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10.05.1991

Permanente " Coopetition" um die gemeinsame Sache

Betriebssystem-Entwicklung war immer schon eine Herausforderung. Jeder Computerhersteller wird sich fragen, ob er sich das überhaupt leisten kann. Die Antwort muß das Umfeld geben, auf das die Novität zielt. Die Grundlagen für ein derartiges Projekt dürfen nämlich nicht mehr im eigenen Elfenbeintum gelegt werden. Ein derartiges Unterfangen kann nur im Zentrum jenes Marktes gedeihen, den es herausfordet.

Offen, erst in der übernächsten Version

Unterschiedliche Subsysteme, zwischen Systemkern und die Anwendungsschnittstellen eingeschoben, sollen OS/2 ab der Version 3 offen machen auch für Windows- und Posix-Programme.

Einige dieser Probleme sind inzwischen gelöst, doch nun ist OS/2 ein Betriebssystem für eine veraltete Architektur (80286), das wenig kann, was DOS plus Windows oder Unix nicht auch könnten.

Es wäre falsch, daraus zu schließen, daß OS/2 "tot" ist. Zum einen brauchen Betriebssysteme erfahrungsgemäß viel Zeit, um Fuß zu fassen - erheblich mehr, als man für OS/2 jemals veranschlagt hatte. Zum andern ist Windows heute eine Alternative - in ein paar Jahren dagegen kaum mehr.

Vielleicht wird gerade Windows, das heute als die größte Gefahr für OS/2 gilt, ihm am Ende das Leben retten. Denn Windows ermöglicht den DOS-Anwendern einen sanften Übergang in die neue Welt, moderner oder auch "richtiger" Betriebssysteme. Und je ähnlicher und kompatibler Windows zu OS/2 wird, desto eher werden sie sich mit OS/2 anfreunden. gs

Rettung durch den Angreifer?

1989: OS/2 2.0 wird für Anfang 1990 versprochen. Microsoft erwartet, bis zum Jahresende Million Lizenzen verkaufen zu können. 1992, so die Branchen-Gurus, wird die Hälfte aller DOS-Benutzer zu OS/2 übergelaufen sein.

Statt OS/2 2.0 kam Windows 3.0 und alle Planungen waren, wieder einmal, Makulatur. Die DOS-Erweiterung wurde zum Sensationserfolg und die OS/2-Umsätze dümpelten weiter vor sich hin.

Auf 600 000 wird die Zahl der OS/2-Installationen heute geschätzt. Nicht eben berauschend, verglichen mit 60 Millionen DOS-Installationen und drei Millionen Windows-3.0-Paketen, die allein in den ersten sechs Monaten über den Tisch gingen. Aus dem erhofften Bestseller ist ein Sorgenkind geworden.

Niemand bestreitet, daß OS/2 technisch besser ist als DOS oder Windows. Warum findet der designierte DOS-Nachfolger dann so wenig Anklang? Eine Erklärung liefert "Levitts Gesetz" (von Ted Levitt, Marketing-Professor in Harvard): "Es gibt keinen Markt für Computer oder Betriebssysteme, es gibt nur einen Markt für Lösungen. Genau das war - und ist noch - das Problem von OS/2. Fehlende Druckertreiber, fehlende Anwendungen, unzureichende DOS-Kompatibilität, gewaltiger Ressourcenbedarf, und nicht zuletzt IBMs erklärte Absicht, es erheblich proprietärer zu gestalten als DOS es ja war, ließen das Interesse der DOS-Anwender schnell schwinden.

Der Traum jeder Software-Entwicklung ist das kleine schlagkräftige Team: Maximal zehn Mitarbeiter bringen ihre ganze Kreativität in ein Projekt ein. Solange es Aufgaben gibt, die auf eine solche Truppe zugeschnitten sind, läuft alles bestens. Was aber geschieht, wenn ein Softwareprodukt die gegenwärtigen und zukünftigen Interessen von Hunderten oder Tausenden von Benutzern abdecken und voraussehen soll? Dann wächst die Aufgabe einem solchen Idealteam rasch über den Kopf - vor allen Dingen dann, wenn es sich bei dem Projekt um ein gänzlich neues Betriebssystem handelt.

