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13.03.1992 - 

Portrait einer Anwendervereinigung zur Förderung offener Systeme

Ositop: Ohne Engagement der Anwender bleibt OSI Fiktion

Um eine geeignete Plattform für Anwender zu schaffen, die im Bereich offener Systeme auf die Standardisierungsdebatten der unterschiedlichen europäischen Gremien Einfluß nehmen wollen, wurde im Jahre 1987 die Vereinigung Ositop gegründet. Harald Nottebohm* beschreibt in seinem Artikel die bisherige Entwicklung, Projekte und Zielsetzung der Organisation.

Ende 1986 trafen sich auf Initiative der französischen Staatsunternehmen Electricité de France (EDF) und Gaz de France (GDF) eine Reihe europäischer Unternehmen in Genf und gründeten Ositop. Die anfängliche Absicht war, parallel zur Europäischen MAP-User-Group (EMUG) nun auch eine europäische User-Group für das Technical and Office Protocol (TOP) ins Leben zu rufen - letztlich auch Grund für den zusammengesetzten Namen aus OSI und TOP. Nach Ausarbeitung einer Satzung wurde 1987 die Vereinigung unter belgischem Recht von zehn Mitgliedern aus fünf europäischen Ländern gegründet.

Dabei zeigte sich sehr schnell, daß es den Anwendern weniger darum ging, ein gestimmtes funktionelles Profil - nämlich Top - durchzusetzen, sondern ganz allgemein international anerkannten Standards der ISO und CCITT zur Anwendung zu verhelfen und dafür zu sorgen, daß die zugehörigen Profile den Anforderungen der Praxis genügen. Darüber hinaus war von vornherein klar, daß diese Ziele - bei allen Interessengegensätzen - nicht ohne Kooperation mit den Herstellern erreichbar sind. Aus diesem Grund sind auch Hersteller als Mitglieder zugelassen.

Zwei Bestimmungen in der Satzung sorgen dafür, daß die Anwender in Ositop trotzdem das Sagen haben: Im maximal 20 Mitglieder umfassenden Steering Committee (StC) darf das Verhältnis von drei Anwendervertretern zu je einem Herstellervertreter nicht unterschritten werden, das heißt im StC können bei 15 Anwendern nur fünf Hersteller vertreten sein. Als zweites können Hersteller (dazu gehören auch Softwarehäuser) nicht als Anwender klassifiziert werden; die Entscheidung über die jeweilige Einstufung bei einer Neuaufnahme trifft das Steering Committee.

Dieses Gremium wird jedes Jahr in einer Mitgliederversammlung neu bestimmt. Anwender wählen dabei ihre Anwendervertreter, Hersteller ihre Herstellervertreter. Für vakante Sitze kann das Steering Committee weitere Mitglieder kooptieren - allerdings nur unter Einhaltung der vorgeschriebenen Mindestrelation.

Wichtiger als alle Verfahrensfragen - so notwendig und nützlich sie im einzelnen auch sein mögen - ist die Politik von Ositop. Ositop versteht sich als Interessenvertretung oder, kämpferischer formuliert, auch als "Pressure Group" für offene Systeme und geht damit deutlich über OSI und natürlich erst recht über das TOP-Profil hinaus. Salopp könnte man es auch auf Englisch sagen: "OSI and what's on TOP of it!"

Damit ist eine Kernfrage angesprochen, die im Steering Committee immer wieder mit Engagement diskutiert wird stets aber mit dem gleichen Ergebnis beantwortet wird: Unter offenen Systemen versteht Ositop jedenfalls nicht jenen schillernden Begriff, den die Hersteller gegenwärtig gerne bemühen, um die Anwender zu beruhigen. Wenn drei Hersteller das gleiche tun und es veröffentlichen, ist dies noch lange nicht das, was Anwender benötigen, um mit unterschiedlichen DV-Systemen über das eigene Unternehmen hinaus weltweit kommunizieren zu können.

Es ist auch eine Illusion zu glauben, Hersteller wie bisher unter sich belassen - könnten zu so weitreichenden Kooperationen bereit sein. Zu sehr wird dieses Ideal durch den Kampf um Marktanteile konterkariert. Es ist daher Sache der Anwender, entsprechenden Druck auszuüben und darauf zu dringen, daß Standards etabliert und eingehalten werden, die langfristig stabil oder evolutionär fortschreibbar sind. Diese Standards müssen unter Beteiligung und Kontrolle der Anwender entstehen und verabschiedet werden.

Der Prozeß, der dies derzeit gewährleistet, ist im Rahmen der OSI-Standardisierung oder CCITT-Empfehlungen bekannt. Eine intensivere Anwenderbeteiligung bereits im Vorfeld der Entscheidungen würde ihn allerdings erheblich beschleunigen.

