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15.01.1999 - 

Personaldienstleister bedienen zunehmend den IT-Markt

Personaldienstleister bedienen zunehmend den IT-MarktZeitarbeit ja - aber bloß nicht darüber sprechen

Von CW-Mitarbeiterin Alexandra Glasl Für manche ist sie eine moderne Form von Sklaverei, für andere das Sprungbrett zum festen Job: Die Zeitarbeit hat ein schlechtes Image, ist aber mittlerweile auch in DV-Abteilungen von Unternehmen üblich.

Das Arbeitsamt konnte ihn nicht vermitteln. Da nutzten dem Kaufmann auch die Weiterbildung zum Netzwerk-Manager und seine jahrelange Erfahrung im Vertrieb herzlich wenig. Als dann die Zeitarbeitsfirma Office bei ihm anrief, hatte Martin Ebert (Name von der Redaktion geändert) Vorbehalte. "Zeitarbeit, nein danke. Ich möchte nicht vermietet werden." Der 37jährige Familienvater überwand seine Skepsis, weil er im Grunde genommen nur eins wollte: wieder arbeiten.

Zwei Tage später fing er als Netzwerk-Manager bei einem Elektronikkonzern an, mittlerweile leitet er ein Team von fünf bis acht Leuten. "Hätte ich mich normal beworben, wäre ich nie in so ein interessantes Projekt gelangt." Davon ist Ebert überzeugt. Bis auf den Projektleiter ist das 50köpfige IT-Team mit Zeitarbeitern bestückt, die aus ganz Deutschland kommen und teilweise von Projekt zu Projekt ziehen.

Zeitarbeit ist nicht mehr nur eine Krücke für Hilfsarbeiter ohne Qualifikation. 1997 war nur noch jeder vierte der insgesamt 500000 über Zeitarbeitsfirmen Beschäftigten der Kategorie Hilfspersonal zuzurechnen. Statt dessen werden temporär begrenzte Engagements auch für Akademiker zur Beschäftigungsalternative. "Vor vier Jahren haben Hochschulabsolventen noch die Nase über uns gerümpft", erinnert sich Ralf Kniese, Abteilung kaufmännische Dienstleister bei Office. "Heute sind sie froh, eine Chance zu bekommen, überhaupt im Arbeitsmarkt Fuß zu fassen." 30 Prozent der Mitarbeiter, die das Zeitarbeitsunternehmen einem Kunden für die Dauer von bis zu einem Jahr überläßt, haben ein Studium hinter sich.

Damit ist Office kein Einzelfall: Auch andere große Personaldienstleister wie Manpower, Adecco oder die DIS Deutscher Industrie Service AG haben Akademiker als Zielgruppe entdeckt. Neben Geisteswissenschaftlern suchen auch Betriebswirte, Juristen und selbst Informatiker auf diesem Weg ihr Glück. Jüngster Trend bei den Zeitarbeitsfirmen ist der Aufbau eines eigenen IT-Pools, aus dem die Kunden schöpfen können, wenn sie qualifiziertes Personal schnell brauchen. Und das ist angesichts des leergefegten IT-Arbeitsmarktes oft der Fall.

"Es ist schon vorgekommen, daß mich ein Großkunde am Freitag um halb sechs angerufen hat, weil er bis Mittwoch 40 Leute für sein IT-Team brauche", beschreibt Kniese. Auch wenn kein Personaldienstleister in Deutschland zur Zeit 40 SAP-Berater aus dem Hut zaubern kann, bieten Firmen wie DIS oder Office vielfältige Profile an: angefangen vom DV-Techniker über den Programmierer bis hin zum Informatiker und Projektleiter. "Nur mit einem DV-Leiter tun wir uns schwer, weil der bei uns zehn bis 15 Prozent weniger verdienen würde", gibt DIS-Vorstandsmitglied Stefan Otto zu.

Schwarze Schafe und schlechtes Branchenimage

Daß Zeitarbeitsfirmen ihre Mitarbeiter für gutes Geld ausleihen, aber ihnen selbst nur einen Hungerlohn zahlen, ist ein gängiger Vorwurf, der das schlechte Image der Branche prägt. Dazu Otto: "Unter den 4000 Niederlassungen von Personaldienstleistern gibt es viele schwarze Schafe, die ungelernte Kräfte in der Regel schlecht bezahlen. Wir haben uns entschieden, nicht mehr mitzumachen." In seinen Augen brauchen qualifizierte Mitarbeiter keine schlechte Bezahlung zu befürchten. Ein Informatiker bei DIS verdiene auch schon kurz nach dem Studium 6300 Mark brutto im Monat. "Je höher die Qualifikation des Zeitarbeiters, desto kleiner ist der Unterschied zu einer herkömmlichen Beschäftigung", sagt Otto.

Bewußt gegen eine normale Beschäftigung entschieden hat sich Ralf Schönhoff. Der 30jährige Informatiker aus Flensburg hat seinen ersten Job bei einem großen Konzern in München an den Nagel gehängt, nachdem er aufgrund schlechter Auftragslage die Abteilung wechseln mußte und seine geänderten Aufgaben "nicht mehr spannend" fand. Auf der Suche nach einer neuen Herausforderung wollte er sich nicht gleich wieder auf ein Unternehmen festlegen, andererseits aber auch nicht als Jobhopper abgestempelt werden: "Die Zeitarbeit ist für mich eine gute Chance, innerhalb kurzer Zeit in unterschiedlichen Projekten zu arbeiten und verschiedene Firmen kennenzulernen. Es ist wie eine Probezeit. Man testet sich gegenseitig."

