Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

Neue ISO-Arbeitsgruppe sollte Modell für Open Distributed Processing (ODP) entwickeln


14.07.1989 - 

OSI: Normierungsaktivitäten fehlt noch innere Konsistenz

Die Arbeiten an der Standardisierung von "Open Systems Interconnection - OSI" gehen gerade ins zehnte Jahr: Bereits 1979 wurden die Grundlagen des Programmes gelegt, das das berühmte Sieben-Schichten-Modell in die Welt gesetzt hat und zwischenzeitlich mehr als zweihundert Standards und Standardisierungsvorhaben quer durch die Protokollebenen nach sich zog. Bemühungen von immer noch großer Bedeutung erstrecken sich heute im wesentlichen auf die Anwendungsschicht, also die oberste im OSI-Modell. Vor allem das Management und die Sicherheit von OSI-Ressourcen erregen das Interesse des Spezialisten.

Nicht nur die Standardisierung, auch die Bekenntnisse von Herstellern und von Anwendern zu den OSI-Normen haben in den letzten Jahren rapide zugenommen. Wenn die Lage auch nicht gerade leicht überschaubar ist, so kann doch ein klarer Trend zur Implementation wie auch zur Nutzung der Standards festgestellt werden. Es ist also erlaubt, über OSI hinauszudenken und Fragen an die Zukunft zu stellen: Ist die OSI-Standardisierung bald komplett? Was wird als nächstes standardisiert? (Siehe auch Tabelle auf Seite 34) Was kommt nach OSI?

Es klingt zwar trivial, trotzdem: Die Richtung der OSI-Standardisierung wurde wesentlich durch die Evolution der Informationstechnologie (IT) bestimmt:

- die explosionshafte Entwicklung der Basistechnologien, vor allem in der Mikroelektronik und in der Telekommunikation,

- die bedeutenden Änderungen im Systemdenken als Folge der gesunkenen Kosten und höheren Zuverlässigkeit der Rechnerkomponenten,

- die Standardisierung von Anwendungen und von Software-Werkzeugen bei gleichzeitiger Produktivitätssteigerung der Entwickler durch die Methoden des Software Engineering.

Diese Entwicklungen beeinflussen alle Arbeitsgebiete der IT-Standardisierung. Zuerst war die Entwicklung von Protokollen für den Informationsaustausch und die Interaktion zwischen offenen Systemen der Inhalt der OSI-Normierung. Diese Protokolle kümmern sich nicht darum, die Anwendungen, in deren Zusammenhang der Protokollaustausch stattfindet, näher zu spezifizieren. Ein einfaches Beispiel: Ein Dateitransfer mit FTAM kann zum Ergebnis haben, daß die Datei auf Platte gespeichert oder auf dem Drucker ausgegeben wird. Das Protokoll FTAM kann und will das nicht beeinflussen.

Es existiert eine Sammlung von Standards und Standardvorschlägen, die den Anwendungsprogrammen in den Rechnersystemen ganz spezielle Kommunikationsdienste bereitstellt. Sie wird als "spezielle Anwendungs-Dienstelemente (SASE)" bezeichnet:

- der Dienst FTAM für die Übertragung, den Zugriff und die Verwaltung von Dateien (File Transfer, Access and Management),

- das Protokoll VTP zur Abbildung von realen Bildschirmen auf ein gemeinsames, virtuelles Terminal (Virtual Terminal Protocol),

- der Standard JTM zum entfernten Ausführen von Batch-Aufträgen (Job Transfer and Manipulation),

- der Nachrichtenübermittlungsstandard X.400 (Message Handling Service MHS),

- der Dienst zum Aufbau elektronischer Adreßbücher, in denen die Objekte der Rechnerkommunikation gesammelt werden (Directory-Dienst),

- das Protokoll TP zur gesicherten Durchführung von Transaktionen zwischen Rechnern in offenen Netzen (Transaction Processing),

- die Dienste zur Administration, Überwachung und Steuerung von OSI-Netzwerken (OSI-Management)

und schließlich

- die Dienste zur Gewährleistung von Zugriffssicherheit, von Schutz vor unberechtigter Nutzung sowie zur Authentifizierung von Benutzern (Security Framework).

Oft werden diese Standards der OSI-Anwendungsschicht als Basiswerkzeug dazu benutzt, verteilte Rechnersysteme aufzubauen, die aus Komponenten ganz verschiedener Hersteller bestehen. Große Beispiele hierfür sind die von Anwendern verfaßten Spezifikationen MAP und TOP und deren beispielhafte Realisierung bei General Motors beziehungsweise im CNMA (Communications Network for Manufacturing Applications) oder das CIM-OSA Projekt des ESPRIT-Programmes (Computer Integrated Manufacture - Open Systems Architecture).

Sobald OSI-Standards als Basis für verteilte Systeme betrachtet werden, müssen die Arbeitsgebiete der Normierung revidiert werden. Die Standardisierung der Schicht 7 wird zum Kommunikationsdienst für im Netzwerk verteilte Anwendungen, die auf unterschiedlichen Interaktionen auf verschiedenen Wegen zwischen den Rechnern beruhen. Solche Standards müssen auch Aspekte der Systemstruktur in den Endsystemen berücksichtigen.