Vor bald 30 Jahren war es die IBM, die mit einem Betriebssystem auf der Basis von S/360 zum ersten Mal in aller Konsequenz an ein solches Großprojekt heranging.

Zwischen 1963 und 1966 wurden rund 5000 Mannjahre investiert. Aber den weit aus größeren Aufwand leisteten die Anwender in der Adaption der neuen Features die dieses Betriebssystem ihnen eröffnete. Seitdem ist klar: Gerade weil die Investitionen in Menschen und Maschinen so groß sind, wird ohne eine klare und vor allem langfristige Perspektive kein Anwender diesen Aufwand betreiben wollen.

In OS/2 liegt das Potential der 90er Jahre

Das bedeutet, daß ein Hersteller schon recht triftige Gründe haben muß, wenn er sich an die Entwicklung eines neuen Betriebssystems macht. Und er wird sich fragen, ob er dies allein leisten kann. Wohl dem Initiator, der einen ebenso flexiblen wie innovationsbewußten Kooperationspartner gewinnt, der den immensen Strom der Ereignisse minutiös verfolgt, der aber auch in der Zusammenarbeit unbedingt vertrauenswürdig ist!

Als am 2. April 1987 das neue Betriebssystem OS/2 vorgestellt wurde, standen hinter diesem Projekt zwei Urheber: IBM und Microsoft. Beiden war bewußt, daß sie mit diesem Betriebssystem eine Plattform geschaffen hatten, die tragfähig und offen war für alle wichtigen Zukunftstrends. Für sie war klar: In OS/2 liegt das Potential der 90er Jahre. Was immer auf der Workstation-Ebene passieren wird, alles hat mit einer grafischen Benutzeroberfläche und mit Multitasking zu tun. Aber was sich nicht genau einschätzen ließ, war der Zeitpunkt, an dem sozusagen die Zukunft in Gegenwart umschlagen würde. Diesen Moment abzuwarten ist vor allem Nervensache. Dazu braucht man Standing, aber man darf auch nicht stur sein.

Wie wichtig Geduld ist, das weiß IBM aus ihrer Erfahrung bei folgenden Einführungen - Das Mainframe-Betriebssystems auf der Basis von S/360 entwickelte sich seit den 60er Jahren ständig weiter und ist heute als MVS/ESA wegweisend für das Jahr 2000.

- Aus dem Datenbankcomputer (/38) in den 70er Jahren ging als natürlicher Nachfolger die AS/400 hervor, deren Zukunftspotential sich erst jetzt so richtig entfaltet.

Und wir erleben es erneut bei dem Workstation-Betriebssystem OS/2. Zwischen vier und zehn Jahren kann es dauern, bis bei derart komplexen Projekten die Saat aufgeht.

Microsoft selbst hat die Geduldsprobe noch nicht wirklich bestehen müssen. Für ihren Gründer William Gates ist diese Erfahrung bestimmt nicht einfach. IBM macht durch die Zusammenarbeit ebenfalls eine neue Erfahrung. Sie muß nicht nur Geduld haben mit dem Markt, sondern auch mit ihrem Entwicklungspartner.

So sammeln beide Partner mit unterschiedlichem geschichtlichen Hintergrund durch ihr Gemeinschaftsprojekt und -produkt OS/2 unterschiedliche Erfahrungen. Aber das entzweit sie nicht, ganz im Gegenteil: Es stärkt die Verbindung. Denn der eine lernt vom anderen. Dennoch wurde jüngst in der Szene der Eindruck vermittelte die beiden Unternehmen ständen kurz vor der Trennung. In Wirklichkeit haben beide Schöpfer nur ihre Interessen nuanciert - und zwar zu einem denkbar günstigen Zeitpunkt, nämlich als das Ergebnis ihrer Zusammenarbeit voll stabilisiert ist.

