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12.12.2006

Polizeisystem Diplaz macht wieder Ärger

Seit knapp zwei Jahren sollte die bayerische Polizei bereits mit der Diplaz-Software arbeiten. Doch bis heute funktioniert das von der P&I AG entwickelte Zeiterfassungssystem nicht richtig.

Diplaz ist gescheitert. Jeder weitere Euro, der in dieses Projekt fließt, ist ein Euro zu viel", lautet das harsche Fazit von Helga Schmitt-Bussinger, innenpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im bayerischen Landtag. Mit Hilfe des Dienstplanungs- und Zeitwirtschaftssystems (Diplaz) des Wiesbadener Softwareherstellers P&I AG sollten die Beamten ihre unregelmäßigen Dienste besser organisieren, Arbeitszeiten effizienter erfassen sowie Zuschläge für Nacht- und Feiertagsarbeit einfacher ermitteln können.

P&I schluckt KSL

Mit Wirkung zum 1. Januar 2007 übernimmt die auf Personalsoftware spezialisierte P&I AG die KSL Gesellschaft für kommunale Informationssysteme mbH in Zweibrücken. Mit der Übernahme will P&I seine Kompetenz für die öffentliche Verwaltung verstärken. KSL ist Hersteller von "Bage 2000", einem Personalabrechnungs- und -informationssystem speziell für den öffentlichen Dienst. Rund 300 Verwaltungen nutzen das Produkt. P&I plant nach eigenen Angaben, Bage 2000 nach der Übernahme weiterzuentwickeln. Außerdem kündigte das Wiesbadener Unternehmen an, sämtliche Mitarbeiter von KSL weiterzubeschäftigen. Der geschäftsführende Gesellschafter Dieter Hoffmann steht der P&I übergangsweise als Berater zur Verfügung, bevor er sich in den Ruhestand verabschieden wird. Finanzielle Details des Zukaufs wurden nicht genannt.

Chronik

Februar 2004: P&I erhält Auftrag für Diplaz;

April 2004: Polizei richtet Projektgruppe ein;

März 2005: Flächenpilot wird verschoben;

Dezember 2005: Anhörung im bayerischen Landtag;

Februar 2006: Softwarefehler führen zu weiteren Verzögerungen;

Mai/Juni 2006: Start des Flächenpiloten trotz Bedenken der Polizei;

Juli 2006: erneute Anhörung im Landtag;

Dezember 2006: Innenministerium stoppt den Flächenpiloten und setzt P&I ein Ultimatum.

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Schlechter als der Vorgänger

Das Programm habe die Erwartungen jedoch enttäuscht, so die SPD-Politikerin. Die Software arbeite zum Teil schlechter als das alte System "Zepra". Bislang habe sie keines der gesteckten Ziele erreicht. Weder sei der Nachweis der fachlichen und technischen Eignung gelungen, noch habe Diplaz gezeigt, dass es sich in die DV-Landschaft der Bayerischen Polizei einbinden lässt.

Die Probleme mit Diplaz begannen bereits während der Ausschreibung im Jahr 2003. Im ersten Anlauf konnte keiner der fünf Bewerber alle Anforderungskriterien erfüllen, berichtete Hermann Benker, Landesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) in Bayern. Das von den Polizisten favorisierte System "SP-Expert" der Firma Astrum lief nur unter Windows. Da jedoch das bayerische Innenministerium auf dem Unix-Derivat HP-UX als Plattform bestanden hatte, kam letztendlich P&I zum Zug.

Start mehrmals verschoben

Ursprünglich sollte Diplaz bereits Mitte 2005 den Dienst aufnehmen. Aufgrund von funktionalen Mängeln musste der Starttermin aber immer wieder verschoben werden. Wegen Mängeln im Modellpiloten, der im Oktober 2005 gestartet worden war, platzte auch die für Anfang des Jahres angesetzte Live-Schaltung. Damals hieß es noch, man rechne mit einem Start von Diplaz im ersten Quartal 2006.

Doch daraus wurde nichts. Im Frühjahr 2006 habe man das System in einigen Dienststellen in Echtbetrieb genommen, berichtete Michael Ziegler, Pressesprecher des Innenministeriums. Dann seien jedoch plötzlich Fehler und Instabilitäten aufgetreten, die sich im Modellbetrieb nicht abgezeichnet hatten. Ferner seien Mängel, die bereits beseitigt schienen, erneut aufgetaucht. Das Ministerium habe daraufhin den Hersteller aufgefordert, das System erneut zu prüfen und die Probleme zu beheben.

Polizisten lehnen ab

Auf Seiten der Polizei wuchs währenddessen der Widerstand gegen Diplaz. Die Erfahrungen im Testbetrieb seien katastrophal, berichtete Gewerkschafter Harald Schneider im November. Trotz aller Nachbesserungen würden nach wie vor Daten im Nirwana verschwinden. "Wenn du erkennst, dass du ein totes Pferd reitest, steige ab", beruft sich Schneider auf eine alte Indianer-Weisheit.