Selbstverständlich ist es in der Praxis schwierig, eine klare Trennungslinie zwischen dem Management der Kommunikation und dem Management verteilter Systeme zu ziehen. Ebenso unscharf ist die Trennlinie zwischen System- und Kommunikationssicherheit. Der neue Begriff der offenen, verteilten Systeme erfordert mehr als nur normierte Richtlinien für die Kommunikation:

- Standards für die Datenbanksysteme sind notwendig, um entsprechende Anwendungen möglichst unabhängig von den Rechnerstrukturen und damit möglichst portabel zu implementieren. Die Datenkonsistenz muß ebenso erhalten bleiben wie die Möglichkeiten zum strukturierten Datenaustausch.

- Standardisierung von Betriebssystemumgebungen wird benötigt, um die Flexibilität der Systeme wie die Entwicklungsfähigkeit der Systemkonfigurationen zu gewährleisten. Dadurch werden natürlich auch die Applikationskonzepte stark beeinflußt.

- Es werden schließlich Normen benötigt, die die anwenderorientierte Darstellung von Informationen festlegen, sie aber wiederum flexibel und für die Zukunft erweiterbar gestalten. Es handelt sich um Normen für Computergrafik, Dokumentarchitekturen, Datenbank-Abfrage- und Darstellungsmethoden sowie um Standards für die Bildschirmgestaltung und die anwenderfreundliche Informationsaufbereitung.

Auf diese Art werden die Standards zum Aufbau verteilter Systeme zum Verbindungsglied der unterschiedlichsten Aktivitäten zu OSI, Datenbanken, Computergrafik und ähnlichem. Die Arbeit in internationalen Gremien wird gleichermaßen mit den Harmonisierungsbestrebungen von Anwender- und Herstellerorganisationen verknüpft.

Eine Reihe von Normierungsvorschlägen liegen bereits vor:

- Die Abfragesprache SQL ist als Standard seit einiger Zeit veröffentlicht; Änderungen, Verbesserungen und Erweiterungen liegen derzeit als SQL 2 bei der zuständigen ISO-Arbeitsgruppe. Darüber hinaus entstehen zur Zeit Standards über den entfernten Datenbankzugriff (Remote Database Access - RDA), zum Information Ressource Dictionary (IRDS) und zu einem Referenzmodell über Datenmanagement (RMDM).

- Nachdem ein erprobtes, verteiltes Betriebssystem heute nicht vorhanden ist, ist es sinnvoll, auf ein weitverbreitetes, in der Praxis zum Quasistandard gewordenen Betriebssystem als Grundlage für einen Standard zurückzugreifen. Die Normierung der Betriebssystemschnittstelle von UNIX, die von der ISO gemeinsam mit IEEE im POSIX-Projekt durchgeführt wird, soll eine solche, allgemein akzeptierte Basis für ein verteiltes Betriebssystem im Rahmen von ODP herstellen. Parallel dazu wird eine gemeinsame Kommandosprache für Betriebssysteme als OSCRL (Operating Systems Command and Response Language) standardisiert.

- Eine Reihe von Standards entstehen für die anwendungsnahe Darstellung und Aufbereitung von Informationen: ODA und SGML für multimediale Dokumente, die aus Text, Grafik und Bildern bestehen; später sollen noch Sprache und Video- "Notizen" hinzukommen. CGM und GKS für die Computergrafik; die verschiedenen EDI-Normen (Electronic Data Interchange) für die Strukturierung von kommerziellen Daten in gemeinsamen Übertragungsformularen. Insbesondere der Standard EDIFACT (EDI For Administration, Commerce and Transport), der seit 1985 von der UNO entwickelt wird, gewinnt zunehmend an Bedeutung.

Selbstverständlich fehlt dieser großen Menge an Aktivitäten der Zusammenhang und die innere Konsistenz. Die Vollständigkeit wird nicht garantiert. Es ist die Aufgabe einer neuen ISO-Arbeitsgruppe, ein neues grundlegendes Referenzmodell zur offenen, verteilten Datenverarbeitung zu entwickeln (Open Distributed Processing - ODP). ODP schafft einen Rahmen, der die globale Zielsetzung und Kohärenz der Standards definiert und in dem die verschiedenen Einzelaktivitäten zueinander in Beziehung gesetzt werden. Parallel dazu wird seit April '88 eine technische Studie ausgearbeitet, die Schnittstellen für die Portabilität von Applikationen identifiziert (Interfaces for Application Portability - IAP).

Durch die neuen Aufgabenstellungen ist OSI sicher nicht einfacher oder übersichtlicher geworden. Im Gegenteil, die notwendige Einbettung der offenen Kommunikation in die Anwendungen und in die Systemarchitektur der verschiedenen Rechner birgt neue Qualität und hohe Komplexität in sich. Sowohl Anwender als auch Hersteller von Rechnernetzen sind vielfach noch überfordert.

