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23.07.2008

Otto: E-Commerce-Jobs für Informatiker

Der Versandhandels-Riese hat sich zum E-Commerce-Pionier gemausert. Eine neue IT-Landschaft braucht Informatiker, die komplexe Logistikaufgaben mögen.

Otto ... find ich gut" - diesen Spruch kennen viele, die beim Hamburger Handelsriesen Ware bestellen. Bei den Informatikern scheint er allerdings noch nicht so richtig zu ziehen. Rund 50 offene IT-Stellen gilt es zu besetzen, und damit tun sich die Hamburger schwer. Eigentlich kein Einzelfall, denn Anwenderunternehmen haben ihre liebe Not, IT-Profis zu finden. Noch immer herrscht unter Computerfachleuten das (Vor-)urteil, dass es die interessanten und gutbezahlten Jobs eher in Beratungs- und Softwarehäusern gibt.

Dabei bietet die IT der Otto Group mit ihren 450 Fachleuten eine vielfältige Architektur- und Technologielandschaft mit Datenbank- und Applikations-Server im Mission-Critical-Umfeld, ein riesiges Data Warehouse auf Basis moderner Technologien wie ETL, Olap, Data Mining sowie eine Vielzahl von eigenentwickelter Software. Dazu zählen unter anderem eine Internet-basierende B-to-B-Plattform, die die wichtigsten Einkaufssysteme der Konzernfirmen mit den Lieferanten und den Einkaufsbüros international vernetzt.

Starke Spezialisierung

Dass dabei eine gut funktionierende IT notwendig ist, braucht hier nicht länger erläutert zu werden. Und dass neue Technologien und neue Methoden veränderte Anforderungen an die IT-Mitarbeiter bedeuten, sei auch nachvollziehbar, meint Otto-Group-CIO und Vorstandsmitglied Wolfgang Linder. Die IT sei gefordert, "sich stärker als Berater und Dienstleister für die Konzernfachbereiche sowie zunehmend auch für das Mandantengeschäft der Konzernunternehmen aufzustellen". Dies bedeute die Umstellung von "Anwendungssilos auf prozessorientierte, anwendungsübergreifende Aufgaben", so der CIO. Der Leiter der Softwareentwicklung, Frank Postel, erzählt, dass früher IT-Mitarbeiter eine ganze Anwendung von der Analyse über das Testing bis hin zur Einführung betreuten. Nun sei eine starke Spezialisierung eingetreten. Um diese Umstellung besser zu bewältigen, holte sich Otto Hilfe von außen, was nicht nur für Zustimmung sorgte, wie Postel zugibt: "Wir hatten Schlüsselpositionen in die Hände externer Berater gegeben, weil wir diesen Change-Prozess nicht allein organisieren konnten." Um ihnen die Ängste zu nehmen, wurden die internen Mitarbeiter ausführlich geschult. "Wir mussten aber nicht aus jedem Host- einen J2EE-Programmierer machen", beruhigt Postel.

Transparente Leistungen

Im Zuge dieses Change-Managements wurde auch die Zusammenarbeit von Fach- und IT-Abteilung professionalisiert, was Linder ein großes Anliegen war. Projektanträge werden mittlerweile von den Fachbereichen gestellt. Deren Anforderungen führen zu einem präzisen Projektangebot, aus dem ein IT-Konzept entsteht. Die Arbeit mit den Fachbereichen sei viel formaler geworden. Jetzt ist die Rede von Kunden-Management, das transparentere Budgets und Leistungsverrechnungen ermögliche. Vorbei seien die Zeiten, als man "einfach etwas über den Zaun warf und sagte: ‚ÄôMacht mal, Jungs‚Äô, und wer sich mit ihnen gut verstand, auch gleich bedient wurde", wie Linder schmunzelnd erklärt.

Auch wenn die starke Formalisierung der Zusammenarbeit nicht unbedingt auf Begeisterung stieß, ist der CIO froh, die Fachbereiche so weit gebracht zu haben, dass sie nun ihre Projekte möglichst genau kalkulieren: "Hätte ich gerne", gebe es nicht mehr. So sei eine kleine und starke Gruppe von Koordinatoren entstanden, die auf der Fachseite genug von IT verständen, um auf der IT-Seite Geschäftsprozesse bewerten zu können.