Gemeint ist damit OS/2, Version 1.3. Mit ihr ist die erste große Phase in der typischen Entwicklungsgeschichte eines Betriebssystems abgeschlossen: der qualitative Abstimmungsprozeß mit dem Markt.

Bis zur Version 1.3 war OS/2 primär eine Plattform für die Anwendungsentwicklung bei den großen Kunden. Es richtete sich also an die Experten. Es gibt im Reifeprozeß eines Betriebsystemes keine Alternative zum sachkundigen und konstruktiv-kritischen Input der Professionellen Fachleute aus der Anwenderschaft. Und eine Alternative dazu wird es auch nie geben.

Es entspricht übrigens auch dem Grundanspruch des Kooperationsteams: OS/2 soll sich in der Abstimmung mit dem Markt etablieren. Die Version 1.3 ist also das Ergebnis eines Gemeinschaftswerk; das weit über die Teamarbeit zwischen IBM und Microsoft hinausweist. So etwas hat es meiner Meinung nach noch nie in diesem Ausmaß gegeben. Das ist für mich das eigentlich Spektakuläre an der OS/2-Story.

Die Version 1.3 markiert genau den Moment, wo Zukunft in Gegenwart, Entwicklung in Anwendung umschlägt. Optimiert auf die Prozessoren Intel 80286, zielt es auf dem Markt , der momentan die stärkste Verbreitung hat. Mehr noch: Vornemlich bei den großen Unternehmen sind in den vergangenen drei Jahren realisiert worden, die jetzt zum Einsatz kommen. Diese Firmen haben ein tiefes Wissen um OS/2 erworben - und damit einen klaren

Wettbewerbsvorsprung. Sie kennen, beherrschen und besitzen die innovativen Anwendungsmöglichkeiten, die sich aus diesem Betriebssystem ergeben. Daß sie ihre Investitionen nicht an die große Glocke gehängt haben, ist verständlich. Für sie war OS/2 ein Geheimtip. Und aus ihrer jahrzehntelangen Erfahrung im Umgang mit der Datenverarbeitung wußten diese Profis, daß man zuerst seine Probleme gelöst haben muß, bevor man die Technik einsetzt. Kraß und drastisch formuliert: Nur Amateure gehen umgekehrt vor!

Doch die meisten Benutzer befinden sich zwischen den technologiegetriebenen Freaks und den integrationsbewußten Profis. Der Hertz-Schlag eines Rechners ist für sie sekundär, wichtig ist für sie seine Beherrschbarkeit. Dann trauen sie sich auch an die Lösungen heran. Der schnelle und große Erfolg von Windows ist ein deutliches Indiz dafür wie diese Benutz ihre Prioritäten setzen. Sie sehen darin ein Instrument, mit menschengerechten Mitteln ein System zu beherrschen. Nun warten sie auf die Anwendungen, die den Protected Mode von Windows 3.0 unterstützen. Doch die gibt's noch kaum. Der Grund: Der Entwicklungsaufwand ist keineswegs trivial.

Krieg um Marktanteile ist schon voll entbrannt

Unter OS/2 sind Anwendungen in der gewünschten Form vorwiegend nur bei den großen Unternehmen verfügbar, die dabei in die Benutzeroberfläche, den Presentation Manager, investiert haben. Sie taten dies, weil sie ein Multitasking, wie es OS/2 bietet, als conditio sine qua non für unternehmensweite Daten- und Anwendungsintegration betrachten. Sie sahen also zuerst die Lösung und dann die Beherrschbarkeit - und nicht umgekehrt.

