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04.12.1992 - 

Stahl- und Walzwerke Brandenburg vermerkten ihr Computer-Know-how

Ostdeutsches Firmen-RZ wird als DV-Serviceanbieter eigenständig

"So drastisch sie ansonsten auch hereinbrach - für uns hier im RZ verlief die Wende nicht allzu aufregend." So beschreibt Detlev Voigt, RZ-Leiter bei den Stahl- und Walzwerken Brandenburg, den Wechsel von der Kommando- zur Marktwirtschaft.

Längst haben sich die Brandenburger von einer Abteilung unter vielen zusätzlich zu einem Service-Rechenzentrum weiterentwickelt.

Die Anfänge der Datenverarbeitung gehen in den Stahl- und Walzwerken Brandenburg (SWB) auf das Jahr 1968 zurück. Dabei dominierten lange Zeit hausgemachte Systeme. Mit der Zeit avancierten die Brandenburger zu Robotron-Pilotkunden und kamen frühzeitig an Know-how über Multiple Virtual Systems (MVS) heran. In den letzten Jahren der DDR bestimmten IBM-kompatible Techniken bei SWB das Bild. Als Festplatten dienten beispielsweise Memorex-Disks.

Bei den PC-LANs auf Glasfaserbasis war das SWB-Rechenzentrum sogar eine Zeitlang führend in Europa. Als die beiden ersten echten IBM-Rechner angeliefert wurden, waren es bis zur Wende immer noch ein paar Monate hin. Damals starteten die Brandenburger mit einem respektablen Know-how in das neue Zeitalter; der ständige Zwang, vorhandene Ost-Technik mit West-Techniken zu verknüpfen, hatte ihnen einen umfangreichen Erfahrungsfundus verschafft.

Voigt konkretisiert diese Aussage anhand eines Beispiels: SWB mußte die IBM-kompatiblen 16-Bit-PCs, die Mitte der Achtziger Jahre in der DDR zu haben waren, an die eigene, zentrale Robotron-Technik anschließen. Für den dazu notwendigen BSC-Adapter entwickelten die Computerspezialisten auf der Grundlage eines aus einem Handbuch abkopierten Blockschaltbildes einen neuen Schaltplan und verkauften ihn auch produktionsreif an andere Unternehmen. Es gelang auch, das zum Adapter gehörige Protokoll zu realisieren.

"Der eigentliche Effekt der Wende", blickt Voigt zurück, "bestand für uns darin, daß wir jetzt endlich die vielen Ideen, die wir angehäuft hatten, ohne Einschränkungen verwirklichen konnten. Natürlich haben wir damals auch unsere Leiterplatten-Produktion für den BSC-Adapter abrupt eingestellt." Zwei Lkws voller Robotron-Equipment, die für die Anlieferung in Brandenburg schon fertig beladen bereitstanden, bestellte das SWB-Rechenzentrum schnellstens ab. Wäre die Wende nur einen Monat später gekommen, so wäre die Stornierung nicht mehr wirksam geworden, und Voigt & Co. wären mit einer beträchtlichen Altlast dagestanden.

Voigt weiter: "Mit dem Augenblick der Wende waren wir in der Lage, ohne jede vorherige vertriebliche Beratung der IBM eine exakte Bestelliste vorzulegen. So wurden wir denn auch der erste Kunde der IBM in den neuen Bundesländern; und vielleicht sind wir mit der zweiten Generation von IBM-Rechentechnik, die wir inzwischen installiert haben, wiederum die ersten." Die ursprünglich aufgestellte 3081 hat das SWB-Rechenzentrum bereits vor einem Jahr durch eine Maschine der Reihe ES 9000 ersetzt.

Beinahe vier Fünftel der Mitarbeiter mußten gehen

Die Brandenburger kamen um eine erhebliche Verringerung ihrer Beschäftigtenzahl nicht herum. Standen vor der Wende 265 Mitarbeiter auf der Gehaltsliste, so sind es heute noch 60 - zehn im Bereich "Dezentrale Systeme", 23 im Produktionsbetrieb, 23 in der Projektentwicklung, vier in der Administration.

Zum SWB-Rechenzentrum hatte früher allerdings die große, heute ausgegliederte Abteilung Prozeßautomatisierung gehört, die sogar in Eigenregie Prozeßrechner für die Produktionssteuerung baute und die für die Verknüpfung mit der zentralen DV viel Manpower benötigte. Insoweit, betont Voigt,

ist der Personalabbau nur bedingt aussagekräftig.

Als einzige nennenswerte, in die neue Zeit mitgenommene Altlast bezeichnet Voigt die vom SWB-Rechenzentrum selber entwickelten Batch- und Online-Systeme in Gestalt einer Datenbank und einer Dialogsteuerung. Diese mußten nach der Wende einer Migration in Richtung MVS unterzogen werden, was in kürzester Zeit gelang.

Nicht überall in den neuen Bundesländern sind die Anwender schon so weit. Voigt weiß von Rechenzentren, in denen noch Robotron-Zentraleinheiten mitsamt den überkommenen Anwendungen laufen. Andere fahren unter der IBM-Software PR/SM sowohl das Robotron-Betriebssystem als auch MVS. Solche Verfahren können aber durchaus praktikabel sein, weil, wie Voigt anmerkt, die Robotron-Technik von der von IBM nicht allzuweit entfernt ist. Selbst im eigenen Unternehmen hätten noch vor wenigen Monaten Robotron-Peripheriegeräte am IBM-Host gearbeitet.

