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21.09.1990 - 

Jessi-Chip-Projekt geht schweren Zeiten entgegen

Philips verabschiedet sich von Joint-Memory-Projekt

HAMBURG/MÜNCHEN - Nicht gerade erfolgsverwähnt, muß die Joint European Submicron Silicon Initiative (Jessi) erneut Schlappen einstecken. Nach dem Ausstieg von Philips aus dem Joint-Memory-Project müssen die Europäer wohl ihre Hoffnung auf einen statischen 1-Megabit-Speicher begraben. Außerdem droht dem englischen Computerhersteller ICL wegen der beschlossenen Übernahme durch Fujitsu die Verbannung aus der Forschungsinitiative, weil die Partner unerwünschten Technologietransfer befürchten.

Der europäische Traum von der Unabhängigkeit im Speicherbereich scheint endgültig ausgeträumt. Denn im Joint-Memory-Project sollte das nun geplatzte Triumvirat aus Siemens, SGS Thomson und Philips arbeitsteilig dafür sorgen, daß die Alte Welt in Sachen Speichertechnik nicht ganz den Anschluß an die ohnehin schon übermächtigen Japaner verliert. Dabei zeichnet der Münchner Elektronik-Konzern für die Entwicklung hochintegrierter dynamischer Random-Access-Memory Bausteine (DRAM) verantwortlich, SGS für Frasable-Programable Read-Only-Memory-Chips (EPROM) und den Gloeilampenfabrieken oblag bisher die Entwicklung von statischen Random-Accessmemory-Halbleitern (SRAM).

Der krisengeschüttelte holländische Elektronik-Konzern bestätigte den Abschied von seinem größten Jessi-Projekt, das immerhin 30 Prozent seiner Gesamtaufwendungen in Höhe von rund 562 Millionen Dollar für die Initiative ausmachte in einer Pressemitteilung lapidar: "... will das Unternehmen Entwicklung und Produktionsvorbereitung für den 1-Megabit Statischen Speicher und folgende Generationen beenden und sich aus dem Teilprojekt von Jessi, das spezifisch auf die Entwicklung statischer Speicher gerichtet ist, zurückziehen. Unabhängig davon werden die Beiträge von Philips in den anderen Jessi-Projekten fortgesetzt." Dies habe zur Folge, daß die Versuchsfabrik für 1-Megabit-SRAMs in Eindhoven sowie das zugehörige Entwicklungs- und Fertigungszentrum geschlossen und die geplante Chipfabrik im Hamburger Stadteil Hausbruch nicht gebaut werde.

Dieses Statement setzt den Schlußpunkt unter eine lange Geschichte: Die Holländer hatten bereits 1984 zusammen mit Siemens das Speicherprogramm "Megaprojekt" gestartet in dem die Münchener 1-Megabit-DRAMs und Philips 1-Megabit-SRAMs produktionsreif entwickeln sollten. Bekanntlich scheiterten beide trotz intensiver Förderung durch das Bundesministerium für Forschung und Technologie (BMFT). Siemens kaufte die Technik für den Baustein von Toshiba, setzte darauf aber erfolgreich die Entwicklung des 4-Megabit-Chips auf und kooperiert nun mit IBM bei der Entwicklung des 64-Megabit-Speichers.

Anders bei Philips: Mitte letzten Jahres wurde zwar Vollzug gemeldet - das 1-Megabit-SRAM sei nun verfügbar. Aber im Markt tauchten nach Aussage von Wolfgang Nege19 Vertriebsleiter beim Münchener Chip-Broker Consumer Electronic, die Speicher nicht einmal in Musterstückzahlen auf. Mit Philips Ausstieg, für den zu geringe Gewinnerwartungen als Grund angegeben wurden, ist die Hoffnung auf ein europäisches SRAM mit einer ein- oder auch vier Megabit hohen Speicherkapazität wohl endgültig dahin.

Die Chance, für die etwa 77 Millionen Mark noch einen Gegenwert zu erhalten mit denen das BMFT Philips bereits während des Megaprojekts unterstützt hat, ist ebenfalls vertan.

Für Negel sind die Erfolgsaussichten des gesamten Speicherprojektes nunmehr drastisch gesunken: "Schließlich war man angetretene die Abhängigkeit von den Japanern auch im Bereich der Speicherbauelemente zu reduzieren. Das halte ich jetzt für sehr unrealistisch. Denn Europa hat nur dann eine Chance, wenn alle drei wichtigen Speicherformen hochintegriert und in genügender Stückzahl von hiesigen Herstellern zur Verfügung gestellt werden können."

