen im Hinblick auf Auswirkungen des Computers artikuliert:

1. Überwachung und Kontrolle, Verlust der Privatsphäre,

2. Arbeitsplatzvernichtung,

3. "Dehumanisierung" im Sinne eines Bedeutungsverlustes von menschlichen Qualitäten in unterschiedlichen Lebensbereichen.

Diese Befürchtungen sind aus vielerlei Gründen ernst zu nehmen. Da diese Befürchtungen in allen sozialen Gruppen dominant vertreten sind, kann man sie nicht als Meinungen einer "kleinen, radikalen Minderheit" abtun.

Die Befürchtungen sind auch Ausdruck einer zunehmend kritischeren Sicht der gesamten Technikentwicklung und deren Auswirkungen. Man fühlt sich heute den negativen Auswirkungen moderner Technologien weitaus intensiver und unausweichlicher ausgesetzt als früher. Die Befürchtungen haben zum Teil eine reale Grundlage: Beispiele für die erwarteten negativen Folgen bei unreflektiertem Computereinsatz gibt es genug.

Auch wenn die Befürchtungen irrational sein mögen, so definieren sie doch eine Realität, an der zukünftiges Verhalten ausgerichtet wird. Es wäre fatal, die Befürchtungen als oberflächliche Meinungen abzutun Zum einem zeigen sie die Gefahr auf, daß ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung sich zunehmend einer Gesellschaft entfremdet, die durch moderne Technologien geprägt wird. Zum anderen ist das in den Befürchtungen zum Ausdruck kommende Problembewußtsein letztendlich auch eine Voraussetzung dafür, daß negative Auswirkungen erkannt und somit erst beherrschbar werden. Zu hoffen, daß man nur mittels aufklärender Öffentlichkeitsarbeit die Befürchtungen aufheben könnte, Ist unrealistisch. Jeder Versuch der Bagatellisierung würde sich angesichts der Stärke der Befürchtungen unglaubwürdig machen. Verweise auf zukünftige globale Vorteile würden reale oder potentielle, individuelle Nachteile nicht wirkungsvoll relativieren.

Auch wenn diese Befürchtungen kaum durch eigene Erfahrungen begründet, sondern primär durch kommunikativ vermittelte "Erfahrungen", angelegt sind, so sind sie doch gegenüber entgegengesetzten Aufklärungskampagnen relativ resistent. Direktpersönliche Erfahrungen mit Computern, aus denen ersichtlich wird, daß jeder Vorteile aus dem Computereinsatz ziehen kann, und die Nachteile nicht so gravierend sein brauchen, sind am ehesten dazu geeignet, die Befürchtungen abzubauen. Es müssen Mittel und Wege aufgezeigt und praktiziert werden, wie negative Auswirkungen wenn nicht vermieden, so doch minimiert und beherrscht werden können.

Eine globale Strategie in der Auseinandersetzung mit den Befürchtungen kann nicht empfohlen werden, da diese die Besonderheiten der einzelnen Auswirkungen unberücksichtigt läßt, so sollen im Hinblick auf jede einzelne Befürchtung Maßnahmen angedeutet werden.

Auch wenn die Diskussion über die Gefahren einer Überwachungsdiktatur im Sinne Orwells in einem funktionierenden demokratischen Gemeinwesen nicht einer gewissen Absurdität entbehrt, so verstärkt doch jeder Datenmißbrauch die Befürchtungen hinsichtlich der Verletzbarkeit der Privatsphäre mittels Computer. Der Einzelne ist relativ hilflos, sich vor Datenmißbrauch zu schützen. Deshalb sollten stellvertretende Kontrollinstanzen pragmatisch und wirkungsvoll ausgebaut werden. Das Vertrauen in exekutiv verankerte Instanzen ist in der Bevölkerung nicht sehr groß: Legislative und Judikative werden eher als Überwacher der Überwacher geschätzt. Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Volkszahlung war sicherlich eine wichtige vertrauensbildende Maßnahme.

Die Rationalisierungseffekte durch den Computereinsatz werden - zumindest noch in den nächsten Jahren - das Arbeitslosenproblem verstärken. Der Verweis, daß in einer vom Weltmarkt stark abhängigen Volkswirtschaft durch den Verzicht auf den Computereinsatz langfristig mehr Arbeitsplätze vernichtet werden als durch den Computereinsatz, hilft zwar auf der abstrakten Ebene die Auswirkung zu verstehen, aber nicht sie auf der konkret-individuellen Ebene zu ertragen. Damit die Rationalisierungseffekte nicht zu einem Problem von einzelnen Beschäftigten werden, muß die verbliebene Arbeit so gerecht wie möglich auf alle Beschäftigten verteilt werden. Wenn dies auf der Mikroebene - dem Betrieb - nicht erreichbar ist, müssen dementsprechende Vorkehrungen auf der Makroebene - der Volkswirtschaft - getroffen werden. Höchst flexible Regelungen der Lebens- Jahres-, Wochenarbeitszeit sind ein Weg dazu.

Der Befürchtung, daß mittels Computer immer weniger menschliche Qualitäten zum Tragen kommen, kann am ehesten in der konkreten Anwendungspraxis begegnet werden. Mit jedem Computereinsatz in Fabrik und Verwaltung wird darüber entschieden, ob der Stellenwert des Menschen in der Organisation durch den Computer reduziert wird, ob Entscheidungen unabhängig von wertenden Eingriffen des Menschen gefällt, ob zwischenmenschliche Beziehungen gestört werden. Verstärkte Schulungen, verbesserte Benutzerschnittstellen und eine Beteiligung der Betroffenen bei der Systementwicklung und/ oder spätestens bei der Systemeinführung, sind einige Maßnahmen, um Dehumanisierungsbefürchtungen zu begegnen.

Letztendlich muß also in der alltäglichen Praxis gezeigt werden, daß die negativen Auswirkungen des Computereinsatzes, wenn nicht aufhebbar, so doch zu großen Teilen beherrschbar sind. Es muß deutlich gemacht werden, daß nicht Technik, sondern Randbedingungen im wesentlichen für die Auswirkungen verantwortlich sind. Diese Randbedingungen werden durch Menschen (in Organisationen) definiert. Alle Anwender müssen die Befürchtungen der Betroffenen ernstnehmen und dementsprechende Rücksichten in der alltäglichen Einsatzpraxis üben. Über positive Resultate dieser Praxis sollte berichtet werden auch unterstützt durch Öffentlichkeitsarbeit. Sofern diese nur auf kosmetischen Operationen und nicht auf realen Verbesserungen beruht, verschärft Öffentlichkeitsarbeit nur die Problemlage.