Das verstehen auch viele Kunden der Personaldienstleister so, da sie auf diesem Weg qualifiziertes Personal gern abwerben. "Im IT- Bereich ist die jährliche Fluktuation auf 60 bis 70 Prozent geklettert", sagt DIS-Vorstandsmitglied Otto. Die Folge: 1998 mußte der Personaldienstleister doppelt soviel für Stellenanzeigen ausgeben als noch ein Jahr zuvor. Die Hälfte der Mitarbeiter bekomme er aber über Empfehlungen ehemaliger Zeitarbeiter.

Auch Martin Ebert und Ralf Schönhoff hoffen, einmal abgeworben zu werden. Denn für sie soll Zeitarbeit in erster Linie ein Übergang zu einem neuen, einem festen Job sein. Schönhoff hat bereits bei seinem ersten Einsatz für ein Stuttgarter Beratungsunternehmen ein solches Angebot bekommen. Es ist lukrativ, natürlich würde er als IT-Berater viel mehr verdienen als zur Zeit. Dann wäre er auch nicht mehr der "Externe", der weniger Privilegien als seine Kollegen genießt. Aber Schönhoff überlegt noch, schließlich ist es ja sein erster Einsatz; der Arbeitsmarkt liegt ihm zu Füßen.

Während die Zeitarbeiter in der Regel kein Problem mehr mit dem Image ihrer Beschäftigung haben, tun sich die Unternehmen damit um so schwerer. Zeitarbeit sei "eine heikle Sache", heißt es bei einem großen Stuttgarter IT-Unternehmen - vor allem, weil man seit drei Jahren nicht mehr nur sporadisch Hilfskräfte für Sekre- tariat oder Buchhaltung ausleihe. Immer häufiger kommt es vor, daß im IT-Bereich auf externes Personal zugegriffen wird und komplette Projekte von Zeitarbeitern umgesetzt werden. In manchen Fällen bleibt nur noch das Projekt-Management im Haus. Wird eine Ausschreibung gewonnen, folgt sogleich der Anruf bei den großen Zeitarbeitsfirmen, die innerhalb weniger Wochen 30 bis 40 Arbeitskräfte liefern.

Daß in Kundenprojekten Zeitarbeiter und keine Freelancer eingesetzt werden, hat einen entscheidenden Vorteil für das Unternehmen: Im Gegensatz zu den freien Mitarbeitern, die sich über einen Werkvertrag nur für eine Leistung verpflichten und ansonsten selbständig sind, sind Zeitarbeiter wie die eigenen Angestellten an Weisungen gebunden. Die wichtigste Anordnung ist häufig, daß ausgeliehene Projektteilnehmer dem Kunden nicht sagen dürfen, daß sie nicht beim ausführenden Unternehmen, sondern "nur" bei einer Zeitarbeitsfirma angestellt sind. Der Kunde brauche schließlich nicht so genau zu wissen, mit wem er es zu tun habe, Hauptsache, das Etikett und die Leistung stimmen.

Selbst wenn die Unternehmen mit der Leistung der Zeitarbeiter so zufrieden sind, daß sie diese abwerben, bleiben die Lippen verschlossen. Sie fürchten um einen Imageverlust, sollte publik werden, daß sie auf die Leistung der Wanderarbeiter vertrauen.

Anfragen bei großen IT-Konzernen belegen dann auch, daß Zeitarbeit zumindest offiziell eine untergeordnete Rolle spielt. Heiner Schröder, IT-Manager bei Hewlett-Packard, Böblingen, sieht Zeitarbeiter in seinem Unternehmen nur als Randerscheinung. Nur wenn es Spitzen abzudecken gelte, werde vereinzelt auch Zeitpersonal im IT-Bereich eingesetzt. Ansonsten behelfe man sich lieber mit freien Mitarbeitern.

Daß große IT-Konzerne ganze Helpdesk-Abteilungen mit Zeitarbeitern besetzen, scheint Schröder nicht bekannt zu sein. Bei Siemens in München weiß man ebenfalls nichts darüber, daß komplette Projekte mit Zeitar- beitern abgewickelt werden, auch wenn ein Konzernsprecher zugibt, daß die Nachfrage nach Leiharbeitern im IT-Bereich gleichbleibend stark ist. Allerdings werde darauf nur zurückgegriffen, wenn Spitzen abzudecken seien. Auch beim Debis Systemhaus spielt das Thema angeblich keine Rolle.

Der Kunde darf nichts davon wissen

Daß die Unternehmen ein Problem mit der Beschäftigungsform Zeitarbeit haben, mußte auch Office-Manager Kniese feststellen: "Vor allem größere Firmen, die regelmäßig Zeitarbeiter engagieren, wollen vermeiden, daß ihre Kunden davon erfahren." Verstehen kann er ein solches Gebaren nicht, zumal alle Seiten vom boomenden Markt profitieren: Die Unternehmen bekommen dringend benötigtes Personal, die Zeitarbeiter genügend Arbeit, und die Personaldienstleister erwirtschaften immer höhere Umsätze.

Aber Imageproblemen ist selten mit rationalen Argumenten beizukommen. Denn wie läßt sich erklären, daß sich Menschen die größten Limousinen mieten, aber peinlich genau darauf achten, daß alle Merkmale eines Leihwagens verschwinden - nur damit jeder denkt, es wäre der eigene Wagen.?

Abb: Personaldienstleister haben Zulauf: Im Durchschnitt dauern Zeitarbeitsverhältnisse aber nur drei bis vier Monate, jeder Dritte wird während eines Einsatzes abgeworben. Quelle: Verwaltungs-Berufsgenossenschaft