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18.12.1987 - 

Noch zuwenig reife Kirschen am Normierungsbaum

OSI 1987: Oberwasser für TCP/IP als Übergangslösung

18.12.1987

MÜNCHEN (sch) - Für Schlagzeilen hat das Thema "Open Systems Interconnection" in erster Linie mit neuen Akzentuierungen bei den OSI unterstützenden Gremien und Verbänden gesorgt. Hinsichtlich der Produkte für die heute entscheidenden anwendungsbezogenen

Ebenen standen weiterhin X.400-Offerten im Vordergrund. In stärkere Konkurrenz zu OSI auf der einen und Herstellernetzen auf der anderen Seite ist mittlerweile das TCP/EP-Protokoll getreten, das von Branchenkennern aber gerne als Interims-Lösung bezeichnet wird.

Den Auftakt für die weltweiten Harmonisierungsbemühungen in Richtung OSI gab die Koordinierung der bis dahin getrennten Aktivitäten der europäischen "Spag" (Standards Promotion and Application Group), der US-Gruppe "COS" (Corporation for Open Systems) sowie des japanischen Pendants POSI (Promoting Conference for OSI) gegenüber der ISO ab. Als Hauptziel verfolgt die Dreier-Riege eine gemeinsame Auswahl sogenannter Functional Standards aus den vorhandenen OSI-Basis-Normen, deren Festlegung für eine echte herstellerübergreifende Kommunikation unabdingbar ist.

Wenig später wurde ein Schlachtplan der POSI-Mitglieder für die Entwicklung von OSI-Produkten bekannt: NEC befaßt sich mit einem Vorschlag für das File Transfer Access Management (FTAM), Hitachi hat sich das Thema "Office Dokument Architecture" (ODA) und "Office Document Interchange Format" (ODIF) auf seine Fahnen geschrieben, und Fujitsu vertieft sich in den Bereich Remote Database Processing and Retrieval Functions.

OSITOP-Vereinigung wird neu gegründet

Auf europäischer Ebene hat sich OSI neben den Herstellern unter anderem das Esprit-Projekt "Delta 4" zu eigen gemacht. Dabei geht es unter anderem um die Ausarbeitung einer offenen und verteilten Rechnerarchitektur in Richtung "Open Distributed Processing": Für größeres Aufsehen sorgte 1987 jedoch die von den Europäern Anfang des Jahres gegründete OSITOP-Vereinigung. Rund 70 Hersteller- und Anwenderfirmen haben als Parallelaktivität zu der Boeing-Initiative TOP (Technical and Office Protocol) sowie dem von General Motors eingeführten Manufacturing Automation Protocol (MAP) diese Initiative ins Leben gerufen. Im Rahmen von OSITOP wollen die Unternehmen sicherstellen, daß sich die Büroautomations-Systeme der Zukunft ohne Schwierigkeiten mit den öffentlichen Netzen der nationalen PTT-Behörden verbinden lassen. Gleichzeitig soll gewährleistet werden, daß derartige Empfehlungen dem OSI-Referenzmodell entsprechen und europäische "Eigenheiten" wie etwa Sonderzeichen der europäischen Sprache oder CEPT-Normen nicht unberücksichtigt bleiben.

Um den Anwendern in diesem Gremium mehr Einfluß zu geben, wurde in den OSITOP-Statuten festgelegt, daß der maximal 20köpfige Leitungsausschuß nur zu einem Drittel aus Vertretern von Herstellerfirmen bestehen dürfe. Aus dem Kreis der bundesdeutschen Anwender haben sich bisher allerdings lediglich drei Unternehmen der neuen Initiative angeschlossen, nämlich Hoechst, Siemens und die Datenzentrale Schleswig-Holstein.

Anwenderengagement hält sich in Grenzen

Die Notwendigkeit einer herstellerübergreifenden Standardisierung wird zwar nicht in Frage gestellt, aber aufgrund der häufig homogenen Infrastruktur bleibt in den mittleren Unternehmen ein persönliches Engagement meistens aus. Nach Angaben von Harald Notteboom, Kommunikations-Chef der Hoechst AG und Ansprechpartner für die Vereinigung, versteht sich OSITOP keinesfalls als Normierungsgremium, sondern als Pressure-Group. Als ersten Schritt in Richtung OSI wertet er die Möglichkeit, Mail-Systeme über X.400 zu koppeln. Im gleichen Auge gibt der Vernetzungs-Experte jedoch zu bedenken, daß man bei dieser Norm zunächst eine niedrige Funktionalität in Kauf nehmen müsse.

