Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

21.10.1994 - 

Turnschuh-Elite als Europas wohl letzte Hoffnung

Peter Glotz zur Notwendigkeit einer neuen Technologiepolitik

Haetten die Bundesbuerger am vergangenen Sonntag anders entschieden, waere er unter Umstaenden Bundesminister fuer Wissenschaft, Forschung und Innovation geworden - mit allen Kompetenzen fuer eine in sein Ressort integrierte Post- und Deregulierungspolitik. Nun ist es fuer Wahlkampfauftritte zu spaet; der Mann hat aber auch ueber den Tag hinaus etwas zu sagen - als Medienexperte, als Mitglied des Telekom-Aufsichtsrates und als Forschungspolitiker. Ueber den Weg Europas in die neue Informationsgesellschaft diskutierten die CW- Redakteure Peter Gruber, Juergen Hill und Gerhard Holzwart mit dem SPD-Bundestagsabgeordneten Peter Glotz.

CW: Sie konstatieren neben der Konjunktur- und Wiedervereinigungs- auch eine Standortkrise in Deutschland und fordern seit laengerem eine Art "Roosevelt-Ruck" - vor allem auch im Bereich neuer Technologien und Anwendungsgebiete wie Telekommunikation und Multimedia. Wie soll das Ihrer Meinung nach vonstatten gehen?

Glotz: In erster Linie durch die Etablierung einer neuen Telecom- Infrastruktur inklusive entsprechender Mehrwertdienste. Man kann es ja leider nicht oft genug wiederholen: Die Vereinigten Staaten sind, sowohl auf dem Gebiet der Computersoftware als auch in Bereichen wie elektronischen Finanzdienstleistungen und Programminhalten, die absolut fuehrende Nation der Welt, und die Europaeer muessen aufpassen, dass sie hier nicht voellig den Anschluss verlieren.

CW: Lassen Sie uns konkreter werden und zunaechst bei den von Ihnen geforderten neuen Telecom-Infrastrukturen bleiben. Soll ganz Deutschland beziehungsweise Europa aufgegraben werden, um Glasfaser zu den privaten Haushalten zu legen, oder was haben wir und unsere Leser uns hier vorzustellen?

Glotz: Man kann natuerlich, da liegen Sie im Tenor Ihrer Frage voellig richtig, auch auf der bestehenden Infrastruktur, also in erster Linie auf Kupfer, schon sehr viel machen. Hier haben wir aber, wenn Sie so wollen, mit Altlasten zu kaempfen, naemlich mit den Folgen einer falschen Politik Anfang der achtziger Jahre, als man eine Menge an Kupferleitungen im Boden vergraben hat, um das Kabelfernsehen voranzutreiben, anstatt schon damals verstaerkt auf Glasfaser zu setzen. Notwendig ist daher, wenn man von Ostdeutschland einmal absieht, zweierlei: Langfristig die Forcierung von Glasfaser im Ortsnetzbereich sowie kurz- und mittelfristig die weitere Digitalisierung der Vermittlungseinrichtungen.

CW: Kann dies die deutsche respektive europaeische Industrie ueberhaupt leisten, der Sie vorhin einen gewaltigen Rueckstand gegenueber der nordamerikanischen Konkurrenz attestiert haben?

Glotz: Da muss man schon sehr differenzieren. Nehmen wir zuerst einmal die Netzbetreiber und als Beispiel die deutsche Telekom. Hier gilt es, schlank und fit zu werden fuer den nationalen wie internationalen Wettbewerb. Wir sind gerade dabei, dies in die Tat umzusetzen, wenn Sie an die Postreform II denken - aber noch weiss niemand, ob uns die Ueberfuehrung in eine Aktiengesellschaft wirklich glueckt, denn man muss aus ihr dann auch etwas machen koennen, insbesondere auch, was internationale Kooperationen angeht. Hier gibt es leider sehr provinzielle und toerichte Toene aus dem Bundeskartellamt, die sich gegen die Zusammenarbeit von Telekom, France Telecom und Sprint richten, und es sind hierzu mittlerweile auch kritische Stimmen aus Bruessel zu vernehmen.