Über die Gründe mangelnder Anwenderbeteiligung ist schon viel spekuliert worden. Mit dem Hinweis auf fehlende personelle Ressourcen macht man sich jedoch vielerorts die Antwort zu leicht. Ein wesentlicher Grund für das bisher nur schwache Engagement dürfte jedenfalls in der Sprache der Experten zu suchen seine die auch für die technisch vorgebildeten Anwender nahezu unverständlich ist. Ositop erhält zum Beispiel aufgrund seiner Verbindung zum ISO/IEC Joint Technical Committee Nr. 1 stapelweise Dokumente aus den Standardisierungsverfahren. Nur wenige Punkte darin haben Relevanz für Anwender; bis jetzt gibt es aber noch keinen systematischen Prozeß, anwenderrelevanten Informationen zu extrahieren und verständlich aufzubereiten.

Ein wichtiger Aspekt der technischen Arbeit von Ositop ist deshalb, die Mitglieder mit Informationen zu versorgen, die zum einen verständlich geschrieben sind und zum anderen auf alle Punkte eingehen, die aus Anwendersicht von Interesse sind. Zusammenfassungen für das Management sind dabei obligatorisch. Natürlich hat auch Ositop hier ein Ressourcenproblem; die fünf "Working Groups" des "Technical Committees" können nur das liefern, was Mitglieder zuvor durch freiwillige Arbeit dazu beigetragen haben.

Auf diese Weise sind einige informative Dokumente entstanden und an alle Ositop-Mitglieder verteilt worden: so über den Status von X.400 und FTAM - jeweils in bezug auf Standards, Profile, Funktionalität, Produktverfügbarkeit und Testmöglichkeiten - sowie über die Verfügbarkeit öffentlicher ADMD-Dienste für X.400-Nachrichtenvermittlung und letztlich über Sicherheitsaspekte in der Telekommunikation.

Das notwendige Spezialwissen, um Dokumente dieser Art zu erstellen, ist in Ositop aufgrund der breiten Mitgliedschaft - rund 120 Unternehmen, darunter fast alle relevanten Hersteller - vorhanden und abfragbar. Das Zusammenstellen, Formulieren und Editieren ist jedoch zeitaufwendig und mühsam, so daß sich hier oft keine Freiwilligen finden lassen. Deshalb kooperiert Ositop hier auch mit einem professionellen Herausgeber, Technology Appraisals aus London.

Aus dieser Kooperation sind bisher drei Dokumente hervorgegangen: ein ISDN-Report (was Anwender darüber wissen sollten), ein Report über EDI & OSI (was EDI und EDIFACT ist und welche Transportmöglichkeiten OSI bietet) und ein erweiterter Report über "Communications Security" (welchen Sicherheitsrisiken mit welchen Methoden begegnet werden kann und wie weit Standards hier gediehen sind).

Über die Verfügbarkeit von OSI-Produkten gibt ein ebenfalls von Technology Appraisals herausgegebener "OSI Products Report" Auskunft. Ositop ist hier im Editorial Board vertreten und sorgt dafür, daß der Report auf die Informationsbedürfnisse von Anwendern zugeschnitten ist. Er wird regelmäßig auf den neuesten Stand gebracht; im Herbst 1991 erschien die Ausgabe 1991/92 mit mehr als 400 Produkten sowie einer ausführlichen Planungshilfe.

Die technische Arbeit von Ositop ist in fünf Arbeitskreisen (Working Groups: WG) organisiert:

- WG 1 "Standards"

hat das Ziel, über den Status von Standards und ihre funktionalen Aspekte, soweit sie für Anwender relevant sind, zu berichten. So wurde zum Beispiel der ISDN-Report schwerpunktmäßig in der WG 1 bearbeitet. Ein Schwerpunkt zur Zeit ist ODA in der neuen Interpretation "Open Document Architecture" (früher "Office Document Architecture").

- WG 2 "Products and Projects"

hat seinen Schwerpunkt in der Durchführung von Projekten mit OSI-Implementationen. Hier soll nachgewiesen werden, daß zur Erzielung eines Wettbewerbsvorsprungs OSI-Standards geboten und zum Erwerb des einschlägigen Know-hows notwendig sind. Begleitet von WG 2 hat Ositop im Jahre 1990 zwei neue Projekte gestartet: OEDIPE, ein EDI-Projekt in der Elektrizitäts- und Energiewirtschaft, und BCP (Business Communication Project), ein branchenübergreifendes EDI- und ODA-Projekt mit den Schwerpunkten Banken und Chemie.

- WG 3 "Test and Certification"

hält Kontakt zu den Kreisen, die sich mit Konformitäts- und Interoperabilitätstests befassen und informiert die Ositop-Mitglieder über alle sie betreffenden Fragen. Mit SPAG wurde eine enge Kooperation verabredet. SPAGs neues Programm PSI (Program to Support Interoberability) ist für Ositops Projekte besonders interessant, weil SPAG für getestete Produkte nicht nur eine Art Gütezeichen vergibt, sondern sich auch im nachhinein in der Praxis auftretenden Problemen annehmen will.

