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02.09.1994

Ostdeutsche Universitaeten werden immer attraktiver

Die ueberfuellten Universitaeten in den alten Bundeslaendern sind in Verruf geraten - Massenabfertigung laesst Studenten resignieren und Professoren kapitulieren. In Deutschlands Osten dagegen motivieren neben etablierten Profs zunehmend West-Kollegen ihre Hoerer. An den Lehrstuehlen fuer Informatik koennen Studenten mit etwas fuer sie Unbekanntem rechnen: mit Individualitaet und Solidaritaet. Gleichwohl ist der Kommilitone aus dem Westen eine Ausnahme - noch, denn das Interesse steigt staendig.

Als "Der Spiegel" vor einem Jahr fragte, ob die deutschen Unis am Ende seien, meinte es die westdeutschen und erstellte prompt eine Studie, die per Ranking-Liste belegt, welche Alma mater zur Spitzengruppe, ins Mittelfeld beziehungsweise zum Schlusslicht gehoert. Unter den Hochschulen in ostdeutschen Landen schnitten die TU Ilmenau, die Bergakademie Freiberg und die TU Dresden am besten ab, die TU Magdeburg landete auf Platz sieben und ganz hinten, an zwoelfter Stelle, die Uni Greifswald.

Obgleich an den Hochschulen in den neuen Bundeslaendern noch kein Massenandrang herrscht: In den befragten Unis sind die Kommilitonen aus dem Westen in den Informatik-Studiengaengen eher selten. So sind an der FH Dresden von 1050 Studenten insgesamt etwas mehr als zehn Prozent aus Deutschland-West, an der TU Bergakademie Freiberg machen die Studierenden aus dem Westen bei einer Gesamtzahl von momentan 1837 nicht einmal fuenf Prozent aus. An der als Thueringisches Technikum 1894 gegruendeten TU Ilmenau studieren gegewaertig 2800 Studenten in sieben Studiengaengen, davon 21 Prozent aus den alten Bundeslaendern. Die Gruende dafuer liegen weniger an der Ausstattung der Hochschulen und am Campusleben als an mangelnder Information und Lebensqualitaet: Ockergraue Staedte mit ihrem broeckelndem Charme und komfortlose Zimmer lassen westliche Ein- und Umsteiger Schlimmes befuerchten.

Nicht nur die Professoren aus dem Westen der Republik oder den USA machen Abstriche bei der Unterkunft, haeufig belegen die Studenten zu zweit ein Zimmer - ungewohnt, aber auch preiswert. Die Miete ist fast geschenkt und der Platz im Wohnheim meist ohne Warteliste frei - die angehenden Informatiker, Systemanalytiker oder Softwaretechniker muessen fuer Bett und Brot nicht naechtelang jobben. Ihre Zeit koennen sie intensiv nutzen fuers Eigentliche, fuers Studium: Die Enge auf der Bude wird durch mindestens einen Sitzplatz im Hoersaal relativiert.

Das kann auch Justus Piater bestaetigen. Der Student aus Braunschweig setzte nach dem Vordiplom im Sommer 1991 sein Informatikstudium in Magdeburg fort. Der 26jaehrige fuehlte sich sofort in eine Gemeinschaft integriert, "die nicht durch Konkurrenz, sondern durch gegenseitige Hilfe und Herzlichkeit gepraegt war".

Er kann ueber die Verhaeltnisse nur staunen, waehrend seine Studienfreunde im Westen stoehnen ob des Gedraenges und der damit verbundenen Einschraenkungen.

Sein Betreuer, der Hochschullehrer fuer Praktische Informatik/Expertensysteme, Wissensbasierte Systeme, Franz Stuchlik, verweist darauf, dass die Hard- und Software-Ausruestung enorm verbessert wurde. Von lokalen Netzen in den einzelnen Instituten ueber den Sun-Workstation-Pool mit 16 Arbeitsplaetzen bis hin zum Cray-Superrechner ist alles da. Schrittweise werden momentan die einzelnen Computerkabinette der Informatikinstitute in das zentrale Universitaetsrechennetz einbezogen. Ueber das Uni-RZ besteht ein Anschluss an das deutsche Wissenschafts-Datennetz WIN sowie an internationale Netze.

