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24.08.2001 - 

Im Markt herrscht Skepsis über die Zukunft

PDA-Anbieter kämpfen mit der Konjunktur

MÜNCHEN (ajf) - Der Markt für Handhelds steht gehörig unter Druck. Als vermeintlich letztes Mittel zur Umsatzsteigerung werden nun potenzielle Unternehmenskunden umworben. Damit bewegen sich die Anbieter auf dünnem Eis, denn sinnvolle Applikationen für Firmen sind Mangelware. Außerdem hat die Wirtschaft gerade andere Probleme als Nice-to-have-Lösungen an der Peripherie.

Keine sechs Monate ist es her, dass den Handhelds und persönlichen digitalen Assistenten (PDAs) eine glänzende Zukunft bescheinigt wurde. Im Jahr 2000 war der europäische Markt um 123 Prozent förmlich explodiert, und es gab keine Anzeichen für eine Abschwächung. PDAs, so der Tenor, lösen in einigen Jahren sogar den PC als Plattform der ersten Wahl ab. Marktforscher übertrafen sich wechselseitig mit Boom-Prognosen, und selbst bei den ersten leisen Zweifeln kündigten sie immer noch Wachstumsraten von mindestens 50 Prozent an.

Inzwischen hat sich der Trend umgekehrt, die noch junge Branche zählt nun statt zu den Überfliegern zu den Sorgenkindern. Das einstige Wachstum nähert sich der Stagnation, der Hype um die digitalen Begleiter ist verflogen. Viele Privatanwender halten sich mit dem Neukauf und regelmäßigen Austausch von Geräten zurück, ihnen fehlt das nötige Kleingeld. Die wachsende Lücke sollen nun Unternehmen füllen, deren Knowledge-Worker die elektronischen Assistenten dringend für unterwegs benötigen, heißt es bei den einschlägigen Anbietern.

"Strategisches" IT-Investment?Obwohl in der Branche bekannt ist, dass stetig neue Märkte und Zielgruppen erschlossen werden müssen, haben es die Handheld-Hersteller riskiert, sich auf ihren Lorbeeren auszuruhen. Innovative Features und Anwendungen für den Einsatz in Unternehmen sind Mangelware, "Killerapplikationen" für die mobile Datenverarbeitung neben Kalender und Adressbuch sind nicht in Sicht. Integrierte MP3-Player taugen eben nur bedingt als Argument für ein "strategisches" IT-Investment. PDAs sind zum großen Teil ein Statussymbol und ein Werkzeug für den persönlichen Gebrauch, von einem neuen Client-Gerät für die Enterprise-IT kann aber noch längst nicht die Rede sein.

Nun rächt es sich, dass die Entwicklung verschlafen wurde. Mangelnde Innovationen und ein schlechtes wirtschaftliches Umfeld haben dafür gesorgt, dass der Handheld-Markt im zweiten Quartal des Jahres zusammengebrochen ist - Unternehmen kaufen nicht so, wie sie eigentlich sollten. Statt des einstmals hohen Wachstums beträgt die aktuelle Steigerungsrate von PDA-Umsätzen in Europa gerade einmal sieben Prozent. "Der Markt befindet sich in einer Übergangsphase von der Kinderstube in den Mainstream", beurteilt Dataquest-Analyst Thomas Reuner die herrschende Situation. Zwar gebe es an den Geräten von Generation zu Generation kleinere Verbesserungen, allerdings sehe er keine Features, die den Markt entscheidend voranbrächten. Dabei wäre das dringend nötig.

Denn in den IT-Budgets der inzwischen wieder tonangebenden Old Economy zählen keine Faktoren wie "Nice to have". Hier geht es um den geschäftskritischen Nutzen, die höhere Produktivität oder - speziell in heutigen Tagen - signifikant reduzierte Kosten. Und genau an diesem Punkt hapert es im Augenblick, meint Dataquest-Mann Reuner. Die Hersteller hätten es nicht geschafft, rechtzeitig aussagekräftige Fallstudien über die Wirtschaftlichkeit ihrer Handhelds vorzuweisen.

Höhere SupportkostenIm Gegensatz zum Retail-Bereich (Einzelhandel), in dem die Privatkunden seit Jahren mit Lebensstil-Werbung zum Kauf eines PDAs verlockt werden sollen, sind für die professionellen IT-Einkäufer andere Argumente als die gebürstete Metalloberfläche gefragt. Laut Reuner wissen die Anwender natürlich, dass höhere Supportkosten entstehen, wenn Handhelds offiziell im Unternehmen eingeführt werden. Gerade deshalb vermisst der Analyst jedoch klare Rechenbeispiele der einschlägigen Anbieter. In wirtschaftlich angespannten Zeiten sei es umso schwieriger, einen großen Gerätekauf zu rechtfertigen, wenn damit keine absehbaren Kosteneinsparungen verbunden seien.