- WG 4 "Migration"

ist zur Zeit mit WG 2 vereint, weil sich die angesprochenen Projekte nicht ohne Migration von bestehenden Systemen zu offenen Systemen lösen lassen. Hier wird ein intensiver Erfahrungsaustausch betrieben. Die Mitglieder von WG 214 erwerben in der Arbeitsgruppe viel wertvolles Know-how, das sie sich einzeln - wenn überhaupt - dann nur mit erhöhtem Zeitaufwand aneignen könnten. Die Mitarbeit in Ositop ist daher, wie an diesem Beispiel deutlich wird, nicht unbedingt eine zusätzliche Bürde, sondern schont im Gegenteil die knappen Ressourcen der Fachleute auf dem Gebiet der Kommunikation.

- WG 5 "Architecture"

befaßt sich mit anwenderrelevanten Fragen funktioneller Profile, das heißt der Auswahl geeigneter Optionen und Parameter aus den Basisstandards des OSI-Referenzmodells. Wo nötig, vertritt Ositop aus diesen Erkenntnissen heraus eine Position gegenüber den Standardisierungsgremien, so zum Beispiel in der Fachfrage des Zusammenwirkens von "verbindungsorientierten" und "verbindungslosen" Transportmechanismen oder bei Spezialfragen der Adressierung (NSAP-Adressierung). Von WG 5 wurde auch der Leitfaden für Sicherheitsfragen in der Kommunikation erarbeitet.

Die Abbildung zeigt, wie sich die technische Arbeit von Ositop in die Konstellation aus Anwendern, Herstellern und Standardisierungsgremien einfügt: WG 1 und WG 5 als Mittler zwischen Standardisierern und Anwendern, WG 2/4 als Mittler zwischen Herstellern und Anwendern und WG 3 als Know-how-Mittler für Testfragen.

Welche Möglichkeiten hat Ositop, das Standardisierungsgeschehen zu beeinflussen? Das wichtigste Anliegen dürfte sein, Anwenderwünsche bei der Festlegung funktioneller Profile einzubringen. Diese Arbeiten werden in EWOS (European Workshop for Open Systems) durchgeführt. Ositop ist eines der Gründungsmitglieder von EWOS und dort mit einem Vizepräsidenten vertreten. Dadurch besteht die Möglichkeit, auf die Auswahl und Priorität von Aktivitäten Einfluß zu nehmen.

Darüber hinaus hat Ositop eine S-Liaison zur Arbeitsgruppe innerhalb JTCI von ISO/IEC, die sich mit funktionellen Profilen befaßt. Hier ist allerdings anzumerken, daß Ositop-Mitglieder oft nicht die Ressourcen haben, sich theoretisch mit Fragen der Anforderungen an Profile zu befassen. Um so wichtiger ist es, daß Probleme im Zusammenhang mit den Projekten und damit den realen Anforderungen angegangen werden.

Wie der ISDN-Report zeigt, gehören auch Anwenderfragen auf dem Gebiet ISDN zum Interessengebiet von Ositop. Insbesondere das Gebiet der Überschneidung mit der Datenkommunikation ist hier angesprochen, also beispielsweise Fragen der ISDN-LAN-Kopplung. Ositop ist "Observing Member" von ETSI (European Telecommunication Standards Institute) und im Steering Committee der EIUF (European ISDN Users Forum) vertreten.

Zahlreiche weitere Gelegenheiten einer Mitwirkung und Gestaltung ergeben sich aus der engen Zusammenarbeit mit den in Ositop vertretenen Herstellern, aus den guten Kontakten zur Europäischen Kommission und nicht zuletzt aus der Präsenz von Ositop-Mitgliedern in nationalen Normungsorganisationen.

Die Positionen von Ositop besitzen, so betrachtet, einiges an Gewicht. Zum einen sind sie nicht national eingeengt sondern bereits europäisch abgestimmt und werden von europäischen Institutionen unvoreingenommen zur Kenntnis genommen. Als zweites hat Ositop den Vorzug, unmittelbar an die Erfahrungen und Meinungen ihrer Mitglieder heranzukommen, da Ositop nur eine direkte Mitgliedschaft zuläßt. Ositop ist eben kein Verband von Verbänden, in denen stets die Gefahr der Verselbständigung der Verbandsführung besteht.

Eine nicht von Herstellern dominierte Interessenvertretung für offene Systeme tut not. Es genügt nicht, wenn zum Beispiel X/Open einige Anwender beteiligt. Ohne eigene Anstrengungen werden Anwender nicht in das "Paradies" wirklich offener Systeme gelangen. Sie müssen sich organisieren und Druck ausüben. Ositop ist mit seiner erweiterten Zielsetzung dafür eine geeignete Plattform. Weitere Mitglieder aus allen Branchen sind daher willkommen. Je breiter die Basis ist, um so eher können praxisgerechte Positionen bezogen und überzeugend und öffentlichkeitswirksam vertreten werden.