Hat bei so viel IBM-Lastigkeit Unix in Brandenburg überhaupt eine Zukunft? Auf Dauer durchaus denn das SWB arbeitet auch mit Unix-Systemen. Die Beschäftigung mit Unix begann, wenn auch völlig dezentral, schon zu DDR-Zeiten. Damals bastelte sich das SWB-Rechenzentrum auf der Basis eines Intel-Prozessors ein Unix-System zusammen, das noch heute läuft. Nach Voigts Einschätzung zeigt die Entwicklung, die Unix inzwischen genommen hat, "daß wir um diese Systemwelt nicht herumkommen. Das wollen wir auch gar nicht, allein schon deshalb, weil die 3270-Welt nur wenig attraktiv ist".

Diese eindeutigen Unix-Perspektiven waren denn auch einer der Gründe, warum Voigt kürzlich einen seiner Mitarbeiter auf ein in Dresden durchgeführtes "Executive Seminar" des Herstellers Amdahl schickte. Amdahl nämlich bietet Systeme an, die ein MVS-Umfeld und zugleich den kooperativen und evolutionären Aufbau einer Unix-Systemumgebung erlauben.

Voigt sieht eine Marktchance für das SWB-Rechenzentrum im Service für kommunale Stellen. "In unserem Bestreben, und als Dienstleister zu profilieren, haben wir erkannt, daß wir mit einer herkömmlichen Host-Umgebung nicht sehr weit kommen werden. Wir sind deshalb dabei, in der kommunalen Datenverarbeitung, einem unserer Schwerpunkte, den Kunden jetzt auch Arbeitsplatz-orientierte, das heißt PC-Lösungen anzubieten. Wir haben einen Großteil unserer Entwicklungsanstrengungen auf diesen Bereich gelenkt."

Hilfe bei der Beschaffung von Hardware

Voigt befürchtet nicht, mit dieser Maßnahme womöglich zu spät zu kommen und wegen der noch vorhandenen Host-Lastigkeit seines RZ auch nur einen der Kunden aus dem Kreis der bereits betreuten Gemeinden zu verlieren. Immerhin handelt es sich dabei um die Kommunen im gesamten Westteil des Bundeslandes Brandenburg, in denen rund 100 000 Bürger leben.

Vom Einwohner-Meldewesen über Gemeindeetat, Kostenrechnung, Personalabrechnung und Sozialwesen bis zum Bauamt und zur Liegenschaftsverwaltung reichen die Einsatzmöglichkeiten der von den Brandenburgern gebotenen Lösungen. Die Kommunen können von ihren Steuereinheiten beziehungsweise Arbeitsplatz-Rechnern aus via Wähl- oder Standleitung mit dem SWB-Rechenzentrum in Verbindung treten und die jeweils benötigte Kapazität in ihre Terminals, Rechner oder Rechnernetze abrufen. Auch bei der Beschaffung der Hardware bieten die Brandenburger den Kommunen Hilfe und günstige Preiskonditionen an.

Natürlich kommt so viel marktwirtschaftliches Verhalten und Potential nicht von ungefähr: Enger Partner des SWB-Rechenzentrums ist das nordrhein-westfälische Kommunal-DV-Institut AKD, das den Brandenburgern nicht nur mit Ideen und Konzepten, sondern auch mit einigen Anwendungspaketen Beistand leistet.

Mit der Aufgabe, das Stahl- und Walzwerk Brandenburg mit DV-Dienstleistungen zu beliefern, werden Voigt und seine Leute noch bis Mitte der neunziger Jahre befaßt sein. Eine entsprechende Garantie der Treuhandanstalt existiert. Was nach der dann zu erwartenden Privatisierung des Werks kommen wird, weiß derzeit jedoch niemand. Um so engagierter konzentrieren sich die Brandenburger außer auf ihren Kommunalservice auf neue, ebenfalls SWB-externe Geschäftsfelder.

SWB wagt den Einstieg ins Beratungsgeschäft

Zu diesen gehört neben dem gewöhnlichen Projektgeschäft beispielsweise auch SAP-Beratung; Mit der Wirtschafts- und Währungsunion im Jahre 1990 legte sich das SWB-Rechenzentrum die komplette Reihe der SAP-Pakete zu und hat durch ihren Einsatz im Stahl- und Walzwerk beträchtliche Erfahrungen

sammeln können. .

Das gleiche gilt für die Arbeit mit dem DBMS "Adabas" von der Software AG (SAG). Das SWB-RZ ist somit in der Lage, seine Software je nach Bedarf auf der Basis des SAG-Produkts "Natural" oder von SAPs Abap4 anzuwenden. Eben diese Kombination ist in der Industrie der alten Bundesländer ziemlich verbreitet (WMF, Dürr, Winkler & Dünnebier etc.) und läßt die Aussichten der Brandenburger günstig erscheinen.

Voigt ist denn auch zuversichtlich, das Leistungsangebot des SWB-Rechenzentrums auch im Westen der Republik erfolgreich anbieten zu können. Bei ersten Kontakten zu potentiellen West-Auftraggebern haben die Brandenburger bereits wichtige Erkenntnisse gesammelt, die sie in ihre Angebotsgestaltung einfließen lassen werden. Wertvolle Orientierung vermittelte das bereits erwähnte Dresdner Seminar von Amdahl: Wir konnten uns dort im Gespräch mit Vertretern renommierter Unternehmen vergewissern, daß der Großrechner noch eine Perspektive hat und daß die radikalen Downsizing-Konzepte keine realistische Alternative bieten".

Die Leistungsfähigkeit und -bereitschaft seiner Mitarbeiter, hebt Voigt hervor, könnte besser nicht sein. Niemand schaue während der Arbeit auf die Uhr.

*Jochen Ewe ist freier Journalist in Flintsbach am Inn.