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12.08.1994 - 

Gastkommentar

Orwells "Grosser Bruder" im Modem - wer haette das gedacht?

Da flattern zum selben Zeitpunkt zwei Meldungen auf den Tisch, die beide das Wort "Online" enthalten. Und dabei hatte man doch gedacht, seit den 60er Jahren, als die ersten Terminals online - und ohne Umweg ueber Datensammelstationen - ihre Daten in den Computer schickten, sei das ueberhaupt kein Thema mehr. Wie sich dann jedoch herausstellte, handelt es sich jetzt eigentlich weniger um Online-Computer als um Online-Menschen.

Die erste Nachricht lautete: "West-Lotto startet ins Online- Zeitalter". Zwar geht es dabei zuerst nur um das Einlesen der Lottoscheine in den Annahmestellen, aber schon jetzt kann der Spieler (beim Quick-Tip) die Auswahl seiner Zahlen dem Zufallsgenerator ueberlassen. Da ist es doch nur logisch, dass in Zukunft der Spieler ueberhaupt nicht mehr zur Annahmestelle gehen muss; sein "Benutzerprofil" wird einfach gespeichert und spielt dann fuer ihn.

Einen Weg gespart haben sich auch die Menschen, von denen in der zweiten Meldung die Rede ist: ein Brautpaar, das sich in den USA auf der PC Expo in New York ferntrauen liess. Der Friedensrichter im kalifornischen Santa Clara nahm die Eheschliessung per Videokonferenz vor. "Alles ist denkbar, vieles ist machbar, aber nur weniges ist sinnvoll", haette der weise Laotse wohl dazu gesagt. In Deutschland gibt es solche Ferntrauungen allerdings noch nicht.

Nicht einmal eine Bundestagswahl per Btx ist erlaubt, obwohl das die Wahlbeteiligung sicherlich enorm steigern wuerde und den Vorteil haette, dass der Staat Kosten sparen und die Telekom mehr Gebuehren einnehmen wuerde. Allerdings wuerden die Werbeagenturen und Marktforschungsinstitute eine entsprechende Gesetzesaenderung wohl verhindern. Denn die Marktforscher haetten enorme Umsatzverluste, da keine Hochrechnungen mehr erforderlich waeren (weil TED sofort die Ergebnisse liefern wuerde), waehrend die Werbeagenturen die schoenen Einnahmen aus der Wahlwerbung verlieren wuerden, denn wenn man schon per Btx waehlt, dann koennen die Parteien auch ihr Wahlprogramm im Btx-System einstellen und anbieten (schliesslich steht dort sowieso viel sinnloses Zeug herum). Jedenfalls scheint "Online" zum neuen Schlagwort zu werden. Zumindest bei den Anbietern, die zum Beispiel "Online-Zeitungen per Btx" offerieren. Zwar hat das "btx magazin" ausgerechnet, dass der Ausdruck einer FAZ, die normalerweise zwei Mark kostet, ueber Btx 1000 Mark verschlingen wuerde, haelt den "selektiven Blick in Zeitungsarchive" per Btx jedoch fuer lohnend.

Natuerlich spricht diese Publikation pro domo (Telekom), aber es stellt sich die Frage, warum Verlage ueberhaupt ihre Zeitschriften ueber Btx verbreiten; schliesslich gibt es genuegend oeffentliche Datenbanken und Mailbox-Systeme, aus denen sich elektronische Zeitschriften schneller und kostenguenstiger abrufen lassen.

Liegt es vielleicht daran, dass die Anbieter dieser Kommunikationsmedien keine verstaendlichen Benutzeroberflaechen schaffen, so dass man oftmals ein Informatikstudium braucht, um den Zugang zu den gewuenschten Daten zu finden? Oder haben die Anbieter es einfach nicht verstanden, den potentiellen Nutzern das richtige Online-Gefuehl zu vermitteln?

Moeglicherweise kann das ja die am 1. Juni 1994 in Luxemburg gegruendete Europe Online S.A. aendern, die sich "die Konvergenz von Telekommunikation, Informatik und Medien" auf die Fahnen geschrieben hat. Dabei soll Hubert Burda den Unterschied zwischen dem Angebot von Europe Online und dem Fernsehen damit erklaert haben, Fernsehen sei Entertainment, Computer aber Kommunikation.

Sicherlich gibt es genuegend Menschen, die anderer Meinung sind, weil sie sich an ihrem Computer besser unterhalten als beim Fernsehen, waehrend die Kommunikation vom PC aus meist doch recht eingeschraenkt ist. Nun strebt die Europe Online aber nicht nur eine "Interaktivitaet der Informationsnetze" an, sondern will auch "alle Uebertragungsmedien - von Telefon, Funk und Kabel ueber Breitbandnetze bis hin zum Satelliten einbinden". An dieser Stelle ist ein gedanklicher Sprung zur letzten Satel-Conseil-Konferenz in Versailles interessant. Dort stritten sich die Vertreter der Pay- TV-Industrie ueber die zukuenftige Verschluesselung beim Digital-Pay- TV. Dabei forderte Viacom-Mann Ed Horowitz die Hersteller von Satelliten-Receivern auf, endlich Telefonmodems in die Decoder einzubauen.

Indes dachte er wohl nicht an den Rueckkanal fuer das sogenannte interaktive Fernsehen, sondern an die automatische Gebuehrenabrechnung, die bisher ueber die Smartcards erfolgt (falls der Fernseh-Mensch nicht eine Hacker-Karte benutzt). Wenn diese Idee Nachahmer in anderen Bereichen finden sollte, koennte in Zukunft jeder Buerger - selbst wenn er keinen PC hat - zu einem Online-Menschen werden.