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07.05.1993 - 

Motorola erklaert dem Erzrivalen aus Santa Clara den CPU-Preiskrieg

Power-PC-Chip soll die Dominanz von Intel und Microsoft brechen

Digital Equipment konnte Anfang des Jahres bereits die ersten Workstations mit dem Alpha-Chip zeigen und ist mittlerweile bei Taktraten von 200 Megahertz angekommen; Intel stellte den Pentium- Chip als Technologiestudie auf der CeBIT in Hannover vor und wird am 22. Mai die offizielle Praesentation vornehmen; Silicon Graphics Inc. (SGI)/Mips bringt die verbesserte Version R4400 des R4000 auf den Markt; AMD hat nun endlich den 486-Clone mit selbstentwickeltem Microcode fertig, und Sun gab einen Einblick in die zukuenftige Ultra-Sparc-Familie. Motorola, Intel-Erzrivale aus Schaumburg in Illinois, lueftete bereits Monate vor dem geplanten Zeitpunkt die Decke ueber dem zusammen mit IBM entwickelten "Power PC-Chip", der die Nummer 601 traegt (vergleiche CW Nr. 12, vom 19. Maerz 1993, Seite 47: "IBM und Motorola scharen . . .").

Motorolas Erfahrung in der kostenguenstigen Massenfertigung von Hauptprozessoren wirken sich gleich zur Markteinfuehrung des "MPC601" auf den Preis der CPU aus: Die 50-Megahertz-Version wird anfangs zirka 280 Dollar kosten, die 66 Megahertz-Variante ungefaehr 100 Dollar mehr. Damit wuerde man sogar unter dem Preis liegen, den Intel fuer seine 486DX2-CPU nimmt und deutlich unter den Mitbewerbern DEC-Alpha und Mips-R4000. Der Pentium-Chip soll, wenn er nun endlich verfuegbar sein wird, um die 900 Dollar in der 66-Megahertz-Ausfuehrung kosten und damit mehr als doppelt so teuer sein wie die entsprechende MPC601-Version mit 66 Megahertz Taktfrequenz.

Power PC kostet weniger als Intels 486DX2-CPU

Vergleicht man die Leistungswerte gemaess Spec-Benchmark-Tests, so ergeben sich leichte Vorteile der Pentium-CPU bei den Integer- Berechnungen mit einem Wert von 64,5 Specint92 gegenueber den rund 55 des 601-Chips. Allerdings dreht sich das Leistungsverhaeltnis um, betrachtet man die Werte, die beide Prozessoren bei den Gleitkomma-Berechnungen erreichen. Hier hat der 601 mit einem Wert von gut 80 Specfp92 gegenueber dem Konkurrenten, der deutlich unter 60 bleibt, die Nase vorn. Betrachtet man nur die beiden Leistungsangaben und den Preis, liegt Motorola mit seiner neuen CPU an der Spitze, einzig Suns Microsparc-CPU mit 50 Megahertz kann da in etwa mithalten. Angesprochen auf das gute Preis-Leistungs-Verhaeltnis der neuen Motorola-CPU erklaert Dean McCarron, Analyst des US-amerikanischen Marktforschungsunternehmens Micro Design Resources: "Wenn ich Intel waere, wuerde ich diesen Chip ganz oben auf der Liste derjenigen CPUs stehen haben, die ich am wenigsten am Markt haben will."

Ein weiterer Vorteil des Power-PC-Chips liegt nach Ansicht McCarrons darin, dass zwei der staerksten Rechnerhersteller, IBM und Apple, die Architektur unterstuetzen. Der 601-Prozessor entspricht dabei in weiten Teilen der Power-RISC-CPU, die in Big Blues RS/6000-Modellen zum Einsatz kommt. Durch die Marktmacht der beiden Rechnerhersteller werden sich viele Software-Entwickler finden, die fuer diese CPU Anwendungsprogramme schreiben. Das Rad dreht sich dann von selbst weiter, denn je mehr Software verfuegbar ist, desto mehr Rechner mit diesem Prozessor koennen verkauft werden.

