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16.02.1990

Perspektiven der Informationstechnik in den neunziger Jahren

Prof. Ulrich Lohmar, Vorsitzender der Stiftung für Kommunikationsforschung

Früher redeten die Menschen davon, daß Boden, Kapital und Arbeit sich zu einer sinnvollen Verbindung fügen müßten, wenn es den Menschen gut gehen solle. Das ist auch heute noch so. In der Informationsgesellschaft kommt aber die Verbindung von Materie, Energie und Information hinzu. Diese drei Ressourcen bilden zusammen die wesentliche Existenzbedingung der modernen Welt, soweit es sich um deren materielle Entwicklungschancen handelt.

Die unbegrenzten Möglichkeiten der Speicherung, Abrufung, Verarbeitung und Kombination von Worten, Ziffern, Bildern und Grafiken machen die Produktivkraft Information zu einer unerschöpflichen Ressource.

Information ist aber nur ein Rohstoff, aus dem sich dieses oder jenes schöpfen und gestalten läßt. Die entscheidenden Fragen sind also: Auf welche Weise soll die Produktivkraft Information für die Anwender nutzbar gemacht werden und dem Bürger der modernen Welt hilfreich sein?

Ob Informationstechnik den Menschen Fluch oder Segen bringe, ist deshalb eine unpraktische Fragestellung, weil sie viel zu unpräzise und zu allgemein gehalten ist. Wir müssen viel mehr herausfinden, wo positive Gestaltungsmöglichkeiten in der Information als Ressource liegen und wo sie uns zum Beispiel in das Gestrüpp eines Informationsdschungels entführen kann. Dies sollte nach den Regeln einer demokratischen Gesellschaft geprüft und entschieden werden.

Am Beispiel der Kernenergie und der Diskussion darüber kann man ablesen, wie man es nicht machen sollte: Diese Energiequelle wurde durch die Zusammenarbeit von Wissenschaftlern, Ökonomen und wenigen staatlichen Experten installiert. Dann bäumten sich Bürgerinitiativen dagegen auf, und schließlich nahm sich die Politik des Themas an mit bis heute durchaus unterschiedlichen Perspektiven.

Die Westdeutschen sind dabei, sich von der Kernenergie allmählich zu verabschieden, die Franzosen setzen weltweit auf diese Quelle, und die DDR sieht einstweilen keine Möglichkeit, sich von Kernenergie loszusagen, weil die Nutzung der Braunkohle ihr noch mehr Probleme bereitet.

Die Politik reagiert auf technische Innovationen oft deshalb so spät, weil sie in einer Art Domino-Reihe eingeklemmt ist. Erst ist immer die neue technische Entdeckung, Erfindung oder Entwicklung da, dann nimmt sich die Ökonomie der Sache an, gefolgt von gesellschaftlichen Nutzanwendern, und erst dann entdeckt die Politik in aller Regel das neue Thema.

Danach noch reagieren die Rechtsordnung und das Ausbildungswesen, und so kommt es, daß wir nicht mehr von einer Gleichzeitigkeit der Information, des Wissens und des Könnens auf diesen sechs Bereichen ausgehen können. Nur bei der Gentechnik ist es der politischen Führung in der Bundesrepublik gelungen, vor der Ökonomie Ordnungsmarkierungen für die Verwendung der Gentechnik zu setzen.

Das Gütesiegel der Sozialverträglichkeit muß also durch ein besseres Zusammenspiel der sechs Handlungsfaktoren gefunden werden: Wissenschaft, Ökonomie, Gesellschaft, Politik, Rechtsordnung und Ausbildung. Dabei sind drei Begegnungsfelder wichtig:

- Die Verständigung der Sozialpartner darüber, was man im gemeinsamen Interesse und im Interesse des Allgemeinwohls tun sollte.

- Der gesellschaftliche Nutzen der Informationstechnik, der alle betrifft: zum Beispiel bei der Reinhaltung des Wassers, der Luft und unserer Ernährung.

- Die Selbstverwirklichung des einzelnen Menschen, der immer weniger gelebt werden will, sondern selbstverantwortlich leben und gestalten möchte.

Die Technik ist auf die sozialverträgliche Anwendung ihrer selbst oft rascher vorbereitet als die Interessen der Ökonomie oder die Entscheidungen der Politik; wie insgesamt zu beobachten ist, daß die Organisation unserer Gesellschaft sich langsamer an neue Entwicklungen anpaßt als die Technik selber. Das kann man bei der Entwicklung der Autotechnik ebenso beobachten wie etwa bei der Müllverbrennung.

Die Sozialpartner sind sich meistens einig in der Anwendung von Technik, wenn beide hinreichende Vorteile davon haben. Dann decken sich die Interessen beider oft auch mit denen der gesamten Gesellschaft, wie etwa bei der Sanierung der Ruhr oder der Themse oder der Luftverbesserung über weiten Gebieten unseres Landes.

Negativ sind die Auswirkungen immer dann, wenn Arbeitgeber und Arbeitnehmer ihre Verpflichtungen gegenüber der Allgemeinheit außer acht lassen, wie etwa bei der immer noch üblichen Praxis der Chemie-Wirtschaft oder der Abholzung der Regenwälder, vor allem in Afrika und Südamerika.

