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19.01.2001 - 

Internet aus der Steckdose kämpft mit vielen Problemen

Powerline: Zwischen Skepsis und Euphorie

MÜNCHEN (hi) - Nachdem Powerline, der Datentransport über das Stromnetz, im Frühjahr 2000 noch als eine der Alternativen zur Telekom auf der letzten Meile gefeiert wurde, sind mittlerweile verhaltenere Töne zu hören. Die einst stolz angekündigten Projekte von RWE, ENBW und anderen Energieversorgern kamen über das Versuchsstadium meist nicht hinaus. Ferner bremsen offene regulatorische Fragen den Einsatz.

Internet via Stromnetz ist die Zukunft. So oder ähnlich marktschreierisch begrüßten Analysten und Auguren vor rund einem Jahr die Ankündigungen der Stromerzeuger, Powerline (zur Technik, siehe Kasten) einzusetzen. Manch einer sah gar in den Energieversorgern die Totengräber für die klassischen Carrier. Von der einstigen Euphorie ist mittlerweile wenig zu spüren, und ehemals vollmundig angekündigte Joint Ventures zwischen Stromkonzernen und Hersteller, befinden sich offiziell noch immer im Verhandlungsstadium.

Hinter vorgehaltener Hand ist von dem einen oder anderen Energieversorger mittlerweile zu hören, dass die großspurigen Ankündigungen, das Stromnetz als breitbandigen Internet-Zugang zu nutzen, damals nichts anderes als ein PR- und Analysten-Bluff waren. Um bei der Begeisterung für Internet-Werte im Frühjahr 2000 den Kurs der eigenen Aktie zu pflegen, so die Erklärung, mussten sich die Stromkonzerne eben auch als Internet-Companies aufstellen. Im Zuge des allgemeinen Internet-Hypes wurden dann nur allzu gerne die Probleme übersehen, mit denen die Powerline-Aspiranten noch heute kämpfen. So fehlt etwa noch immer die rechtliche und regulatorische Grundlage für die Nutzung des Stromnetzes im Niederspannungsbereich (230 Volt) als Daten- und Telefonnetz. Auf der anderen Seite ist die Wirtschaftlichkeit des Datentransfers via Stromnetz noch immer mit einem großen Fragezeichen versehen: So müssen die Powerline-Betreiber für den Weitertransport der Daten TK-Leitungen anmieten oder eigene City-Netze errichten, da die Reichweite der Technologie auf wenige hundert Meter begrenzt ist. Gegner der Powerline-Technik werfen zudem ein, dass Hersteller und Energieversorger noch immer nicht den Beweis für die Alltagstauglichkeit dieser Technologie erbracht hätten, die eine Transferrate von bis zu 2 Mbit/s verspricht. Bislang habe Powerline seine Feuertaufe nur in kleinen Installationen mit wenigen hundert Anschlüssen bestanden.

Ein wesentliches Hindernis, das einer breiten Markteinführung von Powerline derzeit im Wege steht, ist die "Nutzungsbedingung 30" (NB 30). Vereinfacht ausgedrückt, definiert sie, in welchem Frequenzspektrum die Energieversorger beim Einsatz von Powerline welche Störfeldstärken erzeugen dürfen. Beim Aufmodulieren der Daten auf das Stromkabel funktioniert dieses nämlich wie eine Art Sender. Je schneller und weiter die Daten dabei übertragen werden, desto mehr Frequenzen werden beansprucht, und die Störfeldstärke steigt. Damit wächst das Risiko, andere Funkdienste zu stören. Angst vor diesen Störungen haben etwa Rundfunksender, das Militär, Seefunkstellen, Rettungsdienste etc.

Dass die Befürchtungen nicht aus der Luft gegriffen sind, bestätigt Ralf Keim, Geschäftsführer des TK-Consulting-Unternehmens LIT in Neu-Isenburg, der als Berater bei mehreren Powerline-Versuchen mit im Boot war: "Vorsichtig formuliert, war Powerline vor einem Dreivierteljahr bezüglich des Störverhaltens noch nicht sonderlich neutral."