Es ist unbestreitbar, daß eine solche Vorgehensweise nicht nur Know-how, sondern auch ein großes Vorinvestment verlangt. Vor allem Kleinbetriebe sehen sich da überfordert. Sie erwarten, daß ihnen hier der Softwaremarkt adäquate Lösungen offeriert. Das hat sich ja in der DOS-Ära ausgezeichnet bewährt.

Und damit nähern wir uns dem Zeitpunkt, wo sich bei jenen Software-Anbietern, die dem beim OS/2 gewählten Ansatz zu lange zu abwartend gegenüber gestanden haben, eine gewisse Nervosität breitmacht. Sie sind insgeheim erschrocken über das Tempo, das die zweite Phase vorlegt: Ende des Jahres wird die Version 2.0 auf den Markt kommen, die das unglaubliche Anwendungspotential der 32-Bit-Prozessoren ausschöpft. Während die Großunternehmen mit Hochdruck daran arbeiten, wie sie ihre Benutzer möglichst schnell in den Genuß der neuen Multitasking-Anwendungen bringen können, macht sich weltweit im PC-Softwaremarkt zunehmend Hektik breit. Äußeres Merkmal: Ein heftiger Preiskrieg hat begonnen. Teilweise sensationelle Sonderangebote überschwemmen den Markt. Ein Ende dieser Entwicklung ist derzeit nicht absehbar.

Man könnte nun schnell zu dem Eindruck kommen, es herrsche Ausverkauf im DOS-Markt. In Wirklichkeit ist der Stellungskampf um, das Potential der 90er Jahre voll entbrannt. Und in den Brennpunkt der Ereignisse rückte das Gespann IBM und Microsoft.

Diskrepanz durch winziges Unterscheidungsmerkmal

Beide sind durch OS/2 miteinander verbunden, dienen aber unterschiedlich entwickelten Märkten. Wenn man alles abstreicht, dann reduziert sich die Diskrepanz zwischen den beiden Firmen auf ein winziges Unterscheidungsmerkmal:

- Das Konzept, das Microsoft verfolgt, lautet: Multitasking ist das Ziel, grafische Benutzeroberflächen die Voraussetzung. Deshalb richtet das Unternehmen momentan den Focus auf Windows 3.0. Diesen Markt schnell zu erobern, ist das Ziel bei der derzeitigen Preisoffensive vieler Software-Anbieter. Sie schlüpfen mit ihren DOS-Anwendungen unter die neue Benutzeroberfläche, um sie dann sukzessive zu erneuern, und zwar in Richtung OS/2. Ohne daß es ihnen immer bewußt ist, bereiten sie damit aber auch den Markt von unten her für OS/2 vor.

- Im Umkehrschluß lautet IBMs Konzeption: Grafische Benutzeroberflächen sind das Ziel, Multitasking die Voraussetzung

- deshalb der Focus auf OS/2 nebst Extended Edition. Die meisten Vorteile ziehen aus dieser Vorgehensweise die großen Unternehmen. Sie sehen in OS/2 EE den Integrationspunkt für den einzelnen Benutzer in das unternehmensweite Informationssystem. Für sie kann Windows keine Alternative bieten. Erst recht dann nicht, wenn man die absehbare Entwicklung in bezug auf Speicherausbau und Multiprozessor-Betrieb berücksichtigt.

Version 3 nicht mehr HW-spezifisch ausgelegt

Vor diesem Hintergrund ist die Kombination "IBM und Microsoft" geradezu ideal. Nur durch eine sorgfältig abgestufte Strategie kann der Systemwechsel nach OS/2 in einem derart heterogenen Umfeld vollzogen werden. Im vorwettbewerblichen Bereich, also in der Entwicklung, sind beide Firmen Partner. Wenn im November 1990 verabredet wurde, daß man sich die Aufgaben teilen möchte, dann ist dies nicht ein Anzeichen für eine Trennung, sondern der Beweis dafür, welchen Reifegrad OS/2 inzwischen erreicht hat. Die gemeinsame Plattform steht, jetzt können "ldealteams" viel leichter geformt werden. Das Team der IBM vollendet die Version 2, die auf die Prozessoren Intel 80386 und 80486 optimiert ist. Das Team von Microsoft konzentriert sich auf die Version 3, die nicht mehr hardwarespezifisch ausgelegt sein wird.