Außer X.400 hat sich auf den für Benutzer relevanten oberen Ebenen des Sieben-Schichten-Modells erst wenig getan, das heißt, bisher sind pur wenige Produkte verfügbar. Einen X.400-Schub konnte die Branche auf der diesjährigen CeBIT in Hannover erleben, wo insgesamt 14 Unternehmen dieses Protokoll im Verbund demonstrierten. Auch auf der Telecom gab es eine umfangreiche und vielbeachtete X.400-Schau.

Entgegen ursprünglichen Erwartungen zog sich Big Blue aus dem X.400-Multivendor-Projekt in Hannover zurück und kündigte im Alleingang -Anpassungsprogramme an, die eine Verbindung von OSI mit Disoss ermöglichen. Darüber hinaus wurden für die bereits verfügbaren Produkte GTM OSI, OTSS und OSNS Erweiterungen in Aussicht gestellt.

In Sachen OSI engagiert hat sich die IBM außerdem mit einem Subset der LU-6.2-Schnittstelle APPC, die einer öffentlichen Kontrolle unterstellt wurde.

Edifact-Norm als Durchbruch

Zu den weiteren nennenswerten OSI-Innovationen zählen beispielsweise auf Herstellerseite die von Siemens angebotene Interface Communication Method, die in diesem Jahr unter Dach und Fach gebrachte Edifact-Norm und der X.25/SNA-Übergang von IBM. Die Siemens-Schnittstelle entspringt dem Bedürfnis, eine Anwendung unabhängig vom Typ des Netzes zu fahren. Die Möglichkeit der Trennung zwischen Anwendung und Transportsystem wird bei den Sinix-Systemen des Münchner Elektro- und Elektronikkonzerns angeboten. Mit Interface Communication Method" - kurz ICMX (L) - lassen sich unterschiedliche und austauschbare Transportsysteme einsetzen, unabhängig von den darüberliegenden Anwendungen.

Für den Austausch von Handelsnachrichten wurde in der zweiten

Jahreshälfte '87 Edifact (Electronic Data Interchange for Administration, Commerce and Transport auf einer ISO-Sitzung verabschiedet. Das System ersetzt den Ausdruck von Papierdokumenten, die interne Postbearbeitung dieser Papierdokumente beim Absender, die Briefbeförderung mit der Post und die interne Postbearbeitung beim Empfänger sowie das erneute Erfassen der Daten für die Weiterverarbeitung beim Empfänger. Mit einem inzwischen dafür am Markt befindlichen Programm kann die Norm bereits in die Tat umgesetzt werden. Das neue Software-Produkt der gli Gesellschaft für Logistik und Informationssysteme mbH dient dazu, Datenstrukturen aus einem dem Standard nicht entsprechenden Verfahren in den Edifact-Modus umzusetzen.

In der Unternehmens-Praxis haben inzwischen die vom amerikanischen Verteidigungsministerium stammenden MIL-Standards verstärkt Fuß gefaßt. Während es in Deutschland bereits Tausende von Installationen mit dieser Norm gibt, ist die Anzahl der entsprechenden OSI-Implementierungen auf den oberen Ebenen noch sehr niedrig. Auf der Basis von Ethernet mit CSMA/CD kommen auf der dritten und vierten Ebene die TCP/IP-Protokolle (Transmission Control Protocol/Internet Protocol) und darauf aufsetzend in erster Linie die sogenannten Arpa-Dienste File Transfer Protocol FTP und Telnet (Virtuelles Terminal) zum Tragen.

"Nicht-OSI-Probleme" haben gegenwärtig Vorrang

Für die genannten Standards gibt es bereits eine Vielzahl von Hardwareprodukten und entsprechende Implementierungen. Multivendor-Netzwerke im TCP/IP-Genre konnten sowohl auf der CeBIT als auch auf der Systems in Augenschein genommen werden. In Hannover schlossen sich 14 Anbieter zu einem Multi-NET-Verbund zusammen. Im Herbst waren schon 36 Unternehmen zugegen, wobei auch Branchenriesen wie Nixdorf, NCR, Allen-Bradley sowie Apple und Big Blue an der Gemeinschaftsdemonstration unter der Agide von Datacom partizipierten.