Ein Problem, das auch Siemens in München, einer der Großen im Powerline-Geschäft, einräumt. Offen geben die Netzwerker zu, dass sie momentan mit ihren Produkten die Grenzwerte der NB 30 nicht einhalten. Das Störpotenzial der Powerline-Technologie ist denn auch einer der Gründe dafür, warum laut Harald Dörr, Sprecher der Regulierungsbehörde für Post und Telekommunikation, Powerline nur in wenigen ausgesuchten Versuchsgebieten läuft, "und für diese wurden erst dann Genehmigungen erteilt, als feststand, dass dort keine relevanten Dienste gestört werden".

Andere Hersteller wie die Schweizer Ascom oder die Eon-Tochter Oneline AG, Barleben, sehen dagegen in der NB 30 kein Hindernis mehr. So ist etwa Heinz Ranner, Manager Services & Content für die Powerline-Technik bei Ascom, davon überzeugt, dass sein Haus im Mai oder Juni dieses Jahres bereits mit dem großen Rollout in Westeuropa starten kann, "denn für uns ist die Einhaltung der NB 30 kein Problem mehr".

Ein Optimismus, den die Siemens-Techniker in München nur bedingt teilen. Sie halten nämlich nicht viel von dem Trick, wie ihn etwa die Oneline AG anwendet, mit dem Einsatz von Signal-Repeatern den Leistungs- und damit den Störpegel so stark zu senken, dass die Bestimmungen der NB 30 erfüllt sind. In ihren Augen ist diese Vorgehensweise wirtschaftlich nicht sinnvoll, da sich Powerline nur rechne, wenn die 500 bis 600 Meter vom Trafohäuschen zum Endkunden ohne Repeater überbrückt werden.

Das Einhalten der NB 30 ist jedoch nur ein Punkt des regulatorischen Fragenkomplexes: Auf der anderen Seite steht die fehlende Rechtssicherheit, denn die Spezifikation ist bislang nur als eine Art Empfehlung vom Bundesrat gebilligt - also noch keine endgültige Rechtsvorschrift. Während sich Reg-TP-Mann Dörr bezüglich eines Termins zur Verabschiedung der NB 30 bedeckt hält und auf die Politik verweist, geht das Gros der Energiversorger vom Sommer aus. Dann soll auch bei Stromkonzernen wie ENBW, Eon, RWE und anderen, die derzeit noch die Ergebnisse der Pilotversuche auswerten und die Akzeptanz der Endkunden eruieren, die endgültige Entscheidung über den Ausbau von Powerline getroffen werden.

Fehlende Rechtssicherheit und offene Akzeptanzfragen könnten jedoch auch nur vorgeschobene Argumente sein. Consultant Keim macht nämlich noch auf einen anderen Aspekt aufmerksam: "Wirtschaftlich dürfte sich Powerline hierzulande als breitbandiges Datentransportnetz kaum rechnen." Keim begründet seine Meinung damit, dass in Deutschland aufgrund der Wohnraumstruktur mit kleinen Wohneinheiten eine Powerline-Implementierung, anders als in Ländern wie Brasilien mit seinen Sechs-Millionen-Einwohner-Metropolen und ihren großen Wohnblöcken, zu teuer sei. Ein weiteres ökonomisches Problem warte auf die Energieerzeuger im Backbone. "Wenn die Konzerne diese Leitungen anmieten müssen", so der LIT-Berater, "kommen sie kaum auf ihre Kosten." Zumal die Telekom mit ihrem T-DSL-Angebot von rund 65 Mark den Preiskorridor für den pauschalen Internet-Zugang bereits vorgegeben hat. Auch wenn sich die Energieversorger in Sachen Pricing noch bedeckt halten, orientieren sie sich an dem Telekom-Angebot, das etwa die Oneline AG nach Angaben von Pressesprecherin Michaela Roth unterbieten will.