Zum heutigen Zeitpunkt darf man dabei jedoch nicht außer acht lassen, daß es sich bei der Arbeit für die Version 2 von OS/2 um die Beschäftigung an einem konkreten Produkt handelt, das vermutlich noch in diesem Jahr den Kunden zur Verfügung stehen wird, während man sich bei der Version 3 noch im wesentlichen auf das Zusammenstellen der Spezifikationen und Leistungsmerkmale konzentriert.

Außerdem sollte man nicht übersehen: IBM ist im Unterschied zu Microsoft auch ein Systemhersteller, der deshalb gerade in der Optimierung der Extended Edition auf PS/2 mit seiner Microchannel-Architektur in einer direkten Verantwortung gegenüber seinen Kunden, den Anwendern, steht. Aufgrund der parallelen Entwicklung von OS/2 und PS/2 bei IBM können die Kunden erwarten, von ihrem Systemlieferanten hervorragend bedient zu werden.

Microsoft hingegen steht in der direkten Verantwortung zu den anderen Hardwareherstellern. Um die Wünsche so vieler Anbieter befriedigen zu können, ist der Softwareriese bemüht, diesen Kunden ein portables OS/2 anzubieten. Auch IBM hat als Systemhersteller ein außerordentliches Interesse daran, gestärkt durch die hohe Akzeptanz der neuen IBM Workstation RISC System/6000.

Großes Entweder-Oder reduziert die Kombinatorik

Angesichts dieser schlüssigen Arbeitsteilung ist es verwunderlich, daß in der öffentlichen Meinung der Eindruck entstehen konnte, IBM und Microsoft würden sich entzweien. Sie sind seit 1984 Partner in den Entwicklungsstrategien von OS/2, sie sind aber auch Wettbewerber. Beides stand von vornherein fest.

Aus dieser modernen Konstellation, im angelsächsischen Sprachraum bereits als "coopetition" klassifiziert, mendelt sich genau das heraus, was der Markt bei einem Übergang von der einen in die andere Welt braucht die permanente Abstimmung mit der gemeinsamen Sache. Natürlich verlangt dies auch ein anderes Denken. Das grobe und viele Schlagzeilen eingeübte Entweder. Oder kommt damit nicht zurecht. Es kann nur falsche Raster produzieren. Die Frage "DOS und Windows oder OS/2 und Presentation Manager" entspricht diesem verkürzten Denken. Es reduziert die Kombinatorik, die ja in Wirklichkeit erweitert werden muß, so daß möglichst die Interessen aller getroffen werden können. Deshalb ist das feinere Sowohl-Als-Auch die allein fruchtbare, wenngleich aufwendigere Denkweise. Sie setzt die Bereitschaft voraus, die Dinge in komplexen Zusammenhängen zu sehen.

Es ist unglaublich viel Wissen eingeflossen

Aus meiner Sicht haben die Entweder-Oder-Schlagzeilen der vergangenen Wochen das eigentlich spektakuläre Ereignis überdeckt. Wirklich aufregend ist doch zu sehen, welches Interesse dieses Betriebssystem OS/2 im Markt erzeugt hat! jeder ernsthafte Anbieter hat dazu in den vergangenen vier Jahren Stellung beziehen müssen. In der Auseinandersetzung mit der neuen Welt, die mit OS/2 entsteht, ist unglaublich viel Wissen eingeflossen. Und das ist der entscheidende Teil im Abstimmungsprozeß. Hinter dem Betriebssystem steht eben mehr als nur die Überwindung der 640-KB-Grenze. Sein Multitasking ist nicht allein darauf ausgelegt, mehrere Anwendungen gleichzeitig zu fahren, sondern vielmehr die Grenzen der einzelnen Maschine aufzuheben, Hintergrunddienste aufzubauen, die sich nahtlos in einen größeren, systemübergreifenden Zusammenhang einzigen. Diese neuen Möglichkeiten auszuloten ist keineswegs ein triviales Unterfangen. Das weiß jeder, der sich mit OS/2 intensiv auseinandergesetzt hat.

