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27.04.1990 - 

Langfristige Stabilität unter Einbeziehung des technischen Fortschritts

OSI bei Hoechst: Eine strategische Entscheidung gerade für den Multi

OSI ist als Begriff zwar bekannt, trotzdem gelang es bisher noch nicht, die Bedeutung des 7-Schichten-ISO-Referenzmodells und die Schritte zu seiner praktischen Umsetzung ausreichend deutlich zu machen. Für viele Anwender ist OSI offensichtlich noch ein "Phantom ohne Fleisch und Blut".

Eine Kommunikationswelt, die einheitlichen Standards genügt, scheint bislang in weiter Ferne. Doch der Schein trügt. Das Gegenteil beweist die Hoechst AG mit ihrer strategischen Entscheidung für OSI.

Hoechst ist ein multinationales Unternehmen mit 167 000 Mitarbeitern, zahlreichen Lieferanten, sehr vielen Kunden und Produktionsstätten in aller Welt. Für Harald Nottebohm, Leiter der Abteilung "Kommunikation" des Unternehmens in Frankfurt, ist OSI und jede weiterreichende Standardisierung Garantie für die Unabhängigkeit von einzelnen Computerlieferanten. Nottebohm wörtlich: "Aus wirtschaftlicher Sicht ist ein aktiver Wettbewerb der verschiedenen Informationssysteme notwendig. Dabei spielt die Forderung nach Sicherung der Investitionen in Hard- und Software eine wichtige Rolle beim Engagement für OSI."

Grundsätzlich ist für Hoechst eine heterogene Computerlandschaft kein nachteiliger Zufall, sondern das Ergebnis der Nutzung des Wettbewerbs. Im Widerspruch dazu steht der Wunsch, daß alle Abteilungen des Hauses ohne Schwierigkeiten miteinander kommunizieren sollen. Reibungslos funktionieren soll auch der Informationsaustausch mit Kunden, Lieferanten und sonstigen Geschäftspartnern. Ziel ist ein Kommunikationssystem, in dem auch die bestehenden Einrichtungen wie Telex, Fax und Electronic Mail mit einbezogen sind.

All diese Forderungen können nur von einem System erfüllt werden, das gleichzeitig langfristige Stabilität garantiert ohne jedoch die Einbeziehung technologischen Fortschritts zu hemmen. Das bedeutet aber, daß es sich um ein System handeln muß, dem internationale - und damit langfristig stabile Standards zugrundeliegen. Alle anderen Standards - seien es Industriestandards oder herstellerspezifische Varianten - sind lediglich als Zwischenlösung anzusehen. Denn OSI-Lösungen bieten langfristig einen hohen Funktionsumfang. Gateway-Lösungen dagegen bieten zwar heute eine noch höhere Funktionalität, kommen aber nicht der grundsätzlichen Forderung nach Unabhängigkeit, Flexibilität und Sicherung der Investitionen entgegen.

Darüber hinaus steht fest: Die Anforderungen an den Bereich Information und Kommunikation im Unternehmen wachsen. Der zukünftige europäische Binnenmarkt eröffnet neue Chancen, die nur durch eine stärkere Dezentralisierung des Unternehmens genutzt werden können.

Dieser neuen Entwicklungsdimension folgt die Informationsstrategie bei Hoechst mit der Entscheidung für OSI. Rainer Janssen, Leiter der Gruppe "Standards" formuliert praktisch: "Wir wollen, daß Mainframes, Minis und Mikros von unterschiedlichen Herstellern miteinander arbeiten, ohne Rücksicht auf Betriebssystem, Netzstrukturen oder Ländergrenzen." Dieses ehrgeizige Ziel hat man zwar noch nicht erreicht, aber erste Schritte auf dem Weg zu OSI sind getan.