Letztlich dürfte die Entscheidung für oder gegen Powerline noch von einem anderen Punkt abhängen: Wie erfolgreich können im liberalisierten Strommarkt neue Anbieter wie Yello und Co. den etablierten Erzeugern Kunden abjagen? Selbst ein defizitäres Powerline, so ist immer wieder zu hören, rechnet sich dann für die Stromkonzerne, wenn sie dadurch Mehrwertdienste offerieren können und damit ihre Abnehmer bei der Stange halten. Als Services zur Kundenbindung schweben den Erzeugern neben Internet-Zugang und Telefonie Themen wie Home-Automation oder Facility-Management vor.

Während die Großen in Sachen Powerline-Zukunft noch keine definitiven Aussagen treffen, steht die Mannheimer MVV Energie AG bereits in den Startlöchern und will Millionen investieren. Nach dem erfolgreichen Abschluss eines Pilotversuchs mit 200 Haushalten plant der kommunale Energieversorger ab Mai in Mannheim den Rollout. "Allerdings stellt sich für uns die Frage nach dem Backbone nicht, denn wir besitzen als City-Carrier gleichzeitig einen eigenen Glasfaserring, den wir für Powerline als Backbone nutzen", erklärt Ingo Schönberg, Powerline-Projektleiter in Mannheim, die lokale Situation. Zudem haben die Mannheimer eine Powerline-Technologie gewählt, bei der sie nicht mit den Grenzwerten der NB 30 zu kämpfen haben. Sie verwenden Geräte der israelischen Mainnet Ltd., die mit einem Spread-Spectrum-Verfahren arbeiten.

Überzeugt von der eigenen Technologie und mit einem hämischen Seitenblick auf die finanziell angeschlagene TV-Kabelnetz-Konkurrenz (siehe CW 2/01, Seite 25), glaubt Schönberg an den Erfolg dieser Technologie. So streben die Mannheimer in Zukunft Powerline-Partnerschaften mit anderen Stadtwerken an, die sich ebenfalls als Energieerzeuger und City-Carrier positioniert haben. Ein Idee, die laut Pressefrau Roth auch die Oneline AG verfolgt und bereits Produktionskapazitäten von 50000 "Powerline-Boxen" pro Monat einplant.

Letztlich schwankt im Frühjahr 2001 die Stimmung im Powerline-Lager zwischen vorsichtigem Abwarten und anhaltender Euphorie. Während etwa Ascom-Mann Ranner überzeugt ist, dass "Powerline 2001 ins Fliegen kommt", hält sich Siemens eher bedeckt. Die Münchner sehen sowohl für Powerline als auch für DSL einen Markt und produzieren für beide Technologien entsprechendes Equipment.

Ansonsten äußert sich der Konzern in Sachen Powerline - verglichen zur CeBIT 2000 - sehr zurückhaltend. Hatte Siemens-Vorstandsmitglied Anthony Maher damals noch ein geplantes Gemeinschaftsunternehmen mit ENBW "als größte Allianz auf dem Gebiet der Powerline-Technik" gefeiert, so ist heute, ein Jahr später, von diesem Joint Venture immer noch nichts zu sehen. Fragen nach diesem Projekt wiegelt die Konzernzentrale mit einem "die Verhandlungen erwiesen sich komplizierter als gedacht" ab.

Vielleicht hat, angesichts der vielen widersprüchlichen Einschätzungen und Meinungen, auch TK-Consultant Keim mit seiner Analyse recht, dass Powerline zwar global in Schwellenländern und der Dritten Welt ein Erfolg wird, sich aber hierzulande im Konkurrenzumfeld von DSL und Kabel-TV-Netzen als Access-Technologie nicht behaupten kann und nur als Verfahren zur Inhouse-Vernetzung eine Zukunft hat.

