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17.04.1987 - 

Für den Textdienst notwendige kritische Masse rückt in greifbare Nähe:

Post von Teletex-Teilnehmerzahl überrascht

Die Attraktivität eines Wählanschlusses ergibt sich aus der Zahl der Partner, die darüber erreichbar sind, sowie dem Volumen und der Bedeutung der je Partner ausgetauschten Nachrichten. Je mehr seiner Partner der einzelne über einen Wählanschluß erreicht, desto attraktiver ist der Dienst für ihn. Ein Wähldienst hat dann seine kritische Masse erreicht, wenn seine Anschlußzahlen bei kostendeckenden Gebühren dadurch von selbst wachsen, daß laufend Neuankömmlinge bereits genügend Partner im Dienst vorfinden, so daß sich ihr Anschluß von Anfang an rechnet, sie ihren Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen die Verbreitung des Dienstes zum Zeitpunkt ihres Eintrittes zugrunde legen können und nicht auf sein weiteres Wachstum setzen müssen.

Für den einzelnen, der sich zur Teilnahme an einem Dienst entscheidet, ist immer nur wichtig, ob er ausreichend viele Partner darin findet. Das nach Erreichen der kritischen Masse einsetzende selbsttragende Wachstum des Dienstes bedeutet, daß durch das Wachstum des Dienstes laufend neue Interessenten über die sich ständig verschiebende Attraktivitätsschwelle gezogen werden .

Ist für Teletex die kritische Masse erreicht? Da es für diese Größe keine allgemein anerkannten Berechnungsmethoden gibt, soll versucht werden, aus der Entwicklung des Dienstes Rückschlüsse zu ziehen.

Nach einem Probebetrieb wurde der Teletex-Dienst in Deutschland offiziell zum 1.6.82 eröffnet und entwickelte sich kräftig. Erfreulich stiegen Zahl der Anschlüsse und der zugelassenen Endeinrichtungen. Während die Zulassungsstatistik ungebremst von Gipfel zu Gipfel stürmt - zum 31.12.86 waren 215 Produkte von 63 Herstellern aus aller Welt für den Dienst zugelassen -, ging die Wachstumsrate bei Teletex-Hauptanschlüssen seit Ende '84 merklich zurück. Mit 16 128 Hauptanschlüssen zum 31.12.86 wurden nicht ganz doppelt so viele gezählt wie zwei Jahre zuvor (8500). Es fehlte zwar nicht an Stimmen, die darauf hinwiesen, daß anders es nicht ausreichen würde, die Hauptanschlüsse zu zählen, da eine Vielzahl von Anlagen und Mehrplatzsystemen mit dezentralen Arbeitsplätzen zugelassen seien und auch die Art der Teletex-Anwendung dafür sorge, daß der einzelne Schreibtisch und nicht die Firma adressiert würde. Die Post zählte jedoch weiterhin nur die Hauptanschlüsse, die ja in ihrem direkten Einflußbereich liegen. Um die Zahl der daran angeschlossenen Endgeräte zählen zu können, hätten die Teilnehmer um zusätzliche Angaben gebeten werden müssen.

Die USA sind keine Teletex-Weltmeister

Erst im letzten Quartal '86 gab sie dem Drängen nach einer repräsentativerer Art der Zählung nach und befragte die Anwender; es waren plötzlich zirka 23 000 Endgeräte, die im Teletex-Dienst teilnahmen. Diese Zahl stellt bei der zunehmenden Zahl von Zulassungen für Mehrplatzsysteme (1985 und 1986 jeweils eine Verdopplung) wohl nur einen groben anderen Grenzwert dar. Wie wenig aussagefähig die Zahl der Hauptanschlüsse ist, erkennt man am Beispiel der Nebenstellenanlage des Münchner Siemens-Standortes Hofmannstraße, wo zum 31.12.86 an 15 Hauptanschlüssen 981 direkt adressierbare Endgeräte sowie eine nicht näher bezeichnete Zahl indirekt erreichbarer Terminals in Betrieb waren.

Die Zahl von 23 000 Endgeräten zeigt nicht nur, daß Teletex stürmisch weiterwächst, sondern auch das Erreichen eines beachtenswerten Niveaus. Mit 3,7 Teletex-Endgeräten pro l0 000 Einwohner ist die Teletex-Dichte in Deutschland heute bereits halb so hoch wie die Teletex-Dichte in den USA mit 7,8 Hauptanschlüssen je 10 000 Einwohner. (Bei Telex ist die Anzahl der Hauptanschlüsse und der adressierbaren Endgeräte nahezu gleich.)

Dabei muß allerdings berücksichtigt werden, daß die USA keine Weltmeister auf diesem Gebiet sind, wie folgende Vergleichszahlen (Teletex-Hauptanschlüsse je 10 000 Einwohner) zeigen:

Brasilien 5,5

Spanien 9,7

Ungarn 10,2

Frankreich 21,6

Deutschland 26,8

Niederlande 27,1

Österreich 33,7

Schweiz 60,1

Führt man die bescheidene Teletex-Dichte der USA auf die dort erst 1984 weitgehend aufgehobene Trennung zwischen Betriebsgesellschaften für Telefon und Nichtsprachdienste sowie die Konkurrenz der Betriebsgesellschaften untereinander zurück, so ergibt sich eine Erklärung für das rasche Wachstum des deutschen Teletex-Dienstes: alle Teilnehmer sind in einem einzigen Netz versammelt und tragen damit ungeteilt zur Attraktivität des Dienstes bei.

Die DBP selbst hat den Dienst - sieht man von der Anfangsphase ab, in der sie sich intensiv darum bemühte, Teletex bekannt zu machen - nicht übermäßig gefördert. Die Liste ihrer Aktionen ist kurz:

Sie hat sich im CCITT um die Normung des Dienstes verdient gemacht, den Dienst eingerichtet, ihm die Querbeziehung zu Telex in die Wiege gelegt und Verkehrsbeziehungen zu bisher 14 Ländern eröffnet.