Erste konkrete Maßnahme im Rahmen des Strategiekonzeptes war die Festschreibung eines sogenannten "Musterkoffers", bestehend aus Hardware, Software und Netztechnik. Den verschiedenen Bereichen, Abteilungen und Niederlassungen von Hoechst waren diese Vorschläge Hilfe und Orientierung. Begonnen hat es schließlich mit der Integration der unterschiedlichen Netzstrukturen im Unternehmen wie SNA, Decnet, Transdata oder HP-Advancenet. Normalerweise ist eine Kommunikation zwischen Teilnehmern dieser Netze nicht möglich. Verwendet man jedoch einheitliche Übertragungsprotokolle können auch die gleichen Übertragungswege genutzt werden, mit dem Nebeneffekt verringerter Übertragungskosten. In Weitverkehrsnetzen ist es möglich, den Standard X.25 für Paketvermittlung einzusetzen. Derzeit können weltweit in rund 60 Ländern öffentliche X.25-Vermittlungsnetze zusammenarbeiten. Bei lokalen Netzen werden die ISO-Normen 8802/X empfohlen. Zur Zeit wird in erster Linie 8802/3 mit 10 MB/s genutzt. Diese Kommunikationstechnik ist nicht nur zuverlässig, sondern auch billiger als andere Lösungen; zudem steht eine breite Produktpalette zur Verfügung.

Der Bedarf an Integration der verschiedenen Bürokommunikationssysteme bei Hoechst war groß. Etabliert haben sich im Laufe der Jahre PROFS, Memo, All-In-One, Desk-Manager und Quik-Comm, dies speziell für Austausch von Mitteilungen mit den Auslandsgesellschaften. In erster Linie geht es bei den Anpassungsmaßnahmen um einen weltweit ungehinderten elektronischen Informationsaustausch. Die Arbeiten an der Migration zu OSI begannen im Jahre 1986.

Den Anfang machte die All-In-One-Integration in OSI-X.400; es folgten die Memo-, Profs- und Quik-Comm-Benutzer des Hauses. Inzwischen sind etwa 11 000 Hoechst-Mitarbeiter daran beteiligt. Schwerpunkte liegen in Deutschland, den USA und Großbritannien. Die Rahmenbedingungen für eine Migration lauteten: Jeder Benutzer sollte wie bisher nur einen Bildschirm bedienen und die gewohnte Benutzeroberfläche durfte nicht entscheidend verändert werden, wobei es keine Rolle spielen sollte, welcher Art das Zielsystem ist und über welchen Rechner die Mitteilung bei einer Übertragung läuft.

Die Ausrüstung der Benutzersysteme mit X.400-Schnittstellen ist noch nicht vollständig abgeschlossen. Einzelne Systeme, für die X.400 noch nicht zur Verfügung steht, werden vorläufig über Gateways in das Netz eingebunden.

Im Sinne der Hoechst-Strategie bilden die X.400-fähigen Systeme das Rückgrat des Message Handling-Verbundes im Unternehmen. Alle nicht X.400-fähigen Systeme werden unter Nutzung eines X.400-Systems in den Verbund mit einbezogen, also nicht über spezielle Gateways direkt miteinander gekoppelt.

Weil es zur Zeit der Umstellung Directory-Dienste nach X.500 noch nicht gab, war bei der Realisierung von Übergangslösungen zu entscheiden, ob man durch zusätzlichen Programmieraufwand die fehlende Funktionalität der heute verfügbaren OSI-Systeme ausgleicht oder für eine Übergangszeit gewisse Einschränkungen akzeptiert. Hoechst entschied sich für den zweiten Weg, um möglichst schnell einen breiten Verbund mit unterschiedlichen Systemen aufbauen zu können. Ein entscheidender Gesichtspunkt bei Betrachtung der heutigen Situation (X.400-fähige und nicht X.400-fähige Systeme in einem gemeinsamen Verbund) besteht in der Frage der Adressierung der Teilnehmer.

