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27.12.1991

Parsytec-Boß: "Wir hätten viele Nixdorfs gebraucht"

Mit Falk D. Kübler, Geschäftsführer und Mitbegründer der Parsytec GmbH, Aachen, sprach CW-Redakteurin Beate Kneuse.

In der europäischen DV-Szene gehen die Meinungen über den Binnenmarkt auseinander. Während die einen um Wirtschaftlichkeit und Konkurrenzfähigkeit bangen, sind andere davon überzeugt, daß der Einheitsmarkt die Volkswirtschaften stärken wird. So erwartet Parsytec-Chef Falk D. Kübler nicht nur schnellere Entscheidungsprozesse, die die signifikante Schwerfälligkeit bei europaweiten Projekten, beispielsweise bei Jessi, gar nicht erst entstehen lassen, sondern auch neue Einsichten in die Notwendigkeit, selbstbewußter, risikoreicher und aggressiver im informationstechnischen Sektor handeln zu müssen. Wird man sich dieser zuletzt verkümmerten Fähigkeiten wieder bewußt, so Küblers Fazit, werden die Europäer auch im Binnenmarkt konkurrenzfähig bleiben.

CW: Herr Kübler, der europäische Binnenmarkt nähert sich mit Riesenschritten. Wie denken Sie ganz allgemein über den Einheitsmarkt?

Kübler: Als europäischer Bürger finde ich den Binnenmarkt rundum gut und wichtig. Je schneller wir ihn umsetzen, um so eher werden wir unsere Volkswirtschaften stärken können. Das muß auch unser Interesse als eine der Firmen in dieser Volkswirtschaft sein.

CW: Sie sprachen die Volkswirtschaften an. Gerade Manager deutscher Unternehmen - nicht zuletzt aus der Computerindustrie - beklagen sich über zu hohe Löhne und zu kurze Arbeitszeiten mit dem Argument, sie würden die Wirtschaftlichkeit und die Wettbewerbsfähigkeit gefährden.

Kübler: Lassen Sie mich zu den Gehältern folgendes sagen: Die niedrigsten Löhne haben wir in Bangladesch. Das hat der dortigen Computerindustrie meines Wissens nicht geholfen. Somit kann dies allein das Problem nicht sein. Außerdem wird ein Land, das zunehmend erfolgreicher und dessen Volkswirtschaft zusehends schlagkräftiger wird, die Löhne automatisch immer höher treiben. Die Volkswirtschaften sind nicht einfach die Unternehmen, sondern die Summe aller Menschen in der Gesellschaft.

CW: Und die Arbeitszeitregelung?

Kübler: Das gilt gleichermaßen auch für die Arbeitszeit. Hohe Löhne, kurze Arbeitszeit - worauf es doch in erster Linie ankommt, sind die Arbeitskosten. Diese dürften immer höher werden und sollen es auch, denn was auf der einen Seite Arbeitskosten sind, sind auf der anderen Seite Arbeitspreise. Demzufolge soll und wird das, was der einzelne zu seinem persönlichen Nutzen zu verkaufen hat, zunehmend höher bewertet werden. Dies darf natürlich nicht blind erfolgen, sondern muß mit Produktivitätsfortschritten einhergehen. Aber: Hohe Arbeitslöhne und kurze Arbeitszeiten an sich sind nicht per se Wettbewerbsnachteile, im Gegenteil.

CW: Dann handelt es sich also um billige Entschuldigungen, wenn vor allem die Großen der europäischen Computerindustrie gerade diese Argumente ins Feld führen. Oder wollen sie vielleicht nur eigene Fehler der Vergangenheit vertuschen die zum Verlust der Wettbewerbsfähigkeit führten?

Kübler: Ich habe für die Manager, die die europäischen Computerkonzerne in diesen Zeiten führen müssen, großes Verständnis. Sie sind in einer außerordentlich schwierigen Situation. Insofern geht es an der Sache vorbei zu sagen, die suchen nach billigen Entschuldigungen. Ich denke, die Problematik ist, daß sich die europäischen Computerkonzerne zusehends abdrängen ließen. Sie sind als Vollsortimenter immer wieder in der Situation, daß sie Aufholjagden betreiben müssen, von denen sie selbst nicht mehr glauben, daß sie damit eine Chance haben. Wenn beispielsweise ein europäischer Computerproduzent eine Workstation-Serie auf den Markt bringt, vielleicht fünf Jahre nach Sun, dann kann mir niemand erzählen, daß die Manager dieser Firma ernsthaft daran glauben, Sun Marktanteile abjagen zu können.

CW: Wenn Sie von Aufholjagden sprechen, wollen Sie damit auch sagen, daß den Europäern originäre Innovationskraft abgeht?

Kübler: Nein, eher, daß man sich die Innovation nicht zutraut. Aber gerade Selbstvertrauen ist enorm wichtig in der Informationstechnik. Wir dürfen uns nicht auf den Standpunkt stellen, daß - nur weil die großen Konzerne in den letzten 20 Jahren auf einem beständigen Rückzug waren - Europa Informationstechnik nicht beherrschen kann. Das wäre eine Katastrophe. Setzt sich dieses Denken durch, wird es in Europa tatsächlich keine neuen Impulse in unserer Branche geben.