Professionalisiert wurde auch die Personalarbeit. So ist Christiane Bohn in der Personalabteilung zuständig für die Computerfachleute und bildet sich fleißig in SOA, Java und sonstigen IT-Themen weiter, um die Grundlagen des IT-Fachchinesisch zu verstehen. Das sei ihr wichtig, um die Bewerber besser bewerten zu können. Denn wenn ein Topexperte anklopft und der Job, nach dem er sucht, gerade nicht zu besetzen ist, will sie zumindest einschätzen können, ob sie ihn anderswo unterbringen kann.

Anwenderunternehmen litten stärker unter dem Fachkräftemangel als IT-Hersteller, meint Bohn, da die Absolventen nicht genau wüssten, welche interessanten Aufgaben sie erwarteten. Zum Beispiel entwickle Otto fast nur Individualsoftware - eine richtige Herausforderung für überzeugte Programmierer. Oder eine weltweit agierende Logistik müsse durch stabile IT-Systeme unterstützt werden, damit Bestellungen innerhalb kürzester Zeit erfüllt werden können.

"Sowohl insgesamt als auch mit Blick auf bestimmte Kenntnise sind es weniger Bewerber geworden", bedauert Bohn, wenn sie auf die Kandidaten zu sprechen kommt. "Vor eineinhalb Jahren habe ich keine Kompromisse in der akademischen Qualifikation gemacht. Heute stellen wir uns in der Auswahl von Young Professionals breiter und flexibler auf. Man mache gute Erfahrungen mit Physikern und Mathematikern in Bereichen wie Testing, Analyse und Design, Projektleitung oder Multiprojekt-Management. Die Mitarbeiter würden langfristig aufgebaut - vom Praktikum über Werkstudententätigkeiten bis hin zur Diplomarbeit, da fertige Softwarearchitekten oder Projektleiter fast nicht zu bekommen seien.

Als Argument, bei Otto zu beginnen, nennt Bohn unter anderem die Möglichkeit, schnell aufzusteigen und verantwortungsvolle Aufgaben zu übernehmen, wie es das Beispiel von Nikolas Busch zeige. Er lernte bei Otto Außenhandelskaufmann, studierte danach Informatik. Als Student arbeitete er nebenbei bei seinem alten Arbeitgeber. Frisch von der Universität im Unternehmen zurück, agierte er als Teilprojektleiter, um jetzt als Leiter Qualitäts-Management ein Team von 15 Personen zu führen.

Otto spielt in der Champions League des Online-Business

1949 in Deutschland gegründet, ist die Otto Group heute eine weltweit agierende Handels- und Dienstleistungsgruppe mit 52 668 Mitarbeitern auf drei Kontinenten. Die Otto Group ist mit 123 Unternehmen in 19 Ländern Europas, Nordamerikas und Asiens präsent. Ihre Geschäftstätigkeit erstreckt sich auf die drei Segmente Multichannel-Einzelhandel, Finanzdienstleistungen und Service. Im Geschäftsjahr 2007/08 (29. Februar) erwirtschaftete das Unternehmen einen Umsatz von 11,5 Milliarden Euro. Die Hamburger sehen sich als größte Distanzhandelsgruppe der Welt. Im Online-Handel mit dem Endverbraucher belegen sie weltweit Platz zwei hinter Amazon, und in Deutschland sind sie die Nummer eins. Die dritte Säule innerhalb des Multichannel-Vertriebskonzepts - neben dem Kataloggeschäft und E-Commerce - bildet der stationäre Einzelhandel.

Wie in großen Unternehmen üblich, absolvierte er auch ein Nachwuchsführungskräfte-Training und bestand das Assessment Center. Wer Chef werden will, so Busch, müsse "Lust auf den kommunikativen Aspekt" der Arbeit haben und einsehen, dass ein Drittel der Arbeit darin bestehe, mit den Mitarbeitern Gespräche zu führen. Er sehe seine Aufgabe darin, die Spezialisten richtig einzusetzen, damit "ihre Augen zum Funkeln kommen".