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07.10.1994

Paul Grayson will keine Suite-Produkte buendeln Micrografx: Windows 95 bringt Schwung in den Grafikbereich

Die Gewinne des texanischen Grafikspezialisten Micrografx sind arg geschrumpft. Firmengruender, Chairman und CEO Paul Grayson hatte sich deshalb vor etwa einem Jahr aus der aktiven Geschaeftsfuehrung in den Board of Directory zurueckgezogen und die Unternehmensleitung an den branchenfremden Gordon Tucker uebergeben. Probleme mit dessen Fuehrungsstil haben Grayson Ende Juli zur Rueckkehr auf den Chefsessel veranlasst. Mit ihm sprach CW- Redakteur Stefan Ueberhorst.

CW: Herr Grayson, Sie haben in Ihrer Position als CEO zehn Monate pausiert. Wie haben Sie die Zeit genutzt?

Grayson: Die ersten vier Monate war ich noch Chairman, allerdings ohne direkte operative Verantwortung. Danach hat mich Tucker gebeten, wieder aktiv in die Geschaeftsfuehrung zurueckzukehren, so dass ich in den folgenden sechs Monaten als Vice-President fuer die Produktentwicklung taetig war. In dieser Zeit habe ich mich intensiv mit Organisationsablaeufen und Projektplaenen beschaeftigt. Eine wesentliche Aufgabe war auch, die Kontakte zu anderen Softwareherstellern, insbesondere Microsoft, zu verbessern.

CW: Wie ist Ihr Verhaeltnis zu Microsoft?

Grayson: Wir waren 1985 der erste Windows-Entwickler. Seitdem arbeiten wir technisch sehr gut zusammen. Zu Bill Gates, Steve Ballmer und anderen Microsoft-Verantwortlichen habe ich auch Kontakte auf persoenlicher Ebene. Etwas angespannt waren die Beziehungen, als wir auch fuer OS/2 entwickelt haben. Das hat sich inzwischen gelegt.

CW: Nachdem Sie die OS/2-Entwicklung aufgegeben haben...

Grayson: Ja. Etwa ein Jahr nach Microsoft haben wir unsere OS/2- Aktivitaeten ebenfalls eingestellt. Die Zeit damals hat uns gelehrt, dass ein Gleichgewicht zwischen Entwicklungsaufwand und Plattformakzeptanz existieren muss. Unsere Portierungs- und Marketing-Investitionen waren viel zu hoch fuer das, was OS/2 an Verbreitung bot.

CW: Und dieses Gleichgewicht ist bei Windows gegeben?

Grayson: Frueher haben wir schon entwickelt, waehrend eine Plattform entstand, nun sind wir vorsichtiger und warten erst den Markt ab.

So reagierten wir auch auf Windows NT. Bisher haben wir nur unser Bildbearbeitungsprogramm "Picture Publisher" auf NT portiert, weil es sich als grafisches High-end-System fuer diese Plattform eignet. Unsere uebrige Produktpalette wird unter Windows 95 (Chicago) laufen, dazu haben wir uns gegenueber Microsoft verpflichtet. Entsprechende Versionen werden etwa 90 Tage nach Verfuegbarkeit von Windows 95 erscheinen - ich schaetze, spaetestens im Herbst naechsten Jahres.

CW: Das entspricht aber nicht Ihrer eher abwartenden Haltung bezueglich der Betriebssystem-Akzeptanz. Hat Chicago fuer Sie eine besondere Bedeutung?

Grayson: Windows 95 wird eine robuste Plattform darstellen und eine grosse Zukunft haben. Besonders komplexe Anwendungen wie Grafikprogramme werden davon profitieren, denn Windows 95 beseitigt eine der bislang groessten Barrieren: die Speicherverwaltungsprobleme. Aus unserer Sicht, haben Bilder unter Windows 3.1 noch nicht das Laufen gelernt. Mit Chicago sind alle Speicherlimitierungen und

-segmentierungen aufgehoben. Und wenn wir davon ausgehen, dass Speicherbausteine kuenftig billiger werden, dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis wir der Technik von Silicon Graphics auf den Versen sind.

CW: Was heisst das in der Praxis?

Grayson: Auf Intel- und Windows-Basis hat es bislang kaum jemand gewagt, ein Bildbearbeitungs- und ein Illustrationsprogramm in einem Produkt zusammenzufassen. Hersteller, die es dennoch versucht haben, mussten aufgrund der grossen Bilddateien Kompromisse schliessen. Dies wird sich mit Windows 95 aendern.

CW: Das Stichwort "Programme zusammenfassen" ist gefallen - die Corel Corp. hat sich in den letzten Jahren zu Ihrem aergsten Gegner gemausert. Grafik-Suites, die jedes Jahr um zusaetzliche Anwendungen erweitert werden, scheinen das Geheimnis des Erfolgs zu sein. Haben Sie aehnliche Plaene?

Grayson: Nein. Wir haben in diesem Jahr unsere Strategie neu definiert. Demnach gibt es drei unterschiedliche Zielmaerkte, auf die wir uns mit jeweils speziellen Produkten konzentrieren. Im Bereich Professional Graphics sind wir mit unserem technischen Illustrationsprogramm "Designer" und mit "Picture Publisher" vertreten. Hohe Wachstumsraten erwarten wir in dem vergleichsweise jungen Segment Business Graphics. In diesem Markt positionieren wir unsere "ABC-Familie" mit Charting-, Planungs- und Dokumentations-Tools. Am At-Home-Markt engagieren wir uns bislang nur in den USA und in wichtigen englischsprachigen Laendern mit der neuen "Crayola"-Produktlinie fuer Kinder und Jugendliche. Das ist ebenfalls ein wachstumsstarker Geschaeftsbereich.

CW: Also kein Bundle, beispielsweise von Designer, Picture Publisher, Charisma und Flow Charter?

Grayson: Wir haben eine andere Strategie als die Hersteller von Allround-Paketen. Unser Ziel sind einzelne Spezialprodukte, die jeweils auf einen der drei angesprochenen Marktbereiche zugeschnitten sind. Auf die Loesung dieser Aufgabe konzentrieren wir uns im Moment. Sollten sich die Marktbedingungen aendern, werden wir unsere Strategie gegebenenfalls anpassen. Vorerst werden wir aber die Plaene, die soeben erst gefasst wurden, nicht umwerfen.

Kasten

Micrografx hat das vergangene Jahr nicht besonders erfolgreich abgeschlossen. Der Umsatz betrug 60,5 Millionen Dollar, der Verlust lag bei 3,4 Millionen Dollar und wird in erster Linie auf Kosten fuer die interne Reorganisation zurueckgefuehrt. Bereinigt weist das Jahresergebnis im operativen Geschaeft einen Gewinn von 400000 Dollar aus. Der alte und neue Kapitaen Paul Grayson will sein Schiff Micrografx mit einer gewandelten Produktstrategie nun wieder auf Kurs bringen.