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07.07.2000 - 

Thema der Woche

PC Expo: Euphorie um Bonsai-Rechner

Der Desktop ist tot, es lebe der Handcomputer - obwohl Marktforscher anderer Ansicht sind, drängte sich Besuchern der New Yorker Messe PC Expo dieser Eindruck auf. Im Mittelpunkt der Veranstaltung standen Geräte und Systeme für die Westentasche - mit oder ohne mobilen Internet-Zugang.

Ähnlich wie die Comdex in Las Vegas erlaubt die PC Expo einen Blick auf die Informationstechnik von morgen - oder doch zumindest auf den Hype von heute. Obwohl der PC in allen Marktprognosen noch immer gut wegkommt, spielte er auf der Veranstaltung in der Ostküstenmetropole nur noch eine untergeordnete Rolle. Stattdessen bekamen die zirka 85000 Besucher Personal Digital Assistants (PDAs), Smartphones, Geräte rund um den Musikstandard MP3 und Netzwerkequipment für den mobilen Internet-Zugang zu sehen.

Zu diesen Themen gab es eine Reihe von Neuankündigungen - nicht zuletzt auch von Startups, die das Zeug haben, den Zukunftsmarkt entscheidend mit zu prägen. Dazu ist etwa der 3Com-Ableger Palm Inc. zu zählen, marktführender Anbieter von Handheld-Rechnern. Im Mittelpunkt der Präsentation dieses Unternehmens stand die Frage, wie Besitzer kleinerer und mittlerer Palm-Modelle künftig im Internet surfen sollen.

Alle Palms werden Internet-fähigDie Company stellte das rund 50 Dollar teure "Mobile Internet Kit" vor, eine funktionale Erweiterung, die Benutzer preiswerter Palm-Modelle via Infrarot-Verbindung an ein Handy und darüber schließlich an das Internet koppelt. Bisher ließ sich nur das Topmodell, der ausschließlich in den USA erhältliche "Palm VII", an das Internet anschließen - und zwar ohne zusätzliche Ausrüstung.

Angekündigt wurde außerdem, dass künftige Versionen des Palm-OS verschiedene Erweiterungsstandards unterstützen werden. Palm selbst wird als Erweiterungs-Slot für die eigenen PDAs den "Secure-Digital"-Standard der japanischen Hersteller Toshiba und Matushita sowie des kalifornischen Flash-Spezialisten Sandisk verwenden. Das Palm-Betriebssystem soll jedoch auch die "Springboard"-Module des Rivalen und Lizenznehmers Handspring sowie die Speichertechnik "Memory Stick" von Sony unterstützen. Damit dürfte sich das Palm-OS, das von zahlreichen Anbietern in Lizenz genommen wurde, auf absehbare Zeit als De-facto-Standard in der Handheld-Szene behaupten.

Insbesondere der japanische Consumer-Electronics-Gigant Sony will dazu beitragen. Er zeigte auf der PC Expo erstmals einen PDA auf Basis des Palm-OS (siehe Abbildung Seite 10). Der Begriff "zeigte" beschreibt die Szenerie treffend: Sony präsentierte das Gerät in einer kleinen Glasvitrine mit der Aufschrift "Prototyp", und die Besucher drückten sich an dem Organizer, der weder berührt noch ausprobiert werden durfte, vorbei, als handele es sich um die Mona Lisa im Pariser Louvre.

Das Gerät wird ähnlich wie das erfolgreiche Sony-Notebook "Vaio" im blaulila Design und mit metallenen Seitenstreifen auf den Markt kommen. Es ist noch schmaler als der "Palm V". Mit monochromem oder farbigem Display erhältlich, wird es einen Steckplatz für die hauseigene Speichertechnik "Memory Stick" aufweisen. Außerdem haben die Entwickler das bereits aus den Sony-Handys bekannte Eingabegerät "Jog Dial" integriert, über das sich der Handheld auch mit einer Hand bedienen lässt. In Japan soll der PDA, der seine Stromversorgung über einen Lithium-Ionen-Akku erhält, Mitte Juli in den Handel kommen. In den USA und Europa müssen sich Interessenten wohl noch bis zum Weihnachtsgeschäft oder länger gedulden.

