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27.02.1998 - 

Bayerischer Rundfunk: Pionierleistungen für ein Medium im Umbruch

Prinz Internet weckt das Radio-Dornröschen

"Das hätten wir den Bayern gar nicht zugetraut." So oder ähnlich lautet der Grundtenor zahlreicher E-Mails, die der Sender von Internet-Hörern aus aller Welt erhält, schildert Toni Siegert, Leiter der Projektgruppe Multimedia Hörfunk des Bayerischen Rundfunks (BR), nicht ohne Stolz. Kaum ein Fleck dieser Erde, aus der noch keine Rückmeldung zum Online-Programm der Münchener gekommen wäre. Sogar die Antarktis durfte mittlerweile abgehakt werden, seit sich deutsche Wissenschaftler dort auf einem Forschungsschiff via Web mit dem Nachrichtenkanal B5-Aktuell auf dem laufenden halten.

Damit ist bereits ein Vorteil des Live-Radios im Internet offenkundig: Regionalsender können ihre Reichweite weit über die Kapazitäten ihrer Kurzwellenanlagen hinaus ausdehnen. Selbst im eigenen Land lassen sich ganz neue Hörerpotentiale erschließen. Junge Menschen verlagern ihr Informationsbedürfnis zunehmend auf das Internet, Fans ignorieren Sendegrenzen und suchen im Web die Welle ihrer Wahl. Durch Nutzeranalysen der eigenen Web-Sites weiß BR-Mann Siegert zugleich von regen Zugriffen aus Unternehmen heraus zu berichten. Das Web-Radio erreicht die Menschen auch dort, wo in aller Regel bisher kein Empfang möglich war: am Arbeitsplatz. Weit höher als die Gewinnung zusätzlicher Hörer schätzt Siegert allerdings den Imagegewinn durch die Internet-Präsenz ein.

Wer heute noch versuche, ein ausnahmslos eindimensionales Medium anzubieten - sei es ein Buch, eine Zeitung oder eine Radiostation - werde langfristig verlieren. Dies zeigten alle Markterhebungen, so Siegert. Der Bayerische Rundfunk reagierte schnell und konsequent auf die sich wandelnde Medienlandschaft. Am Anfang stand die Antrittsrede des neuen Hörfunkdirektors Thomas Gruber am 1. Mai 1995. Damals sprach er von der Vision, eines Tages Radio im Internet hören zu können. Noch im Sommer desselben Jahres ging auf Anregung des technischen Direktors Herbert Tillmann die Web-Site des BR (www.br-online.de) ins Netz.

75 Jahre lang hatte sich auch in München an den Abläufen im guten alten Rundfunkgeschäft kaum etwas geändert. Jetzt plötzlich wurde das Angebot ergänzt durch Textbeiträge und Bilder. Daß es dabei nicht blieb, ist Multimedia-Pionieren wie Toni Siegert zu verdanken.

Er nahm die Herausforderung einiger US-Sender an, Tonbeiträge live im Internet zu senden. Von Anfang an war klar, daß die notwendige Entwicklungsarbeit nicht im Haus selbst geleistet werden konnte. Die ebenfalls im Sommer 1995 gegründete Online-Arbeitsgruppe nahm Kontakt zu den Wissenschaftlern der Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung (GMD) in Sankt Augustin bei Bonn auf. Diese beschäftigten sich seit einiger Zeit mit dem Problem der Live-Übertragung von Audiodaten ins weltweite Datennetz. Nach nur wenigen Wochen Arbeit in einem gemeinsamen Forschungsprojekt war der Informationskanal B5-Aktuell Ende November 1995 reif für die Direktübertragung ins Internet. Zur CeBIT 1996 erfolgte dann der offizielle Start und Hörfunkdirektor Gruber mußte bekennen, wie kurzlebig Visionen sein können.