Wir haben zweitens eine europaeische Hardware-Industrie, die auf den Gebieten Vermittlungs- und Uebertragungstechnik international durchaus noch konkurrenzfaehig ist - aber hier gilt es, ich wiederhole das, schon aufzupassen. Was den dritten Bereich, die Dienstleistungen betrifft, sind wir in der Tat absolut ins Hintertreffen geraten.

CW: Nun geht es beim Thema Telecom-Infrastrukturen nicht nur um Technik, sondern vor allem auch um handfeste Ordnungspoltik - Stichwort: Monopole. Kritik an den internationalen Plaenen der Telekom ueben neben den Wettbewerbshuetern in Berlin und Bruessel auch AT&T und andere US-Carrier, die im Gegenzug staerker denn je einen freien Zugang zu den europaeischen Maerkten fordern.

Glotz: Hier sollte man in Washington und anderswo nicht uebertreiben. Wir haben in Europa die Liberalisierung des Telefondienstes de facto und die der Netzinfrastruktur so gut wie beschlossen; etwas Anpassungszeit muss man uns schon zugestehen. Im uebrigen sind die Amerikaner hier sehr propagandistisch taetig. Wir wollen, um es ganz klar auszudruecken, von AT&T nicht ueberollt werden. Hierfuer bitte ich um Verstaendnis, und deswegen kann eine Oeffnung der europaeischen Maerkte nur schrittweise erfolgen.

CW: Mit solchen Aussagen werden Sie sich aber auch und gerade bei der deutschen Wirtschaft, die ueber zu hohe Gebuehren und zuwenig Wettbewerb in der Telekommunikation klagt, nicht beliebt machen.

Glotz: Das kommt auf die jeweilige Branche an. Ich denke schon, dass man bei Siemens und Philips fuer diese Haltung Verstaendnis hat. Dass dies bei Quelle und Otto anders gesehen wird, wo man das Geschaeft mit Infopost und Teleshopping am liebsten schon gestern gemacht haette, ist auch klar. Und natuerlich wollen die Geschaeftskunden der Telekom, die grosse Nebenstellenanlagen betreiben, guenstige Tarife nicht nur in der Datenkommunikation, sondern auch beim Sprachverkehr. Nur, Bluetentraeume reifen nirgendwo, und wir koennen um der Kostenvorteile einzelner Unternehmen willen nicht die Telekom ruinieren.

CW: Nun machen sich neuerdings aber auch Telekom-Chef Helmut Ricke und der Vorsitzende des Telekom-Aufsichtsrates, Rolf-Dieter Leister, fuer einen klaren Zeitplan in Sachen weitere Liberalisierung stark.

Glotz: Was nicht passieren darf, und was Ricke und Leister in ihren Interviews meinten, ist der vorzeitige Wegfall des Netz- und Telefonmonopols - ohne dass alle uebrigen Randbedingungen geklaert sind. Das betrifft sowohl die Frage der Pensionsrueckstellungen als auch den Infrastrukturauftrag der Telekom. Wettbewerber im Markt zuzulassen, die Rosinenpickerei betreiben und abkassieren, waehrend der Telekom das defizitaere Geschaeft in den strukturschwachen Gebieten bleibt, kann nicht im Sinne einer ernstgemeinten und auf Dauer erfolgversprechenden Liberalisierungspolitik sein.

CW: Sie sprechen sich also eindeutig fuer eine zeitgleiche Abschaffung von Telefondienst- und Netzmonopol zum 1. Januar 1998 aus?

Glotz: Ich wuerde daraus kein Dogma machen, aber ich halte dies fuer den praktikabelsten Weg. Laenger als bis zu diesem Datum duerfte das Netzmonopol in Deutschland ohnehin nicht aufrechtzuerhalten sein.

CW: Wie muesste denn Ihrer Auffassung nach eine zielgerichtete Regulierungspolitik in den naechsten Jahren aussehen?