Die Nummer zwei im Handheld-Markt ist nach Verkaufszahlen inzwischen die Startup-Company Handspring, die von den Palm-Erfindern Jeff Hawkins und Donna Dubinsky gegründet und vor wenigen Wochen erfolgreich an die Börse geführt worden war. Hawkins wurde die Ehre zuteil, eine Keynote-Rede zu halten und seine Sicht des Handheld-Marktes zu erläutern.

Der Chefentwickler von Handspring appellierte an die Designer neuer Handhelds und Technologien, unkonventionelle Wege zu gehen und dabei das Bedürfnis der Anwender nach einfacher Technik nicht aus den Augen zu verlieren. Bei Handspring und auch beim Wettbewerber Palm gebe es diese Philosophie, die als "Zen of Palm" bezeichnet werde. Microsoft hingegen mache den Fehler, seine Erfahrungen aus dem PC-Markt auf die Handheld-Technik "Pocket PC" zu übertragen.

Vergesst Hardwarespezifikationen, vergesst die CPU-Geschwindigkeit, orientiert euch an der einfachen Benutzerführung - so lautete verkürzt die Message des Entrepreneurs. Beispielsweise sei es eine weit verbreitete, aber irrige Annahme, dass Hardware mit stärkerer CPU-Leistung automatisch gefragt sei. Mit einer einfachen und logischen Programmierung könnten Anwender viel eher zufrieden gestellt werden - etwa, wenn es gelinge, dass Handheld-User mit einem einzigen Klick ihre Kalendereinträge in übersichtlicher Form öffnen können.

Für Hawkins ist es manchmal nötig, unpopuläre Maßnahmen zu ergreifen. So sei es nicht unbedingt richtig, sich etwa in puncto Erweiterungstechnologien an Standards zu orientieren. Eine Fragmentierung des Marktes - wie bereits erwähnt unterstützen Palm, Handspring und Sony mit Secure Digital, Springboard und Memory Stick jeweils eigene Techniken - belebe die Konkurrenz und richte keinen Schaden an, solange jeweils die Bedürfnisse der Anwender unterstützt würden.

Der Palm- und Handspring-Gründer verglich den heutigen Handheld-Markt mit dem PC-Markt vor 20 Jahren. Er prophezeite, dass die Geräte ähnlich schnell billiger, einfacher und leistungsfähiger würden. Der Markt stehe vor einer Explosion, und es sei keineswegs sicher, dass heutige Marktführer auch in wenigen Jahren noch die Nase vorn hätten. "Handheld-Computer sind die Zukunft des Personal Computing", behauptete Hawkins; der drahtlose Zugang zum Internet werde die Absatzzahlen rasant in die Höhe treiben.

Vor diesem Hintergrund kündigte Handspring auf der PC Expo eine Zusammenarbeit mit Omni Sky Corp. an, einem Provider drahtloser Internet-Dienste. Gegen einen Pauschalpreis von rund 40 Dollar im Monat können Amerikaner ab dem Herbst dieses Jahres mit "Visor"-Handhelds von Handspring im Internet surfen. Das Unternehmen stellte ein drahtloses Modem vor, das über den Erweiterungs-Slot Springboard an den PDA gekoppelt werden kann.

Mit seiner Vision von der drahtlosen Internet-Zukunft stand Hawkins nicht allein. Auch die "Jornada"-Geräte von Hewlett-Packard sowie Compaqs "Ipaq"-Serie - beide arbeiten mit Microsofts Windows-CE-Nachfolger Pocket PC - lassen sich mit neuen Zusatzprodukten für den drahtlosen Internet-Besuch rüsten. Beispielsweise kündigte die Firma Novatel ein drahtloses Modem für den "Jornada 540" an. Das Unternehmen will auch Compaqs Bonsai-Rechner ans weltweite Netz bringen - ähnliches versprachen die Verantwortlichen von Sierra Wireless Inc.

Michael Dell, Gründer des gleichnamigen PC-Direktvermarkters, ritt ebenfalls auf der Wireless-Welle. Laut Dell werden Breitbandzugänge über TV-Kabel oder Digital Subscriber Lines (DSL) langfristig nicht gegen drahtlose Hochgeschwindigkeitszugänge bestehen können.

Deshalb habe sein Unternehmen eigens eine auf den drahtlosen Netzzugang spezialisierte Geschäftseinheit geschaffen. Man kümmere sich um die entsprechenden Technologien (IEEE 802.11) und statte die Notebooks der "Latitude"-Reihe bereits mit Antennen für den drahtlosen Netzzugang aus.

