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24.03.1995

Potential und praktische Anwendungen der Telearbeit Den grossen Wuenschen wird die Betriebsrealitaet nicht gerecht

Das Interesse an Telearbeit ist heute groesser denn je, und es gibt europaweit eine Vielzahl von Modellen, die die arbeitsplatzunabhaengige Beschaeftigung erproben. Allerdings hinkt die derzeitige Verbreitung nach Auffassung von Norbert Kordey* und Werner Korte* weit hinter dem Potential hinterher.

Von politischer Seite werden grosse Erwartungen an die Telearbeit geknuepft. Nach den Vorstellungen der Europaeischen Kommission soll sie dazu beitragen, das derzeit bestehende enorme Arbeitsplatzdefizit in Europa abzubauen. Eine Expertengruppe aus Industrievertretern unter der Leitung von EG-Kommissar Bangemann, deren Vorschlaege vom Ministerrat angenommen wurden, hat der Telearbeit erste Prioritaet in der europaeischen Industriepolitik eingeraeumt.

Die umfangreiche Medienberichterstattung, die Vielzahl von aktuellen wissenschaftlichen Arbeiten und Tagungen zum Thema liessen vermuten, dass die Telearbeit derzeit einen grossen Aufschwung erlebt. Skeptiker weisen jedoch darauf hin, dass zwar die Idee, ortsunabhaengig zu arbeiten und dadurch unter anderem Bueroflaechen und Pendelkosten zu sparen, schon Mitte der 80er Jahre auf grosse Publizitaet gestossen sei, die Realitaet jedoch weit hinter den damaligen Erwartungen zurueckblieb.

Bislang gibt es kaum gesicherte Informationen zur derzeitigen Verbreitung der Telearbeit; zudem weichen die wenigen vorliegenden Angaben erheblich voneinander ab. Auch weiss man noch recht wenig darueber, welche Haltung die Bevoelkerung und die Unternehmen dieser Art von Beschaeftigung entgegenbringen. Von Interesse ist ausserdem, welche Faktoren die weitere Entwicklung der Telearbeit bestimmen und inwieweit hierbei in den Laendern Europas Unterschiede bestehen.

Um Antworten auf diese und andere Fragen zu geben, wird von Empirica derzeit das Projekt Teldet (siehe Kasten) durchgefuehrt. Zielsetzung ist es, eine ueber die jeweiligen europaeischen Laender hinweg vergleichbare Informationsbasis zur Telearbeit zu schaffen. Dazu wurden folgende Methoden angewandt:

-repraesentative Befragungen der Bevoelkerung (5300 Befragte) und von Entscheidungstraegern in Unternehmen (2500 Befragte) in den fuenf groessten europaeischen Laendern der EU sowie

-etwa 60 Fallstudien in fast allen europaeischen Laendern.

In den nachfolgenden Ausfuehrungen werden ausgewaehlte Ergebnisse des Projekts praesentiert. Im Ausblick wird zudem kurz darauf eingegangen, welche Anstrengungen unternommen werden muessen, um das bestehende Potential fuer Telearbeit zu realisieren.

Die europaweiten Umfragen zeigen, dass die Telearbeit auf ein stark wachsendes Interesse stoesst. Allein an Teleheimarbeit, der Extremform, sind mehr als 30 Prozent der Erwerbstaetigen interessiert, viel mehr als noch vor zehn Jahren, als von Empirica bereits eine vergleichbare Untersuchung durchgefuehrt wurde (vgl. Tabelle 1). An Telearbeit generell, das heisst an mindestens einer der verschiedenen Organisationsformen, zeigen - je nach Land - zwischen 40 und 60 Prozent der Erwerbstaetigen Interesse.

Auch die Entscheidungstraeger in den Unternehmen sind der Telearbeit keineswegs abgeneigt. Hier schwankt das Ergebnis laenderspezifisch zwischen 30 und gut 40 Prozent. Im Gegensatz zu den Erwerbstaetigen geben die Entscheidungstraeger eine sehr differenzierte Einschaetzung ab, die darauf hindeutet, dass Telearbeit bereits in vielen Unternehmen diskutiert wird. Die alternierende Telearbeit, bei der zum Teil zu Hause, zum Teil in der Firma gearbeitet wird, und deren Vergabe an Freiberufler beziehungsweise Selbstaendige werden von den Unternehmen besonders geschaetzt, waehrend Teleheimarbeit und Telearbeit im Telearbeitszentrum auf ein nur geringes Interesse stossen. Legt man das bekundete Interesse von Erwerbstaetigen und Unternehmen zugrunde, laesst sich daraus ein "Interessenspotential" von knapp einem Fuenftel aller Arbeitsplaetze in der EU - derzeit etwa 140 Millionen - ermitteln. Zwischen 17 und 21 Prozent der Arbeitsplaetze in den untersuchten Laendern waeren demnach potentielle Telearbeitsplaetze.