Angesichts der grosszuegig von der VW-Stiftung und anderen Institutionen gefoerderten Installationen haben die Studenten keine Probleme mit der Hardware, und somit ist, nach Stuchliks Meinung, "ihre Motivation sehr gut". Damit die Jungakademiker aber bei soviel Happiness die Realitaet ausserhalb des Campus nicht aus den Augen verlieren, und sie "eine ganz andere Sicht erfahren," koennen die Studenten nach sieben Semestern ein Industriepraktikum ( VW, Bosch, SNI, FHG) absolvieren.

Auch fachuebergreifende Kooperationen an der Uni selbst sieht Stuchlik als wesentlich an, "um den Studenten eine Perspektive aufzuzeigen". Gegenwaertig studieren an der Otto-von-Guericke- Universitaet im Diplomstudiengang Informatik 300 Direktstudenten sowie 28 Fernstudenten - 42 Studierende sind fuer "Wirtschaftsinformatik" eingeschrieben. Bis zur Jahrtausendwende rechnen die Magdeburger mit jaehrlich 800 Studierenden.

Dann wird wohl auch das Betreuungsverhaeltnis, das laut dem Hamburger "Stern" zur Zeit an der Magdeburger Uni bei sieben Studenten pro Lehrkraft liegt, ein anderes sein. In Leipzig stellt es sich 12 : 1 dar, an der Ost-Berliner Humboldt-Uni 17:1. In Ilmenau sind es 6,5 Lernende, die auf einen Lehrenden kommen.

Zwar differiert dieser Wert im Vergleich (siehe Kasten) der Grund- und Strukturdaten des Bundesministeriums fuer Bildung und Wissenschaft mit westdeutschen Universitaeten in punkto Betreuungsrelationen. Aber so wird er wohl nicht bleiben - einige der Ost-Hochschulen sind ueber die mittlerweile gestiegene Nachfrage maechtig stolz. Auch die zunehmende Zahl von, gemessen am westlichen Bundesgebiet, einzigartigen Modellversuchen macht die Alma mater Ost immer attraktiver. So ergaenzt an der Leipziger Universitaet der Bereich "Informatik im Versicherungswesen" den Studiengang fuer Diplominformatiker. Neu ist auch der Modellversuch der Informatikwissenschaft: Erstmals wird ein Zusatzstudium "Sprach- und Wissenstechnologie" angeboten. Denn fuer den innovativen Wandel in der Welt der Kommunikationsmedien, so Prodekan Siegmar Gerber, werden jaehrlich an die 800 Experten notwendig sein. Wohl kein Problem - so sind an der Bergakademie Freiberg ab diesem Wintersemester neue Studiengaenge angesagt: Wirtschaftsingenieurwesen, Physik und Informatik.

Die als Thueringisches Technikum 1894 gegruendete Uni im 30 000- Seelen-Ort Ilmenau kann sich vor Anmeldungen fuer das bundesweit erste Studienmodell "Elektronische Medientechnik" kaum retten. Ziel des von der Fakultaet fuer Elektrotechnik und Informationstechnik eingerichteten Ergaenzungsstudiums ist die Ausbildung zum Diplomingenieur fuer Elektrotechnik mit Technik-, Informatik- und wirtschaftswissenschaftlichen Kenntnissen sowie gestalterischem und juristischem Fachwissen. Geplant fuer 15 Studenten im Wintersemester 93/94, startete es dann mit 36 Teilnehmern. Tendenz steigend - "denn", so Projektleiter Hans- Peter Schade, "im Fruehjahr hatten wir ueber 200 Anfragen". Haeufig uebersehene Voraussetzung ist freilich das abgeschlossene Grundstudium im Studiengang Elektrotechnik, betont Bettina Wegner aus dem Referat Oeffentlichkeitsarbeit der vor hundert Jahren gegruendeten Ilmenauer TU, die von zahlreichen Anmeldungen aus den Altbundeslaendern weiss. Bei mittlerweile 20 000 Absolventen in der wechselvollen Geschichte ist bis zum Jahr 2000 ein Ausbau auf jaehrlich zwischen 5000 und 6000 Studenten geplant.