Glotz: Da waere zunaechst ein strukturelles Problem zu beseitigen. Was wir in Deutschland dringender denn je benoetigen, ist eine Regulierungsbehoerde nach dem Vorbild der britischen Oftel. Es muss endlich Schluss sein mit dem unertraeglichen Nebeneinander von Regulierer- und Eigentuemerfunktion im Postministerium. Was ich im uebrigen auf absehbare Zeit nicht fuer notwendig halte, ist eine vergleichbare Institution auf europaeischer Ebene, die die nationalen Kompetenzen ueberwoelbt. Die Interessen von Industrienationen wie England, Frankreich und Deutschland sind naturgemaess anders als die beispielsweise von Irland, und auch Spanien bevorzugt eine eher langsamere Gangart beim Aufbrechen traditioneller Monopole.

CW: Dies wird Herr Bangemann nicht gerade mit Freuden zur Kenntnis nehmen.

Glotz: Herr Bangemann sieht manches anders als ich. Der will uns so schnell wie moeglich in die Liberalisierung treiben - frei nach dem Motto: Was mit der Telekom passiert, ist mir egal. Da kann ich mich nur wiederholen und sagen, dass ich dies - auch industriepolitisch - fuer kurzsichtig halte. Wettbewerb ja, aber nicht sofort. Natuerlich brauchen wir die EU-Kommission fuer eine entsprechende Industriepolitik, denken Sie nur an die Gatt- Verhandlungen, und selbstverstaendlich brauchen wir auch Herrn Bangemann mit seinem Aktionsplan, schon damit in Europa endlich etwas in die Gaenge kommt.

CW: Lassen Sie uns noch einmal auf den "Roosevelt-Ruck" zurueckkommen. Ausser geaenderten Rahmenbedingungen wuerde dieser doch auch eine andere, besser gesagt ueberhaupt eine Industriepolitik erfordern.

Glotz: Mit Sicherheit. Wir stehen vor der Notwendigkeit einer vernuenftigen und langfristigen Abstimmung zwischen Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft mit einer Fixierung auf grosse Entwicklungskorridore. Um kein Missverstaendnis aufkommen zu lassen: Es geht nicht um das Hineinreden in einzelne Unternehmensinvestitionen und auch nicht um die Projektion japanischer Denkansaetze auf die deutsche oder europaeische Wirtschaft. Aber mit dem Credo, dass Wirtschaft nur in der Wirtschaft gemacht wird, funktioniert es auch nicht.

Gerade in den Wirtschaftsbereichen, ueber die wir jetzt reden, ist mehr denn je Koordination erforderlich. Hier haben wir es beispielsweise mit voellig neuen Forschungsaufgaben zu tun, die sich nicht mehr wie bisher ueber den Verkauf spaeterer Produkte finanzieren lassen. Die Industrie, die Telekom als fuehrender Anbieter und Netzbetreiber, aber auch der Staat muessen wesentlich mehr in die Grundlagenforschung investieren.

CW: Der Wahlkampf ist vorueber, nicht aber die Ebbe in Theo Waigels Kasse. Wer soll denn die Investitionen finanzieren - in einem Land, das immer noch die Industrien des vorigen Jahrhunderts mit Milliardenbetraegen durchfuettert?

Glotz: Ein Teil muss sicherlich aus dem Budget einer von staatlichen Abgaben befreiten Telekom kommen. Dort hat man sich im uebrigen bisher zu sehr darauf verlassen, dass Entwicklungen von der Industrie vorangetrieben wurden und hat dafuer die jeweiligen Haus- und Hoflieferanten ueber dem Marktdurchschnitt bezahlt. Dies wird zukuenftig bei europaweiten Ausschreibungen im Binnenmarkt und in liberalisierten Maerkten nicht mehr moeglich sein. Der gegenwaertige Forschungsetat der Telekom steht in keiner Relation zu deren Zukunftsaufgaben.

