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10.04.1981 - 

Informationsanalyse statt Organisations-Strukturuntersuchung, Folge 23

Priorität als modernes Herrschaftsmittel

Beim Durchspielen von Handlungsalternativen werden von Vorgesetzten aus freier Entscheidung Prioritäten gesetzt. Mit dem Prioritätenschalter für allgemeines politisches oder ökonomisches Handeln kann viel Unsinn angerichtet werden, als in einem nicht für jedermann einsichtigen, dynamischen System, das wahlfreie Umrangieren der Prioritäten für Handlungsabläufe letztere in ihrer ursprünglichen Ordnung stört.

Andere Dinge oder Informationen erfahren plötzlich einen höheren Stellenwert. Routinen werden gestört, es werden bei den Untergebenen neue Termindrücke erzeugt, ohne daß dieses im allgemeinen Konsens gerechtfertigt erscheint. Im Marketing der Konsummittelfirmen, denken wir nur an die Typenpolitik einiger Automobilhersteller, gab es mehrfach falsche Prioritäten zu der Zeit, als schon die Konkurrenz ein besseres Gespür für alternative Modelle bewies. Wenn Primat unternehmerischer oder politischer Entscheidungen die alleinige Regelung durch das veränderliche Setzen von Prioritäten ist, dann mißachten die Herrschenden den Konsens und die Dynamik von gesellschaftlichen Systemen.

Die Betätigung des Prioritätenschalters wird zunehmend mit der Informationalisierung der Gesellschaft zu einem Politikum! Nehmen wir einmal die Forschungspolitik. An wechselnde Prioritäten für die Kernkraft oder alternative Energien hat sich die Öffentlichkeit fast schon gewöhnt. Da nimmt es nicht wunder, wenn ausgerechnet im Förderungsschwerpunkt der "technischen Kommunikation", worunter auch wichtige Innovationen zur Nachrichten- und Computertechnologie verstanden werden, wie in einem Wellentauchbad vorhandene Stellen zur Kommunikation "festgelötet" werden. Die Anwendungsforschung hat eine höhere Priorität erhalten. Sie ersetzt die nur langfristig zu verstehende Grundlagenforschung. Die Folge wird sein, daß langfristig höchstens gut dotierte Hochschulinstitute noch forschen können, aber Bund und Länder sowie die Industrie neue Bauelemente und Rechnerstrukturen aus dem Ausland importieren müssen, zu Lasten eigener früherer Entwicklungen: Umorientierung durch Umschaltung der Priorität, denn oft wird Wichtigkeit und Dringlichkeit verwechselt.

Die ausdrückliche Formulierung von Verhaltenserwartungen darf nicht eine Improvisation widerspiegeln, deren Anlaß eine einsame Entscheidung war, zum Beispiel durch das Setzen bestimmter Prioritäten, ohne daß ein Konsens der Beteiligten hergestellt worden ist. Die Darstellung formaler Situationen und Erwartungen - Unternehmensziele zum Beispiel - sollte nach Programmen erfolgen, die vorher abgesprochen worden sind. Dadurch entlastet sich die Führung von der unmittelbaren Durchführung. Eine Verwaltung ist als ein soziales Gebilde aufzufassen. Wenn die Zusammensetzung und die Funktionsteilung einer Kadergruppe vom allgemeinen Konsens getragen wird, der auch betriebsverfassungsrechtlich eine Legitimität erfährt dann werden diktatorische Vollmachten, unter anderem in der Delegation von Verantwortung, abgemildert und intern verträglich gemacht. Leider wird oft das Maß der Verantwortung und die Direktionsgewalt maßlos überschätzt und auf der rezipierenden Seite nicht ausgefüllt.

Die Funktionsanalyse

In der Soziologie kennt man die funktionale Analyse. Sie fragt nach dem Beitrag, den der unter suchte Gegenstand für den Bestand eines Handlungssystem: leistet, und wird deshalb von ihren Kritikern als funktionalistisch, konservierend empfunden. Wenn aber, wie ich es in der voraufgegangenen Folge dieser Serie andeutete, soziale Systeme nicht unbedingt einen stabilisierenden Charakter erhalten, sondern dynamisch auch mit Ungleichgewicht-Zuständen Handlungsspielräume bieten, dann leistet die Funktionsanalyse einen beachtlichen Beitrag zum Verständnis der Handlungsspielräume, um das Wort "Alternativen" hier nicht zu früh zu verschleißen.

Einige wichtige Aussagen der soziologischen Funktionsanalyse befassen sich mit den Begriffen: Vertrauen, Konsenssicherung, Autorität, Verantwortung, und ordnen sie komplexen Systemen zu. Luhmann zeigte auf, daß Vertrauen als eine Basis im sozialen Leben verstanden werden muß (N. Luhmann, Funktionen und Folgen formaler Organisation Berlin 1968). Das gilt nicht nur für Kredit und Geld, sondern über wiegend für zwischenmenschliche Berührungen. Vertrauen läßt sich institutionalisieren, zum Beispiel bei der Sicherung der Geldwertstabilität und durch Datenschutz, es sichert auch den Konsens, indem derjenige, der das Vertrauen genießt, "auf sichtbare Erfüllung der Erwartungen durch diejenigen Mitglieder (die am Konsens beteiligt sind) zählen kann". Und weiter (S. 70): "Wenn Konsens als Ausdrucksverhalten und nicht nur als Einstellung normiert werden kann, so kann er auch als Kommunikation formalisiert werden."

Zum Begriff der Autorität sagt Luhmann unter Berufung auf Max Weber (Aus Wirtschaft und Gesellschaft, Neuauflage 1956), daß man von der Lehre von den Qualitäten der Autoritätspersonen eigentlich zu den Bedingungen der Annahme, Duldung von Autorität durch die beeinflußten übergehen muß.

Wird fortgesetzt