Die Folge: Es gibt kaum große Investitionsvorhaben, weshalb sich auch nur eine Handvoll Referenzkunden finden lassen. Engagiert gestartete Projekte werden abgespeckt, statt des ursprünglichen Volumens wird, wenn überhaupt, nur ein Bruchteil bewilligt: "Die Firmen werden konservativer und bestellen bei ihren Erstinstallationen weniger PDAs als geplant", bestätigt Steve Simpson, CEO des Softwareanbieters Extended Systems. Fast wäre die Firma in diesem Jahr ein Teil von Palm geworden, doch der geplante Merger wurde in letzter Sekunde abgesagt.

"Wir dachten, dass die Übernahme durch Palm eine gute Idee sei", meint Simpson rückblickend. Als der Deal im vergangenen Oktober angebahnt werden sollte, stand die Handheld-Company noch als klarer Marktführer da. "Es bot sich eine schöne Chance, unser Geschäft auf die nächsthöhere Ebene zu heben", jedoch habe sich Palms finanzielle Situation im Lauf der Verhandlungen entscheidend verändert. Laut Simpson verständigten sich beide Firmen einmütig darauf, die Fusionsgespräche abzubrechen.

Der geplatzte Deal hatte für die beteiligten Unternehmen unterschiedliche Konsequenzen: Einerseits sind die meisten Extended-Kunden laut Simpson froh darüber gewesen, dass die Firma - ihre zentralen Synchronisations-Tools unterstützen Palms, Psions und Windows-PDAs - ihre Unabhängigkeit behalten konnte. Für den Handheld-Pionier stellt die gescheiterte Fusion einen erheblichen Rückschlag für seinem Versuch dar, in Unternehmen Fuß zu fassen. Palm hatte Extended Systems auch deshalb kaufen wollen, weil die Firma bereits offizielle Unternehmenskunden wie Daimler-Chrysler vorweisen kann. "Im europäischen Enterprise-Bereich war Palm ja kaum vertreten", so Simpsons Einschätzung für die Fusionsmotive.

Der strategische Fokus fehltDaran hat sich bisher nicht viel geändert. Zwar beschäftigen sich Unternehmen bereits mit dem Thema "Mobile Netze", wie Meta-Group-Analyst Owen Menck berichtet: "Blinder Aktionismus ist jedoch nicht gefragt." Momentan sei die Unterstützung der Geräte in den Firmen nur eine taktische Maßnahme. Der strategische Fokus hingegen fehle noch, "weil niemand weiß, in welche Richtung sich der Markt entwickelt". Die große Frage ist, ob sich das Betriebssystem Palm OS oder die Windows-Variante Pocket PC durchsetzen kann: "Zurzeit ist alles in der Schwebe", so Menck.

Daher geht der Analyst davon aus, dass sich Anwender nicht auf bestimmte Produkte kaprizieren werden. Bis 2005 müssten sie sowieso damit rechnen, in einer mobilen Architektur mehrere Hersteller und Betriebssysteme zu unterstützen. Palm kann in der Auseinandersetzung mit einer großen Nutzerbasis und vielen freien Entwicklern aufwarten, die Windows-Fraktion hinter dem Bannerträger Compaq führt starke Wachstumsraten sowie die Nähe zur Microsoft-Welt ins Feld.

Doch fährt Palm einen Schlingerkurs, der das Vertrauen in die Company schwächt. Nach einem fulminanten Start in die Retail-Welt entschloss sich die Firma im letzten Jahr, doch mehr Gewicht auf ihr Enterprise-Geschäft zu legen und dort die vermeintlich fetten Margen abzuschöpfen. Als Folge davon kamen Geräte auf den Markt, die preislich durchaus mit Compaqs Chromkistchen "Ipaq" mithalten konnten. Statt sich jedoch als Anbieter von Highend-Geräten zu profilieren, bringt Palm nun als nächstes den Einsteiger-PDA "m125" in den Handel, der sich wiederum in das unterste Ende der Handheld-Hierarchie einordnet.

Die Folgen dieser diffusen Strategie lassen sich leicht bemessen. So brach der Marktanteil von Palm in Europa nach neuesten Dataquest-Zahlen von 59,5 Prozent im zweiten Quartal des Vorjahres auf 32,3 Prozent im zweiten Quartal 2001 ein. Compaq hingegen steigerte die eigene Reichweite binnen eines Jahres von 4,5 auf 30,2 Prozent. Den Texanern komme zugute, dass sie sich voll auf das technische Highend-Segment und Manager als Zielgruppe konzentriert hätten, so Dataquest-Analyst Reuner.