Wo der gesellschaftliche Nutzen im Rahmen der Sozialverträglichkeit auch über die Interessen der Sozialpartner hinaus gehen kann, läßt sich gegenwärtig an einem Beispiel in der DDR beobachten. Dort sagen selbst die Grünen, daß auf die Anwendung von Kernenergie einstweilen nicht verzichtet werden kann, weil die Nachteile der Braunkohle für die gesamte Umwelt sehr viel schwerer wiegen als das Risiko der Kernenergie.

Der Selbstverwirklichung der Menschen in ihrer Arbeitswelt kommt die Informationstechnik entgegen. Die Hierarchie als klassisches Führungsmuster ist dadurch begrenzt worden, daß die Bosse keinen Einblick, Überblick und Durchblick mehr haben über alle einzelnen Denk- und Arbeitsvorgänge in ihren Unternehmen. Das gilt auch für öffentliche und andere Verwaltungen. Die Führung muß sich also auf Zielvorgaben, Erfolgskontrolle und Motivation konzentrieren. Die Sozialverträglichkeit verlangt die Ersetzung der alten Arbeitsdisziplin durch eine neue Kommunikationsmoral.

Die Dezentralisierung der Informationstechnik macht es überdies möglich, einen großen Nachteil der Industrialisierung teilweise wieder zu beseitigen: die Trennung von Wohnung und Arbeitsort. Dezentralisierte Informationstechnik erlaubt es, daß die Arbeit zu den Menschen nach Hause kommt und trotzdem die Zusammenarbeit mit anderen an anderen Orten möglich bleibt.

Die Propagierung von kombinierten Geräten wie ISDN stößt bei den vermuteten Kunden auf überraschende Vorbehalte. Sie scheinen einzelne Geräte wie Telefon und neuerdings Telefax neben dem Fernsehen zu bevorzugen, weil sie damit auch den technischen Tücken vielfältiger technischer Kombinationen entgehen können.

Auch Arbeitszeitverkürzung, ein immer noch umstrittenes Thema, wird nur dann in größerem Maße als heute möglich sein, wenn auf der anderen Seite die technische Automatisierung von Arbeitsgängen und Verwaltungsvorgängen zunehmen kann.

Dabei wird es Unterschiede für die verschiedenen Gruppen der Berufswelt geben. Eine kürzere Arbeitszeit ist - auf die Woche bezogen - am ehesten für die Mehrheit der Arbeitnehmer möglich. Eine flexiblere Belastung hingegen wird für Experten aller Art unvermeidlich bleiben, und die Bosse in Politik und Wirtschaft arbeiten ohnehin ungleich länger, als das zu früheren Zeiten üblich war.

Die Eliten in früheren Jahrhunderten zeichneten sich dadurch aus, daß sie ihre Untertanen für sich arbeiten ließen und selber der Muße, der Jagd oder ihren Kriegen nachgingen.

Nur für die Mehrheit drängt die Freizeit oft die Arbeitswelt ein wenig beiseite. In der Freizeit werden Regeln und Schiedsrichter anerkannt, die man in der Arbeitswelt am liebsten vermeiden möchte.

Die Implementation der EDV im öffentlichen Dienst hat in den sechziger und siebziger Jahren dabei zu einem paradoxen Bild geführt: Die Gewerkschaften, vor allem die ÖTV, leisteten hinhaltenden Widerstand, während die Angehörigen des mittleren und gehobenen Dienstes in diesen Zusatzkenntnissen eine Chance zum Bewährungsaufstieg sahen und sie nutzten. Die Unternehmen der Informationstechnik haben diese Bereitschaft von sich aus gerne unterstützt.

Die Bosse großer Verwaltungen, Ministerien oder Industrieunternehmen halten sich hingegen in der persönlichen Nutzung der Informationstechnik nach wie vor zurück. Sie lassen sie nutzen, ohne sich selber der Überprüfung ihrer eigenen Kenntnisse und Fertigkeiten auszuliefern.

Im ganzen ist die Informationstechnik aus dem Räderwerk unseres Lebens nicht mehr wegzudenken. Haushaltsvergleiche, Strukturpolitik oder Rentenberechnungen wären ohne die Hilfe von Computersystemen und Datenbanken nicht mehr möglich. Der Computer hat dem Menschen eine Eigenschaft voraus: Sein Gedächtnis ist heute unbegrenzt, und die Menschen können deshalb Informationen, die sie den Computersystemen anvertrauen, ruhig für eine Weile vergessen, ohne sie deshalb zu verlieren.

Unter Technikern ist es leicht möglich, daß sie ihre technischen Hoffnungen mit gesellschaftlichen Hoffnungen verbinden, ohne davon sonderlich Ahnung zu haben. So propagierte die informationstechnische Industrie in den sechziger Jahren die Idee daß bald die Lehrcomputer die Lehrer an unseren Schulen weitgehend ersetzen könnten. Zehn Jahre später führten sie auf den Messen die Idee vor, daß bald der elektronische Verkehr das Papier überflüssig machen würde. In beiden Fällen trat das Gegenteil ein: Wir haben heute mehr Lehrer als früher, und wir verbrauchen mehr Papier, obwohl die Elektronik mittlerweile vorgedrungen ist.