Einer meiner weiteren Vorschlaege in diesem Zusammenhang ist, beim Bundespraesidenten einen Sachverstaendigenrat einzusetzen, der - nach dem Vorbild des Competitiveness Policy Council in den USA - fuer Industriepolitik zustaendig ist. Da muessten dann, in einem Unterausschuss Telekommunikation, Telekom, Equipment-Lieferanten und Softwareproduzenten an einem Tisch sitzen, damit wir nicht staendig solche Pleiten wie bei der HDTV-Norm fuer das digitale Fernsehen erleben.

CW: Die Bundesregierung spricht seit laengerem von einem aehnlichen Gremium, dem sogenannten Technologierat, der bis jetzt aber nicht zustande gekommen ist.

Glotz: Dies waere, wenn Sie so wollen, eine Weiterentwicklung des Technologierates; nur arbeitet man bei der Bundesregierung noch nach dem Motto: Die Bundesregierung beraet sich selbst. Ich bin der Auffassung, dass dies ein unabhaengiges Gremium sein muesste, in dem Bund, Laender und Gemeinden, Industrie und Wissenschaft insgesamt zwoelf vom Bundespraesidenten auszuwaehlende Vertreter entsenden sollten. Deren Aufgabe waere es dann, lediglich Vorschlaege zu unterbreiten, die die jeweiligen staatlichen Ebenen, aber auch die Industrie annehmen oder auch verwerfen koennten.

CW: Gaebe da der verhinderte Forschungsminister der SPD nicht weitreichende Kompetenzen aus der Hand?

Glotz: Genau dies sagen natuerlich die Beamten im Forschungsministerium auch, aber das halte ich fuer kindisch. Die Bedeutung eines entsprechenden Ministers wuerde eher aufgewertet - naemlich durch ein dann viel glaubhafter wirkendes Bemuehen, aus dem Bundeshaushalt mehr Mittel fuer den Forschungsetat locker zu machen. Der gegenwaertige Amtsinhaber muss - gemessen am Budget von 1982 - mit real 18,3 Prozent weniger auskommen, und die Frage, warum dies so ist, wird wohl erlaubt sein.

CW: Was kann der Staat tun?

Glotz: Ich denke, wir wollen Wachstum und Fortschritt - auch in der Telekommunikation. Dann muss man miteinander reden, und der Staat muss seine Vermittlungskompetenz einsetzen, wenn er schon kein Geld hat. Es geht jedenfalls nicht darum, den grossen Geldsack ueber Siemens, Alcatel oder Philips auszuschuetten.

CW: Sie sind uns noch die Beantwortung unserer Frage nach der Finanzierung einer neuen Forschungspolitik schuldig geblieben. Was sind denn die von Ihnen immer wieder betonten wettbewerbsrelevanten Technologien, und wie saehe Ihre Subventionspolitik im Detail aus?

Glotz: Es gibt Bereiche, etwa die bemannte Weltraumfahrt, bestimmte Projekte der Hochenergiephysik und der Nuklearphysik, die zwar den Etat des Forschungsministers belasten, wo ich aber sage, dass dies keine positiven Auswirkungen mehr auf unsere Wettbewerbsfaehigkeit haben wird. Ganz anders sieht dies in der Informationstechnik beziehungsweise Telekommunikation aus. Dies meine ich mit der Konzentration auf wettbewerbsrelevante Felder.

CW: Was muessten Siemens & Co. anbieten, um von einem Forschungsminister Glotz staatliche Foerdermittel zu bekommen?

Glotz: Lassen Sie mich das am vielzitierten Begriff Multimedia aufzeigen, der fuer mich aus drei Elementen besteht. Zum einen ist dies der ganze Bereich der Lehr- und Lernkommunikation, sei es die CD-ROM-Technik oder die Ausstattung von Schulen mit PCs oder einem Internet-Anschluss. Hier ist in der Tat ein erhebliches Mass an oeffentlicher Foerderung notwendig, um dies durchzusetzen - nicht zuletzt, weil die deutsche Kulturkritik immer noch Angst vor technischen Lehrmedien hat.

