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10.11.1978

Personal-Autarkie

Dr. Roland Henssler Direktor des Control Data Instituts, Frankfurt

Es ist wieder einmal soweit: Der Arbeitsmarkt für EDV-Fachpersonal ist leergefegt. Personalanzeigen nach Programmierern und Technikern sind mehr der Ausdruck einer nostalgischen Wehmutsgeste als der optimistisch unternommene Versuch sein Personalproblem zu lösen. Was ist geschehen?

Vor der Ölkrise in die in die EDV investiert, um mit dem Wachstum fertigzuwerden. In der durch die Energiekrise ausgelosten Wirtschaftskrise wurde in die EDV investiert, um über die Runden zu kommen. Heute wird in die EDV investiert, weil jeder das Gefühl hat, es gehe wieder aufwärts bei gleichzeitiger Verstärkung des Wettbewerbs. Also muß man alles tun, um seinen Teil vom Kuchen des bescheidenen Wirtschaftswachstums abzuschneiden. Das Ergebnis ist ein gleichbleibend hohes Wachstum der EDV von weit über 10 Prozent (je nach Betrachtungsweise sind es weit über 20 Prozent).

Dazu kommt, daß die EDV vom Säuglingsalter ins Kindesalter hochgewachsen ist. Auf dem Personalsektor hatte dies zur Folge, daß die Programmierer der ersten Stunde, die aus Abenteuerlust. Geldgier, Verzweiflung zur EDV gestoßen sind und, ohne durch gründliches Wissen belastet zu sein, darauflosprogrammierten, was ihnen hohe Gehalter, Sozialprestige und erhebliches Selbstbewußtsein einbrachte, daß also diese Wildwest-Programmierer bei den steigenden Anforderungen ausgemustert wurden. Sie sind die berühmten arbeitslosen Programmierer, die zuweilen durch die Arbeitsämter und Zeitungen geistern.

Das Ergebnis aus all dem: EDV-Personal, das den erhöhten Anforderungen gewachsen ist, wird zur Mangelware. Da stehen wir nun, was sollen wir tun?

Zum ersten, laßt uns unser vorhandenes EDV-Personal hätscheln und pflegen, auf daß es uns nicht davonlaufe. Zweitens laßt uns trotzdem versuchen, auf dem Arbeitsmarkt neues Personal zu finden, was dann gelingt, wenn Sie mehr hätscheln als andere Firmen Und drittens, laßt uns - sofern Sie eine große Firma sind - Personal aus anderen Bereichen zu EDV-Personal heranbilden. Über diesen Punkt möchte ich mich hier auslassen.

Es gibt weitblickende Leute, die sagen: "In der Zukunft wird es nur noch einige wenige Systemprogrammierer, die der eigentlichen EDV-Abteilung geben. Die Anwendungsprogrammierer Wird aber entweder im Rahmen eines umfassenden Informatikbereichs, der wohl die meisten Aktivitäten eines Unternehmens umfassen wird, oder

in der Anwender-Abteilung durchgeführt werden.

Die Programmiersprachen werden benutzerfreundlicher werden, so daß das Programmieren selbst einfacher zu erlernen ist und der tiefe Graben zwischen solchen, die des Programmierens unkundig sind, und Programmier-Laien weit weniger tief empfunden wird. Qualifikationskriterien derjenigen Mitarbeiter, die dann mit Programmierern beschäftigt sind, werden nicht länger im Programmieren selbst liegen, sondern in den Fachkenntnissen, die in der betreffenden Fachabteilung gefordert werden. Daß er darüber hinaus Programmierkenntnisse hat, ist eine selbstverständliche Voraussetzung.

Wir sehen also, daß in Zukunft fachbezogene Kenntnisse primär für die Einsetzbarkeit eines Mitarbeiters ausschlaggebend sind. Und erst in zweiter Linie kommen die Programmierkenntnisse. Es ist auch ein wesentlich längerer Prozeß, sieh Fachkenntnisse und Erfahrungen anzueignen, als Programmier-Kenntnisse. Diese Entwicklung hat schon langst begonnen. Die EDV-Schule, die zu leiten man mir aufgetragen hat, vermittelt in vier Monate dauernden Lehrgängen Programmier-Kenntnisse. Dabei zeigt es sieh, daß diejenigen Absolventen, die fundierte Fachkenntnisse aus kommerziellen und technischen Gebieten haben wesentlich mehr Angebote aus der Wirtschaft erhalten als diejenigen, die außer diesen gründlichen Programmierkenntnissen nicht viel aufzuweisen haben wie beispielsweise Abiturienten .

Wenn dem also so ist, warum rekrutieren die Firmen ihren EDV-Personalbedarf nicht aus den Bereichen, für die die EDV-Dienstleistungen zu erbringen hat? Ich hoffe, man legt es mir nicht als Versuch unerlaubter Schleichwerbung aus, wenn ich hier wieder aus meinem Erfahrungsbereich schöpfe, denn dieser ist - so glaube ich - beispielhaft. Es kommt immer häufiger vor, daß Studienberater unseres Institutes zu Firmen gebeten werden, um dort Mitarbeiter aus den Fachabteilungen auf ihre Eignung zum Programmierer zu testen. Diejenigen Mitarbeiter, die bescheinigt bekommen, daß sie für die Datenverarbeitung geeignet sind, werden dann in den viermonatigen Programmierlehrgang geschickt und können danach in ihrem Fachgebiet für die Anwendungsprogrammierung erfolgreich eingesetzt werden. Ein solches Vorgehen hat vielerlei Vorteile: Das Unternehmen kennt den Mitarbeiter schon aus seiner bisherigen Tätigkeit. Das menschliche und fachliche Risiko ist somit stark vermindert. Zum zweiten kennt der Mitarbeiter das Unternehmen, bei gut geführten Unternehmen ist dies von Vorteil. Drittens ist die Motivation des Mitarbeiters sicher gut, denn er wurde ja von seiner Firma gefordert. Und schließlich hilft eine solche Vorgehensweise, die Kluft zwischen EDV- und Fachabteilung wesentlich zu verringern.

Man sollte sich aber auch keinen Illusionen hingeben: Es kam schon vor, daß wir 80 Prozent derjenigen Mitarbeiter, die uns in einem Unternehmen für den Test angeboten wurden, als "für die EDV ungeeignet" zurückweisen mußten. Die Programmierung stellt nun einmal gewisse Mindestanforderungen an Intelligenz, Kombinationsfähigkeit und auch mathematische Vorkenntnisse. Viele Mitarbeiter bringen diese Vorkenntnisse einmal nicht mit. Auch vom Alter her sind Schranken gesetzt. So weh es tut, es aussprechen zu müssen, aber es ist so: Wer sich daran macht, Programmieren zu lernen und ist über (...) Jahre alt, hat mit ungleich größeren Schwierigkeiten zu kämpfen als die jüngeren. Dies gilt insbesondere dann, wenn die bisherige Tätigkeit viel Anreiz geboten hat, Neues zu lernen. Dazu kommt, daß viele Mitarbeiter die Anstrengungen eines viermonatigen, anstrengenden Lehrgangs nicht auf sich nehmen wollen - eine Haltung, die sich spätes vielleicht einmal rächt Schließlich ist es nicht leicht für die Fachabteilungen, gerade die besten Mitarbeiter für vier Monate oder vielleicht für immer entbehren zu müssen.