Die Dominanz der Techniker in der Informationstechnik hat auch dazu geführt, daß wir in eine Art Geschwindigkeitsrausch verfallen sind. Das kann man bei der sogenannten Megabit-Entwicklung beobachten. Zur Zeit sind vier Megabits eine gute Leistung, aber für das Jahr 2000 peilt zum Beispiel die IBM 256 Megabits an. Wer das noch finanzieren und für wen das von praktischem Nutzen sein soll, bleibt eine offene Frage. Sozialverträglichkeit wird wohl auch eines nicht fernen Tages erfordern, daß man den Technikern diese beiden Fragen bei ihrem babylonischen Turmbau rechtzeitiger vorlegt.

Aus ihrer egozentrischen technischen Euphorie tun sich die Techniker auch nach wie vor schwer, zum Beispiel die andere Sichtweise von Messebesuchern und Frauen in ihrem Denken und Tun zu berücksichtigen. Auf den Messen übertreffen sich die Repräsentanten der Firmen in dem Versuch, sich gegenseitig das bessere Können und Wissen nachzuweisen. Bürger, die als Laien erkennbar sind, werden allenfalls als demütige Verirrte abgetan und mit simplem Propagandamaterial abgespeist. Auf einem Frauenkongreß der Zeitschrift "Brigitte" in Hannover habe ich erfahren, daß nach Einschätzung der Frauen die Männer vorwiegend daran interessiert seien, wie ein informationstechnisches Gerät funktioniert, während die Frauen mehr danach fragen, was man Positives damit machen kann. Das ist eine Frage, die Techniker selten unter die Haut geht, aber sie sollte es tun.

Aus der rasanten technischen Entwicklung hat sich ergeben, daß die privaten Angebote für Weiterbildung in den neuen Bereichen sehr viel schneller reagierten als das öffentliche Ausbildungswesen. Daraus ergibt sich auf die Dauer ein Problem, denn die Kosten des öffentlichen Ausbildungswesens sind zu hoch, als daß sie es sich leisten könnten, ständig hinter der Zeit herzulaufen.

Sozialverträglichkeit bedeutet also insgesamt die Integration der Informationstechnik in die Verfassung und die Spielregeln einer demokratischen Gesellschaft.

Dazu gehört zum Beispiel Transparenz des Geschehens. Die jeweils wichtigen Daten aus der Informationstechnik müssen allen Betroffenen zugänglich sein. Eine offene Informationsgesellschaft verträgt sich nicht mit dem Leitbild des Informationshamsters, der oft immer noch dazu neigt, seine hierarchische Stellung mit der Konzentration von Informationen bei sich selbst zu verbinden.

Auch die Abwehrhaltung gegen den Datenschutz sollte bald der Vergangenheit angehören. Vielmehr müssen die Techniker dabei mitwirken, die praktischen Möglichkeiten des Datenschutzes zu verbessern. Der Bundesdatenschutzbeauftragte sollte als Koordinator solcher Bemühungen insgesamt anerkannt werden.

Die Datensicherheit stellt uns umgekehrt vor ganz neue Probleme. Es ist bekannt, daß die Mafia über den Einkauf von informationstechnischen Experten in den USA versucht, zum Beispiel Banken und Versicherungen zu knacken. Das Bundeskriminalamt steht hier vor ganz neuen und sehr schwierigen Aufgaben. Juristen und Polizisten allein sind nicht in der Lage, damit fertigzuwerden. Was gebraucht wird, sind mobile Eingreif-Einheiten, die hochqualifizierte Informationstechniker einschließen.

Wir brauchen allmählich mehr Chancengleichheit für alle Bürger, sich mit der Informationstechnik vertraut zu machen. Die Marxsche Klassengesellschaft nach Eigentumslosen und Produktionsbesitzern ist abgelöst worden durch die Konkurrenz unterschiedlicher Sprachen in der Wissenschaft, in der öffentlichen Administration und bei den Bürgern. Vermutlich werden nur Kommunikationsdolmetscher in der Lage sein, die hier entstandenen Verständigungsbarrieren abzubauen.

Die Chance für Partizipation und Selbstverwirklichung für eine wachsende Zahl von Bürgern gehört gleichfalls in den Rahmen der Sozialverträglichkeit. Am Beispiel der "offenen Kanäle" bei Hörfunk und Fernsehen läßt sich zeigen, daß auf der Linie Fotoapparat, 8-mm- Kamera und Videokamera dieser Weg einer emanzipatorischen Techniknutzung von unten nach oben möglich ist.

Die Implementation des Fortschritts muß also im Rahmen der Sozialverträglichkeit auf den Ebenen der Sozialpartner des gesellschaftlichen Nutzens und der Selbstverwirklichung von einzelnen Menschen und Gruppen erfolgen.