Palm dürfte nach Einschätzung von Beobachtern auch Probleme bekommen, verlorenen Boden gutzumachen. Erschwert wird die Aufgabe durch die Tatsache, dass Compaq bei potenziellen Unternehmenskunden noch andere Argumente ins Feld führen kann: Der Wettbewerb drehe sich laut Reuner nicht mehr nur um den reinen Verkauf von Geräten, sondern darum, durchgängige Lösungen anbieten zu können: "Man kann aggressiv in den Markt gehen und die PDAs billiger verkaufen", argumentiert der Dataquest-Analyst, "wenn das Geld über den Lösungsansatz eingespielt wird."

Die entscheidende Frage, ob ein großer Teil der beruflichen PC-Nutzer überhaupt einen PDA für die tägliche Arbeit braucht, wird dabei von allen Anbietern geflissentlich übergangen. Selbst der eingeschworene Handheld-Fan Simpson - erst hatte er einen Ipaq, nun einen Palm - tut sich schwer, einem digitalen Adressbuch unternehmensstrategischen Charakter abzugewinnen: "PDAs sind interessant, wenn sie anstelle eines Laptops eingesetzt werden und nicht nur simpler Begleiter des PCs sind." In letzterem Fall gebe es kaum einen überzeugenden Grund für Firmen, sie zu kaufen. Und: "Anwender müssen ernsthafte Applikationen damit nutzen können und nicht nur Spielkram." Bis diese geschäftskritischen Tools auf breiter Front für PDAs zur Verfügung stehen, kann es aber noch dauern.

Zusätzlicher DruckZudem macht sich die kanadische Firma Research in Motion (Rim) nach einem furiosen Markteintritt in Nordamerika daran, mit ihren "Blackberry"-Geräten auch den europäischen Markt zu erobern. Bei den kleinen Kisten handelt es sich vereinfacht gesagt um Zwei-Wege-Pager mit Tastatur, mit denen die Mitarbeiter in GPRS-Netzen ihre Firmen-E-Mails abrufen und beantworten können. Kalenderfunktionen sollen später folgen. Die Blackberries werden ab September vom Carrier BT Cellnet in Europa an Unternehmenskunden verkauft.

Sollte die Karte "Enterprise-Geschäft" tatsächlich nicht stechen, hat die PDA-Branche seit geraumer Zeit aber noch einen anderen vermeintlichen Trumpf in der Hinterhand: den Handheld mit Handy-Funktionen, das Handy mit Datenfunktionen oder eine Mischung aus beidem - denn sicher könne man sich ohnehin noch nicht sein: "Alle warten auf dieses mythische Gerät", erteilt Extended-CEO Simpson übersteigerten Hoffnungen eine Absage, nur "gesehen hat man noch nichts". Laut Dataquest-Analyst Reuner ist mit ernsthaften Wireless-Modellen - also Geräten auf PDA-Basis mit integriertem Handy-Chip, keinen Smartphones wie von Nokia oder Ericsson - auch frühestens Mitte des nächsten Jahres zu rechnen.

Derweil knüpft Palm mit seinen Marketing-Methoden an Bewährtes aus dem Hause Compaq an. Die Texaner gestatteten sich den Luxus, allen Teilnehmern des Weltwirtschaftsgipfels in Davos einen Ipaq-PDA zu schenken. Wer sich nun rechtzeitig für das Europäische IT-Forum von IDC im September in Monaco anmeldet, wird mit einem kostenlosen Palm begrüßt. So kommt man in die Unternehmen - wenn auch nicht auf offiziellen Kanälen.

Palm kauft BeIn der vergangenen Woche hat Palm angekündigt, das intellektuelle Kapital der amerikanischen Softwarefirma Be zu übernehmen. Der Hersteller des Multimedia-Betriebssystems "Be OS" kostet rund elf Millionen Dollar in Aktien. Nach Angaben von Palm zielt die Übernahme auf die Entwicklungswerkzeuge sowie Multimedia- und Internet-Fähigkeiten des Betriebssystems ab. Gleichzeitig gliedert der Handheld-Pionier sein Software-Business in die "Platform Solutions Group" aus. Palm hat Lizenzen seines Betriebssystems "Palm OS" an andere PDA-Anbieter wie Handspring, Handera und Sony vergeben. Be war 1990 vom ehemaligen Apple-Manager Jean-Louis Gassée gegründet worden und zuletzt in eine bedenkliche finanzielle Schieflage geraten.

Abb.1: PDA-Betriebssysteme

Bei den europäischen Marktanteilen haben die Betriebssysteme Palm OS und Epoc im letzten Quartal herbe Verluste hinnehmen müssen. Microsofts Pocket PC (Windows CE) holt unaufhaltsam auf. Quelle: Gartner Dataquest

Abb.2: Der Markt für PDAs

Schwere Zeiten für Marktführer: Erst hatte sich Psion in Europa von der Spitze verabschiedet, nun ist auch Palms Platz an der Sonne von Compaq bedroht. Quelle: Gartner Dataquest