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28.05.1993 - 

PC-Betriebssysteme im neuen Gewand

Pen-Computing-Anbieter setzen nicht alle technischen Trends um

Waehrend Windows for Pen-Computing von Microsoft sowie Pen-DOS von CIC nur stiftorientierte Erweiterungen konventioneller Betriebssysteme sind, ging die kalifornische Firma GO einen radikaleren Weg. Ihr Betriebssystem Penpoint wurde von Grund auf fuer Pen-Computer konzipiert. Das hohe technische Niveau der Entwicklung hat sich auf dem Markt allerdings nicht ausgezahlt.

Obwohl der Pen-Computing-Markt 1992 in Deutschland weit hinter den Erwartungen saemtlicher Marktforschungsunternehmen zurueckblieb, statten immer mehr Notebook- und Industriegeraete-Hersteller ihre Systeme mit elektronischen Griffeln aus. Die stiftgestuetzte Dateneingabe und Programmbedienung eroeffnet zweifellos neue Dimensionen in der mobilen Datenverarbeitung. Dennoch trugen fehlende Standards, ueberteuerte Hardware und eine einseitige Marketing-Ausrichtung auf den Aspekt der Handschrifterkennung zum Desaster des letzten Jahres bei. Nach Schaetzungen des Branchenfachblattes "Penplan Report" wurden 1992 weniger als 2000 Pen-Computer an den Mann gebracht.

Das sind kaum die Stueckzahlen eines florierenden Marktsegments der DV-Branche. Fuer 1993 haben sich Firmen wie Toshiba, Fujitsu und NEC vorgenommen, aus den Fehlern der Pioniere zu lernen und einer missverstandenen Idee neues Leben einzuhauchen. Die inzwischen realisierte Verfuegbarkeit und Stabilitaet stiftorientierter Betriebssysteme wie Pen-DOS von CIC, Windows for Pen-Computing von Microsoft (kurz: Penwindows) und Penpoint von GO stellen eine solide Basis fuer ein solches Comeback dar.

Da sich alle drei genannten Softwareprodukte in wesentlichen Punkten unterscheiden, ist es fuer Anwender und Systemhaeuser unerlaesslich, Zwaenge und Anforderungen konkreter Problemstellungen zu analysieren, bevor eine Entscheidung fuer die eine oder andere Plattform getroffen werden kann. Waehrend Pen-DOS und Windows for Pen-Computing von einem immensen Applikationsangebot und Erfahrungsschatz der Software-Entwickler profitieren, muss GO eine solche Anhaengerschar erst noch gewinnen. Darueber hinaus existieren de facto nicht mehr als zwei Hardwareplattformen, auf denen Penpoint-Programme nicht nur entwickelt, sondern auch eingesetzt werden koennen: der EO 440 und NECs Autograph (vgl. die Abbildung). Saemtliche anderen Pen-Computer der 386er-Klasse sind zwar Penpoint-faehig, aber nicht leistungsfaehig genug, um akzeptable Systemantwortzeiten zu garantieren.

Allen Pen-Betriebssystemen gemeinsam ist die Moeglichkeit, eine Maussteuerung zu emulieren und stiftorientierte Makros, sogenannte Gestures, zu nutzen sowie die unruehmliche Funktion, handgeschriebene Buchstaben und Zahlen zu erkennen und in ASCII- Code zu uebersetzen. Unruehmlich deshalb, weil die erreichten Fehlerquoten von weniger als fuenf Prozent zwar beachtliche Erfolge darstellen, aber immer noch laengst nicht gut genug sind, um umfangreiche handschriftliche Formulare oder gar Notizen zuverlaessig auszuwerten. Einzig die Erkennung handschriftlicher numerischer Daten ist aufgrund des kleineren Zeichenfundus und reduzierter Ambiguitaet in der Praxis einsetzbar.