CW: Woher kommt aber der Mangel an Selbstvertrauen, nachdem doch in der Vergangenheit von Europäern Zeichen gesetzt worden sind? Ich denke an Konrad Zuse, an Hermann Hollerith...

Kübler: Ich kann das nur ergänzen. Der virtuelle Speicher ist 1961 von ICL erfunden worden. Die Europäer hatten - und ich hoffe, sie werden sie noch lange haben - von jeher die Fähigkeit, Innovation zu finden, zu erfinden. Diese Fähigkeit aber muß komplementär ergänzt werden durch das Vermögen des Umsetzens dieser Innovation in den Markt. Dazu gehört schnelles und aggressives Handeln. Soweit ich das beurteilen kann, sind diese beiden Eigenschaften den großen europäischen Computerkonzernen verloren gegangen.

CW: Waren diese Konzerne denn je aggressiv im Handeln?

Kübler: Die Basis existierte. Gerade Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre waren die Ansätze dazu in Europa sehr stark vorhanden. Denken Sie an Heinz Nixdorf zum Beispiel, der für seine Aggressivität immer wieder gescholten wurde. Nur hat man diese Fähigkeit verkümmern lassen, und dadurch ist das passiert, was man heute als Misere der großen europäischen Computerindustrie bezeichnet.

CW: Dennoch sehe ich noch nicht, warum diese Fähigkeiten verkümmern mußten. Hat der Erfolg die großen Hersteller irgendwann zu satt gemacht? Oder wurden sie dadurch vielmehr unersättlich, wollten sie immer mehr, als sie tatsächlich konnten?

Kübler: Was wir gebraucht hätten, wären viele Heinz Nixdorfs gewesen. Eben einer, der Mittlere Datentechnik macht und dies

"Es gibt keinen Anlaß, den Kopf in den Sand zu stecken."

durchsetzt, einer der Ende der 70er Jahre mit Workstations angefangen hätte, was damals noch möglich gewesen wäre, etc. Kontinuierlicher Pioniergeist wäre des Rätsels Lösung gewesen, doch den hatte Europa nicht.

CW: Wird es ihn denn noch jemals in Europa geben?

Kübler: Ich betone noch einmal: Es gibt keinen Anlaß, den Kopf in den Sand zu stecken, nur weil in der Vergangenheit einiges nicht ganz geklappt hat. Wir brauchen den Pioniergeist, und wir haben ihn auch. Das gleiche gilt für die Innovationskraft. Die Europäer brauchen sich nicht zu verstecken, sie sind zumindest gleichwertig im Rahmen der Triade Europa, USA, Japan. Nur, wie gesagt: Wir müssen selbstbewußt und risikobereit sein, schnell und aggressiv handeln, wollen wir Industrien entwickeln. Nur wer neue Dinge wagt, hat die Chance, einen Teil des Geschehens mitzubestimmen und sich nicht in Aufholjagden aufzureiben.

CW: Was aber ist mit der Chip-Technologie? Wie passen Ihre Aussagen hinsichtlich Aulholjagd beispielsweise auf die diversen Siemens-Bündnisse bei Speicher-Chips?

Kübler: Am Anfang war ich sehr skeptisch, fast schon dagegen, was die Siemens-Aktivitäten anbelangte. Mittlerweile aber bin ich erstaunt, welche Wettbewerbsfähigkeit die Münchner in diesem Sektor gewonnen haben. Noch vor drei Jahren bestückten wir unsere Rechner nahezu ausschließlich mit japanischen Speicher-Chips, heute stammen rund 25 Prozent von Siemens. Hier hat man durch einen strategischen Schlag, durch Allianzen eine Wettbewerbsfähigkeit innerhalb kurzer Zeit erreichen können. Das freut mich, denn wir brauchen in Europa eine leistungsfähige Komponentenindustrie. Die Gefahr einer Abhängigkeit von den japanischen und latent auch von amerikanischen Anbietern wäre auf Dauer nicht zu vertreten.

CW: Was ist mit Jessi?

Kübler: Im europäischen Rahmen laufen durch den Zwang zum Konsens und zur Einstimmigkeit in vielen Dingen schwerfällige Prozesse ab, die Projekte wie Jessi behindern oder gar verhindern. Gerade Jessi ist aber auch ein gutes Beispiel dafür, wie sehr wir den europäischen Binnenmarkt brauchen. Denn durch das Prinzip der Mehrheitsentscheidungen und all den anderen Dingen im künftigen Einheitsmarkt werden Entscheidungsprozesse beschleunigt und strategisch wichtige Projekte schlagkräftiger.

CW: Daß heißt, das Bewußtsein, schneller Entscheidungen herbeizuführen, wird durch den Binnenmarkt zunehmen?