Im X.400-Bereich kommt die sogenannte O/R-Name-Form 1.1 (Originator/Recipient) zum Einsatz. Sie besteht aus:

- Personal Name

- Organisation Name

- Unit Name

- Private Domain Name

- Administration Domain Name

- Country Code

Werden Bürosysteme mit X.400-Schnittstelle eingesetzt, tritt kein Adressierungsproblem auf, da das System eine solche Adresse selbst erzeugen kann. Hier bleibt es Aufgabe die Benutzeroberfläche des Bürosystems zu integrieren. Einige der heute benutzten Systeme haben jedoch keine Möglichkeit, eine X.400-Adresse entsprechend dem O/R-Name-Form 1.1 zu erzeugen. Daraus entsteht bei der Kommunikation zwischen X.400- und nicht X.400-Systemen ein Adreßumsetzungs-Problem. Profs-Teilnehmer zum Beispiel können nur eine Adresse, die aus zwei Attributen besteht erzeugen: System-Id und User-Id.

Entschärft wurde das Problem durch folgende Übergangslösung: MHS-Benutzer werden durch Angabe zweier Attribute, der User-Identification und der System-Identification charakterisiert. Die User-Id entspricht dem Namen des Benutzers; die System-Identification kennzeichnet das Electronic Mail System, an das der Benutzer angeschlossen ist.

Im X.400-System, das der sendende Teilnehmer benutzt, erfolgt eine Umsetzung auf die X.400-Adresse des Empfängers, indem die System-Identification abgebildet wird auf Unit, PRMD, ADMD und Country, wobei die Benutzer-Identifikation des Namens erhalten bleibt. Das empfangende X.400-System prüft die X.400-Adresse und bildet jene Adresse, mit der der Empfänger in seinem System erreicht wird.

Der Vorteil dieser Übergangslösung für eine heterogene Computerwelt besteht darin, daß jedes X.400-System nur ein Verzeichnis seiner "eigenen" Teilnehmer, der erreichbaren MHS-Domains und eine Umsetz-Tabelle mit einem Eintrag pro System, nicht aber eine Umsetz-Tabelle bezüglich aller externen Empfänger führen muß. Daher werden bei Hoechst zur Unterstützung der Benutzer zyklisch Informations-Dateien zwischen den X.400-Systemen ausgetauscht, die für jeden Teilnehmer die Adreß-Attribute und weitere Informationen wie Name, Vorname, Stadt, Organisation, Gebäude und so weiter enthalten. Die X.400-Systeme leiten diese Dateien an die einzelnen nicht X.400-Systeme weiter.

Völlig anders gestaltet sich die Situation bei der Dokumenten-Übertragung. Im Rahmen des "Phoenix"-Projektes geht es seit 1989 um den Austausch strukturierter Daten, also um Handelsdokumente, zwischen Hoechst und externen Geschäftspartnern. Grundlage dazu ist die standardisierte Edifact-Syntax für Geschäfts- und Handelsdaten.

Bestellungen und Rechnungen mit ausgewählten Pharmaherstellern und -Großhändlern werden elektronisch und damit papierlos, von Bildschirm zu Bildschirm geschickt. Im Rahmen der CEFIC/EDI-Projekte wird - gemeinsam mit 15 weiteren europäischen Unternehmen - der Einsatz von Edifact erprobt. Der Transport der Daten soll auf das bereits eingeführte X.400-Message-Handling-System umgestellt werden.

Rainer Janssen sieht in X.400 deshalb weit mehr als ein simples Mailboxsystem; für ihn ist es die Basis für eine umfassende Neuorientierung der gesamten Kommunikationswelt. Schließlich beschränkt sich der Standard nicht nur auf Message Handling, sondern bietet das "Dach" für alle Telematik-Dienste. Janssen: "X.400 ist in der Lage Telex, Fax, Teletex und Bildschirmtext zu integrieren."

Zwar wird X.400 heute noch im wesentlichen für den Informationsaustausch zwischen Personen genutzt. Es bildet aber darüber hinaus eine gute Infrastruktur für alle Anwendungen, die Daten im sogenannten speichervermittelten Modus (store and forward) austauschen wollen.

