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15.06.1990 - 

Breitgefächertes Angebot an DV-Ausbildung in der DDR, aber

Ost-Informatiker hinken dem West-Niveau hinterher

Obgleich die Informatik- und DV-Ausbildung in der DDR bereits vor der Wende einen hohen Stellenwert besaß, erreichten Absolventen selten den Stand ihrer westlichen Kollegen. Kein

Wunder, auch die Informatik-Ausbildung litt an Beschaffungsproblemen durch Devisenmangel

und Embargo.

Mit der Entwicklung eigener Computer Mitte der sechziger Jahre begann auch in der

DDR eine eigenständige Ausbildung von Datenverarbeitungsfachleuten, die im Laufe der Zeit

ständig ausgebaut und vertieft wurde. Aber wie die Entwicklung und Nutzung der Rechentechnik war auch die Ausbildung stets mit dem Makel behaftet, der internationalen Entwicklung um Jahre hinterherzuhinken. Das soll nicht heißen, daß die Ausbildung nicht mit der nötigen Ernsthaftigkeit und Gründlichkeit betrieben wurde und wird; nein, ein breit gestaffeltes Ausbildungssystem, das von der Schule über Volkshochschulen mit Abendkursen, Aus- und Weiterbildungszentren der Kombinate Robotron und Datenverarbeitung bis hin zu den Hochschulen und Universitäten reicht, sollte sicherstellen, daß genügend gut ausgebildete Fachleute für den effektiven Einsatz der Rechentechnik zur Verfügung stehen. Sogar eine Reihe von gesellschaftlichen Organisationen, wie die "Kammer der Technik" (DDR-Version des VDI), die "Urania" und die Jugendorganisation "FDJ", nahm sich in den letzten Jahren der Computerausbildung an.

Computer-Abc wird in der Schule vermittelt

Um jugendliche Begeisterung mit den Interessen des Staates an einer

computergebildeten Jugend zu verbinden, wurden sowohl in Schulen als auch in Patenbetrieben der Schulen Computerkabinette eingerichtet, die jedem Schüler der neunten Klasse Grundkenntnisse vermitteln. Programmiert wird in Basic - die rechentechnische Basis waren und sind 8-Bit-Heimcomputer KC 85 beziehungsweise KC 87. Robotron entwickelte 1988 eigens für den Schulunterricht den Bildungscomputer A 5105 - einen 8-Bit-Rechner mit 64 KB und einem 5 1/2-Zoll-Laufwerk.

Der Jugendliche, der dann in das Berufsleben eintrat, wurde erneut mit der Computerausbildung konfrontiert - gleichgültig, ob er eine Lehre als Koch oder Wirtschaftskaufmann absolvierte. Natürlich werden auch spezielle Facharbeiter für Datenverarbeitung ausgebildet, die nach Abschluß der Ausbildung als Operator oder Datenerfasser im Rechenzentrum oder auch an PCs arbeiten.

Facharbeiter, die eine mittlere Leitungstätigkeit anstreben, konnten und können sich an den Fachschulen für Ökonomie und Datenverarbeitung in Rodewisch (mit einer Berliner Filiale) oder in Gotha ausbilden lassen. Andere Fachschulen, zum Beispiel in Görlitz, bilden

Wartungstechniker aus. Die Ausbildung ist in der Regel sehr praxisorientiert und dauert zwei bis drei Jahre. Etwa 150 bis 200 Absolventen verlassen jährlich diese Fachschulen.

Eine ganz entscheidende Rolle bei der Computerausbildung in der DDR spielen jedoch die Hochschulen und Universitäten. Jährlich schließen etwa 500 Absolventen ihre Ausbildung ab, wobei am Volumen die TU Dresden an der Spitze steht. Diese Universität hat nicht nur mehrere Informatiksektionen aufzuweisen, sondern sie verfügt auch noch über ein spezielles Informatikzentrum. Dieses aus einer traditionsreichen Ingenieurschule hervorgegangene Zentrum nimmt heute nicht nur in der Ausbildung, sondern auch in der Entwicklung von Hard- und Software-Komponenten eine Spitzenstellung ein.

Informatik-Studien bieten ferner die Technischen Universitäten Karl-Marx-Stadt/Chemnitz und Magdeburg sowie die Rostocker Universität an. Die Hochschule für Ökonomie Berlin sowie die Martin-Luther-Universität Halle haben gleichfalls eine Informatik-Ausbildung im Programm - in Halle liegt jedoch der Schwerpunkt auf ökonomischen Aspekten der Datenverarbeitung. Aber auch an der Berliner Humboldt- und an der Leipziger Universität werden DV-Kenntnisse vermittelt. Die beiden renommierten Ausbildungsstätten wollen ihr Informatik-Engagement in Zukunft verstärken und entsprechende Studiengänge anbieten.