An Multi-NET können sich vor allen Dingen solche Anwender ein Beispiel nehmen, die ein betriebsweites, herstellerunabhängiges Netz benötigen und nicht auf eine breite Verfügbarkeit kompatibler Implementierungen von ISO-Diensten warten können, sich aber die Option eines späteren weichen Übergangs offenhalten wollen. Als neue Dienste kamen auf der Systems-Schau X-Windows, ein Netzwerk-Datei-System, Prozeßkommunikation, Stapelverarbeitung und elektronische Post hinzu. Neben Rechnern, Monitoren, Peripherie und Leitungen steuerten die Hersteller vor allen Dingen Spitter, Multiport-Repeater, Gateways, Router, Controller, Server, Remulatoren, Sternkoppler und Analysatoren bei.

In den USA sowie in Deutschland sind TCP/IP-Protokolle sehr gefragt. Die auf einer im April 1987 abgehaltenen TCP/IP Interoperability Conference in Montgomery anwesenden 700 Anbieter und Anwender kamen zu dem Ergebnis, daß TCP/IP aufgrund der einschlägigen Installationsbasis die Gemüter in absehbarer Zeit wesentlich mehr bewegen wird als OSI, einfach weil zunächst die aktuellen Probleme gelöst werden müßten und OSI vergleichsweise größere und noch nicht abschätzbare Schwierigkeiten mit sich bringen könnte.

Im übrigen hat sich gezeigt, daß die unternehmensweite Vernetzung, für die das TCP/IP-Protokoll mit in Frage kommt, in den USA hinter den auf Herstellerseite gehegten Hoffnungen zurückbleibt. Nach einer Erhebung der Wollongong Group Inc. haben beispielsweise rund 75 Prozent der Großunternehmen bisher lediglich abteilungsintern Arbeitsplätze untereinander vernetzt. 49 Prozent sahen überhaupt keinen Bedarf für die unternehmensweite Vernetzung, und 14 Prozent hatten gerade damit begonnen, die abteilungsübergreifende Vernetzung einer ersten Nutzen- und Bedarfsanalyse zu unterziehen. Die Zurückhaltung beruht - so die Aussagen von Wollongong - unter anderem auf Kompatibilitätsgesichtspunkten, Angst vor hohen Kosten, Bedenken hinsichtlich der Sicherheitsstufen und einer fehlenden unternehmensweiten Netzwerk- und Kommunikationsstrategie.

OSI-Normen werden per Dekret verordnet

Trotz des Zögerns von seiten der Anwender ist langfristig gesehen OSI sicherlich Erfolg beschert. Dies schon allein deswegen, weil die Durchsetzung dieser Norm mit administrativen Mitteln forciert wird. Das amerikanische Department of Defense will sich von den eigenen Arpa-Protokollen lösen und in Zukunft nur noch OSI-Protokolle verwenden. Diese sollen unter der Bezeichnung GOSIP für öffentliche Beschaffungen als Vorschrift gelten. Nicht viel anders will man auf europäischem Boden verfahren: Ein Ratsbeschluß der EG wird ab Dezember dieses Jahres die Verwendung von verfügbaren OSI-Protokollen für Behörden in den Mitgliedsstaaten zwingend vorschreiben. Die Anwender müssen bei einer Migration allerdings einige Federn lassen, und zwar im Hinblick auf die Tatsache, daß sie vorhandene DV- und Netzkonfigurationen ja nicht einfach über Bord werfen können. Nach Aussagen von Ulf Beyschlag, Projektmanager bei der Münchner Softlab GmbH, kann sie im schlimmsten Fall sehr hohe Kosten verursachen und trotzdem von den Benutzern nicht angenommen werden. Dennoch sei eine frühzeitig festgelegte und konsequent durchgeführte mittel- und langfristige OSI-Migrationsstrategie der beste Schutz vor bösen Überraschungen.