Würden lediglich die löschbaren "Nur-Lesespeicher" und die dynamischen Schreib-Lese-Bausteine in der Alten Welt produziert, aber keine hochintegrierten statischen Speicher, könnten die Japaner weiter nach Belieben an der Preisschraube drehen. Er sieht das japanische Verhalten unter dem Motto- "Wenn wir in Europa keine EPROMs und keine DRAMs verkaufen können, dann erhöhen wir den Preis für SRAMS9 um auf unseren Schnitt zu kommen." Außerdem bleibe die technische Entwicklung nicht stehen. "Wenn wir heute das 1-Megabit-SRAM nicht produzieren können, werden wir wahrscheinlich nie das 4- oder 16-Megabit-SRAM bekommen", klagt der Chip-Broker.

Die von den Holländern gelieferte Begründung, die Gewinnerwartungen aus dem SRAM-Geschäft seien zu niedrig, um noch große Investitionen zu rechtfertigen, bestätigt auch Helmuth Gümbel, Direktor der deutschen Niederlassung der Gartner Group - allerdings unter etwas anderen Vorzeichen: "Alle Speicherbausteine sind heftigen Preisschwankungen unterworfen, deshalb kommt es darauf an, zum richtigen Zeitpunkt präsent zu sein. Das Jessi-Projekt hat immer schon aufgrund des Zeitverzuges seine Probleme gehabt."

Philips hat den besten Zeitpunkt zum Einstieg in den vielzitierten Schweinezyklus des Halbleitermarktes verpaßt. Denn in diesem Markt hat nur derjenige eine Chance auf Profit, der am Anfang des Zyklus in der Hochpreisphase - über die entsprechenden Bausteine verfügt. Das waren aber nicht die Holländer, sondern NEC, Toshiba und Hitachi, die mit dem 1-Megabit-SRAM bereits Ende 1988 beziehungsweise Anfang 1989 am Markt waren und den Rahm abschöpften.

Deshalb ist die Entscheidung von Philips aus betriebswirtschaftlicher Sicht sicher richtig - vor allem in Anbetracht der Krise, in der der Konzern zur Zeit steckt.

Die bisherigen Partner aus Industrie und Politik sehen das allerdings anders. Christian Patermann, Pressesprecher des BMFT: " Wir gehen zwar davon aus, daß dieser Schritt durch Aktivitäten andere Firmen kompensiert wird, und Jessi weiter besteht, aber wir sind über die Entwicklung nicht unbesorgt." Man könne es sich in keinem Falle leisten, das Projekt aufzugeben. "Das wäre ganz schlecht. In der Folge wird eine Kooperation mit den USA stärker als bisher mit einzubeziehen sein. Forschungsminister Riesenhüber hat bereits im Sommer vergangenen Jahres entsprechende Verhandlungen aufgenommen."

Lorentz: ICL soll keine EG-Fördergelder bekommen

Auf Jessi-Seite gibt man sich hingegen betont gelassen. In einer Presseerklärung hieß es lediglich: "Das Jessi-Board nahm auf seiner Sitzung Kenntnis vom Ausscheiden der Philips Components aus dem Joint-Memory-Project . . ." Nach erfolgter "Feinabstimmung in den verbliebenen Teilen von Siemens und SGS Thomson Microelectronics" werde das Projekt in geplantem Umfang fortgesetzt. Schließlich sei die SRAM-Entwicklung nur Teil eines größeren Ganzen. Man rechnet vor, daß sie innerhalb des gesamten Programms nur vier Prozent der Mannjahre verschlinge, die man in der Startpahse bis Ende 1991 in Jessi investieren wolle.

Auch Klaus Knapp, Sprecher des Siemens-Bereichs Halbleiter, bedauert zwar den Abschied von Philips, sieht aber für den Münchner Elektronik-Konzern als Hersteller und Anbieter von DRAMs keine direkten Auswirkungen: "Das betrifft uns nur als Jessi-Partner und da werden wir unseren Teil weiter dazu beitragen." Allerdings werde Siemens nicht den Part von Philips übernehmen, weil "wir im SRAM-Bereich keine Erfahrungen haben".

