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10.04.1992 - 

"Was haben die User mit Mikroelektronik am Hut?"

Philippe Dreyfus kritisiert Esprit-Projekte als zu technikorientiert

10.04.1992

Die großen europäischen Software- und Serviceunternehmen haben sich mit der "Group of six" ein Sprachrohr geschaffen, das ihnen in der Kommission der Europäischen , Gemeinschaften mehr Gehör verschaffen soll. Nach Ansicht der sieben Mitgliedsunternehmen erst vor kurzem war die niederländische Volmac NV beigetreten - haben sich die von der EG-Kommission aufgelegten Esprit-Programme bislang zu stark an der Technologie und zu wenig am Anwender orientiert. Gründungsvorsitzender der Software- und Service-Lobby ist Philippe Dreyfus, Vice-President der Cap Gemini Sogeti S.A., Paris. Im Gespräch mit CW-Redakteurin Karin Quack erläutert, der wortgewaltige Franzose, wie er sich die Zusammenarbeit zwischen der Industriegruppe und der Brüsseler Behörde vorstellt.

CW: Weshalb halten Sie eine Interessenvertretung wie die Group of six für notwendig?

Dreyfus: Die Industriebeteiligung an den Esprit-Programmen oblag bislang im wesentlichen den großen europäischen Computer- und Telecom-Anbietern, die sich in der Group of twelve zusammengeschlossen haben.

Mit Hilfe von Einrichtungen wie Round-Table-Gesprächen oder dem Esprit Advisory Board konnten diese Hersteller ihre Vorschläge direkt in die Arbeit der Kommission einbringen. Die Software- und Service-Industrie war in solchen Gremien nicht vertreten.

Aufgrund der wachsenden Bedeutung des Software- und Servicebereichs haben wir vor etwa zwei Jahren beschlossen, daß es nunmehr an der Zeit sei, ebenfalls direkt auf die Kommission einzuwirken.

CW: Welchen Zweck verfolgen Sie mit der Beschränkung auf zunächst sechs, mittlerweile sieben Unternehmen?

Dreyfus: Es gibt einen gravierenden Unterschied zwischen der Hardwareindustrie einerseits sowie der Software- und Servicebranche andererseits: Bei den Computerherstellern handelt es sich hauptsächlich um Großunternehmen. Innerhalb der Software- und Servicebranche gibt es kaum vergleichbare Konzerne. Hier haben wir es mit mehreren tausend Betrieben zu tun, die das gesamte Spektrum von ziemlich groß bis sehr klein abdecken. Unter diesen Umständen ist es recht schwierig, miteinander zu arbeiten und einen gemeinsamen Standpunkt zu definieren. Also beschränken wir uns auf die größten in den Bereichen Systemintegration, Professional Services, Outsourcing und Beratung tätigen Unternehmen der wichtigsten europäischen Länder.

CW: Worin besteht die Arbeit der Group of six?

Dreyfus: Wir kommen zusammen, wenn wir es für notwendig halten, wir erörtern unsere gemeinsamen Interessen, wir denken über die Marktbedürfnisse und ihre künftige Entwicklung nach. Darüber hinaus stehen wir als Ansprechpartner zur Verfügung, wenn die Kommission entsprechende Ratschläge benötigt. Unsere Gruppe entwickelt eine gemeinsame Vorstellungen davon, worauf die Forschungs- und Entwicklungsprojekte der Kommission abzielen sollten, soweit sie Software, Systeme oder auch die Anwender betreffen.

CW: Die Anwender können doch aber für sich selbst sprechen!

Dreyfus: In gewisser Weise sind die Anwender in derselben Situation wie die Software- und Serviceindustrie. Es gibt Millionen von Anwenderunternehmen. Deshalb ist es sehr schwierig herauszufinden, was der Anwender an und für sich eigentlich ist.

Folglich schließen sich auch die Anwender zu Gruppen und Untergruppen zusammen, die dann versuchen, ihre Bedürfnisse zu artikulieren. Allerdings tendieren die Anwender dazu, sich nach Branchen getrennt zu organisieren. So gibt es eine Banken- und eine Industriegruppe sowie Gruppierungen für die Transportbranche, den Engergiesektor etc.

Aber wir - als die großen Systemhäuser - repräsentieren ebenfalls die Anwender, denn wir arbeiten nicht für uns selbst, sondern immer im Auftrag unserer Kunden.

CW: Worin besteht der Unterschied zwischen den bisherigen Esprit-Programmen und Ihrer Vorstellung von den künftigen Projekten der EG-Kommission?

Dreyfus: Wir denken, die Projekte der EG-Kommission sollten sich künftig mehr an den Anwendern und weniger an der Technologie orientieren?

CW: War das bislang anders?

Dreyfus: Bislang waren diese Projekte ganz und gar nicht anwenderorientiert, sondern eindeutig technologiebestimmt. Was haben die User beispielsweise mit Mikroelektronik am Hut?

Es sind vielmehr offene Systeme, große europäische Netze, EDI, CASE-Werkzeuge, Methoden und wissensbasierte Systeme, wofür sich die Anwender interessieren. Und genau das sind auch die Forschungsgebiete, an denen wir interessiert sind.

CW: Können große Unternehmen wie Cap Gemini und Sema Group überhaupt für die gesamte Branche sprechen?

Dreyfus: Wir sind keineswegs angetreten, um die gesamte Software- und Servicebranche zu repräsentieren; wir sind nicht mehr und nicht weniger als sieben große Unternehmen, die ein paar übereinstimmende Ansichten vertreten. Wir schließen nicht aus, daß sich innerhalb dieser Branche andere Gruppen zusammenfinden werden, die ähnliche oder auch völlig andere Standpunkte einnehmen. Beispielsweise können wir nicht für die Standardsoftware-Anbieter sprechen, weil wir nicht vorrangig Softwarepakete verkaufen. Dasselbe gilt für die kleineren Unternehmen.

CW: Was hat die Group of six in den zwei Jahren ihres Bestehens erreicht?

Dreyfus: Wir haben eine Menge nachgedacht und an unserem gemeinsamen Standpunkt gebastelt. Mittlerweile sind wir fast soweit, daß wir damit an die Öffentlichkeit gehen können. Schließlich haben wir unsere Ansichten nicht formuliert, um sie für uns zu behalten, sondern um sie der kritischen Prüfung, preiszugeben. CW: Es gibt also noch keine greifbaren Ergebnisse in bezug auf die Esprit-Programme!

Dreyfus: Anfangs hatten wir alle Hände von damit zu tun, uns zusammenzuraufen. Wir haben ein Jahr gebraucht, bis wir beginnen konnten, den eigentlichen Beweggründen für unseren Zusammenschluß nachzuspüren. Die ersten konkreten Ergebnisse unserer Arbeit liegen voraussichtlich in einigen Monaten vor, wenn die neuen Esprit-Programme beschlossen sind.