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13.08.1993

OUTSOURCING Die Rezession foerdert den Trend zur DV-Auslagerung

Nur selten hat eine Debatte um Grundsatzpositionen in der DV-Welt eine solche Emotionalitaet erzeugt wie die Outsourcing-Diskussion. Das ist verstaendlich, denn die These vom Offenbarungseid der DV zwang die Informatikchefs reihenweise in die Offensive. Sie reagierten gereizt und verwiesen auf die Abhaengigkeit, die beim Outsourcing unberechenbare Risiken schaffe.

Von Wilfried Heinrich*

Inzwischen ist mehr Sachlichkeit eingekehrt. Praxis statt Spekulation lautet die Devise, eine Vielzahl von Unternehmen hat ihre Energien in Auslagerungsprojekte gesteckt. Auf deutlich ueber 700 wird die Zahl der Firmen geschaetzt, die sich in der Vorbereitung auf umfangreiche Systemauslagerungen befinden. Bei kleineren Projekten mit jaehrlichen Outsourcing-Kosten von unter 500 000 Mark wird diese Zahl sogar um ein Mehrfaches uebertroffen.

Die Frage Make or buy wird heute immer haeufiger zugunsten des Fremdbezugs beantwortet. Selbst DV-Leiter, urspruenglich die groessten Kritiker der DV-Auslagerung, koennen der Zusammenarbeit mit einem externen Dienstleister inzwischen Vorteile abgewinnen. Angesichts weitreichender, nicht mehr zu leugnender Strategiedefizite suchen sie nach neuen Wegen. Rigide Massnahmen sind gefordert, damit Probleme wie Ueberkomplexitaet, unueberschaubare Systemverhaeltnisse, Migrationsschwierigkeiten, ausufernde Projekte, veraltete Infrastrukturen und Sicherheitsmaengel behoben werden koennen.

Wahrscheinlich wuerden sich viele DV-Chefs noch immer in ihren eigenen vier Waenden von der gewaltigen Problemlast zu befreien versuchen, gaebe es nicht die dezenten Anstoesse seitens der Kostenrechner. Geldfragen beherrschten von Anfang an die Outsourcing-Diskussion, teilweise wurde die DV-Auslagerung sogar als eine rein oekonomische Strategie definiert. Die Befuerworter, an der Spitze die DV-Dienstleister selbst, sorgten gezielt fuer Anreize. Diese bleiben von den Fuehrungsetagen nicht unbemerkt. Vor allem die Controller reagierten angesichts der ueberbordenden DV- Budgets auf die Signale der Anbieter.

Die Argumente klingen plausibel:

- Einsparungen bei den Lizenzkosten,

- Verringerung des Schulungsaufwandes,

- Mitarbeiterentlastung durch Verlagerung der Systembetreuung auf den Dienstleister,

- schnelle Projektrealisierung mit geringerem Organisations- und Administrationsaufwand,

- Verlagerung von Massnahmen zur Daten- und Ausfallsicherheit auf den externen Partner,

- Verzicht auf die unwirtschaftliche Bevorratung von Ueberarbeitungskapazitaeten fuer Produktionsspitzen sowie

- Reduzierung der systemtechnischen und baulichen Investitionen etc.

Outsourcing verkommt in vielen Faellen zu einer reinen

Kostenreduzierungs-Strategie, technische Problemloesungen treten allzu leicht in den Hintergrund. Schuld daran sind nicht zuletzt viele Geschaeftsleitungen, ueber deren Schreibtische

die Auslagerungsentscheidungen laufen, die sie teilweise sogar zur geheimen Kommandosache machen. Anbieter wundern sich nicht selten darueber, dass zu den Gespraechen die DV-Verantwortlichen nicht eingeladen sind.

Wenn es um Einsparungen und Stellenabbau geht, wollen die Manager offenkundig Unruhe unter den Betroffenen vermeiden und sich nicht durch technische Argumentationen von ihrer Kostenpolitik abbringen lassen. Deshalb gehen Outsourcing-Planungen immer haeufiger an den Fuehrungskraeften in den eigenen Rechenzentren vorbei. Nicht selten stehen DV-Chefs sogar auf der Abschussliste.

"Ich bin ganz naiv in die Outsourcing-Falle getappt und vor vollendete Tatsachen gesetzt worden", resuemiert der IT-Chef eines hessischen Grossbetriebs. Er liegt gegenwaertig im Clinch mit seinem Arbeitgeber, da noch nicht geklaert ist, wie seine kuenftige Aufgabe im Unternehmen aussieht.

So manches Outsourcing-Vorhaben laesst sich bei weitem nicht so schnell realisieren, wie es die Kunden wuenschen. Georg Rippel von der Gesellschaft fuer Mathematik und Datenverarbeitung (GMD) klagt, dass zwar eine erste Wirtschaftlichkeitsberechnung positive Ergebnisse erbracht habe, wegen der Vertragssituation bei der Hardware aber erst in zwei Jahren an eine Auslagerung zu denken sei. Aehnlich duerfte es vielen anderen Firmen gehen.