Powerline-VerfahrenVor einer Diskussion über Powerline ist grundsätzlich zwischen zwei Bereichen zu unterscheiden: Dem Verfahren für den Niederspannungsbereich (230 Volt) und dem für den Mittel- und Hochspannungsbereich (größer 230 Volt bis hin zu mehreren Kilovolt). In der öffentlichen Diskussion um Powerline ist in der Regel der Niederspannungsbereich und seine Bedeutung für den Access-Bereich sowie die Inhouse-Vernetzung gemeint.

Wenn Powerline auf der letzten Meile zum Kunden häufig als eine Alternative zum Ortsnetz der Telekom gepriesen wird, so ist das nur bedingt richtig. Typischerweise liegen hierzulande die Distanzen zwischen dem lokalen Trafohäuschen und dem Hausanschluss des Kunden bei 300 bis 450 Metern. Dieses Niederspannungsnetz erschließt in der Regel 100 bis 150 Haushalte. Um dieses Netz nun für die Telefonie oder den Datentransport zu nutzen, wird im Trafohäuschen ein Kommunikationspunkt eingerichtet. Hier werden die Daten auf das Stromnetz aufmoduliert. Die Kosten für dieses Equipment veranschlagen Branchenkenner derzeit mit rund 2000 bis 3000 Mark. Beim Endkunden selbst ist dann im Haus ein so genannter Home-Koppler (Kosten etwa 200 bis 300 Mark) erforderlich, der die Signale wieder umwandelt. Zum Weitertransport der Daten vom Koppler zum PC wurden in den ersten Versuchsinstallationen noch Koaxkabel oder Twisted-Pair-Verbindungen verwendet. Eine Verkabelung, die mittlerweile überflüssig ist, wenn im Haus die Daten ebenfalls via Powerline (Stichwort: Ethernet over Powerline) transferiert werden.

An Transferraten leistet Powerline derzeit 2 Mbit/s in beiden Richtungen und ist damit theoretisch dem asymmetrischen T-DSL oder dem TV-Kabelmodem überlegen. Diese Bandbreite muss sich der Benutzer allerdings mit den anderen, am gleichen Trafohäuschen angeschlossenen Haushalten teilen (shared medium). Eine Option zur besseren Skalierbarkeit ist die Einrichtung so genannter virtueller Trafohäuschen. Auf diese Weise kann einzelnen Teilnehmern, etwa kleinen Gewerbetreibenden, eine höhere, dedizierte Bandbreite bereitgestellt werden.

Ein Problem ist jedoch die Zuverlässigkeit der propagierten Übertragungsraten. Durch Interferenzen von schlecht entstörten Elektrogeräten wie Staubsaugern, Trockenschleudern etc. bricht die Transferrate des Öfteren drastisch ein. Ein Problem, das alle Beteiligten mit neuen effizienteren Fehlerprotokollen und -algorithmen in den Griff bekommen wollen.

Ein anderer Knackpunkt ist der Weitertransport der Daten vom Trafohäuschen in das Internet. Da derzeit noch keine brauchbaren Powerline-Techniken für die Mittel- beziehungsweise Hochspannung verfügbar sind, erfolgt die weitere Übertragung über herkömmliche Daten- und TK-Netze. Muss ein Energieversorger diese Kapazitäten anmieten, so stößt eine Powerline -Installation schnell an die Grenzen der Wirtschaftlichkeit. Hier sind die Stromerzeuger im Vorteil, die bereits als City-Carrier eine eigene Infrastruktur aufgebaut haben.

Im Inhouse-Bereich eröffnen Unternehmen wie die Münchner Polytrax Information Technology AG mit Powerline die Möglichkeit, ohne aufwändige Vernetzung Daten zwischen verschiedenen Rechnern auszutauschen.

Abb.1: Die letzte Meile

Alternative zur Telekom? Powerline überbrückt die letzten hundert Meter zum Kunden. Quelle: Ascom

Abb.2: Vergleich der Breitbandtechnologien

Anmerkung: Paneuropäischer Vergleich, nationale Besonderheiten wie etwa die UMTS-Lizenzgebühren von rund 16 Milliarden Mark in Deutschland sind bei der Kostenberechnung nicht berücksichtigt. Quelle: Ascom