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14.08.1992 - 

Alternativkonzepte sind bereits fertig

Prime-Kunden nehmen Ausstieg ihres Lieferanten gelassen hin

FRAMINGHAM/MÜNCHEN (bk) - Mit der Prime Computer Inc. hat sich ein namhafter Computerhersteller aus der Hardwareproduktion verabschiedet. Bei amerikanischen Kunden hielt sich die Überraschung über diese Maßnahme indes in Grenzen. Manch deutscher Prime-Anwender glaubt gar, das Unternehmen werde noch mehr Federn lassen müssen.

Die Topmanager der Prime Computer Inc. haben alles so schön geplant: Mit einer beträchtlichen Rekapitalisierung, die den Gang an die Börse beinhaltet, will man sich endlich von der drückenden Schuldenlast befreien, die ihnen der unfreundliche wie erfolglose Übernahmeversuch der MAI Basic Four vor knapp vier Jahren beschert hatte. Zudem soll eine Umorganisation zum Softwarehaus dem Unternehmen, das künftig Computervision Corp. heißen möchte, zu neuem Glanz verhelfen. Die Anträge bei der amerikanischen Börsenaufsichtsbehörde SEC sind gestellt, die Verhandlungen mit den Banken laufen - noch aber gibt es kein Ergebnis.

Management-Buy-out des Minibereichs gescheitert

Mit einem Plan ist das Unternehmen aus Natick indes bereits gescheitert, nämlich im Rahmen der "Operation Softwarehaus" einen sanften Ausstieg aus der Hardwareproduktion zu vollziehen. Der bereits vor Monaten als eigenes Profit-Center ausgegliederte Minicomputerbereich, die proprietären Serie-50-Rechner, sollte in Form eines Management-Buy-outs von dem zuständigen Team um Neil McMullan erworben werden. Obwohl gerade die Minicomputer-Aktivitäten von Prime in den vergangenen Jahren mehr Verlust als Gewinn einbrachten, schien sich McMullan von der installierten Basis einiges zu versprechen.

Doch vor wenigen Wochen platzte der Deal. Die genauen Gründe dafür waren nicht in Erfahrung zu bringen. Prime teilte der SEC nur mit, daß sich das Management um McMullan mit Primes Softwarebereich Computervision und ungenannten Dritten nicht auf die Modalitäten der Übernahme einigen konnte. Folge: Prime gab die Einstellung der Hardwareproduktion mit sofortiger Wirkung bekannt.

Die Leidtragenden, die Kunden, nahmen Primes Entscheidung eher gleichmütig hin - obwohl abzusehen ist, daß die meisten spätestens 1994 Probleme mit ihren Rechnerinstallationen bekommen werden und demzufolge schnellstmöglich umstellen müssen. Doch Alternativkonzepte liegen bereits in der Schublade. Bestätigt Stan Zelepsky, Manager of Information Resources bei einer von fünf Prime-dominierten Abteilungen der Zurn Industries Inc., Erie, Pennsylvania, gegenüber der CW-Schwesterzeitung "Computerworld": "Wir haben bereits vor einiger Zeit Pläne gemacht, auf eine andere Hardware-Plattform umzustellen. Deshalb gibt es keinen Grund für Panik."

Amerikanische Kunden: Kein Grund zur Panik

Die gesamte Kundenbasis, bekräftigt auch Ray George, President der Pittsburg Prime User Group, sei durchweg gelassen, weil man sich auf diesen Schritt vorbereitet habe. Zahlreiche Benutzergruppen hätten begonnen, Alternativen auszuarbeiten, nachdem bei einem nationalen User-Group-Treffen im Juni "einige verdächtige Dinge passiert seien". Die anwesenden Prime-Manager, erinnert sich George, hätten den versammelten Kunden keinerlei Informationen über die damals gerade bekanntgewordenen Umstrukturierungspläne des Unternehmens gegeben. Prime-Sprecher begründeten das Stillschweigen damit, daß man aufgrund der Prüfung des Antrages durch die Börsenaufsichtsbehörde SEC zu den Fragen der Kunden offiziell nicht hätte Stellung nehmen dürfen.