Dieser Verzug muss aber nicht zwangslaeufig von Nachteil sein, da man sich zwischenzeitlich die Erfahrungen anderer zunutze machen kann. So mancher Anwender, der sich fruehzeitig unter die Fittiche eines Dienstleisters begeben hat, wuerde wegen der Kostenfragen lieber heute als morgen die Vertraege kuendigen.

Schuld daran sind die von einigen Anbietern bevorzugten pauschalen Festpreisvereinbarungen, die dazu fuehren, dass die allmonatlichen Aufwendungen stets unveraendert hoch bleiben. Das ist besonders dann schmerzhaft, wenn das Verarbeitungsvolumen aus konjunkturellen Gruenden, beispielsweise wegen geringerer Produktionsauslastung, Kurzarbeit oder der Stillegung einzelner Unternehmensbereiche, deutlich zurueckgeht.

Die Festpreisregelung wurde urspruenglich angestrebt, weil sich die Kunden damit gegen steigende Ausgaben absichern wollten. Der scheinbare Vorteil hat sich aber in einigen Faellen schnell in das Gegenteil verkehrt, da die Kosten-Nutzen-Kurve mit sinkender Leistungsabnahme einen weitaus unguenstigeren Verlauf nahm als vor der DV-Auslagerung.

Auch bei der Preisentwicklung im Outsourcing-Markt sind heute interessante Entwicklungen zu beobachten. Die Zeiten, in denen DV- Dienstleister aus Interesse an der Eroberung des neuen Marktes teilweise mit Grenzkosten operierten und sogar vor defizitaeren Abschluessen nicht zurueckschreckten, gehoeren der Vergangenheit an. Auch um den Debis-Konzern, der noch vor einigen Monaten mit prall gefuellter Brieftasche lukrative Angebote zum Aufkauf ganzer Rechenzentren abgab, ist es ruhiger geworden. Die Daimler-Tochter, von der Flaute des Gesamtunternehmens nicht unangetastet, besinnt sich jetzt auf ein qualitatives Wachstum.

Andererseits ist der Wettbewerb durch neue Anbieter lebendiger geworden und laesst Preis- und Leistungsvergleiche zu. Standen vor ein, zwei Jahren nur eine Handvoll ernstzunehmender Dienstleister auf den Auswahllisten, so scheinen immer mehr Anbieter ihr Talent entdeckt zu haben. Das haeufigste Modell: Konzerne verleihen nach dem Vorbild von EDS oder Debis ihren meist sehr professionell und gut organisierten Rechenzentralen die unternehmerische Selbstaendigkeit. Diesen Weg gingen etwa die Ruhrkohle, Thyssen, Stinnes und die Bayerische Hypothekenbank - weitere Grossunternehmen werden zweifellos folgen.

Auch haben sich die wichtigsten Hersteller entschlossen, ihre Outsourcing-Skepsis abzulegen und sich als Dienstleister zu versuchen. Hatten sie bis vor kurzem noch ueber die Auslagerung gewettert, weil ihr Mainframe-Geschaeft in Gefahr geriet, so mussten sie spaeter doch erkennen, dass sie die Anwender nicht mehr im Griff hatten. Der ruecklaeufige Hardware-Umsatz und die offenkundig guten Verdienstmoeglichkeiten im Servicegeschaeft haben diesen Bewusstseinswandel noch beschleunigt.

Theoretisch sollten sich die Anwender ueber diese Entwicklung eines breiten DV-Dienstleistungsmarktes freuen. Auch die Anbieter koennten zufrieden sein, sie befinden sich in einem neuen Markt mit attraktiven Wachstumschancen. De facto ist jedoch die Nachfrage nach Outsourcing-Leistungen im Vergleich zum europaeischen Ausland und den Vereinigten Staaten eher gering. Die Anbieter geniessen noch nicht das noetige Vertrauen, ihre optimistischen Erwartungen haben sich bislang nicht erfuellt.

Die Zurueckhaltung ist nicht ganz unbegreiflich. Den noch jungen Dienstleistern fehlt es, sofern es sich um ausgegliederte Konzern- DV-Abteilungen von Grossunternehmen handelt, an Markterfahrung und Branchen-Know-how. Wer sich immer nur in einem ganz speziellen Umfeld bewegt hat, so argumentieren Anwender, erhaelt mit der neuen GmbH-Selbstaendigkeit noch nicht das noetige Wissen fuer die Unterstuetzung anderer Branchen.

Auch gegen die Servicetoechter der etablierten Computerbauer gibt es begruendete Einwaende. Das Gefuehl der Herstellerabhaengigkeit noch frisch im Bewusstsein, wehren sich potentielle Kunden gegen neue Eheschliessungen mit Anbietern wie IBM, Siemens-Nixdorf oder DEC. Zwar hat gerade Big Blue mit FAG Kugelfischer seinen ersten grossen Outsourcing-Auftrag an Land gezogen, doch dieser Erfolg koennte die Ausnahme bleiben, wenn es dem Rechnerproduzenten nicht gelingt, kurzfristig neues und auch servicebezogenes Vertrauen im Markt zu erzeugen.

*Wilfried Heinrich ist freier Autor in Koeln.