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31.05.1996 - 

"Nicht nur die Qualität ist entscheidend"

Perfekte Übersetzungen durch PCs bleiben ein Wunschtraum

CW: Müssen maschinell übersetzte Texte in jedem Fall noch nachbearbeitet und überprüft werden?

Schwall: Davon muß man bei allen maschinellen Übersetzungen ausgehen. Die Verantwortung muß ein Benutzer selbst tragen. Sicher ist: Eine Maschine kann nicht 100prozentig korrekt übersetzen.

CW: Warum ist die Maschine nicht perfekt?

Schwall: Es gibt bislang noch kein System, das Mehrdeutigkeiten übersetzen kann. Selbst der Mensch benötigt Rücksprache, um Sachverhalte zu klären. Die Maschine kämpft mit viel mehr Schwierigkeiten. Zum Beispiel läßt sich das Wort "Wagen" unterschiedlich verwenden. "Wagen wir es?" - oder - "Mein Wagen ist der schönste!" Das zu analysieren stellt für den Menschen kein Problem dar, wogegen die Maschine erst einmal klären muß, ob es sich um ein Nomen, einen Infinitiv, Nominativ, Akkusativ oder Dativ, einen Singular, Plural und so weiter handelt. Danach folgt die syntaktische Analyse. Hier werden Strukturbäume aufgebaut, die Regeln der jeweiligen Sprache entsprechen: Als Nomen darf "Wagen" mit einem Verb verknüpft werden.

CW: Inwieweit kommen die Programme überhaupt mit Bedeutungen zurecht?

Schwall: In Maschinenübersetzungssystemen werden normalerweise morphologische, syntaktische und, so gut es mit Hilfe verschiedener Methoden geht, auch semantische und lexikalische Mehrdeutigkeiten aufgelöst. Schwierig gestaltet es sich bei einem isolierten Satz wie: "Ich sehe den Mann mit dem Fernglas". Hier weiß man zunächst nicht, in wessen Händen sich das Fernglas befindet. Beim Übersetzen ins Russische müßten Sie aber den genauen Sachverhalt kennen. Selbst der menschliche Übersetzer hätte da seine Schwierigkeiten. Auch die Maschine wird zu einer Interpretation kommen, die aber nicht unbedingt die richtige sein muß. Denn semantische Situationsanalysen erfordern Weltwissen. Der Mensch schlußfolgert beispielsweise, daß es sich bei einem Schloß auf dem Berg nicht um ein Türschloß handeln kann. Dieses Weltwissen müßte modelliert werden. Das würde aber unendlich große Systeme erfordern.

CW: Was bringt denn ein maschinelles Übersetzungssystem, wenn ich hinterher doch noch selbst nachbessern muß?

Schwall: Der Nutzen liegt darin, daß die Maschine sehr schnell sehr viel übersetzen kann. "T1", das Übersetzungssystem von Langenscheidt, (Deutsch/Englisch), etwa schafft zwischen 15000 bis 20000 Wörter pro Stunde - je nachdem, ob die Sätze lang oder Grafiken dazwischen sind. Im Vergleich dazu übersetzt ein Mensch in der Stunde ungefähr eine Seite mit 400 Wörtern. Die Maschine läuft aber 24 Stunden und schafft demzufolge 500 000 Wörter.

CW: Wer braucht denn solche Ad-hoc-Übersetzungen?

Schwall: Hilfreich sind sie vor allem bei technischen Anleitungen. Dabei werden von vornherein gewisse Regeln beachtet, um die Texte dem Rechner verständlich zu machen, zum Beispiel keine Schachtelsätze gebildet. Dadurch hat es die Maschine natürlich leicht.

CW: Wie sieht es für Otto Normalverbraucher aus, der nicht unbedingt lange technische Texte zu übersetzen hat, sondern zum Beispiel Geschäftsbriefe?

Schwall: In den letzten zwei, drei Jahren sind wir uns wohl über die Grenzen eines MT-Systems (Machine Translation, Anm. d. Red.) klar geworden, haben aber auch erkannt, daß nicht allein die Übersetzungsqualität ein gutes Produkt ausmacht, sondern ebenso die Benutzbarkeit. So haben Sie bereits verloren, wenn Ihrem Produkt ein einfaches Postediting fehlt. Deshalb setzten sich frühere Systeme auch nicht durch, weil der Benutzer lediglich mit einer Rohübersetzung als ASCII-Text, die nicht einmal in den Arbeitsprozeß wie zum Beispiel in ein Word-Dokument eingebettet war, allein gelassen wurde. Wichtig ist auch, den Benutzer schnell auf die Stellen hinzuweisen, an denen Zweifel bestehen. Wie kann ich ihm helfen, möglichst schnell die Übersetzung zu verbessern?

CW: Könnten Sie einige Beispiele nennen?

Schwall: Wörter, die das Tool nicht kennt, markiert es farblich. Das ist eine große Hilfe beim Redigieren. Außerdem läßt sich das Vokabular um eigene Terminologien erweitern.

CW: Bei einem Text aus der Automobilbranche läßt sich also das Sachgebiet Autoindustrie mit heranziehen?

Schwall: Ja, somit übersetzt das System die Spezialausdrücke, wie etwa "Viergangautomatik" nicht mit "Four walk automatism". Ein gutes Grundlexikon ist übrigens ein großes und teures Kapital für ein MT-System. Denn es bedeutet Wissen, das mithilft, Mehrdeutigkeiten aufzulösen. Abgesehen von der Übersetzungsqualität liegt bei einem Tool der Vorteil einfach auch darin, daß Sie den Text erstens schneller vorliegen haben und zweitens in der Lage sind, ihn durch die Kombination von Wörterbuch und Dokument flotter zu redigieren. Gerade Büros fragen nach solchen Übersetzungssystemen. Selbst Wort-für-Wort-Übersetzer, die mit Abstand keine besonders gute Qualität bieten, finden derzeit reißenden Absatz.

CW: Sie empfehlen, beim Schreiben eines Briefes bestimmte Regeln einzuhalten, damit die Maschine hinterher fehlerfrei übersetzen kann. Richtet sich hier nicht schon wieder der Mensch nach der Maschine?

Schwall: Das Ausmaß, in dem wir versuchen, den Benutzer anzuhalten, konsistent zu schreiben, schränkt ihn in seiner Sprachfähigkeit nicht stark ein. Da üben andere Medien größeren Einfluß aus.

CW: Sollten Übersetzungsprogramme nicht auch literarische Texte beherrschen?

Schwall: Literatur ist ein besonders schwieriges Thema im Übersetzungsbereich, weil bei ihr sehr stark mit Mehrdeutigkeiten und Wortspielen gearbeitet wird, die recht schwer zu modellieren sind. Hier werden andere Welten aufgebaut, die nicht unbedingt der realen Welt entsprechen.

CW: Ließe sich da mit künstlicher Intelligenz etwas erreichen?

Schwall: Es gibt verschiedene KI-Projekte, in denen versucht wird, Weltausschnitte zu modellieren. Aber das braucht Zeit. Momentan geht man in der Produktentwicklung andere Wege. Die Qualitätsverbesserung sehe ich innerhalb der nächsten fünf Jahre vor allem aus dem Speicherbereich kommen. Das heißt, wenn man einen Text bereits gut übersetzt hat, speichert man ihn als sogenanntes Translation-Memory ab und kann ihn bei zukünftigen Übersetzungen heranziehen. Das Programm sucht dann nach bereits verwendeten Sätzen oder Phrasen. Bis Ende des Jahres soll es von T1 eine Profiversion geben, die Translation-Memory beinhaltet.