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Kampf um den Betriebssystem-Standard aufgegeben


15.05.1992 - 

OSF: Nein zu eigener Unix-V.4-Alternative

CAMBRIDGE (IDG) - Die Open Sofiware Foundation (OSF) gibt ihr ursprüngliches Ziel auf, ein Standard-Betriebssystem neben Unix V.4, im Markt zu etablieren. Statt dessen will sich die OSF künftig der sogenannten Middleware zwischen Betriebssystem und Anwendung widmen.

Die Foundation will nach dem Willen ihres Präsidenten David Tory nicht nur die Betriebssystem-Entwicklung nach außen geben, sondern auch alle anderen Entwicklungstätigkeiten. "Bisher waren wir vor allem Ingenieure; in Zukunft verstehen wir uns eher als Projekt-Manager", erklärt Donna Van Fleet, Personal Systems Director der OSF, den angestrebten Wandel.

Nach diesem Konzept will die OSF vor allem die Techniken für verteilte Datenverarbeitung wie das Distributed Computing Environment (DCE) und Distributed Management Environment (DME) vorantreiben. DCE soll im Herbst dieses Jahres ausgeliefert werden, von DME wurden eben erst Vorversionen an die OSF-Mitglieder verschickt. Die eigentliche Arbeit an den Produkten soll jedoch auf die Mitgliedsfirmen oder auch an andere Unternehmen abgewälzt werden.

Auch beim OSF/1-Betriebssystem appelliert die Organisation an ihre Mitglieder - vor allem an IBM und DEC -, die Entwicklung selbst in die Hände zu nehmen.

Eine andere Interpretation für die Einführung des Middleware-Konzepts bietet Kate Fessende, Analystin der Meta Group Inc., an: "Die OSF mußte schließlich erkennen, daß der Betriebssystem-Wettstreit zugunsten des Konkurrenzprodukts Unix V.4 ausgegangen ist, und sucht nun einen Weg, das Gesicht zu wahren."

Zu dieser Interpretation paßt auch, daß die OSF die Entwicklung des Architecture Neutral Distribution Format (ANDF) an ein Unterprogramm im Rahmen des EG-Projekts Esprit und an ein staatliches amerikanisches Forschungslabor abgegeben hat. Der Grund: Die Fertigstellung dieser Technik mußte aufgeschoben werden. ANDF sollte es ermöglichen, Unix-Anwendungen unahbhängig von der Zielhardware zu vermarkten.

Hinzu kommt, daß sich die OSF bei lukrativ erscheinenden Projekten nicht an das neue Konzept gebunden fühlt. So legt Van Fleet Wert auf die Feststellung, daß die Arbeit am Microkernel nach wie vor zu den vordringlichen Aufgaben der OSF gehören wird. Um einen solchen Kernel herum sollen sich beliebige Betriebssystem-Funktionen gruppieren lassen.