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19.06.1992 - 

Börsengang soll die hohen Schulden tiIgen

Prime Computer plant Neubeginn als Softwarehaus Computervision

MÜNCHEN (bk) - Der hochverschuldete Minicomputerhersteller Prime Computer Inc" Natick, will mit einer umfangreichen Rekapitalisierung und Umstrukturierung wieder auf die Beine kommen. So stellte das Unternehmen bei der amerikanischen Börsenaufsichtsbehörde Antrag auf Börsenzulassung, plant die Umbenennung in Computervision Corp. und einen Management-Buy-out der Minicomputer-Division.

Förmlich in letzter Minute hatte die amerikanische DR Holdings Inc., getragen von der Wagnisfinanzierungsfirma J. H. Whitney, Mitte 1989 die Prime Computer Inc. aus den Fängen der übernahmewütigen MAI Basic Four Inc., Tustin, gerettet. Aber die Freude darüber, dem Wallstreet-Spekulanten Bennett LeBow doch noch entkommen zu sein, währte nicht lange: Zu hoch waren die Schulden - rund 1,2 Milliarden Dollar und die damit einhergehenden Zinslasten, die der Minicomputerhersteller fortan zu tilgen hatte.

Auch drei Jahre nach der Übernahmeschlacht drücken Prime Computer laut Hermann Becker, Marketing-Leiter der deutschen Prime-Tochter in Wiesbaden, noch rund 900 Millionen Dollar Verbindlichkeiten. Allein die Shearson Lehman Brothers Inc., einer der größten amerikanischen Broker und eine Division der American Express Co., hat Forderungen in Höhe von rund 570 Millionen Dollar offenstehen. Diese stammen aus einem Überbrückungskredit, mit dem Shearson Prime-Retter J. H. Whitney unter die Arme griff, als der Venture-Capitalist Probleme mit der Finanzierung des Deals bekam. Die Broker-Gesellschaft konnte indes den Kredit nicht refinanzieren, da der Markt für Junk Bonds (hochverzinste, aber nicht abgesicherte Wertpapiere, unter Experten auch "Schrottpapiere" genannt) zusammenbrach, und wartet nun auf die Rückzahlung durch Prime.

Dies will der Minimaker aus Natick mit dem erneuten Gang an die Börse bewerkstelligen. Der Antrag bei der amerikanischen Börsenaufsichtsbehörde (SEC) ist bereits eingereicht. Er beinhaltet zum einen die Ausgabe von 15,8 Millionen Stammaktien zu einem vorgeschlagenen Preis von 18 und 20 Dollar pro Aktie, was laut Becker ungefähr einem Drittel der Aktien entspricht, die man in Umlauf bringen könne - in Glanzzeiten hatte Prime rund 50 Millionen Aktien im Feld. Zum anderen beantragte Prime auch ein öffentliches Zeichnungsangebot für Schuldverschreibungen in Höhe von 125 und 175 Millionen Dollar, die 1997 beziehungsweise 1999 fällig werden.

Stimmt die SEC den Plänen von Prime zu und ist das Unternehmen aus Natick an der Börse eingeführt, will man rund 300 Millionen Dollar der Verbindlichkeiten gegenüber Shearson in bar bezahlen, der Rest soll über die Ausgabe von Stammaktien an den Broker beglichen werden. Verläuft alles nach Wunsch, befindet sich Prime nach dem gesamten Deal zu 33,8 Prozent in Besitz der Aktionäre, mit 31 Prozent ist Shearson und zu 35,2 Prozent Whitney beteiligt.

Neben dem Finanzakt beabsichtigt das Management des Minimakers unter Leitung von Jack Shields zudem eine umfangreiche Umstrukturierung des Unternehmens. So soll die bisherige Prime Computer Inc. in Computervision Corp. umbenannt werden - mit diesem Namen will man auch an die Börse gehen. Vor allem aber strebt der einstige Hardwarespezialist nun endgültig die Wandlung zum klassischen Software- und Systemhaus im technisch-wissenschaftlichen Bereich an. Hardware, so Becker, will man künftig - wenn überhaupt nur noch auf OEM-Basis vertreiben. Schon jetzt vermarktet Prime Workstations von Sun und Digital Equipment, unlängst wurde ein weiterer Vertrag mit Hewlett-Packard geschlossen.

Die eigenen Minicomputer-Aktivitäten, sprich: der Bereich der proprietären Prime-Serie-50-Maschinen, die bereits vor einigen Monaten als eigenes Profit-Center ausgegliedert wurden, sollen nun vollends abgestoßen werden. Ein Grund: Die Gewinn-, wohl eher aber die Verlustrechnung dieses Bereiches soll nicht in die neue Computervision Corp. hineinwirken. Hermann Becker: Die Minicomputergeschäfte tragen nur acht Prozent zum Gesamtumsatz bei und sind nicht gewinnträchtig, höchstens kostendeckend. Wir verkaufen mittlerweile mehr DEC- und Sun-Rechner als eigene Systeme." Dies sei allerdings auch nicht weiter verwunderlich, da im technischwissenschaftlichen Bereich nun einmal Workstations das Nonplusultra seien.

Entledigen will sich Prime des Minicomputergeschäftes in Form eines Management-Buyouts. Das für das Profit-Center zuständige Management-Team um Neil McMullan, so Becker, habe sich mit Blick auf eine nicht unerhebliche installierte Basis bereit erklärt, den Serie-50-Sektor zu erwerben und als eigenständiges Unternehmen weiterzuführen. Diese Absplittung soll weltweit erfolgen, damit sind insgesamt rund 150 Mitarbeiter in diesen Deal involviert. Ob der Name Prime für diesen Bereich erhalten bleibt, steht noch nicht fest.

Daß der einstige Hardwarehersteller aus Natick sein Heil nun nahezu ausschließlich im Software- und Systemintegraionssektor sucht, kommt nicht überraschend. Schon Anfang 1988 hatte Prime die auf CAD/CAM-Software spezialisierte Computervision Corp., Bedford, aufgekauft und als Unternehmensbereich eingegliedert. Als schließlich die Gewinnspannen im Hardwarebereich drastisch zurückgingen, stellte Prime mehr und mehr das Software- und Servicegeschäft in den Vordergrund.

Vor etwa neun Monaten wurde zudem die Dienstleistungstochter Primeservice gegründet. Zu ihren Aufgaben zählen neben dem Hardware-Kundendienst auch der gesamten Support für die existierende Software, Schulung sowie Systemintegration einschließlich Beratung. Diese Tochtergesellschaft, die laut Becker bereits so profitabel ist, daß sie unlängst in den USA die Service - und Schulungsorganisation der Intel Corp. einschließlich 100 Mitarbeitern übernehmen konnte, wird der neuen Computervision Corp. zugeordnet - entweder als selbständige Tochter oder als Profit-Center.

An der Notwendigkeit für Prime, sich vom Hardwarehersteller zum Software- und Serviceanbieter zu wandeln, besteht für Marketing-Leiter Becker kein Zweifel: "Wir müssen diesen Schritt hin zum Softwarehaus tun und schaffen. Es ist die einzige Chance, um zu überleben."