Ganz ohne Sorgen sind die Prime-Kunden in den USA dennoch nicht. Denn solange sie sich in der Migrationphase befinden, müssen sie mit der bestehenden Hardware arbeiten und fürchten, irgendwann keine Ersatzteile oder Zusatzprodukte mehr zu bekommen. So reicht die Verarbeitungsleistung eines bei der Hammatsu Corp., Bridgewater, gerade installierten Prime-Rechners vom Typ 5340 noch rund fünf Jahre aus, doch fragt sich Eric Atanda, System- und Telecom-Manager zu Recht: "Was ist, wenn wir mehr Speicher oder Festplatten benötigen?"

Zunehmende Bedeutung des Servicegeschäfts

Auch Prime Computer muß aber klug taktieren, will man nicht die Zukunft der erst von rund einem Jahr gegründeten, jedoch überaus erfolgreichen Dienstleistungstochter Primeservice gefährden, die - sollte die Umfirmierung genehmigt werden - der neuen Computervision angegliedert sein würde. Primeservice, die die Hardware Kunden betreut, aber auch den gesamten Support der existierenden Software macht, dürfte durch die Einstellung der Hardwareproduktion langfristig Probleme bekommen, sind viele Prime-Kunden überzeugt. Werden keine Rechner mehr ausgeliefert, so die vorherrschende

Meinung, geht auch der Servicebedarf zurück. Außerdem wehe der Dienstleistungstochter ein zunehmend schärferer Wind ins Gesicht, weil zahlreiche Drittwartungs-Gesellschaften ständig versuchten, die Preise von Primeservice zu unterbieten. Eine erfolgreiche Servicetochter ist für Prime aber unbedingt erforderlich, will man den Schritt hin zum Softwarehaus schaffen.

Bei manchem deutschen Kunden hat Prime mit diesen Ambitionen schlechte Karten. Gerade im Spezialbereich CAD Software scheint hier derzeit einiges im argen zu liegen. So sind momentan nach Auskunft eines DV-Leiters viele ehemalige Calma-Kunden - Calma war bis Mitte 1988 die CAD/CAM-Tochter von General Electric und wurde dann von Prime aufgekauft - auf der Suche nach einer neuen CAD Software, die das alte Calma-Produkt Dimension 3 ersetzen soll. Die Alternativsoftware von Prime, CADDS 5, wird zwar getestet, aber nur selten in die engere Wahl gezogen.

Informationspolitik seit jeher schlecht

Dies liegt nicht nur am Produkt. Vielmehr scheinen zumindest die Ex-Calma-Kunden die Umstellung auf eine neue CAD-Software als willkommenen Anlaß zu nehmen, sich von Prime zu verabschieden. Der befragte DV-Leiter: "Wir haben schon geraume Zeit damit geliebäugelt, uns von Prime zu trennen. Zum einen war die Informationspolitik, zum Beispiel in Sachen Akquisitionen, seit jeher schlecht. Vieles haben wir nur aus der Zeitung erfahren. Zum anderen hat Prime einen starken Aderlaß an Fachkräften. Zahlreiche Mitarbeiter aus dem Vertrieb und der Anwendungsberatung wechselten zu anderen Unternehmen, weil sie angesichts der unsicheren Zukunft von Prime Angst um ihren Arbeitsplatz hatten."

Auch sei man es satt, ständig mit neuen Schreckensmeldungen über die finanzielle Situation des einstigen Minicomputerherstellers konfrontiert zu werden. Deshalb werde man den Gang in eine neue Softwaregeneration wohl nicht mit Prime antreten.

Daß Prime den Umstieg zum Softwarehaus schafft, glaubt der DV-Experte nicht. Ein Unternehmen, von dem man nicht wisse, wie lange es noch überlebt, tue sich schwer, neue Fachkräfte zu gewinnen. Somit sei der personelle Aderlaß der letzten Zeit kaum zu kompensieren, was sich sicher nicht positiv auf die Kundenzufriedenzeit auswirke. "Prime wird noch mächtig Federn lassen müssen. Für mich ist der Crash vorhersehbar."