Streaming-Technik für Live-Gefühl

Die GMD hatte ein eigenes Verfahren entwickelt, mit dem die Komprimierung von Audiodaten sehr schnell erfolgen kann. Dauerte es zuvor mitunter Stunden, um längere Beiträge aufzubereiten, so liegen heute maximal fünf bis zehn Sekunden zwischen der Abstrahlung per Antenne und der Wiedergabe im Internet. Von Anfang an setzten Forscher und Radiomacher auf die noch junge Streaming-Technologie. Zwar könne man auch mit statischen Audio-Files Texte und Bilder multimedial ergänzen, allerdings schaufle man mit diesem Download-Verfahren das Internet unnötig zu, argumentiert Siegert. Außerdem lasse sich damit kein Live-Gefühl vermitteln.

Beim Streaming-Verfahren dagegen wird der Beitrag nacheinander in kleinen Blöcken in den Zwischenspeicher des Wiedergabe-Tools auf dem Nutzer-PC (Player) geladen. Das Hörvergnügen beginnt fast unmittelbar und läßt sich jederzeit beenden, ohne viel Datenmüll zu hinterlassen. Während bei Projektbeginn noch die Firma Xingtech mit dem Xingplayer eine überlegene Streaming-Technologie bereitstellte, hat sich inzwischen das Real-Audio-Format zum Quasi-Standard entwickelt. Seit dem Sommer letzten Jahres empfiehlt der Bayerische Rundfunk seinen Web-Nutzern daher den Umstieg.

"Personal Radio" nennen die Bayern den Live-Auftritt ihres Senders im Web http://br.gmd.de/ . Der Name ist Programm. Siegert und sein Team gaben sich keineswegs damit zufrieden, in Deutschland die erste Online-Radiostation zu sein. Sie wollten den Nutzern zusätzlich zum Live-Kanal die Abfrage von Tonbeiträgen nach Bedarf ermöglichen und damit eine weltweite Innovation bieten. "Es ist besser, an der Spitze der Bewegung zu marschieren und Standards mitzubestimmen, als nachher den Angeboten der Konkurrenz hinterherzulaufen", bezeugt Web-Funker Siegert das unvermutet dynamische Potential eines öffentlich-rechtlichen Senders. Im B5-Wellenarchiv stehen Interessenten mittlerweile sämtliche Beiträge des laufenden Tages sowie der letzten Wochen und Monate auf Abruf zur Verfügung. Eine Unterteilung in verschiedene Rubriken wie Nachrichten, Börse, Wetter oder Kultur erleichtert die Zusammenstellung der persönlichen Radiosendung.

Im Auftrag des BR entwickelte die GMD dazu ein Verfahren, Audiodaten zu duplizieren (siehe Grafiken). Nachdem das Audiosignal über den Satelliten-Receiver aufgenommen wurde, wird es an einen Reflektor weitergeleitet, der den Datenstrom dupliziert und in zwei äquivalente Ströme spaltet. Der eine dient zur Bereitstellung des digitalen, komprimierten Audiosignals für die Live-Sendung. Der zweite Strom, der sogenannte Audio-on-demand-Stream, wird in Pakete einer vorgegebenen Größe, zur Zeit 15 Minuten, aufgeteilt. Diese Audio-Files erhalten einen speziellen Namen, der auf den Zeitpunkt ihrer Entstehung schließen läßt, zur Referenzierung in einer Datenbank dient und eindeutig ist. Dies ist insofern von Bedeutung, da der gesamte Ablauf inklusive Aufnahme in die Datenbank vollautomatisch erfolgt und entsprechend sicher gestaltet sein muß.

Die so aufgeteilten und referenzierten Audio-Files werden auf den Audio-File-Server gespielt und sind über eine Client-Server-Datenbank abrufbar. Mit dem vorgestellten Procedere reagierten die Forscher der GMD auf das Pflichtenheft des BR, das eine möglichst kostengünstige und zuverlässige Lösung vorschrieb. Siegert beziffert die Ausgaben auf etwa 200000 bis 300000 Mark für Entwicklung und Hardware.

