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18.11.1988

PCM-Zentraleinheiten

CW-Bericht, Christoph Hammerschmidt

MÜNCHEN - Totgesagte leben länger - dieses Motto trifft für die PCM-Branche in besonderer Weise zu. Jedes Jahr reden Marktgurus aufs neue von ihrem bevorstehenden Ableben. Aber ähnlich wie ihr Sujet, der Großrechner, sind sie lebendiger denn je und lassen auch künftig Wachstum erwarten.

Personal Computer und Workstations haben in den letzten Jahren den Mainframes die Schau gestohlen. Die enorme Dynamik dieses Marktsegmentes sowohl in technischer Hinsicht wie auch bei der Erschließung neuer Anwendungsbereiche hat die "großen Hobel" aus dem Rampenlicht der Mediengunst gerückt und ihnen die Patina einer aussterbenden Rasse, vergleichbar den Dinosauriern, angedeihen lassen.

Doch der Schein trügt. Mit 40 bis 50 Prozent per annum steigt der Leistungshunger der Mainframe-Anwender; bei technisch-wissenschaftlichen Applikationen wird diese Marke sogar noch übertroffen. Zur Deckung dieses Bedarfs verkaufen die Großrechner-Hersteller nicht nur immer größere Maschinen, die Kunden benötigen auch steigende Stückzahlen der "Dinosaurier". Experten haben dabei übrigens einen interessanten Trend ausgemacht: Während bisher traditionell viele technisch-wissenschaftlichen Anwendungen, wie etwa-CAD, Finite-Elemente-Berechnungen oder Simulationen, auf DEC-Rechnern abliefen, geht die Tendenz derzeit dahin, diese Anwendungen auf IBM- (oder PCM-) Maschinen zu bringen. Den Grund sehen die Insider in den bei DEC gegenüber IBM um den Faktor 10 höheren Preisen für Festplattenkapazität.

Im Mainframe-Bereich 20 Milliarden Dollar Umsatz

Der Markt der Mainframes floriert also durchaus, wenngleich er nicht solche exotischen Wachstumszahlen aufweist wie der eingangs erwähnte PC-Sektor. Schätzungen belaufen sich auf einen weltweiten Mainframe-Umsatz von etwa 20 Milliarden US-Dollar für das Jahr 1987. Der Markt dieser Maschinen ist nun mit einer Besonderheit gesegnet, die in der Wirtschaft ihresgleichen sucht: Mit geschätzten 70 Prozent des Umsatzes nimmt ein einzelner Hersteller, IBM, eine deutliche Vormachtstellung ein. Vom Rest geht etwa die Hälfte an die sogenannten "Plug Compatible Manufacturers", kurz PCMs genannt, die, wie der Name bereits ahnen läßt, Maschinen anbieten, die zu denen von IBM funktionskompatibel sind. PCMs sind National Advanced Systems (NAS), Comparex, Olivetti und Amdahl. Die drei erstgenannten beziehen ihre Hardware von Hitachi, Amdahl kooperiert mit Fujitsu, entwickelt aber seine Maschinen selbst.

Sind die PCMs nun Imitatoren oder Innovatoren, Trittbrettfahrer oder Motor? Es ist mit einiger Sicherheit anzunehmen, daß die IBM die lästigen Anbieter längst per Gerichtsbeschluß aus dem Markt vertrieben hätte, würden diese lediglich abgekupferte Plagiate des eigenen Schaffens unters DV-Volk bringen. Zwar gibt bei den Zentraleinheiten im engeren Sinn (immer noch) IBM den technologischen Ton an, doch bei der Peripherie liegen die PCMs vorn und bieten vom optischen Kanal über WORM-Archive bis hin zum Laserdrucker modernere Lösungen an als der Branchenführer.

Ganz generell liegt das Preis/Leistungs-Verhältnis bei den kleinen Konkurrenten besser als beim großen Vorbild; augenfällig wird dies an der kleineren Stellfläche der PCM-Rechner bei gleicher oder erhöhter Leistung im Vergleich zu ähnlichen IBM-Modellen.

Darüber hinaus profilieren sich die PCMs durch ein gegenüber IBM ausgefeilteres Angebot. So will beispielsweise Comparex sein Programm um DV-Dienstleistungen erweitern. Die Image-Tendenz soll in Richtung Service-Unternehmen gehen: Kapazitäts- und Migrationsplanung übernimmt Comparex ebenso wie Auftragsarbeit wie das Performance Management für die Maschinen.

NAS entwickelt eine Benutzeroberfläche für Unix

NAS geht einen etwas anderen Weg: Mit Eigenenentwicklungen und Kooperationen setzt es sich von dem im Grunde gleichen Lieferspektrum des Konkurrenten Comparex ab. Dabei kommt ihm sein Hauptsitz im Silicon Valley zugute: Mit den ebenfalls in dieser Gegend beheimateten Sun Microsystems zusammen entwickelt zur Zeit NAS eine Benutzeroberfläche für Unix. Dieses Betriebssystem soll auf den Mainframes im Native Modus laufen. Auch Suns Network File System (NFS) ist für NAS-Maschinen in Aussicht. Ein im eigenen Hause entwickelter Kommunikations-Coprozessor - exklusiv für NAS-Maschinen erhältlich - stellt die Verbindung zwischen den ansonsten klinisch sauber getrennten Welten von DEC und IBM her. Der Konkurrenzdruck gegen Big Blue treibt NAS sogar, in gemischten Installationen vertraglich die Gesamtsystemverantwortung zu übernehmen.