"Wer gehofft hatte, die Probleme würden behoben, sieht sich eines Besseren belehrt", ergänzte August Janker, Mitglied des Landesvorstands der Gewerkschaft. Ständig müssten Daten kontrolliert und verglichen werden, weil Fehler in der Erfassung aufträten. "Die Mängelliste liest sich jedenfalls nicht so, dass man darauf vertrauen könnte, die Fehler ließen sich in nächster Zeit abstellen." Janker rechnet mit einem Rollout erst gegen Ende 2007.

So weit wollen es die Verantwortlichen im Innenministerium nicht kommen lassen. Vorerst bleibt der bereits zum 1. Dezember eingestellte Flächenpilot wegen der Fehler im System ausgeschaltet, hieß es. Mittlerweile sei eine Anwaltskanzlei eingeschaltet, um mögliche Regressansprüche gegen P&I zu prüfen, ließ Pressesprecher Ziegler durchblicken. Das Ministerium habe dem Softwarehersteller eine Nachfrist bis zum 15. Januar 2007 eingeräumt. Bis dahin müssten alle Mängel beseitigt und Diplaz mit den im Vertrag festgelegten Funktionen verfügbar sein. "Sollte sich herausstellen, dass die Nachbesserung erfolglos war, beabsichtigt das Innenministerium, von dem Projekt Abstand zu nehmen und die vertraglich zustehenden Schadenersatz- beziehungsweise Rückabwicklungsansprüche notfalls auch gerichtlich geltend zu machen."

Das Eingreifen des Innenministeriums kommt viel zu spät, findet SPD-Politikerin Schmitt-Bussinger. Die Kosten für Diplaz beliefen sich ihrer Einschätzung nach bislang auf deutlich über zwei Millionen Euro. Während es vom bayerischen Innenministerium geheißen habe, es seien erst rund eine Million Euro an P & I geflossen, habe sie aus Polizeikreisen gehört, dass bereits der volle Kaufpreis von 1,74 Millionen Euro gezahlt worden sei. Dazu käme der Personalaufwand der Polizei, die bei der Entwicklung und beim Testen des Systems über die vergangenen zwei Jahre hinweg immer wieder Beamte abgestellt habe.

"Das Innenministerium war zu ehrgeizig", erklärt sich die SPD-Politikerin das Softwarefiasko. Ein System, das neben der Zeiterfassung auch die Dienstplanung und die Weitergabe der Daten an die Abrechnungssysteme regelt, gebe es nicht. In der Folge hätten die Verantwortlichen nicht den Mut gehabt, einen Fehler einzugestehen und die Notbremse zu ziehen. Zudem habe P&I der Staatsregierung vorgegaukelt, das Projekt doch noch erfolgreich abschließen zu können. Das gelang aber letztendlich nicht.

Hersteller: Keine Mängel

Axel Benscheidt, Marketing-Leiter der P&I AG, geht trotz aller Kritik davon aus, dass der Flächenpilot nach Mitte Januar abgenommen werde und der flächendeckende Roll-out beginnen könne. "Die Erfahrung zeigt, dass komplexe IT-Projekte bisweilen länger dauern als ursprünglich geplant", begründet er die Verzögerungen. Durch die speziellen Anforderungen der Polizei seien Unwägbarkeiten aufgetreten, die zu einem Verzug geführt hätten.

Vor rund einem Jahr hatte Benscheidt die Kritik der Polizeigewerkschaft an Diplaz noch als völlig überzogen zurückgewiesen. Der Projektplan sei lediglich eine grobe, nicht verbindliche Richtschnur gewesen. Dazu müsse man Puffer und Risikozeiten berücksichtigen. Von funktionalen Mängeln der P&I-Software wollte und will Benscheidt nichts wissen.

Festpreis vereinbart

Die Probleme seien unter anderem auf Bedienungsfehler zurückzuführen. Außerdem liefen die Kosten des Projekts keineswegs aus dem Ruder. Mit der Staatsregierung sei ein Festpreis vereinbart worden. Wenn die bayerische Polizei jedoch die Aufwände ihres Personals dazurechne, entständen zwangsläufig höhere Kosten. Darüber hinaus gebe es terminliche Zusagen seitens P&I, "denen das Innenministerium durch eine offizielle Fristsetzung eine verbindliche Note gegeben hat", versucht der Manager, den Druck seitens der bayerischen Staatsregierung abzufedern. Ob dies dem Softwarehaus gelingt, ist fraglich. Über die Aussichten, bis Mitte Januar 2007 ein fehlerfreies System auszuliefern, äußert sich Benscheidt nicht. (ba)