Alle Jahre zweimal - und dies ist für einen so rasch wachsenden Dienst wohl ein zu großer Abstand - gibt sie ein Teilnehmerverzeichnis heraus.

Den größten Aufwand treibt sie bei der Zulassung von Endgeräten, wo sie ihre Aufgabe, Kompatibilität und Dienstgüte zu garantieren, ernst - für manchen Hersteller zu ernst - nimmt und ein international anerkanntes Prüfsystem geschaffen hat.

Daneben fehlt es jedoch nicht an Aktionen, die die Dynamik der Dienstentwicklung belasten:

- Zum 1.7.85 wurden die Gebühren kräftig erhöht (die Grundgebühr von 170 Mark - bei 5 Pfennig Verbindungsgebühr auf 180 Mark bei 40 Pfennig beziehungsweise 220 Mark bei 3 Pfennig Verbindungsgebühr). Gleichzeitig wurden eine Mindest-Verkehrsgebühr von 50 Mark eingeführt und die Verkehrsgebühren zwischen 20 und 30 Prozent erhöht.

- Die DV-Hersteller wurden davon abgeschreckt, sich mit Teletex zu identifizieren, weil der Zugang von Datex-L zu Teletex gesperrt und der Übergang von Teletex zu Datex-L mit einer Übergangsgebühr belegt wurde.

- Der Anwender muß gelegentlich länger als die als Norm genannten sechs bis acht Wochen auf seinen Teletex-Anschluß warten. Auch wird ihm die Entscheidung für Teletex durch kräftiges Werben für Bildschirmtext und Telebox nicht leichtergemacht. Während die Endgerätefirmen sich aus der Teletex-Werbung zurückzogen, da sie ja mit der zunehmenden Zahl der zugelassenen Endgeräte nicht nur für das eigene Produkt, sondern auch für das der Mitbewerber warben, verstärkte die DBP ihre Werbung für die Telebox.

Trotz dieses aktiven Marketings für Telebox wurde diesem Dienst bisher kein großer Erfolg beschert, so daß einiges für die Vermutung spricht, daß der vergleichsweise größere Erfolg von Electronic-Mail-Systemen in den USA auf dem Nährboden dort unterentwickelter elektronischer Textdienste und unzuverlässiger Briefpost wächst.

Auch ist in den USA Electronic Mail mit Grundgebühren zwischen 20 und 40 Dollar für Wenigschreiber ein ungleich günstigerer Zugang zum weltweiten Telexdienst als ein Hauptanschluß an einem der sechs konkurrierenden, Telex direkt anbietenden Fernschreibdienste für 168*) Grundgebühr.

Wenn schon in den USA der Übergang zu Telex einen Textdienst attraktiver macht, wieviel stärker muß dieser Mechanismus in Europa mit seinen gut ausgebauten Telexnetzen wirken? So kann mit gutem Grund angenommen werden, daß der Dienstübergang zu Telex einen wesentlichen Beitrag zur kritischen Masse von Teletex liefert und dazu beigetragen hat, daß der Dienst trotz der oben genannten Kostenbelastungen weiterwächst.

Da der deutsche Teilnehmer von einem weit höheren Niveau elektronischer und auch rein körperlicher Textkommunikation startet als viele andere Länder, erwartet er von einen neuen Dienst die von Telex gewohnte Weltumspannung und Verläßlichkeit der Kommunikation, gepaart mit höherer Funktionalität der Kommunikationsprotokolle und seiner individuellen Wünschen angepaßten, lokalen Funktionen der Endgeräte. Das Ansteigen der Teilnehmerzahlen beweist, daß Teletex diesen Bedürfnissen entgegenkommt, und spricht dafür, daß der Dienst seine kritische Masse bald erreichen wird, wenn er sie nicht bereits erreicht hat und somit zügig weiterwachsen wird.

Wieder einmal zeigt sich das feine Gespür der Anwender, die sich den Blick dafür nicht verstellen lassen, daß die Teletex-Protokolle die erste Realisierung eines vollständigen Protokollsatzes im Rahmen des OSI-Referenzmodells darstellt. Viele Anwender und Anwendungen benötigen offene Textkommunikation, Teletex bietet sie nicht zuletzt dank der ausgeklügelten Prüftechnik der DBP, die so weit entwickelt ist, daß tatsächliche Kompatibilität der Produkte unterschiedlichster Hersteller sichergestellt ist.

Dipl.-Ing. Walter von Pattay ist bei der Siemens AG, München, im Bereich Kommunikations- und Datentechnik (Normen, Verbände, Behörden) tätig.

*Diese Gebühr ist übrigens nicht kostengerecht. Sie lag früher bei 48 Dollar und wurde von der FCC (Federal Communications Commission) im Zuge der "Liberalisierung" stufenweise erhöht (2.84: 90 Dollar, 11.84: 123 Dollar, 11 .85: 148 Dollar, 4.86: 168 Dollar, vorgeschlagen: 185 Dollar), um den neuen Anbietern, die auf den Zugang über das Telefonnetz aufbauen, eine "faire Chance" zu geben. Das heißt, auch m den USA ist der Mechanismus bekannt, daß Teilnehmerdienste um so attraktiver werden, je mehr Teilnehmern sie dienen. Da dort jedoch der Kampf "alle gegen alle" herrscht, können die Dienste sich nicht gegenseitig im Erreichen der kritischen Masse unterstützen. Man muß zu anderen Mitteln greifen, und die gesamte Volkswirtschaft zahlt für diesen Luxus unproduktiver Konkurrenz.