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Prinzipien des 3. DV Programms überleben:Einen Markt für deutsche Rechner?

28.03.1980

MÜNCHEN (CW) - Die aufwendig in drei Datenverarbeitungsprogrammen des Bundes geförderte deutsche Computerindustrie braucht einen Markt. Der Verdacht liegt nahe, das der Bund selbst diesen Markt durch Eigenbedarf und "beeinflußten" Bedarf schafft . Mit der "Bremer Computeraffaire" tauchte vielleicht nur die Spitze eines Eisbergs auf, an dem die Vorschußlorbeeren für Siemens sichtbar prangen.

Die Bremer Uni trat für den Burroughs 7.800 ein, der Senat der Hansestadt bestand auf einem Siemensrechner, um in den Genuß der 85prozentigen Bundeshilfe aus dem Programm zur Errichtung regionaler Rechenzentren zu gelangen. Bei dem US-Hersteller Burroughs hätte nur eine Finanzierung gemäß Hochschulbauförderungsgesetz gegriffen, die dem Land Bremen einen Kostenanteil von 50 Prozent beließe. Seit acht Jahren rechnen die Bremer auf einer Iris 80, die nach Auskunft von RZ-Leiter Professor Dr. Günther Lamprecht zu klein und heute überaltet ist. Das "Hickhack" um den Hersteller, so verstand es auch der Senator für Wissenschaft und Kunst, ist vor dem "großen Einstieg" in die Versorgung von bis zu 40 weiteren Hochschulrechenzentren zu sehen, deren TR 440 abgelöst werden soll.

"In der Ausschreibung der Universität", so erklärte Lamprecht, "war eine Leistung von mindestens dreimal TR 440 verlangt worden, was über Benchmark-Tests nachgewiesen werden sollte." Außerdem verlangte das Rechenzentrum, dessen Bedarf jährlich um 40 Prozent zunahmen, zwei Jahre lang keine Hochrüstung vornehmen zu brauchen. Den Faktor drei begründete Lamprecht, der heute bereits beim Faktor acht operiert, mit dem Vorwurf des BMFT, daß Siemens sonst nicht mithalten könnte.

Kein Forschungslabor der Siemens

Die in der Endphase angestrebte Siemens 7.782 wurde zwar im Herbst 1978 angekündigt, ist aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht lieferbar, was Siemens bestätigt. Deshalb sieht der zwischen Siemens und dem Wissenschaftssenator ausgehandelte Installationsplan folgende Stufen vor:

- Juli 1980: Siemens 7.762. Der erste Rechner dieses Typs wurde, wie Lamprecht und Dr. Reiner Schöning, verantwortlich für den Rechnervertrieb im wissenschaftlichen Bereich bei Siemens, besäftigen, Anfang März ausgeliefert. Wie die nachfolgenden Modelle war auch dieser Rechner im Herbst 1978 angekündigt. Ein Vertrag ist bisher laut Lamprecht nicht unterschrieben.

- Erstes Qartal 1981: Installation einer Siemens 7.780,

- 1982: Hochrüstung auf das Modell mit Doppelprozessor, die 7.782,

- 1983: Hält der Hersteller die Garantien nicht ein, wird ersatzweise eine 7.800 mit: BS3000 geliefert, die Siemens von seinem japanischen Kooperationspartner Fujitsu bezieht. Eine der Bedingungen ist, daß weitere wissenschaftliche Rechenzentren mit einer Siemens 7.782 ausgestattet sind, so daß Programme und Erfahrungen ausgetauscht werden können.

Für ein Forschungslabor der Siemens, so die Universität, sei das Rechenzentrum nicht ausgelegt. Benchmark-Tests auf den Labormaschinen seien nicht, durchführbar, klagt Lamprecht. Burroughs' neue Serie 7.800 stelle zwar eine Weiterentwicklung der Serie 7.700 dar, argumentiert die Universität, bleibe aber in Systemarchitektur und Betriebssystem unverändert. "Der Übergang zum Mehrprozessor-System ist nicht ganz einfach, wie die Erfahrung bei anderen Herstellern zeigt", erklärte Lamprecht. "Auch bei der Anpassung des BS2000 erwarten wir erhebliche Probleme."