Man muss zweitens ueber den Bereich der Individualkommunikation reden, denken Sie nur an E-Mail oder Videokonferenz, und drittens ueber den sich am Horizont abzeichnenden grossen Unterhaltungsmarkt mit interaktivem Fernsehen und Video on demand. Bei diesen beiden Feldern bin ich sehr fuer die Entwicklung, allerdings gleichzeitig sehr viel zurueckhaltender, was die Vergabe oeffentlicher Mittel betrifft.

Dies aendert im uebrigen nichts daran, dass der Staat hier wieder mit seiner Vermittlungskompetenz gefordert ist. Man braucht sich nur das Beispiel von US-Vizepraesident Al Gore vor Augen zu halten, der durch das Anbeten des Superhighways und durch die Definition entsprechender Ziele Investitionen in Gang gesetzt hat. Vergleichbare realistische Visionen muesste auch eine europaeische Forschungs- und Industriepolitik entwickeln.

CW: Kann es denn das Ziel visionaerer Forschungspolitik sein, die Menschheit mit 500 Fernsehprogrammen zu begluecken?

Glotz: Diese Multimedia-Kritik ist mir zu pauschal. Es geht, so denke ich, nicht nur darum, 500 Fernsehkanaele zur Verfuegung zu stellen. Ich halte diese Zahl sowieso fuer utopisch, oder kennen Sie jemanden, der ein Programm fuer Aquarienfreunde finanzieren wuerde? Viel spannender ist da schon das Zusammenwachsen von Telefon, Fernseher und PC. Wie immer die "Set-Top-Box" am Ende aussehen wird und egal, ob es noch einen Unterschied zwischen Business- und Consumer-Endgeraeten geben wird oder nicht: Die Moeglichkeit, sich mit Video on demand massgeschneiderte Software ins Haus zu holen, ist, technisch gesehen, um einiges anspruchsvoller als die blosse Berieselung mit Spartenkanaelen.

So betrachtet, ist der Multimedia-Begriff schon um einiges konkreter, und dabei haben wir noch gar nicht ueber den grossen und wichtigen Bereich der Individualkommunikation gesprochen. Wissenschaftler, Unternehmen, Privatpersonen - wer auch immer, wollen global, schnell und guenstig kommunizieren; Anwendungsszenarien wie Teleworking, Telecommuting und vieles mehr machen die Runde. Dies alles wird unsere Gesellschaft nachhaltig veraendern, und man sollte dies positiv sehen.

CW: Bedeutet Informationsvielfalt automatisch eine Verbesserung der Informationsqualitaet?

Glotz: Nein, und ich muss hinzufuegen, leider. Das gefluegelte Wort von der Zwei-Drittel-Gesellschaft wird auch hier Realitaet werden. Mit anderen Worten: Wir werden eine Minderheit in Form einer hochqualifizierten Wissenselite bekommen sowie andererseits ein sogenanntes Wissensproletariat, das - in einer Art Kommunikationsmulde sitzend - noch abhaengiger von niveauarmen und fragwuerdigen Programmangeboten werden wird, entsprechende soziale Probleme inbegriffen. Nur, daraus eine Horrorvision zu entwickeln, um die ganze Informationsgesellschaft in Frage zu stellen, waere toericht.

CW: Also Zensur auf dem Information-Highway?

Glotz: Dazu gibt es weder verfassungsrechtliche Moeglichkeiten, noch wuerde es Sinn machen. Die Zeiten jeglicher Programmkontrolle sind zu Ende; man kann allenfalls gewisse Grundregeln festlegen, etwa um die Ausstrahlung von Gewaltpornos zu unterbinden. Was wir benoetigen, ist ein Paradigmenwechsel von der Programmkontrolle hin zur, wie ich es nennen wuerde, Ausbildung von Computer- und Media- Literacy. Man muss sich eines klarmachen: Analphabetismus herrscht nicht nur bei Leuten vor, die Goethes Faust nicht entziffern koennen, sondern auch bei den Zeitgenossen, die nicht in der Lage sind, ihren Computer und ihren Videorekorder zu bedienen.