Dass Kleinrechner angesagt sind, ist nicht neu - wohl aber, dass Anwender nun auch Prozessoren zum Kultgegenstand erklären. Nur so ist die große Aufmerksamkeit zu erklären, die auf der PC Expo dem Chip-Startup Transmeta zuteil wurde. Mit ihren energiesparenden und leistungsfähigen CPUs der "Crusoe"-Reihe, aber wohl auch wegen ihres charismatischen Chefentwicklers Linus Torvalds gelingt es der Prozessorschmiede seit Monaten, im Gespräch zu bleiben.

David Ditzel, Chief Executive Officer (CEO) des auf Intel-Emulationschips spezialisierten Unternehmens, zeigte sich in New York gut gelaunt. Er konnte ankündigen, dass mit IBM, Hitachi, Fujitsu und NEC in der zweiten Jahreshälfte wichtige Player Notebooks mit Crusoe-Prozessoren auf den Markt bringen werden.

Transmeta stellte auf der PC Expo außerdem eine Erweiterung seiner Produktpalette in Aussicht: Neben den bisherigen Prozessoren "Crusoe 5400" (für Notebooks) und "Crusoe 3200" (für Devices) sollen bald leistungsfähigere Modelle zu haben sein: der "5600" für Notebooks und der "3300" sowie der "3400" für Handhelds und "Web-Pads" - eine neue Art mobiler Netzzugangsgeräte mit vergleichsweise großem, lese- und surffreundlichen Flachbildschirm. Erste Geräte werden von Gateway und America Online erwartet.

Prototypen von Hardwareprodukten, die mit Crusoe-Chips rechnen, waren an mehreren Ständen zu sehen, unter anderem bei Hitachi und NEC sowie bei Transmeta selbst in Form eines kleinen Webpads. IBM plant zwar vier Thinkpad-Modelle mit Crusoe-Prozessoren, konnte in New York jedoch noch nichts vorweisen. Unterstützung bekam der Neuling im boomenden Chipgewerbe jedoch vom kanadischen Server-Appliance-Anbieter Rebel.com (vormals Hardware Computing Canada), der in seiner "Net-Winder"-Familie künftig auch Linux-Server auf Basis von Transmeta-Chips anbieten will. Bislang bauen die Geräte von Rebel.com auf Intels "Strongarm"-Architektur.

Einige Messebesucher zeigten sich überrascht, als sie erfuhren, dass die gezeigten Notebooks mit dem Transmeta-Chip überwiegend auch unter dem Windows-Betriebssystem laufen werden. Immerhin zählt mit Linus Torvalds die Ikone der Linux-Gemeinde zum Führungsstab von Transmeta. Von ihm hätten die meisten Anhänger der Open-Source-Bewegung wohl eine klare Absage an Microsoft erwartet.

Technologisch interessierte Besucher der PC Expo statteten auch der IBM einen Besuch ab. Das Urgestein der IT-Branche erregte viel Aufsehen mit seiner neuen "Memory Expansion Technology", kurz MXT. Big Blue versprach den erstaunten Messebesuchern, mit dieser Technik den physikalisch installierten Arbeitsspeicher eines Computers effektiv zu verdoppeln.

Möglich wird das, indem die Daten in komprimierter Form in den Arbeitsspeicher geschrieben werden. In der Vergangenheit gab es bereits ähnliche Ansätze. Diese waren jedoch softwarebasiert und damit zu langsam für den Einsatz in der Unternehmens-DV. MXT verfolgt stattdessen einen Hardwareansatz. Dabei werden häufig benutzte Daten und Befehle "nah" an der CPU eines Rechners abgelegt, wohingegen seltener angeforderte Informationen und Instruktionen in gepackter Form im Speicher gelagert werden.

Die Technik verwendet einen neuartigen Cache-Speicher für die Verwaltung der Informationen auf einem Speicher-Controller. Die Kombination aus in Silizium "gegossenen" Kompressionsalgorithmen und Millionen von Transistoren auf einem Spezialchip ermöglicht es laut Big Blue, für die meisten Anwendungen den nutzbaren Hauptspeicher zu verdoppeln. Der Anwender merkt nichts von der zwischengeschalteten Kompression, weil diese innerhalb von Nanosekunden und damit laut IBM-Sprecher Matthew McMahon rund 10000-mal schneller abläuft als bisherige Softwarelösungen.