Freilich: Es sind nicht nur die Lernenden, die den Osten der Republik als attraktives Uniland entdecken. Albrecht Blaser wechselte aus fruehzeitigem Ruhestand nach 26 Jahren IBM - zuletzt als Leiter des wissenschaftlichen Zentrums Heidelberg - an die Jenaer Friedrich-Schiller-Universitaet. Als Honorarprofessor beziehungsweise zeitlich beschraenkter Universitaetsprofessor am Lehrstuhl fuer Datenbank- und Informationssysteme unterstuetzt er den Aufbau des Instituts fuer Informatik. Der promovierte Ingenieur, Diplom-Mathematiker und Praesidiumsbeauftragter fuer Forschung und Technologie der Gesellschaft fuer Informatik (GI) war waehrend "dieser ungeheuer interessanten Zeit" besonders von dem raschen maschinellen Aufbau angetan.

Horst Salzwedel ist Ordinarius in Ilmenau und Professor an der Fakultaet fuer Informatik und Automatisierung fuer System- und Steuerungstheorie. Der Wissenschaftler, der fuer amerikanische Forschungsfirmen arbeitet sowie an der Stanford University lehrte und als Kapazitaet auf dem Gebiet der intelligenten Software- Entwicklung gilt, sieht fuer Ilmenau gute Perspektiven. Aber nur, wenn die deutschen Strukturen, mit denen sich die Universitaeten innerhalb der europaeischen Bildungslandschaft immer mehr isolieren, nicht verfestigt werden. Statt dessen, so der 52jaehrige Hochschullehrer aus den USA, "sollten Vorzuege hervorragender Bildungseinrichtungen wie beispielsweise in Holland oder Schweden fuer die Ausbildungsprogramme aufgegriffen und neue Wege beschritten werden."

Der Professor der Praxis, der lehrt, forscht und der Industrie beratend zur Seite steht, kam nach einem halben Leben in Amerika vor knapp sechs Monaten nach Ilmenau, um sein Know-how aus der Neuen Welt in die TU einzubringen. Die deutschen Universitaeten, so Salzwedel, wuerden zwar die Grundlagenforschung par excellence betreiben, doch zuwenig tun, um die deutsche Industrie konkurrenzfaehig zu halten. Die Hauptkosten eines Produkts der Hochtechnologie liegen heute nicht mehr in der Fertigung, sondern in der Entwicklung. Da die Komplexitaet von Produkten quadratisch anwaechst, die Produktivitaet von Entwicklungsingenieuren nur linear, glaubt Salzwedel, dass die deutsche Industrie mit ihren hohen Lohnkosten und niedrigeren Arbeitszeiten nur mit den Pacific-Rim-Staaten (Anrainerlaender) konkurrieren kann, wenn wesentliche Teile der Entwicklung automatisiert werden.

Ausserdem bildet er Studenten in Systemtechnologien aus, die es den zukuenftigen Ingenieuren erlauben, Produkte und Systeme auf hoeherer Abstraktionsebene zu entwickeln. Der deutsch-amerikanische Professor haelt Vorlesungen in jenen Anwendungsgebieten, die die besten Wachstumsraten fuer die Industrie und damit auch die besten Berufschancen fuer die Studenten haben, wie Mobil- Satellitenkommunikation sowie Netzwerkplanung.

Es wird Zeit, dass "auch in Deutschland Softwaresysteme zur Steigerung der Forschungsproduktivitaet und Entwicklungsproduktivitaet entwickelt werden und wir auf dem Weg zu Nano-Technologie-Produkten voranschreiten", resuemiert Salzwedel.