Es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, daß ein PS/2, das etwa im Jahr 2001 standardmäßig 1 GB Hauptspeicher haben wird, mit einem DOS nicht mehr sinnvoll betrieben werden kann - gleichgültig, welche Benutzeroberfläche DOS dann besitzt. Zweifler mögen sich in die Zeit vor zehn Jahren zurückversetzen. Wer hätte damals Prognosen geglaubt, die voraussagten, daß die große Masse der 1991 ausgelieferten PCs standardmäßig mit einem Hauptspeicher von jeweils 1 MB ausgerüstet sein würden. Es war ein Gebot der Ehrlichkeit und Redlichkeit, bei der Namensfindung zu diesem Betriebssystem nicht das Etikett DOS zu benutzen oder in Assoziation zu bringen, sondern einen neuen Namen zu fanden OS/2 ist nicht der Ersatz für DOS, auch nicht dessen Superset, obwohl es gerade in der Version 2.0 (mit der Möglichkeit von mehreren DOS-Sessions) so verwandt werden könnte. Es weist vielmehr auf ein Thema hin, das weit über DOS - und Windows 3.0 - hinausweist: kooperatives Processing oder Verbundanwendungen.

Die Erwartungen in diesen Trend der 90er Jahre sind dabei sehr hoch: Bei Stand-alone-PCs hat sich der Return on Investment auf jährlich etwa zehn Prozent eingependelt, bei PCs in Workgroup-Umgebungen wird er mit 30 bis 50 Prozent taxiert. Doch eine unternehmensweite Einbindung von PS/2 und Workgroups kann bereits innerhalb eines Jahres eine 100prozentige Verzinsung des eingesetzten Kapitals bringen. Darauf ist die IBM System Anwendungs-Architektur (SAA) ausgerichtet, deren integraler Bestandteil OS/2 ist.

Von ihrer ganzen Struktur sind besonders Großunternehmen in der Situation, diesen SAA-Effekt zu nutzen. Deshalb sind sie die Vorreiter. Sie engagieren sich vor allem in den Aufbau einer neuen unternehmensweiten Infrastruktur. OS/2 ist dabei eine wichtige Voraussetzung, manche sagen sogar die wichtigste. Deswegen genießt dieses Betriebssystem bei großen Anwendern einen viel höheren Aufmerksamkeitswert, als die Presseberichte deutlich machen. Es sind Investitionen im verborgenen, die da getätigt werden.

In der zweiten Phase der OS/2-Entwicklungsgeschichte werden wir sehen, wie sich diese Investitionen in den Unternehmen ausbreiten werden. Damit nähern wir uns der dritten Phase: Spätestens in zwei Jahren wird OS/2 im Mittelstand der Investitionspunkt schlechthin sein. Und - wie schon erwähnt - ist es Windows das dafür den Markt aufbereitet haben wird.

Was wir mit dem Übergang von DOS nach OS/2 erfahren, ist ein echter Systemwechsel. Er ist indes unvermeidbar, wenn man eine Betriebssystem-Plattform haben will, die auch so avantgardistische Themen wie Multiprocessing tragen kann.

Wer sich all dies vor Augen führt, dem wird klar, daß OS/2 zwar eine Alternative zu DOS, aber DOS keine Alternative zu OS/2 ist. Daran ändert auch der momentane Erfolg von Windows nichts.