Denn charakteristisch für jedes dieser Mitteilungssysteme sind die eigenen Adreßbezeichnungen. Ein Sender muß wissen, über welche Telex-Nummer beziehungsweise Fax-Nummer sein Partner zu erreichen ist. Werden die X.400-Standards realisiert, spielt es keine Rolle mehr, wer welches Gerät besitzt und benutzt. Die X.400-Standards sehen für jeden Benutzer eine eigene persönliche X.400-bezogene Adreßbezeichnung vor. Wird eine Mitteilung über die X.400-Infrastruktur verschickt, ist es für den Absender gleichgültig, mit welchem Gerät der Empfänger zu erreichen ist. Ein komplexer Speicher- und Vermittlungsvorgang sorgt dafür, daß die Mitteilung ankommt; egal wo auf der Welt - gerichtet an eine große Gruppe von Empfängern ebenso wie an eine einzelne Person.

Technisch wird das abgewickelt mit Hilfe von Gateways also Adreß/Code- und Formatumsetzungen. Gateways für den Zugriff auf Telex und Telefax sind bei Hoechst bereits teilweise vorhanden. Geplant ist zusätzlich eingehende Telex- und Faxmitteilungen direkt in den elektronischen Briefkasten des Empfängers zu leiten.

Rainer Janssen: "Vordringliche Aufgabe ist es jetzt, den Bereich File-Transfer auf ein offenes System umzustellen und die "Funktionalität des Mitteilungsaustausches über X.400 anzuheben." Auch hier sind OSI-Standards sowie die entsprechenden Produkte verschiedener Computer-Hersteller Grundlage weiterer Arbeit. Der Funktionskomfort von FTAM (File-Transfer, Access and Management) wird, so kündigt Janssen an, im Jahre 1990 zwischen DEC-, HP-, IBM-Rechnern und PCs getestet. Die Erwartungen an das System sind hoch. Erste positive Erfahrungen aus dem Bankenumfeld versprechen, daß auch bei dem Chemiekonzern Hoechst mit dem Einsatz von FTAM-Produkten die bestehenden Grenzen der Computerwelt durchlässiger werden.

Der Austausch strukturierter Dokumente über X.400 wird den Nutzen des X.400-Verbundes deutlich erhöhen. Erste Prototypen von ODA/ODIF-Konvertern (ODA: Office Document Architecture) gibt es bereits. Der Bedarf ist groß. ODA wird bereits in Form erster Prototypen implementiert.

Hoechst will noch im laufenden Jahr Erfahrungen mit dem OSI-Standard ODA für einen offenen Dokumentenaustausch in heterogenen Systemen sammeln.

OSITOP: Ein Motor für OSI

Hoechst unterstützt alle Bestrebungen auf nationaler und internationaler Ebene, die dazu beitragen OSI-Produkte einzusetzen. Kommunikations-Manager Harald Nottebohm: "Als Gründungsmitglied der internationalen Anwendervereinigung OSITOP wollen wir den raschen Erfolg von OSI."

Gemeinsam mit 120 weiteren Mitgliedern der OSITOP-Vereinigung setzt sich Hoechst dafür ein, daß die Standardisierungsarbeit und die zielgerichtete Produktentwicklung forciert werden. OSITOP bewertet den Status internationaler Standards, beteiligt sich an Marketing-Projekten, untersucht Fragen der Infrastruktur für den Test von OSI Anwendungsprotokollen.

Einführung von X.400 bei Hoechst

Anfang 1987

- Installation des DEC/X.400-Produktes zur Anbindung von All-In-One auf VAX-Systemen.

- Verbindung von Memo und Quik-Comm über ein Gateway (Zwischenlösung).

Ende 1987

- Anbindung von Quik-Comm

- Kommunikation mit der US-Tochter Hoechst Celanese auf X.400-Basis.

Anfang 1988

- Integration von Memo

Mitte 1989

- Kopplung Desk-Manager/X.400

Ende 1989

- 11 000 Benutzer arbeiten mit OSI X.400-Systemen im weltweiten Verbund unterschiedlicher Computersysteme.

Planung 1990

- Installation von PROFS/X.400

- Anbindung und Nutzung der Telebox/X.400-Schnittstelle der Deutschen Bundespost Telekom für externes Message HandIing.