Kaum verwunderlich, dass beispielsweise stiftorientierte Tabellenkalkulationen wie Pencell von Penware (Penwindowsund das juengst von der US-Zeitschrift "Pen Magazine" zur "Best Numeric Application" gewaehlte Numero von Penmagic (Penpoint) zu den ersten Stiftapplikationen zaehlten. Dies darf jedoch nicht darueber hinwegtaeuschen, dass Pen-Computer bislang fast ausschliesslich in industriellen Umgebungen sowie im Dienstleistungsbereich Fuss gefasst haben.

Diese als vertikale Pen-Applikationen bezeichneten Loesungen unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht grundsaetzlich von den Anforderungen, die typischerweise Notebook-Benutzer und andere mobile Manager benennen.

Obwohl die Nutzung von Pen-Computern mit persoenlichen Programmen wie Kontenverwaltungen im Stil von Microsoft Money, Praesentationswerkzeugen wie Lotus Freelance Graphics und Personal Information Managern (PIM) denkbar ist, erlaubt derzeit weder die Qualitaet der Stiftunterstuetzung noch das Bewusstsein potentieller Anwender einen solchen Schritt. Zweifellos besitzt die Software den groessten Einfluss auf die Chancen eines massiven Einbruchs von stiftorientierten Systemen in den Massenmarkt portabler Rechner.

Die Tendenzen zur Integration von Notebook- und Pen-Computer Funktionalitaeten, beispielsweise von Grid Systems, sind in dieser Hinsicht ermutigend. Ob die heutzutage verfuegbaren Pen- Betriebssysteme den Anspruechen eines Massenmarktes genuegen, ist jedoch zweifelhaft.

Das Pen-Betriebssystem Pen-DOS von der kalifornischen Entwicklerschmiede CIC erweitert das Standard-DOS um eine Schnittstelle zur Verarbeitung von Stifteingaben. Auf diese Weise lassen sich Tausende von DOS-Anwendungen per Stift bedienen und steuern, ohne neu programmiert werden zu muessen. Pen-DOS emuliert hierzu die Maussteuerung und stellt Module zur Handschrift- und Gesture-Erkennung bereit. Alternativ kann wie bei Penwindows und Penpoint eine virtuelle Tastatur aufgerufen werden, ueber die im Notfall auch Texteingaben durch das Antippen einzelner Buchstaben moeglich sind. Ein hervorstechendes Merkmal von Pen-DOS ist die eingebaute Funktion zur Unterschriften-Verifikation. Diese dient zur stiftorientierten Realisierung von Schutzmechanismen gegen unbefugte Zugriffe oder als Passwortersatz.

Um in den Genuss der aufwendigen Handschrifterkennungsfunktion zu kommen, muss der Anwender immer zuerst das sogenannte Writing Window bemuehen. Man erreicht es entweder ueber ein spezielles hutfoermiges Gesture, das bei gedrueckter Stifttaste (aehnlich einem Maus-Button) erkannt wird, oder ueber das Pen-DOS-Menue. Letzteres besteht aus vier einfachen Buttons, die sich in der rechten oberen Bildschirmecke befinden und nur bei gedrueckter Stifttaste sichtbar werden.

Die eigentliche Uebersetzung handschriftlicher Eingaben in das Writing Window erfolgt nahezu in Realzeit. Die in ASCII-Code transformierten Daten koennen dann auf Wunsch der zugrundeliegenden DOS-Applikation geschickt werden. Das Erkennungsmodul von Pen-DOS gehoert zu den leistungsfaehigsten am Markt und wurde nicht ohne Grund vor einigen Monaten von IBM exklusiv lizenziert.

Windows auch fuer Pen-Computing

Was Pen-DOS oder das Konkurrenzprodukt Penright von der Grid- Systems fuer DOS-Rechner sind, stellt Microsofts Penwindows fuer den heutigen Desktop-Standard dar. Saemtliche Windows-Applikationen ab Windows 3.x lassen sich, mehr oder minder gut, per Stift bedienen. Von Haus aus bietet Penwindows nicht nur vordefinierte Gestures fuer elementare Editierfunktionen, sondern gestattet dank eines sogenannten Gesture Managers auch die Definition beliebiger zusaetzlicher Stiftmakros. Diese werden jeweils einem Buchstaben zugeordnet, der zur Unterscheidung zwischen Gestures und Text von einem Kreis umrandet werden muss. Die Floskel "Wir sollten mal wieder telefonieren" liesse sich zum Beispiel dem Buchstaben "T" zuordnen und ist dann in jeder Applikation durch ein eingekreistes "T" abrufbar.