Aufbruchstimmung im Funkhaus

Der geglückte Start des Info-Kanals ermutigte die Multimedia-Mannschaft des BR, zum Jahreswechsel 1997/98 auch mit dem Entertainment-Kanal Bayern 3 live ins Internet zu gehen. Der Erfolg gibt ihnen recht: Inzwischen registriert Siegert monatlich deutlich mehr als 500000 Zugriffe auf die Web-Sender seines Hauses. Daß er sich dennoch nicht zurücklehnen kann, hängt mit der Dynamik des Mediums zusammen. Nach den Erhebungen der amerikanischen Beratungsfirma BRS Radio Consultants, San Franzisko, tummeln sich mittlerweile sage und schreibe 1133 Radiosender mit einem Live-Angebot im Internet http://www.web-radio.com . Weltweit senden 97 Stationen ausschließlich via Web. Um sich aus der Masse herauszuheben, dürfe man nicht auf die Weiterentwicklungen der Konkurrenz warten, so Siegert.

Sein Stellvertreter Karl-Heinz Bühler gibt die Stimmung innerhalb der Online-Mannschaft des BR wieder: "Es macht Spaß darüber nachzudenken, wohin sich ein Medium wie das Radio entwickeln kann." Dafür nimmt er auch 17-Stunden-Schichten während der Olympiaberichterstattung aus Nagano in Kauf (siehe auch Kasten). Das Internet erweitert ständig die Möglichkeiten des klassischen Rundfunks. Mit dem "College Radio" stellen die Münchner beispielsweise jetzt dem herkömmlichen Schulfunk eine multimediale Online-Ergänzung zur Seite. Redakteure und Techniker, die bislang streng linear arbeiteten, müssen sich nun Gedanken um die textliche und optische Aufbereitung ihrer Sendungen sowie um die Auswahl geeigneter Audio-Files machen. Viele lassen sich von der Aufbruchstimmung, die Siegert verbreitet, anstecken und reichen eigene Vorschläge zur Weiterentwicklung des Web-Auftritts ein. Dennoch rät der Multimedia-Chef zur vorsichtigen Einführung von Neuerungen. Der User sei nicht so aufnahmefähig, wie oft vermutet, und müsse mitwachsen.

Schließlich erlaubt Siegert noch einen Blick in die Zukunftwerkstatt. Zusammen mit Web-Master Franz Lachermeier basteln derzeit mehrere Spezialisten der Firma Oracle an einer zentralen Datenbank für sämtliche Inhalte, die an den verschiedenen Schnittstellen des Funkhauses auflaufen. Dieser Oracle-Media-Frame soll den Zugriff auf einheitliche Datenquellen für die Aufbereitung in den unterschiedlichen Redaktionen und Diensten (Online, Digital Audio Broadcasting, Satellit, Faxpolling oder TV-Bildschirmtext) ermöglichen. Auch für die Nutzer des Web-Radios wird im Endausbau ein weiterer Mehrwert damit verbunden sein: die Volltextrecherche im Audio-Archiv.

Der Leiter der Projektgruppe Multimedia Hörfunk beim BR stellt sich den Herausforderungen, die sich aus dem Zusammenwachsen des klassischen Rundfunks mit der Internet-Plattform ergeben, voller Tatendrang: "Das hält uns selber wach und treibt uns voran. Das ist kein statisches Funkhaus, das da am Hauptbahnhof in München in die Luft ragt, sondern da ist sehr viel in Bewegung, um das Medium Rundfunk attraktiv in die Zukunft zu bringen", erklärt Siegert die eigene Motivation. Beinahe gewinnt der Beobachter den Eindruck, als habe hier ein Prinz Internet das Radio aus einem jahrzehntelangen Dornröschenschlaf geweckt.