Während des 3. DV-Programmes der Bundesregierung lag die Förderung inländischer Computerhersteller auf der Hand. Danach sollte, gleiches Preis-/Leistungsverhältnis vorausgesetzt, der europäische oder deutsche Hersteller bevorzugt werden. "Der Grundsatz wird auch in dem noch nicht verabschiedeten Anschlußprogramm weitererfolgt", erläuterte Dirk Henze, Referent im Bundesinnenministerium für Fragen der Technologie und Anwendung von EDV in der Bundesverwaltung. Dies gelte auch dann, wenn die Prinzipien nicht mehr offiziell in dem Programm enthalten sein werden. Das Politikum läßt lediglich an Wettbewerbsverzerrung denken. Es muß aber nicht das Kartellamt in Berlin auf den Plan rufen. Bis jetzt, war vom obersten Wettbewerbshüter zu hören, hätten weder die von der Bremer Universität gegen die Summen des Senates und des fördernden Bundes favorisierte Burroughs noch die beim Leistungstest an zweiter Stelle placierte CII Honeywell Bull gegen die Siemens AG geklagt, die bei der Ausschreibungsbewertung an zweitletzter Stelle rangierte. Das Kartellamt selbst versuche, sich über die Vorgänge zu unterrichten. Eine Antwort sei jedoch noch nicht eingegangen.

Protektionismus-Verdacht

"Zwar gibt es in unseren Bundesbehörden keine Empfehlung, buy German", doch läßt sich eine faktische Wirkung in der Beschaffungspolitik, die in der Bevorzugung inländischer Produkte zum Ausdruck kommt, nicht leugnen." Darin, so meinte Dieter Wolf, Referent für Wettbewerbspolitik im Bundeswirtschaftsministerium, komme die doppelte Verantwortung des Staates zum Ausdruck. Für Arbeitsplätze und eine relative Unabhängigkeit auf dem Gebiet neuer Technologien müsse die Allgemeinheit zahlen.

Die Entscheidung in Bremen fiel nicht nur nach leistungsbewertenden Kriterien. Vielmehr, so schreibt der Senator für Wissenschaft und Kunst, "werte die Entscheidung ausschließlich nach sachlichen Gesichtspunkten getroffen, wozu neben reinem Leistungsvergleich auch Preis-/Leistungsvergleiche, Finanzierbarkeit und andere Sachgründe . Die gesamte Förderung regionaler Rechenzentren sei darauf ausgerichtet gewesen, hieß im Bundesforschungsministerium, der mit etwa drei Milliarden Mark unterstützten deutschen Computerindustrie einen Markt für ihre Produkte zu schaffen, um die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken.

Für die These könne auch sprechen, daß die indirekt staatliche GMD ein Migrationsprojekt unter den bundesdeutschen Hochschul- und Regionalen Rechenzentren fördert, das den Anwendern die Umstellung der Software von der CGK TR 440 auf Siemens BS2000 erleichtern soll. Dafür spräche auch die von Lamprecht erwähnte Forderung des BMFT, sich bei der Ausschreibung auf den Faktor dreimal TR 440 zu beschränken.

Fraglich aber wird diese Förderungspolitik, wenn Siemens die rigiden Konditionen bis 1983 nicht erfüllt und den Bremern einen Fujitsu mit Siemens-Etikett liefert. Dann nämlich bereiten die Minister den Japanern den Markt, ohne die deutsche DV-Industrie anders als durch einen weiteren Konkurrenten "anzukurbeln". Wie die Entscheidung nach den Kriterien des 3. DV-Programms aussieht, darüber gibt es in der Bundesverwaltung noch keine Erkenntnisse. "Ein solcher Fall, so der EDV-Referent für den Bedarf der Bundesverwaltung, "ist bei uns bisher noch nicht eingetreten." Und auch in Gedanken habe man ihn noch nicht durchgespielt.