Kübler: Ich hoffe es sehr. Vieles hat sich einfach ad absurdum geführt. Es ist auch ein genereller Ärger gegen diese schwerfälligen und immer wieder zögerlichen Prozesse eingetreten. Die Einsicht in die Notwendigkeit der Schlagkräftigkeit, auch in das sich Konzentrieren auf Dinge, die man kann, ist gewachsen. Ich bin zwar insgesamt keinesfalls euphorisch, aber den Willen allein unserer Firma, große Risiken einzugehen, bringen wir nur deshalb auf, weil wir an die Verbesserung der Infrastruktur in der europäischen Elektronik- und IT-Industrie glauben.

CW: Welche Chancen wird denn Ihrer Meinung nach der Einheitsmarkt den drei Großen der europäischen Computerindustrie bescheren?

Kübler: Das ist schwer zu sagen. Möglicherweise bringt der Binnenmarkt mittelfristig Lösungen in Form von Zusammenschlüssen. Ich glaube, bei den Großen wären Zusammenschlüsse sinnvoll - solange nicht Monopole entstehen, die letztlich die Fördertöpfe in Brüssel anzapfen.

CW: Sie meinen, Zusammenschlüsse untereinander.

Kübler: Ja, das würde Sinn machen...

CW: Aber würde dann nicht ein noch größeres, unbeweglicheres Unternehmen entstehen?

Kübler: Das kann passieren, muß aber nicht zwangsläufig, wenn man sich einen Verbund vorstellt, in dem man festlegt, wer sich auf welches strategisch wichtige Gebiet konzentriert. Das heißt, die starken Bereiche überleben, bescheren Schlagkraft, die schwachen müssen aufgegeben werden.

CW: Sie können sich einen solchen Verbund vorstellen, in dem sich die großen Alten zusammentun, aber nur noch Schwerpunktbereiche bedienen?

Kübler: Doch, das kann ich mir schon vorstellen.

Nur sollte man nicht gleichzeitig davon ausgehen, daß sich diese Unternehmen dann als ein Gesamtkonzern fühlen. Es reicht, wenn sie sich als Teil dieses Verbundes sehen. Aber ich stecke nicht in den Köpfen der Vorstände dieser Gesellschaften, die - wie ich noch einmal wiederholen möchte - in einer außerordentlich schwierigen Situation sind.

CW: Sie sagten eben, was nicht überlebensfähig ist, muß aufgegeben werden. Damit müßten sich die drei Großen radikaler von Bereichen trennen, die in erster Linie Kosten verursachen, aber kaum Gewinn bringen.

Kübler: Richtig. Schauen Sie sich den derzeitigen Umstrukturierungsprozeß durch die Vereinigung Deutschlands an. Der Zwang zur Neuordnung führt in den Köpfen der Leute - im Osten wie im Westen - zur Einsicht in die Notwendigkeit von Umstrukturierungen.

Ich denke, daß dies den geistigen Boden legt für die Bereitwilligkeit, sich schneller an Marktprozesse, an volkswirtschaftliche Prozesse anzupassen. Bezogen auf die europäische Computerindustrie heißt das, man muß sich auf die Stärken besinnen und sie weiter ausbauen.

Gleichzeitig muß man sich trennen von Aktivitäten, die nicht erfolgreich waren und auch nicht von strategischer Wichtigkeit sind.

CW: Ihren Worten entnehme ich, daß Sie - im Gegensatz zu den Computergrößen Europas - keinen Zweifel an der Konkurrenzfähigkeit der europäischen Computerindustrie im Binnenmarkt haben.

Kübler: Nein, die habe ich nicht.

CW: Sehen Sie überhaupt Gefahren für Europa durch den Einheitsmarkt?

Kübler: Ja, eine sehe ich. Die deutsche Volkswirtschaft hat sich bis jetzt als die relativ stärkste innerhalb Europas erwiesen - unter anderem deshalb, weil sie nicht unvernünftig protektionistisch war.

Nun könnte passieren, daß industriepolitische oder protektionistische Vorstellungen die Überhand gewinnen, die implizit auch der deutschen Volkswirtschaft als eine im Verbund auferlegt werden.

CW: Protektionistische Bestrebungen sind doch schon da...

Kübler: Sicher, doch es gibt auch Gegenbestrebungen.

"Gerade Selbstvertrauen ist enorm wichtig in der Informationstechnik."

CW: Was spricht gegen solche Schutzbarrieren?

Kübler: Protektionismus ist schlecht, wenn er ausschließenden Charakter hat und so den Zwang zur Leistung dämpft. Muß ich als Parallelverarbeitungs-Hersteller nicht mehr hart kämpfen, um zu verhindern, daß beispielsweise ein System unseres Konkurrenten Thinking Machines bei einem Kunden installiert wird, dann werde ich gemütlich.

Damit fängt aber das Unheil an. Sicher muß man einer national und lokal entwickelten Technologie ihre Chance geben, sie unterstützen. Aber protektionieren im Sinne von Wettbewerbsausschluß darf man sie nicht. So kommen wir nicht weiter.