Der Mikroprozessor-Guru Michael Slater sieht allerdings eine Gefahr fuer die Allianz IBM/Apple/Motorola drohend am Markthimmel stehen: die Unterstuetzung von Windows NT. "Der Power PC kann keine Marktdurchdringung erreichen, wenn er nicht mit dem Betriebssystem laeuft, das die Anwender wuenschen", sagte Slater in einem Interview mit dem Wall Street Journal. Einige Industriebeobachter bezweifeln zwar, dass Microsoft dem neuen Chip ueberhaupt seinen NT-Segen geben wird, da die Dreierbande IBM/Apple/Motorola an dem mit NT konkurrierenden Betriebssystem Taligent arbeitet, das auf dem Power PC ablaufen soll.

Andererseits soll die zweite Version des 601-Chips mit einer Little-endian genannten Option versehen werden, die es erlaubt, Intel-basierte Betriebssysteme und damit auch Windows NT leicht auf die IBM-Motorola-Architektur zu portieren. IBM plant nach eigenen Angaben nicht, NT-basierte Power-PC-Systeme zu verkaufen. Da Motorola aber den 601-Chip neben IBM und Apple auch anderen Rechnerherstellern zur Verfuegung stellen wird, laedt die Entwicklergemeinschaft Microsoft oder andere Drittanbieter herzlich ein, NT auf die 601-Architektur zu portieren. Zunaechst wird wohl Solaris auf dem Power PC laufen - Workstation-Spezialist Sun will sein neues Betriebssystem an diese CPU anpassen.

Motorolas neuer Prozessor ist in CMOS-Technologie mit 0,6 Mikrometer Strukturbreite realisiert und enthaelt 2,5 Millionen Transistorfunktionen auf einer kleineren Flaeche als ueblich. Stromsparen heisst hier die Devise: Die CPU nimmt nur rund sechs Watt Strom auf bei 3,6 Volt Spannung. Das naechste Modell aus der MPC601-Reihe, das vorgestellt wird, soll mit 75 Megahertz getaktet sein und ist fuer den Einsatz in portablen Rechnern gedacht. Dabei wird die CPU mit einer Leistungsaufnahme von unter zwei Watt auskommen, wie aus der deutschen Motorola-Zentrale in Muenchen zu erfahren war. Auch dieser Chip wird noch 1993 vorgestellt werden koennen.

Die Familie wird aus insgesamt vier Gruppen bestehen; neben den jetzt vorgestellten zwei Mitgliedern fuer preisguenstige Desktop-PCs und den erwaehnten CPUs fuer portable Rechner sollen naechstes Jahr die entsprechenden Prozessoren fuer Arbeitsplatz-Rechner und etwas spaeter dann fuer Hochleistungs-Workstations und -Server folgen. Motorola denkt dabei an Taktraten von bis zu 400 Megahertz; zum Vergleich: Digital strebt fuer den Alpha-Chip Taktraten von bis zu 1000 Megahertz beziehungsweise 1 Gigahertz an.

Bei all der Euphorie ueber die neuen Prozessoren bleibt zu bedenken, dass die Allianz aus IBM, Apple und Motorola auf den gleichen Markt zielt wie Digital, Sun, SGI und Hewlett-Packard.

Jeder dieser Konkurrenten bietet ein eigenes Prozessordesign. Hinzu kommt, dass die neuen Prozessoren noch nicht ausgetestet sind und auch die Software neu ist, so dass "Anwender unter Umstaenden durch viel Leid und grosse Schmerzen gehen muessen", wie ein Intel- Sprecher potentielle Motorola-Kunden warnte. Aber auch der Pentium-Chip ist ja nicht ausgetestet, und Microsofts Software kommt auch nicht immer ohne Bugs auf den Markt.

Phillip Pompa, Motorolas Marketing-Direktor jedenfalls moechte den Power PC zu einem Standard in der Computerindustrie machen. Er erwartet die ersten Rechner mit 601-CPU fuer Ende des Jahres 1993. Der Preis duerfte im Bereich der 486er-Rechner liegen, also unter 2500 Dollar fuer einen Desktop und damit halb so teuer wie die 5000 Dollar, die man als Preis fuer Rechner mit Pentium-CPU erwartet.