Neben dem Interesse an Telearbeit sind jedoch weitere Faktoren zu beruecksichtigen, denn nicht alle Arbeitsplaetze eignen sich gleichermassen fuer diese neue Form der Arbeitsorganisation. Als Hilfsgroesse laesst sich der Anteil der Beschaeftigten im Informa-

tionssektor verwenden, der in verschiedenen Untersuchungen mit etwa 40 Prozent Beschaeftigten angegeben wird.

Somit reduziert sich das errechnete Telearbeitspotential deutlich und bewegt sich je nach Land zwischen 6,6 und 8,2 Prozent (vgl. Tabelle 2). In absoluten Zahlen liegt damit das realistische Potential aber immer noch bei gut zehn Millionen Telearbeitsplaetzen in Europa beziehungsweise 2,5 Millionen in Deutschland.

Bei genauer Betrachtung zeigt sich, dass heutzutage in den verschiedensten Branchen, Unternehmensgroessen und Regionen ein betraechtliches Potential fuer Telearbeit besteht - besonders in Grossunternehmen und, zumindest in Deutschland, Frankreich und Grossbritannien, im Wirtschaftszweig Kreditinstitute, Versicherungen und unternehmensbezogene Dienstleistungen.

Die derzeitige Verbreitung ist von diesem errechneten Potential allerdings noch weit entfernt. Die Untersuchung zeigt, dass in Europa derzeit 1,25 Millionen Telearbeitsplaetze existieren. Vorreiter ist hier Grossbritannien, das derzeit annaehernd die Haelfte aller Telearbeiter in Europa stellt

(ca. 560 000). Deutschland liegt mit etwa 150 000 Heim-Werkern hinter Frankreich (ca. 220 000) an dritter Stelle vor Spanien und Italien (jeweils um 100 000).

Nach Angaben der Entscheidungstraeger aus den Unternehmen beschaeftigen 4,8 Prozent der bundesdeutschen Firmen Telearbeiter. Dieser Erhebung zufolge ist Telearbeit am staerksten in Grossbritannien (7,4 Prozent) und Frankreich (sieben Prozent) verbreitet, waehrend die suedeuropaeischen Laender Spanien und Italien (3,6 Prozent beziehungsweise 2,2 Prozent) noch zurueckliegen.

Erklaeren lassen sich die laenderspezifischen Differenzen durch den unterschiedlichen Grad der Liberalisierung im Fernmeldewesen und, damit zusammenhaengend, durch Angebotsvielfalt und Preisentwicklung in puncto Telekommunikations-Infrastruktur und Endgeraete sowie die unterschiedliche Durchdringung der Unternehmen und Haushalte mit Computertechnik.

Juristische Fragen spielen eine untergeordnete Rolle

Des weiteren spielen nationale Besonderheiten im Hinblick auf die oeffentliche Foerderung von Anwendungen der Informationstechnik, die jeweilige Aufgeschlossenheit gegenueber technischen Neuerungen, das Angebot an Teilzeitarbeitsplaetzen, der Anteil Selbstaendiger an den Erwerbstaetigen oder auch andere soziokulturelle und Mentalitaetsunterschiede eine wichtige Rolle.

Auf der Basis der in fast allen Laendern der Europaeischen Gemeinschaft durchgefuehrten Fallstudien in Unternehmen wurden Typen der Einfuehrung und Praxis der Telearbeit gebildet (vgl. Tabelle 3). In den meisten Faellen wird Telearbeit von Unternehmen eingefuehrt, um entweder:

-Kosten zu reduzieren (insbesondere Modell 1);

-qualifizierte Mitarbeiter zu halten (Modell 3);

-qualifizierte Mitarbeiter zu rekrutieren (Modelle 3 und 4);

-das Unternehmen organisatorisch umzustrukturieren, um wettbewerbsfaehiger zu sein (Modell 1);

-die Motivation und damit die Produktivitaet ihrer Mitarbeiter zu erhoehen (Modell 4);

-Arbeitsspitzen besser bewaeltigen zu koennen (Modell 2) oder

-sich das Image eines arbeitnehmerfreundlichen Betriebs zu geben.

In anderen Faellen kommt der Wunsch in erster Linie von seiten der Mitarbeiter, die:

-ihre Arbeit besser mit haeuslichen Verpflichtungen kombinieren wollen (Modell 3);

-zumindest teilweise zu Zeiten und an Orten arbeiten wollen, an denen sie ungestoerter und produktiver sind (Modell 4) oder

-Anfahrtswege und -zeiten sparen wollen.