MXT ist zunächst für PC-Server mit Intel-Prozessoren konzipiert, könnte aber laut Big Blue später auch in PCs und Handheld-Geräten zum Einsatz kommen. Big Blue selbst wird die Technik zunächst in seinen eigenen "Netfinity"-Servern implementieren. Mit Server Works Corp. (vormals Reliance Computer Corp.) hat IBM zudem einen ersten strategischen Partner für MXT gefunden. Beide Unternehmen hatten in der vergangenen Woche einen fünfjährigen Technologie- und Lizenzaustausch angekündigt. Server Works hat deswegen laut IBM auch das Recht, MXT-Lizenzen an weitere Hersteller von PC-Servern zu vergeben, etwa an Compaq, Hewlett-Packard oder Dell.

Kunden sollen vor allem durch niedrigere Kosten von der neuen Technik profitieren, da der teure Arbeitsspeicher gegenwärtig zwischen 40 und 70 Prozent der gesamten Kosten von NT- oder Windows-2000-Servern ausmacht. Anwender mit Server-Farmen, beispielsweise Internet-Service-Provider (ISPs), so die Rechnung der IBM, könnten mit MXT pro Rack leicht eine Viertelmillion Dollar einsparen. "Das wird das Lowend des Intel-Server-Markts mächtig beflügeln", glaubt Mark Melenovsky von der International Data Corp. (IDC). "Speicher ist einer der Punkte, der die Intel-Plattform bislang an größerer Verbreitung hinderte."

Marc Ferranti (IDG News Service),

Thomas Cloer, Heinrich Vaske

IBM hat mit Websphere Grosses vorDie PC Expo war in erster Linie eine Hardwareveranstaltung. Umso auffälliger geriet die Präsentation der IBM, die den Rahmen nutzte, um ihre Internet-Softwarefamilie "Websphere" ins rechte Licht zu rücken. Zusätzlich zu seinen bisherigen Aufwendungen von zirka einer Milliarde Dollar will Big Blue eine weitere Milliarde flüssig machen, um den Verkauf der Produktfamilie, die Application-Server und zahlreiche Produkte für das Internet-Computing enthält, anzukurbeln.

Mehr als 1000 Vertriebsspezialisten und Entwickler sollen zusätzlich angeheuert werden, damit Websphere zur marktführenden Internet-Plattform aufsteigt. Die Software enthält unter anderem Funktionen für die Personalisierung und Analyse von Web-Content, das Handling komplexer Transaktionen, die Anpassung von Backend-Anwendungen und -Daten an das Internet, den Bau beziehungsweise die Weiterentwicklung von Web-Portalen sowie Datensicherheit.

Strategischer Hintergrund ist offenbar der Versuch, mit Websphere zum "One-Stop-Shop" für Kunden mit Internet-Ambitionen zu werden. Die Infrastruktursoftware wurde von IBMs General Manager John Swainson auf der PC Expo als "Java-basierender Middleware-Layer" bezeichnet, auf dessen Basis Entwickler Javabeans-Komponenten und Services integrieren können. Es handelt sich nach offizieller IBM-Lesart um ein offenes Framework, das auf Industriestandards baut und alle wichtigen Plattformen sowie die Anwendungen von zirka 9000 Softwarehäusern unterstützt.

Palm glänzt mit ZahlenParallel zur PC Expo verkündete Palm Inc. seine Geschäftszahlen für das vierte Quartal (Ende: 2. Juni 2000) - und die konnten sich sehen lassen. Der Anbieter von Handheld-Computern steigerte seinen Nettoprofit um 82 Prozent auf 12,4 Millionen Dollar und übertraf damit die Erwartungen der Finanzanalysten an der Wallstreet deutlich.

Beim Umsatz legte Palm um mehr als 100 Prozent auf 350,2 Millionen Dollar zu. Palm hatte im Berichtszeitraum zirka 1,1 Millionen PDAs abgesetzt. Carl Yankowski, Chief Executive Officer, erklärte, sein Unternehmen sei vom viel diskutierten Mangel an Komponenten kaum beeinträchtigt worden. In den kommenden Quartalen wolle man verstärkt Geschäftskunden sowie Schulungs- und Ausbildungsinstitutionen adressieren.