MAP-Software treibt Kosten in die Höhe

Guter Rat ist auf diesem Gebiet teuer. Vorschläge, was man bei einem Übergang beachten sollte, enthält zum Beispiel ein Dokument mit der Überschrift "Issues in Migration towards OSI/TOP" im Zusammenhang mit der Ende April veröffentlichten TOP-Version 3.0. Die Hinweise sind allerdings so allgemein, daß der tatsächliche Nutzen für den Benutzer in Zweifel gezogen werden muß. So wird dort unter anderem ein Übergang in Phasen, die Anschaffung von aufwärtskompatiblen Komponenten und die Bewahrung eines gemeinsamen Übertragungssystems empfohlen.

Bei dem MAP hieß die Devise des Jahres "Stillhalten". So forderte der Lenkungsausschuß der MAP/TOP-Usergruppe die Hersteller dazu auf, die für Juni 1988 angekündigte Fassung des Fertigungsstandards 3.0 für sechs Jahre einzufrieren. Damit soll der Verunsicherung der User entgegengewirkt und ein MAP-Einstieg erleichtert werden. Eine Festschreibung ist ebenfalls für den Büroautomations-Standard TOP geplant. Hier geht es darum, die Kompatibilität zu MAP und OSI festzulegen.

Die Zweifel an MAP haben verschiedene Ursachen. In diesem Zusammenhang werden die Inkompatibilität zwischen den Versionen 2.1 und 3.0 ins Feld geführt sowie fehlende Informationen hinsichtlich der sich ergebenden Kostenvorteile und schließlich ein Mangel an geeigneter Applikations-Software, überhaupt birgt die Software weit mehr Probleme in sich als die Hardware, da sie unverhältnismäßig viel teurer ist.

Reinfall bei General Motors

Irritieren dürfte den Beobachter der Szene außerdem, daß das von General Motors initiierte Protokoll im eigenen Unternehmen zum "Enfant terrible" wurde. Nach Aussagen des "Wall Street Journals" von Anfang Mai 1986 versuchen die Ingenieure und Programmierer seit mittlerweile über einem Jahr vergeblich, die Produktion anlaufen zu lassen. General Motors hatte dieses Prestige-Objekt als "Passage in die Zukunft" beschrieben - die Realität dagegen ist ein Trauerspiel. "Statt Autos zu lackieren, sprühen sich die Roboter gegenseitig an", so Walter Gora, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl Informatik 7 der Universität Erlangen-Nürnberg, der sich im Rahmen eines Projektes für flexibel automatisierte Produktionssysteme an dieser Hochschule mit MAP-Protokollen beschäftigt. Das vollautomatische Transportsystem, das mit enormen Kosten und "High-Tech" von Grund auf neu konzipiert und eingerichtet worden sei, stehe ebenso wie die gesamte Fabrikation still.

Völlig ungeklärt sei bei MAP auch noch das dynamische Leistungsverhalten der einzelnen Kommunikationsschichten. Beim Verbindungsaufbau könnten auf jeder Ebene zahlreiche Parameter individuell ausgehandelt werden. Diese Parameter, zum Beispiel die Größe eines Paketes und gewisse Gütemerkmale, bestimmten wesentlich die Leistung des Kommunikationssystems. Bei einer schlechten Abstimmung in einem großen Netzwerk könnte es hierbei zu erheblichen Leistungseinbußen kommen, so daß Antwortzeiten im Sekundenbereich auftreten könnten oder sogar die Kommunikation zusammenbrechen könnte.

Im Bereich von MAP ist in diesem Jahr ebenfalls eine neue Kooperation zu melden: Die MAP/TOP-User-Gruppe hat sich mit der Corporation for Open Systems (COS) und einigen Großanwendern zusammengetan, um die Entwicklung neuer MAP/ TOP-kompatibler-Produkte zu forcieren. COS, der "OSI-Hans-Dampf-in-allen-Gassen" hat sich im übrigen auch noch mit Spag zusammengetan, um OSI und ISDN näher aneinanderzurücken. Das Ziel der beiden Organisationen heißt, aus den vorhandenen OSI-Basis-Standards "Functional Standards" zu erarbeiten, die eine herstellerübergreifende Kommunikation ermöglichen können. Es ist geplant, weltweit einheitliche Funktionsbündel festzulegen.