In bestimmten Faellen wird Telearbeit von Arbeitslosen begonnen, die sich in einem Netzwerk von Einzelpersonen unter einem Firmennamen zusammenschliessen. Eine Gruppe von Telearbeitern tritt so gemeinsam auf dem Markt auf, um Dienstleistungen anzubieten (Modelle 5 und 6). Diese Vorgehensweise wird dadurch erleichtert, dass der Investitionsaufwand zum Aufbau eines solchen "virtuellen" Unternehmens vergleichsweise gering ist.

Weitere Telearbeitsvorhaben existieren im Bereich Tele-Marketing (Modell 10), andere Betreiber versuchen sich im Aufbau von Telearbeitszentren (Modell 11). Ferner gibt es spezielle Telearbeitsvorhaben, die mit dem Ziel der Schaffung von Arbeitsplaetzen fuer Behinderte aufgebaut wurden (Modell 8) oder das Ziel hatten, Jobs im laendlichen Raum zu schaffen (Modell 7). Auch gehen Telekommunikationsnetz-Betreiber verstaerkt dazu ueber, mit dieser neuen Arbeitsform zu experimentieren und damit ihre eigenen Technologien zu erproben und zu promoten (Modell 9).

Die grosse Diskrepanz zwischen dem hohen Interesse an Telearbeit und ihrer relativ geringen Verbreitung ist groesstenteils auf ueberholte Vorstellungen des Managements zurueckzufuehren. Dies zeigt sich auch in unserer Untersuchung. Wie die Befragungen zeigen, stufen deutsche Entscheidungstraeger in erster Linie solche Taetigkeitsfelder als fuer Telearbeit geeignet ein, die bereits mit dem Technikangebot der 80er Jahre durchfuehrbar waren: so etwa Daten- und Texterfassung, Programmieren und Uebersetzen.

Lediglich in Grossbritannien ist es offenbar einer groesseren Zahl von Entscheidungstraegern bekannt, dass sich aufgrund der Weiterentwicklung technischer und organisatorischer Moeglichkeiten heutzutage auch eine ganze Palette anderer Taetigkeiten dezentral ausfuehren lassen: Sie halten auch das Rechnungswesen, Vertrieb und Marketing, die Bestellannahme sowie Forschung und Beratung fuer Telearbeit geeignet.

In der Befragung der Entscheidungstraeger wurde auch nach den wichtigsten Argumenten gefragt, die gegen eine Einfuehrung oder Ausweitung der Telearbeit sprechen. Auffaellig ist, dass unter den neun vorgegebenen Hinderungsgruenden der Widerstand der Gewerkschaften und juristische Probleme nur selten genannt werden - das ist insofern ueberraschend, als diese Aspekte in der Literatur zu Telearbeit haeufig thematisiert werden.

Heute ist es hingegen das Hauptproblem, dass Manager unzureichend darueber informiert sind, wie sie bei der Implementierung der Telearbeit vorzugehen haben. Weitere haeufig genannte Gruende sind Probleme der Fuehrung der Mitarbeiter und die Aufrechterhaltung notwendiger Kommunikationsbeziehungen zwischen Telearbeiter und den Bueroangestellten in der Zentrale. Somit besteht ein erheblicher Bedarf an Beratung und Beispielen aus der Praxis (vgl. Tabelle 4).

Mittels unserer Umfragen konnten wir ein stark gestiegenes Interesse an Telearbeit feststellen, und zwar sowohl in der Bevoelkerung als auch bei den Entscheidungstraegern in den Unternehmen. Gleichzeitig gibt es europaweit bereits eine grosse Vielfalt an Modellen der Telearbeit. Allerdings liess sich auch erkennen, dass die derzeitige Verbreitung in Europa noch weit hinter dem Potential an Telearbeitsplaetzen hinterherhinkt.

Damit es zu einer kraeftigen Ausweitung ueber die in Europa bereits vorhandenen 1,25 Millionen Telearbeitsplaetze hinaus kommen kann, bedarf es diverser Anstrengungen. Hierzu zaehlen:

-die Zurschaustellung erfolgreicher Telearbeitsmodelle in Form von Anwendungspilotprojekten in unterschiedlichen Branchen, in denen dann verschiedene Formen der Telearbeit praktiziert und demonstriert werden;

-das Erlernen ergebnisorientierter Fuehrungstechniken, die es ermoeglichen, dass Arbeitnehmer und Vorgesetzte sich auf objektivierbare Arbeitsergebnisse verstaendigen, die zu festgelegten Zeiten erbracht werden muessen, sowie

-die Erarbeitung und Bereitstellung eines kostenguenstigen How-to- do-Handbuchs, das Managern dabei hilft, Telearbeit im eigenen Unternehmen erfolgreich zu planen und umzusetzen. Daneben preisguenstige Kommunikationsnetze und -dienste sowie Hard- und Software-Endsysteme, die an den Kommunikationsbedarf angepasst und leicht zu installieren sind und selbst von Laien bedienbar sind.