CW: Vielleicht koennen wir uns zum Schluss noch ein drittes Mal vom "Roosevelt-Ruck" inspirieren lassen. Sie sprachen sich, wenn wir Sie richtig verstanden haben, fuer eine weitgehend nationale Forschungs- und Deregulierungspolitik aus. Wo bleibt da der grosse Europaeer Peter Glotz?

Glotz: Ich bin durchaus fuer eine europaweite Kooperation, aber ich bin ebenso dafuer, den sechsten Schritt nicht vor dem ersten zu machen. Wir sind in Europa einfach nicht weit genug, um alle Kompetenzen auf Bruessel zu uebertragen. Nirgendwo wird das deutlicher als in der Forschungspolitik, wo es zum Teil schon laecherlich wird. Mit anderen Worten: Wenn Sie in High-Tech-Maerkten mit Kalifornien konkurrieren wollen, koennen Sie keinen Veto- Partner mit im Boot haben, der sein ganzes Augenmerk auf die Hochseefischerei richtet.

CW: Was braucht Europa, was braucht Deutschland, um den Rueckstand zu Nordamerika aufzuholen?

Glotz: Neue Ideen. Die alten Leistungstraeger Chemie, Maschinenbau und Automobilindustrie sind jedenfalls nicht die zukuenftigen Hoffnungstraeger. Aber auch bei den modernen Industrien sieht es nicht rosig aus. Eine deutsche Computerindustrie gibt es praktisch nicht mehr, bei den Halbleitern ist gerade noch Siemens vertreten, die deutsche Unterhaltungselektronik ist ziemlich am Ende, von der Software wollen wir schweigen. Wenn ich das alles betrachte, kann ich nur eines sagen: Die Telekommunikation, wo wir noch einigermassen konkurrenzfaehig sind, muss zur neuen strategischen Waffe werden.

CW: Wie soll das mit der Mentalitaet alter Telekom-Haus- und Hoflieferanten funktionieren?

Glotz: Ueberhaupt nicht. Es wird nur dann gehen, wenn wir jungen Unternehmen die Chance bieten, auf Weltmarktgroesse zu wachsen. Dies kann ueber eine der Nasdaq vergleichbare Technikboerse ebenso geschehen wie ueber Abschreibungsmoeglichkeiten sowie neue Regelungen in der Bankenaufsicht. Unsere Unternehmen sind alt - alt in ihrer Firmengeschichte und in ihrer Mentalitaet. Wenn Sie sich die Bilanzen deutscher Grosskonzerne ansehen, dann stammen in der Regel zehn Prozent des Gewinns aus dem operativen Geschaeft, der Rest aus Finanzanlagen. Der Begriff Risikokapital ist hier jedenfalls ein Fremdwort.

CW: Mit anderen Worten: Eine neue Turnschuh-Elite muss an die Macht?

Glotz: Wenn Sie es so plakativ formulieren wollen, meinetwegen. Wir brauchen in jedem Fall eine neue Gruendungswelle. Besser als alle theoretischen Worte erklaert aber vielleicht eine kleine Anekdote, was ich mit meiner Kritik meine. Ich habe mich vor einiger Zeit mit Andreas von Bechtolsheim, einem der drei Gruender von Sun Microsystems, getroffen und ihn gefragt, warum er seinerzeit aus dem beruehmten "High-Tech-Zentrum" Muenchen ins ferne Kalifornien ausgewandert ist.

Bechtolsheims Antwort war eindeutig: Erstens, so seine Auskunft, waeren die Professoren an der Technischen Universitaet nicht sonderlich gut gewesen, zweitens hatten diese fuer Elitestudenten gar keine Zeit, drittens habe er schon damals seine Idee mit den Workstations gehabt und lange Gespraeche mit einem renommierten Muenchner Unternehmen gefuehrt. Dort sei man zwar recht freundlich zu ihm gewesen, zu einer Entscheidung sei es aber nie gekommen. Dann wollte er eine eigene Firma gruenden und ging zu einer Bank. Dort war die erste Frage die nach einer Sicherheit. Bechtolsheim bot das Haus seiner Eltern am Ammersee an. Die Antwort war: Nein, dafuer gibt es kein Geld. Dann ging er nach Palo Alto.