Im Gegensatz zu Pen-DOS erspart Penwindows dem Anwender den Aufruf eines speziellen Schreibfensters zur handschriftlichen Eingabe: Per elektronischem Griffel kann in jedes sogenannte I- Beam-Eingabefeld von Windows-Applikationen direkt geschrieben und der Uebersetzungsvorgang gestartet werden. Winword 2.0 beispielsweise laesst sich ohne Einschraenkung via Stift bedienen, und auch die Texteingabe kann theoretisch direkt handschriftlich erfolgen. So gestattet Winword dem Anwender handschriftliche Eingaben an beliebiger Stelle und in beliebiger Groesse auf dem Bildschirm, die dann uebersetzt und ab Cursor-Position in den Text eingefuegt werden.

Die Eigenschaft von Penwindows und Pen-DOS, aus Standardapplikationen penadaptierte Neufassungen zu kreieren, sollte nicht ueberschaetzt werden. Tatsaechlich sind die meisten Windows-Applikationen kaum fuer Pen-Computer geeignet, da an umfangreichere handschriftliche Eingaben nicht zu denken ist. Selbst der simple Versuch einer handschriftlichen Eingabe eines Dateinamens in ein Eingabefeld kann den Umschwung von der Faszination zur Frustration besiegeln. Fuer Pen-Computer entwickelte Windows-Applikationen, die unuebersehbar fuer eine Stiftbedienung optimiert wurden, sind rar. Leichter faellt die Stiftausnutzung bei Einsatz des einzigen auf Pen-Anwendungen hin entwickelten Betriebssystems, das derzeit verfuegbar ist: Penpoint.

Penpoint ist ein objektorientiertes Multitasking-Betriebssystem fuer stiftbasierte Systeme, das sich dem Anwender mit einer neuartigen Bedienungsoberflaeche praesentiert. Das von GO als Notebook-User-Interface (NUI) bezeichnete Penpoint-Gewand imitiert das Konzept eines gut organisierten Aktenordners.

Die Oberflaeche ermoeglicht einen schnellen Zugriff auf die unter Penpoint abgelegten Dokumente. Darunter versteht Penpoint allerdings nicht blosse Text- oder Grafik-Dateien, sondern deren Verknuepfung mit Applikationen.

Fuer den Anwender faellt somit die Unterscheidung von Applikationen und Daten weg: Er waehlt per Stift ein Dokument aus dem Inhaltsverzeichnis, und Penpoint kuemmert sich um den Start der Applikationsprozesse zusammen mit den zuletzt bearbeiteten Daten. Obwohl Penpoint intern mit einer DOS-kompatiblen Dateistruktur arbeitet, wird die gesamte Dateiverwaltung vom Anwender ferngehalten. Die pfadfindergerechte Suche nach Directories und Programmdateien gehoert bei dem Betriebssystem von GO der Vergangenheit an.

Ein durchschlagender Erfolg ist Penpoint trotz aller Muehe bislang nicht geworden. Tatsaechlich darf darueber spekuliert werden, ob GO noch existieren wuerde, wenn AT&T sich nicht hinter das 1987 gegruendete Softwarehaus gestellt haette. Angesichts der anvisierten Zielmaerkte in Industrie und Dienstleistung stellt sich die Frage, ob GO oder nicht, nur selten. Wenn sie auch eher technischem Flickwerk aehneln: Die Betriebssystem-Erweiterungen Pen-DOS und Penwindows sowie aehnliche Derivate wie Pen Presentation Manager und Penright haben sich als robust und preiswert genug erwiesen, um technische Glanzstuecke wie Penpoint vorlaeufig in der Bedeutungslosigkeit verschwinden zu lassen.

Aus: Computeritis, Tomus Verlag GmbH

*Patrick Thomas ist freier EDV-Autor in Muenchen.