Die Informatik-Ausbildung gliedert sich in folgende Fachbereiche:

- theoretische Informatik (vier bis fünf Jahre),

- Systemsoftware (vier Jahre),

- angewandte Informatik - Entwicklung von Applikationssoftware und Betriebssystemen (vier Jahre) und

- Rechnersystemgestaltung und Betrieb - Entwicklung und Einführung von Informationssystemen im Betrieb (vier Jahre).

Als Dipl.-Ing.-Informatiker wird der Absolvent danach in die Praxis entlassen, deren Anforderungen ihm in den meisten Fällen bereits aus eigener Anschauung bekannt sind: Im siebten Semester absolviert der Student ein fünfmonatiges Betriebspraktikaum und zwar in der Regel in dem Betrieb, in dem er künftig arbeiten wird. Dieses System lief bis zum Jahresanfang 1990 komplikationslos - mit den Existenzschwierigkeiten einiger Betriebe und Kombinate ist das Interesse an künftigen Absolventen allerdings erloschen. Selbstverständlich zeigen sich auch ähnliche Tendenzen bei Lehrlingen und Fachschulabsolventen.

Allerdings ist das Bildungsniveau der akademischen DDR-Informatiker mit dem ihrer Berufskollegen im Westen nicht direkt vergleichbar: Obwohl Universitäten und Hochschulen relativ umfassend mit Rechentechnik ausgestattet sind, liegt der Entwicklungsstand im Vergleich zu westlichen Ländern um etliche Jahre zurück. Zwar gibt es für Forschungszwecke sogar einige westliche Computer - doch Cocom auf der einen Seite und chronischer Devisenmangel sowie verordneter Importverzicht auf der anderen Seite sind Ursachen einer nicht zeitgemäßen Ausstattung.

Von der DDR-eigenen Rechentechnik erhielten Universitäten und Hochschulen ebenfalls nicht das, was für eine zeitgemäße Ausbildung eigentlich erforderlich gewesen wäre: Computerseminare mit 8-Bit-Rechnern, Rechenzentren, die mit mehreren Jahre alten ESER-Rechnern arbeiten - einem IBM-Niveau entsprechend, das wiederum einige Jahre zurückliegt.

Workstations, Abteilungsrechner oder Laserdrucker sind überhaupt nicht vorhanden. Auch auf die Tatsache, daß sich das Computer-Know-how sehr schnell verändert und deshalb immer wieder erneuert werden muß, hat sich das DDR-Ausbildungssystem eingestellt: In Dresden und Magdeburg werden von den dortigen Technischen Universitäten postgraduale Studiengänge mit einer Dauer von zwei Jahren angeboten. Am Ende eines solchen Studiums steht der Fachabschluß zum Informatiker.

Kombinate veranstalten praxisorientierte Schulung

Neben der akademisch-wissenschaftlichen spielt die fach- und praxisbezogene Aus- und Weiterbildung in Sachen DV eine wesentliche Rolle. Träger dieser Ausbildung sind das Kombinat Robotron mit seinen großen Schulungszentren in Leipzig und Berlin-Marzahn, das Kombinat Datenverarbeitung sowie die Betriebsakademien einzelner großer Kombinate. Die Robotron-Schulungszentren boten und bieten vorzugsweise Lehrgänge zu Hard- und Softwareprodukten des eigenen Hauses an. Um diese Plätze gab es aufgrund des großen Interesses immer Gerangel, so daß einige Kombinate, die es sich leisten konnten, eigene Schulungs- und Ausbildungskapazitäten schufen.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt vollziehen sich jedoch erhebliche Änderungen: Lehrgänge zu Robotron-Hardware sind nicht mehr gefragt - lediglich Seminare zu Software, die sich ja bekanntlicherweise an internationale Vorbilder anlegt, erfreuen sich noch einiger Beliebtheit. Westliches Wissen ist erwünscht, und so gibt es erste Vereinbarungen mit Siemens - oder beim Berliner Schulungszentrum mit der TU Berlin (West).

Seit neuestem schießen eine Vielzahl neugegründeter Kleinstbetriebe wie Pilze aus der Erde, die Schulungs- und Serviceleistungen anbieten - bis hin zur Offerte: "Komme ins Haus." Wie viele dieser Boom-Existenzgründungen Bestand haben werden, bleibt dahingestellt; die etablierten Schulungshäuser werden nicht kampflos ihr langjähriges Betätigungsfeld räumen.