Amdahl wiederum ist auch in der Entwicklung der Zentraleinheiten ansonsten eine Domäne der IBM, dieser punktuell voraus. Mit der 100-MIPS-Maschine des Typs 5990 hat das Unternehmen nach Ansicht von Brancheninisdern die Entwicklung von IBMs 3090-Nachfolgemodell "Summit" vorweggenommen.

"Fährt denn jeder einen Porsche?"

Mit ständigen Verbesserungen und Modifikationen hält IBM unterdessen die PCMs in Atem, die den Winkelzügen des großen Bruders natürlich immer nur mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung folgen können. Herausragendes Ereignis dieser Art war für das laufende Jahr die Ankündigung von MVS/ESA, einer Architektur-Erweiterung für die IBM-Großrechner des 3090-Spektrums. Mit ESA-Software sieht es allerdings nach Aussage von Marktbeobachtern noch sehr dünn aus.

Die PCMs beeilten sich nach IBMs Ankündigung quasi unisono, für ihre eigenen Maschinen ESA-Unterstützung zuzusagen und gleichzeitig die Bedeutung von ESA rhetorisch dem eigenen Entwicklungsstand anzupassen. So etwa der Sprecher von Comparex: "Natürlich ist ESA leistungsfähiger als MVS/XA, aber fährt denn jeder einen Porsche?" Auch XA habe, so der Sprecher weiter, obwohl es seit sechs Jahren auf dem Markt sei, mit lediglich 30 Prozent immer noch eine relativ niedrige Marktdurchdringung. Dennoch sei die IBM-Ankündigung nicht gänzlich spurlos an seinem Haus vorbeigegangen. "Wir merken ESA und die neuen Maschinen (der IBM 3090-S-Serie) schon", räumte er ein. Mittlerweile seien allerdings auch die Comparex-Maschinen ESA-fähig.

Keine allzugroße Affäre für Amdahl und NAS

Auch Amdahl und NAS (Olivetti tritt auf dem deutschen Markt nicht als PCM-Anbieter auf) haben für ihren Bereich die ESA-Unterstützung zugesagt. Dazu ist allerdings eine Hardware-Änderung erforderlich, die etwa bei NAS die Umrüstung von der XL- auf die EX-Baureihe beinhaltet. Dies sei jedoch keine allzugroße Affäre, meinten Sprecher der beiden Anbieter. Der späte Termin - drittes Quartal 1989 - für den ESA-Support sei darauf zurückzuführen, daß sie erst die Lieferung der entsprechenden Software durch IBM abwarten müßten.

Die einmütige Haltung der PCMs in ESA- und anderen Produktfragen darf allerdings nicht zu dem Schluß verleiten, die IBM-Konkurrenten würden als eine Art Einheitsfront auftreten. Das Gegenteil ist der Fall die PCMs konkurrieren zwar wohl in erster Linie gegen den Marktführer, aber auch untereinander.

Insgesamt scheint sich jedenfalls die größere Mühe für die PCMs auszuzahlen. Deutlich wird dies an steigenden Umsätzen - Amdahl hat im vergangenen Jahr nach einem traumhaften Umsatzplus von 56 Prozent die Umsatzmilliarde (in US-Dollar) erreicht, von NAS nehmen Analysten an, daß die Milliardengrenze im laufenden Jahr noch überschritten wird. Comparex kann da vorläufig nicht mithalten, da nur auf dem europäischen Markt tätig, mit Schwerpunkt in Deutschland. Auch in der im Durchschnitt höheren Zufriedenheit ihrer Kundschaft tragen die PCM-Bemühungen Früchte. Eine Studie der US-Regierung hat ergeben, daß die PCMs durchweg bessere Noten hinsichtlich Systemwartung und Support erhalten als IBM. Offenbar hat sich hier die Erkenntnis durchgesetzt, daß man gegen das bei typischen IBM-Anhängern verbreitete Sicherheitsdenken nur mit verstärkter Seelenmassage in Form von realen Serviceverbesserungen angehen kann. Dies alles führt dazu, daß der Marktanteil der Steckerkompatiblen langsam, aber stetig wächst. Insgesamt beläuft sich weltweit betrachtet der PCM-Anteil auf 15 bis 17 Prozent.

Die Zahlen schwanken von Quelle zu Quelle etwas, da die Definition der Bezugsbasis nicht ganz unproblematisch ist: Bezieht man sich auf die reine 3090-Mainframe-Welt, so liegt IBM leicht im Vorteil, bildet das Produktspektrum der PCMs die Basis, so tendieren die Zahlen leicht zugunsten dieser Anbietergruppe. Der Grund hierfür dürfte darin liegen, daß die PCMs auch Maschinen in einer Größenordnung anbieten, die leicht unter der 3090-Etage liegt.

Für ein konstantes Wachstum der PCMs sprechen jedenfalls die Installationszahlen. Zwar sind Unterlagen für 1988 noch nicht erhältlich, so daß der Einfluß der beiden wichtigsten IBM-Ankündigungen MVS/ESA und 3090-S-Serie noch nicht abgeschätzt werden kann. Die von verschiedenen Marktforschungsunternehmen für das vergangene Jahr veröffentlichte Zahlen lassen jedoch auf ein Wachstum vor allem im High-End-Bereich schließen. Allerdings ist der deutsche Markt durch eine überdurchschnittliche IBM-Präsenz gekennzeichnet. Auch Comparex kommt - als Tochterunternehmen von BASF und Siemens - im deutschen Sprachraum besser weg als im internationalen Durchschnitt.