Alle führenden Hersteller bekennen sich heute zu OSI. Viele Produkte auf der Basis von OSI im Umfeld von lokalen Netzen oder Fernverkehrsnetzen sind verfügbar; auch in der Anwendungsschicht können OSI-Produkte insbesondere zur Nachrichten- und Dateiübermittlung (X.400 und FTAM) gekauft werden. Dennoch tun sich viele Hersteller schwer bei der Integration der offenen Kommunikation in die eigene, bisher geschlossene Rechnerwelt. Doch Nachsicht ist geboten: Die geschilderten, komplexen Standards zu normieren, ist bereits schwierig, sie zu realisieren ist Schwerarbeit!

Anwender versprechen sich von OSI neben finanziellen auch ablauforganisatorische und geschäftliche Vorteile: Die Abhängigkeit von Herstellern soll verringert werden, die Kosten der Rechnerkommunikation sollen planbarer und die Möglichkeiten zum Informationsaustausch besser werden. Gleichzeitig sollen die vorhandenen Ressourcen besser ausgenutzt und die Systemverfügbarkeit signifikant erhöht werden.

Die Initiativen der wichtigen Anwendergruppen haben Einfluß: Es werden Systemanforderungen definiert, die den Einsatz von OSI-Netzen in öffentlichen Administrationen (GOSIP - Government OSI Profile), in der Produktion (MAP), im Ingenieur- und Bürobereich (TOP) spezifizieren. Funktionale OSI-Profile stimmen den Einsatz der Normen auf ihre konsistenten Optionen ab und definieren ihre Anwendungsbereiche. Sogar die Normierung neuer Standards wird aus den Anwendervereinigungen beeinflußt: Der Standard zur Robotersteuerung MMS zum Beispiel wäre ohne MAP gänzlich unbekannt geblieben und würde wohl kaum Einsatz finden.

Die Regierung der USA, Großbritannien und Kanadas aktivieren GOSIP für den Einsatz in ihren Administrationen. Frankreich und die Bundesrepublik kooperieren, um EPHOS, das European Procurement Handbook for Open Systems, zu erstellen. Bereits seit Februar 1988 existiert eine Richtlinie der europäischen Kommission, die alle Verwaltungen in der EG dazu verpflichtet, Standards überall dort einzusetzen wo sie verfügbar gemacht werden können. Das Rennen ist sicher noch nicht gelaufen; OSI führt auch noch nicht vor den Herstellernetzwerken, aber es beherrscht die Gedanken.

Der Fortschritt in der Informationstechnologie in den vergangenen zehn Jahren hat die OSI-Standardisierung stark beeinflußt. Doch die Rückwirkungen sind unübersehbar: OSI ist zu einer der treibenden Kräfte für den Fortschritt in der Informationstechnologie geworden. Auch das Verhältnis zwischen Herstellern und Anwendern wandelt sich: Er fordert vom Hersteller OSI-konforme Produkte.

Auf Computermessen werden OSI-orientierte Multivendor-Demonstrationen zum zentralen Ort des Besucherinteresses. Sogar Anwender beteiligen sich aktiv an solchen Demonstrationen. Eines ist klar geworden: Die IT-Standardisierung ist nicht die "institutionalisierte Langeweile", wie das einmal ein Direktor eines großen Computerherstellers ausdrückte. Im Gegenteil, sie ist die Basis für eine neue Produktivitätsexplosion bei der Entwicklung neuer Anwendungen im Umfeld offener, verteilter Systeme.

JTM IS 8831/32 verabschiedet, Anhänge in Arbeit (bis 1991)

FTAM IS 8571 veröffentlicht, Anhänge in Arbeit (bis 1990)

VTP IS 9040/41 verabschiedet, Anhänge in Arbeit (bis 1991)

X.400 IS 10021 veröffentlicht (2. Version 1988)

Directory als CCITT X.500 (IS 9594) veröffentlicht, Überblicke, Anwendungen und

MIB in Arbeit (bis 1991)

Management Basisprotokoll technisch stabil (DIS 19595/96), funktionale Bereiche in

Arbeit (bis 1991)

Transaction in Arbeit (bis 1990)

Security Security Architektur (IS 7498-2) veröffentlicht, Security Framework in Arbeit

(bis 1993)

EDI IS 9735 (EDIFACT) verabschiedet

ODA DIS 8613 technisch stabil

POSIX in Arbeit, (IEEE 1003, bis ?)

ODP in Arbeit (bis 1992)

Database IS 9075 (SQL) verabschiedet; Erweiterungen in Arbeit (SQL 2, RDA, IRDS,

RMDM bis 1991 /92)

OSCRL in Arbeit (bis 1992)

Graphics Graphical Kernal System (GKS), Computer Graphics Metafile (CGM)

verabschiedet, Computer Graphics Interface (CGI) und GKS Language

Bindings z.T. verabschiedet bzw. technisch stabil

- Majk Kupferberg ist Berater und Projektleiter bei der SCS-lnformationstechnik GmbH, Fachbereich Kommunikationstechnik, München.