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16.03.2001 - 

Münchner Wissenschaftler Frederic Vester wehrt sich gegen Schweizer Startup-Company

Plagiatsvorwürfe gegen Think Tools AG

MÜNCHEN (CW) - Im letzten Jahr absolvierte die Think Tools AG einen der erfolgreichsten Börsengänge in der Schweiz. Seit November gerät das Unternehmen jedoch immer mehr in Bedrängnis. Neben Kurseinbrüchen und Rücktritten in der Vorstandsetage gibt es die Plagiatsvorwürfe in Bezug auf die Software.

Mit dem Börsengang im März 2000 kam zunächst der finanzielle Erfolg. Bei einem Ausgabepreis von 270 Franken schnellte der Kurs kurzfristig auf 1050 Franken hoch. Inzwischen können die Aktionäre von Think Tools von solchen Kursen nur noch träumen. Der momentane Wert des Papieres liegt bei knapp über 100 Franken. Die Krise der Schweizer Firma begann im November letzten Jahres, als Analysten der Deutschen Bank in London den Titel kritisch unter die Lupe nahmen und als überbewertet einstuften. Zusätzlich belasteten Veränderungen auf der Führungsebene das Papier. Nach nur drei Monaten im Amt verließ der CEO Serge Roux-Levrat das Unternehmen, und Firmengründer Albrecht von Müller trat als Verwaltungsratspräsident zurück, um sich stärker mit Forschungsaufgaben zu beschäftigen, wie Unternehmenssprecher Sean Cleary erklärte.

Erste Hinweise im NovemberEnde November löste dann ein Beitrag in der Finanzzeitschrift "Cash" in der Schweiz eine heftige Diskussion aus. Der Autor Markus Baumgartner warf die Frage auf, ob Think Tools die Ideen für die Software bei Frederic Vester abgeschrieben habe. Dessen Software unter dem Namen "Sensitivitätsmodell Professor Vester" ermöglicht die Analyse komplexe Probleme.

Think Tools inszeniert sich auf der eigenen Homepage als Avantgardist der neuen Wissensgesellschaft. Andere Wissenschafter und Forscher, die sich mit ähnlichen Fragen der Kybernetik und des vernetzten Denkens beschäftigen, werden nicht genannt. Dagegen stellen die Autoren die eigenen Werkzeuge als einzigartig dar und präsentieren sich als Marktführer. Der Biochemiker Frederic Vester beschäftigt sich aber bereits seit über 30 Jahren mit kybernetischen Modellen. 1970 gründete er in München die Studiengruppe für Biologie und Umwelt Frederic Vester GmbH. Anhand zahlreicher Beratungsprojekte und Studien entwickelte Vester 1980 zusammen mit einem kleinen Team das Sensitivitätsmodell, das die Erfassung und Bewertung komplexer Systeme ermöglicht. Die Beratungssoftware arbeitet mit Simulationen und grafischen Visualisierungsmodulen, die Wechselwirkungen zwischen unterschiedlichen Einflussfaktoren analysieren und Zukunftsszenarien bildlich darstellen.

Im Gegensatz zur Schweizer Think Tools AG veröffentlichte und dokumentierte der Wissenschaftler seine Projekte und machte nie ein Geheimnis um seine Entwicklungen und Kunden. Allerdings verblüffte den Professor dann doch, dass die Beschreibung der Werkzeuge von Think Tools große Ähnlichkeiten zu seiner eigenen Dokumentation aufwies. "Ich hatte vorher noch nichts von diesem Unternehmen gehört", so Vester. Kurz nach der Veröffentlichung des Artikels in "Cash" habe der offenkundig nervös gewordene Think-Tools-Chef von Müller in München angerufen und einen Termin mit Vester vereinbart: "Herr von Müller kam zu mir und bot mir gleich einen Forschungsauftrag an." Allerdings verlief das Gespräch nicht ganz so, wie es sich der erfolgsverwöhnte Firmenchef vorgestellt hatte. "Er ist meiner Meinung nach ein guter Verkäufer. Als es dann aber um technische Details ging, blieb wenig Substanz übrig", erinnert sich Vester. Die als neuartig und einmalig angepriesenen Leistungen der Think Tools waren auf den Internet-Seiten fast bis zur Wortwahl identisch mit den Publikationen Vesters beschrieben worden. Eines der Tools hieß sogar "Vester Tool". Think Tools hatte also offensichtlich einen Teil der Software von Vester verwendet, ohne den Münchner Wissenschaftler, abgesehen von dem Produktnamen "Vester Tool", auch nur zu nennen geschweige denn Lizenzgebühren zu entrichten. Nach dem Gespräch in München untersagte Vester dem Schweizer Unternehmen, seinen Namen für eines der Tools zu verwenden. Christian Neugebauer, COO und zuständig für die Produktentwicklung bei Think Tools, kann den Plagiatsvorwurf und die ganze Aufregung nicht verstehen. "Wir bieten unseren Kunden eine Entscheidungsanalyse an und arbeiten in der strategischen Unternehmensberatung, während Herr Vester sich mit der Systemanalyse beschäftigt."

"Gemeinsame Wurzeln"Weshalb ein Baustein der eigenen Software "Vester Tool" heißt, will sich Neugebauer nicht erklären können. Zwar gebe es gemeinsame Wurzeln, die Arbeitsschwerpunkte seien aber völlig unterschiedlich, so der Manager. Allerdings räumte er große Ähnlichkeiten bei der Herangehensweise an komplexe Fragestellungen ein.

"Mich wundert, dass Think Tools, nachdem Herr von Müller ja mein Institut besucht und Einblick in unsere Arbeitsschwerpunkte gewonnen hat, immer noch solche Behauptungen erhebt. Die Beratungstätigkeit war schon immer auch eines unserer Standbeine", läßt Vester aber nicht locker. Zwar habe Think Tools abgesehen vom Vester Tool eigene Software auf den Markt gebracht. "Die Produkte des Unternehmens sind noch ziemlich unausgereift und können den System-Tools unseres Sensitivitätsmodells nicht das Wasser reichen." Trotz der erhobenen Vorwürfe möchte Vester aber nicht wegen verletzter Urheberrechte oder gestohlener Ideen gegen Think Tools klagen.

HintergrundDas Produkt der 1993 gegründeten Think Tools AG besteht aus einer gleichnamigen Software, die Unternehmen bei komplexen Problemstellungen in der Entscheidungsfindung unterstützen soll. Grafische Darstellungen sollen komplizierte Geschäftsabläufe transparent und besser analysierbar machen. Das Startup verkauft die Lizenz für die Nutzung der Tools und arbeitet in der strategischen Unternehmensberatung.