Der dritte im Bunde, der italienisch-französische Konzern SGS Thomson, will ebenfalls seine Aufgabe fortführen, aber es sei "noch zu früh, darüber eine Aussage zu machen, ob wir unsere Anstrengungen auf das SRAM-Gebiet ausdehnend, er. klärt eine Sprecherin des Unternehmens.

Außerdem könne SGS so etwas nicht allein entscheiden, das sei Sache des Jessi-Boards. Immerhin ist SGS mit statischen Speichern niedriger Kapazität (256 KB) erfolgreich: Der Konzern steht in Europa auf der Hitliste der SRAM-Lieferanten an erster Stelle.

Ein anderes Problem sorgte unter den Unternehmen der Jessi-Gemeinde für ähnlichen Wirbel. Der englische Computerhersteller ICL, der demnächst zu 80 Prozent in den Besitz des japanischen Konzerns Fujitsu übergehen wird, ist augenscheinlich kein wohlgelittenes Mitglied der Forschungsinitiative mehr. Die Partner des DVProduzenten befürchten offen. bar, daß die Ergebnisse aus den Projekten, an denen ICL im CAD-Bereich beteiligt ist, zu früh an die Janaper weitergeleitet werden.

Francis Lorentz, Präsident der französichen Groupe Bull, formulierte seine Bedenken bereits (siehe COMPUTERWOCHE vom 10. August 1990, Seite 1, Fujitsu macht mit ICL-Kauf. . .). Er hält es nicht für wünschenswert, daß ICL weiterhin europäische Fördergelder für die Beteiligung an Projekten erhalte, mit denen sich die Europäer gegen die Vormachtstellung der Japaner zur Wehr setzen wollen, wenn das englische Unternehmen in japanischen Besitz übergehe.

Rüdiger Stubenrecht, bei ICL Deutschland für die Pressearbeit zuständig, sieht die Sache natürlich anders: "Wir bleiben ein europäisches Unternehmen. Die Tatsache, daß wir künftig einen japanischen Haupteigner haben werden, spielt in puncto Entwicklung eigentlich keine Rolle. Entwicklungsarbeit ist Vertrauenssache, und in den Fällen, wo Vertraulichkeit vereinbart ist, erfahren die Kapitalgeber auch nicht mehr als der Rest der Welt. Von anderen Konzernen nimmt doch auch niemand an, daß sie Technologien an ihre Aktionäre weitergeben, die noch in der Entwicklung sind."

"Gegenseitigkeit" könnte ICLs Teilnahme sicheen

Außerdem fände er es segensreicher, wenn die "Ideen für zukünftige Computergenerationen aus Europa kommen". Anstatt zu versuchen, "selbst Silicon zu backen", sollten die Prioritäten der europäischen Förderprojekte auf Architekturen und Konzepten Liegen nicht auf Basistechnologien, die andere bereits seit langem beherrschten.

Das Jessi-Board hat das weitere Vorgehen noch nicht entschieden. Man berät noch über die Implikationen des Fujitsu-Einstiegs bei ICL. Wie verlautete, könne man sich prinzipiell eine Beteiligung europäischer Firmen vorstellen, die ganz oder teilweise in japanischem Besitz sind, wenn gewährleistet sei, daß europäische Firmen mit ähnlichen Voraussetzungen an entsprechenden japanischen Projekten teilnehmen können. Damit bezieht man offensichtlich eine ähnliche Position wie gegenüber den USA. Als sich IBM-Europa im Januar dieses Jahres um eine Teilnahme am Jessi bewarb, kam das Stichwort von der Reziprozität auf den Verhandlungstisch. Gemeint war eine Zugangsmöglichkeit von Unternehmen in europäischem Besitz zum amerikanischen Forschungs- und Entwicklungsprojekt Sematech. In dem Fall hat es geklappt. Vertreter der beiden Forschungsgruppen treffen sich ständig und prüfen Gebiete, auf denen Zusammenarbeit möglich ist.

Doch nicht nur bei Jessi muß man sich Gedanken über die zukünftige Rolle von ICL in der europäischen Forschungsgemeinde machen. Denn der englische DV-Produzent spielt auch im Esprit-Projekt, das von der EG bereits 1984 aufgelegt worden ist, eine gewichtige Rolle. Mario Pandolfi, EG-Kommissar für Forschung und Technologie, sagte gegenüber dem "Wall Street Journal" jedoch, die beteiligten Unternehmen müßten selbst entscheiden, ob ICL weiter in Esprit mitarbeiten könne oder nicht.